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Gefälligkeit für den Reichstheologen

Vor 36 Jahren verlieh die Regensburger Universität zum ersten Mal ein Ehrendoktorat. Die Fakultät für Katholische Theologie ehrte damals den umstrittenen Diözesanbischof Rudolf Graber in einem Festakt, der mit Handgreiflichkeiten und der gegenseitigen Androhung von Strafanzeigen endete…

Von Robert Werner, regensburg-digital.de, 09.07.2013

Der frisch gekürte Dr. h.c. Graber hingegen blieb gelassen und würdigte seinerseits in einer lang vorbereiteten Gastvorlesung das Lebenswerk des Nazi-Theologen Karl Adam. Strippenzieher der Huldigung war Professor Joseph Ratzinger, der Bischof Graber seinen Lehrstuhl verdankte.

Eine Rückschau auf eine Zweckentfremdung der Ehrenpromotion und eine nicht geführte Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit von Rudolf Graber.

Ein Lehrstuhl für Joseph Ratzinger

Nachdem in Tübingen 1968 „die marxistische Revolution“ die Grundfeste der ganzen Universität erschüttert hatte, entschied sich Dr. Joseph Ratzinger, laut seinen „Erinnerungen“ von 1998, nach Regensburg zu wechseln. Für Ratzinger bildeten die Theologischen Fakultäten in Tübingen das eigentliche ideologische Zentrum „der marxistischen Versuchung“. In Regensburg hingegen, wo nur „Wogen der marxistische Revolte“ in die eben gegründete Universität hineinschlugen, hoffte er in der Nähe seines Bruders, Domkapellmeisters Georg Ratzinger jenseits von zermürbenden Auseinandersetzungen in „einem weniger aufregenden Kontext“ seine Theologie weiterentwickeln zu können.

Immerhin gab es dort keine, womöglich revolutionäre, evangelische Fakultät. Und anstelle des eigentlich vorgesehenen Judaistik-Lehrstuhls schuf man für Ratzinger in Regensburg eigens eine zweite Professur für Katholische Theologie. Da Ratzinger bereits 1967 im staatlichen Berufungsausschuss maßgeblich auch an der Auswahl der Regensburger Fachbereichskollegen beteiligt gewesen war, genoss er an einer für ihn ideal zusammengestellten Fakultät vorzügliche Arbeitsbedingungen. Diese hatte er hauptsächlich Bischof Graber zu verdanken, der damals laut Hans Küng als reaktionärer Rechtsaußen des deutschen Episkopats im Allgemeinen nicht sehr ernst genommen worden sei.

Ehrenpromotion zum „Goldenen Priesterjubiläum“

Im Antrag für Grabers Ehrenpromotion vom 18. Februar 1976 führte Ratzinger eben auch diese besten universitären Bedingungen für die Katholische Theologie als Begründung an. Es sei eine glückliche Fügung, als Theologe unter der Huld dieses Bischofs stehen zu dürfen. Mit Verweis auf den beeindruckenden Umfang von Grabers wissenschaftlichem Werk glaubten die Verfasser des Antrags, die Professoren Joseph Ratzinger und Johann Auer, ihr Anliegen „für wohl begründet erachten können.“ Sie konnten – alle seinerzeit anwesenden 14 Dozenten und Professoren befürworteten die Initiative, Graber zum Goldenen Priesterjubiläum ein Ehrendoktorat zu verleihen.

Als in der Fachbeirats-Sitzung vom gleichen Tag die Antragsteller Auer und Ratzinger auch als Fachgutachter für die noch notwendige Expertise bestellt wurden, gab es jedoch leichten Gegenwind und genau so viel Zustimmung wie Enthaltung unter den Abstimmungsberechtigten.

Mitte April legten die Professoren Auer und Ratzinger ihre eher lustlos und summarisch verfassten, sieben- bzw. elfseitigen Gutachten vor. Wie zu erwarten, befürworteten sie mit einer abschließenden Empfehlung ihren eigenen Antrag vom Februar und machten dadurch den Weg zum Ehrendoktorat für Graber frei. Die selbstreferentiell-positive Bewertung der fraglichen wissenschaftlichen Verdienste von Rudolf Graber war offenbar ausgemachte Sache – eine Gefälligkeit zum Priesterjubiläum.

Die Ehrenpromotionsordnung wird missbraucht

Laut Ehrenpromotionsordnung kann die Universität an gewisse Personen „als Anerkennung für hervorragende wissenschaftliche Leistungen“ einen Ehrendoktor verleihen. Das Verfahren wird auf Antrag einer Fakultät mit einer Dreiviertel-Mehrheit der jeweiligen Professoren eingeleitet und mit einem Gutachten über das Werk des zu Ehrenden abgesichert. Der entsprechende Dekan verleiht daraufhin nach einer mehrheitlichen Beschlussfassung des Fachbeirats den akademischen Grad Dr. honoris causa.

Obwohl das Procedere auf den ersten Blick klare Vorgaben und Bedingungen benennt, ergibt sich aus den Akten des Graber-Verfahrens, die uns das Uniarchiv dankenswerterweise zur Verfügung stellte, ein anderes Bild.

Bezeichnend für die eingereichten Gutachten ist, dass die Professoren Auer und Ratzinger weder konkret eine „herausragende wissenschaftliche Leistung“ Grabers angeben können, noch dass sie oder andere wissenschaftlich arbeitende Theologen sich irgendwann auf das Werk des zur Ehrung Vorgeschlagenen bezogen hätten.

Wer etwa Grabers marianische Spekulationen, seine Arbeiten zu Fatima zur Kenntnis genommen hat oder die Verschwörungsschrift „Athanasius und die Kirche unserer Zeit“ (1973), die vom Teufel und den Atheisten als Wegbereiter des Zweiten Vatikanischen Konzils handelt, ist über diesen Befund gewiss nicht überrascht. Auch nicht darüber, dass die Gutachter sich sogar in Teilen von Grabers kapriziöser Theologie distanzieren. Im Übrigen sei es – so resümiert Ratzinger – „nicht Ausschlag gebend, was Leute sagen, die Grabers Werk nicht kennen“.

Hier spricht einer, der sich einer unangreifbaren Fakultätshausmacht bewusst ist. Ratzingers Expertise stellt im Grunde ein Gefälligkeitsgutachten dar, das zur Unterstützung des eigenen Antrags bzw. zur formalen Befriedigung der Promotionsordnung verfasst werden musste. Eine Formalie.

Womit Dr. Rudolf Graber sich tatsächlich hervorgetan hatte, mit seinem frühen Engagement für das NS-Regime, diese Problematik kam in den Gefälligkeitsgutachten allerdings nicht zur Sprache. Da es möglich ist, auf eine ausführlichere Untersuchung zu Graber Wirken in der NS-Zeit zu verweisen, hier nur eine kurze Zusammenfassung des Sachverhalts.

Rudolf Graber: Völkischer Antisemit und Theologe des „Dritten Reichs“ als „Heiliges Reich“

Nachdem Rudolf Graber als 26jähriger Priester und Doktor der Theologie aus Rom in sein Heimatbistum Eichstätt zurückkehrt war, unterrichtete er seit 1929 Religion und Latein an einer Realschule in Neumarkt. Zugleich betätigte sich er beim Bund Neudeutschland, einer katholischen Organisation für Schüler höherer Schulen, die nach dem Ersten Weltkrieg gegründet worden war und das NS-Regime früh und aus Überzeugung begrüßte. In der Zeit von Februar 1931 bis September 1933 bekleidete Graber im Bund Neudeutschland die Führungsstelle des Geistlichen Leiters für den Donaugau, der aus den Bistümern Eichstätt, Regensburg und Passau bestand. In dieser Funktion hielt er zu Pfingsten 1933 auf der Burg Kastl eine Propaganda-Rede, die Ende 1933 bzw. Anfang 1934 unter dem Titel „Deutsche Sendung – Zur Idee und Geschichte des Sacrum Imperium“ in den Werkblätter des Bund Neudeutschland publiziert wurde.

Lässt man die spekulativen und zum Teil unverständlichen Anteile aus Grabers Publikation bei Seite und versucht einen sachlichen Strang zu extrahieren, ergibt sich folgendes Bild: Der Autor geht anhand theologisch exegetischer, dogmatisch-spekulativer, philosophischer und historischer Überlegungen davon aus, dass das deutsche Volk aktuell auserwählt ist, das seit 1806 nur ruhende, aber nicht tote „Heilige Reich Deutscher Nation“ zu seiner heilsgeschichtlichen Vollendung zu führen.

Im zweiten Teil seines Aufsatzes spekuliert Graber über die Frage, warum „das Deutsche Volk Träger des Reiches“ wurde? Es handle sich hier um kein historisches Anrecht auf das Sacrum Imperium, denn „Berufung“ und „Sendung“ sei immer eine Gnade, allerdings kämen äußere und innere Gründe für die Erwählung des „Deutschen Volks“ in Betracht. Dieses sei als „Volk der Mitte“ für das Sacrum Imperium für den „Neuen Bund“ ausgewählt worden – ähnlich Israel, das seinerzeit für den Alten Bund auserkoren worden sei. Hinzu komme ein „biologischer Faktor“, denn die germanische Rasse sei „nicht angekränkelt von der sittlichen Fäulnis der ausgehenden Antike“ und habe eine „fast unheimliche Fruchtbarkeit an differenzierten Volkstumskräften in sich“ (S. 234).

In einem Durcheinander von Andeutungen und Spekulationen und mit Verweisen bzw. Bezügen auf den Nazi-Germanisten Josef Nagler, den NS-affinen Theologen Karl Adam, der auch an einem katholisch-theologischen Brückenschlag zum NS-Regime arbeitete, und anderen völkischen Traditionssträngen kommt Graber zu einer theologisch verbrämten völkischen Nazi-Ideologie:

„Das sind die Grundlagen der sog. translatio, d.h. der Übertragung der heilsgeschichtlichen Berufung, die Israel verwirkt hatte und nun den Deutschen zuteil wurde: ausgewähltes Volk Gottes zu sein, civitas Dei, zur Heilighaltung der Ordnung, der Werte, zum Schutz und Förderung der Braut Christi, zur Befriedung des Erdkreises.“ (S. 237)

Der gegenwärtige Aufbruch habe eine „tiefe innere Notwendigkeit auch über die nationalsozialistische Bewegung hinaus“ und „der Bann des Rationalismus“ sei gebrochen:

„Hieß es bei der Entstehung des hl. Reiches: Rettung des Imperium Romanum vor Chaos-Antichrist oder Islam, so heißt es heute: Das dritte Reich als Rettung des Abendlandes vor dem Chaos des Bolschewismus, asiatischer Barbarei.“ (S. 241)

Auf die Entwicklung der letzten Jahre zurückblickend stellt Graber fest, Deutschland besinne „sich wieder darauf, dass sein geschichtliches Thema ein religiöses“ sei. Die „Politik aus dem Glauben“ habe – so Graber überschwänglich – „dem Nationalsozialismus einen unverkennbaren messianischen Schwung gegeben, der immer wieder alle lächelnden Skeptiker Lügen strafte“.

Graber positioniert sich eindeutig, indem er die judenfeindliche Verwerfungstheologie mit antisemitischem Verschwörungswahn verbindet:

„Ich glaube, es liegt in dem Kampf gegen das Judentum die instinktive Abneigung des ganzen Deutschen Volkes, das sich unbewußt als das auserwählte Volk der neutestamentarischen Verheißung betrachtet und nun einmal mit Recht nicht verstehen kann, warum das verworfene Israel die Welt beherrschen soll, und nicht das Volk der Mitte.“ (S. 240)

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Graber mit seiner Rede bewusst für ein weitgehendes Zusammenwirken der Katholischen Kirche mit dem NS-Regime eintrat und an der Umsetzung und Gestaltung dieses Schrittes in der NS-Bewegung tatkräftig und herausragend mitarbeitete. Als Geistlicher Leiter im Bund Neudeutschland verbreitete er in einer Führungsposition eine katholische Reichs-Theologie, in der christliche Judenfeindschaft mit antisemitischer Volkstums-Ideologie verschmolzen wird. Zentrale Kategorie ist hierbei das Ideologem von der neuen Sendung des „deutschen Volkes“ zur Wiedererrichtung des Heiligen Deutschen Reiches, das an die Stelle des verworfenen Volkes, Israel, treten soll. Graber sah im „Dritten Reich“ ein „Heiliges Reich“.

Da Grabers Nazi-Theologie außerhalb des Spektrums der bayerischen Bischöfe lag und insbesondere bei Bischof Konrad von Preysing nicht auf Gefallen gestoßen sein dürfte, wurde er im September 1933 von Neumarkt nach Eichstätt abberufen. Zudem musste er seine Funktion als „Geistlicher Reichleiter“ beim Bund Neudeutschland abgeben.

Von weiteren reichstheologischen Pamphleten Grabers in der NS-Zeit ist nichts bekannt. Nach der Zerschlagung Nazi-Deutschlands tauschte Rudolf Graber nur das Subjekt seiner heilsgeschichtlichen Sendungsideologie aus und sah daraufhin in vielen seiner Beiträge ein katholisch-marianisches Europa zum Sacrum Imperium berufen.

Frühe Kritik an Grabers NS-Engagement

Im Zusammenhang mit der Ländergrenzen überschreitenden Kritik an der judenfeindlichen Wallfahrt „Deggendorfer Gnad“ kamen auch Rudolf Grabers offenkundig antisemitische Äußerungen von 1933 zu Sprache. Als er sich nach seiner Ernennung zum Diözesanbischof vom März 1962 geweigert hatte, die Wallfahrt aufzulösen, forderte der Vorstand des DKR („Deutscher Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit“) im Mai 1967, dass sich Graber außerdem von seinen o. g Artikel „Deutsche Sendung“ ausdrücklich distanzieren solle – was jedoch nicht geschah. Vielmehr beschwerte Graber sich im Gegenzug über die angeblich unfaire Art, eine 34 Jahre zurückliegende Rede heranzuziehen, und behauptete, dass der damalige Beitrag ohne sein Wissen redaktionell überarbeitet worden sei. Die außerdem angedrohten juristischen Schritte gegen den DKR hat er aus guten Gründen nicht umgesetzt.

Diese seinerzeit intern geführte Auseinandersetzung wurde erst mit einer Festschrift der „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Regensburg“ von 1998 öffentlich bekannt. Als DER SPIEGEL Mitte 1969 über Grabers Schlingerkurs bezüglich der Auflösung der antisemitischen „Deggendorfer Gnad“ berichtete, wurde auch knapp auf seine Publikation „Deutsche Sendung“ hingewiesen. Von daher war man 1976 in der Regensburger Fakultät für Katholische Theologie wohl nicht überrascht, als entsprechende Nachfragen zur NS-Zeit auftauchten.

Joseph Ratzinger räumt alle Bedenken aus

Mitte Mai 1976, nachdem die Gutachten für die Ehrenpromotion gerade vorgestellt worden waren, wurde im Fachbeirat auch nach den „angeblichen Äußerungen von Graber in der NS-Zeit“ gefragt. Diese Nachfragen zu stellen, fiel Dr. Siegfried Wiedenhofer zu, einem der damaligen Assistenten Ratzingers. Das Sitzungsprotokoll erwähnt die Anfrage und ihre Auflösung nur kurz. Demnach habe Ratzinger sie „aufgrund von Dokumenten ausführlich und zufriedenstellend beantwortet“. Basta. Mit der folgenden Abstimmung, sechs Pro-Stimmen und eine Enthaltung, wurde das Ehrendoktorat schließlich beschlossen.

Mit welchen Dokumenten und wie Joseph Ratzinger Grabers NS-Äußerungen ausführlich ausräumen konnte, steht im Protokoll leider nicht geschrieben. So lag es nahe, beim damaligen Fragensteller nachzuhaken. Auf die Vorgänge angesprochen, meinte Dr. Wiedenhofer, er erinnere sich nicht mehr genau daran. Jedenfalls habe er den fraglichen Sachverhalt – Grabers „zumindest missverständliche Äußerungen in der NS-Zeit“ – damals nur als Nachfrage aufgeworfen und nicht selbst überprüft. Dies sei „den Professoren“ zugefallen. Ansonsten habe alles seine Richtigkeit gehabt.

Es bleibt der Eindruck, dass Wiedenhofer, derzeit Kurator der „Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung“ und des „Institut-Papst-Benedikt XVI“, die frühe theologisch Legitimierung und offensive Unterstützung des NS-Regimes durch Rudolf Graber bis heute gar nicht zur Kenntnis genommen hat.

Ein anderer Gelehrter aus dem ehemaligen Fachbeirat erklärte auf Nachfrage, kein vernünftiger Mensch könne sagen, Rudolf Graber sei ein Nazi gewesen, wo er doch vom NS-Regime verfolgt worden sei. Im Übrigen habe sich der damalige Fachbeirat mit den Äußerungen Grabers in der NS-Zeit, die ihm womöglich nur nachgesagt worden seien, nicht sonderlich beschäftigt. Die linken Gegner der Ehrenpromotion angeblich auch nicht, denen sei es nur auf Störung und Angriff gegen die Theologische Fakultät angekommen.

Dass die meisten Theologen von kirchenkritischen Berichten im SPIEGEL nichts halten, ist nicht weiter verwunderlich. Allerdings kann sich das Desinteresse an Graber NS-Engagement nicht nur aus der Abneigung gegen dieses Medium gespeist haben, da es neben dem strittigen Vortrag Grabers, publiziert in den Werkblätter, auch andere einschlägige und ernstzunehmende Arbeiten gegeben hätte.

Wissenschaftler: Grabers Elaborat ist abschreckendes Beispiel

So etwa die Dissertation von Klaus Breuning, „Deutscher Katholizismus zwischen Demokratie und Diktatur (1929 -1934)“, der bereits im Jahre 1969 Grabers antisemitisches Gedankengebäude zur Unterstützung des NS-Regimes geschichtswissenschaftlich bearbeitet hatte. Betreut wurde Klaus Breuning bemerkenswerterweise vom Historiker Heinz Gollwitzer, einem Kollegen Ratzingers aus der Zeit an der Universität Münster. Laut Breuning ragt neben Rudolf Graber auch der Theologe Karl Adam aus der Theologen-Zunft heraus, da beide in der NS-Zeit „rassische Faktoren für die Reichberufung“ von Nazi-Deutschland als aufkommendes Sacrum Imperium anführten.

Da Klaus Breuning sich zudem auf eine aktuelle und weitreichende Schulddebatte über das Verhalten der Katholischen Kirche in der NS-Zeit bezog, ist davon auszugehen, dass man auch an der Regensburg Universität davon etwas mitbekam.

Darüber hinaus wurde Grabers Elaborat „Deutsche Sendung“ im Jahre 1971 auszugsweise bzw. als abschreckendes Beispiel in der bedeutsamen Reihe „Theologisches Forum“ (Hg: Werner Trutwin) dokumentiert. Diese Reihe editierte Materialien und Quellentexte für den Religionsunterricht. Da der damalige Dekan der verleihenden Fakultät, Wolfgang Nastainczyk, Religionspädagogik unterrichtete, kann man davon ausgehen, dass zumindest er das Heft Nr. 7, „Juden und Christen“ (1971), in dem Graber exemplarisch unter der Rubrik „Die katholische Kirche und der nationalsozialistische Antisemitismus: Dokumente und Texte“ zitiert worden war, kannte. Das besagte Heft „Juden und Christen“ ist in acht Auflagen erschienen, vier davon kann man in Regensburger Bibliotheken ausleihen.

Insgesamt muss man der ganzen Fakultät für Katholische Theologie bezüglich der Ehrenpromotion für Dr. Graber aus heutiger Warte entweder weitreichende Ignoranz oder aber kühle Berechnung bzw. Ausblendung attestieren.

Ein Bischof zeigt sich überrascht

Nachdem der Fachbeirat in der o.g. Sitzung das Ehrendoktorat beschlossen hatte, rundete Strippenzieher Ratzinger das h.c.-Projekt mit einem braunen Sahnehäubchen ab. Er schlug vor, Bischof Graber offiziell um einen Gastvortrag zu bitten. Und zwar möglichst über das wissenschaftliche Lebenswerk des Tübinger Professors Karl Adam. In dem daraufhin erstellten Anschreiben des Dekans an Bischof Graber kommt allerdings zutage, dass die Adam-Vorlesung ohnehin ausgemachte Sache war. In dem Schreiben heißt es nämlich, dass es der Fachbereich anlässlich der feierlichen Verleihung des Ehrendoktorats sehr begrüßen würde, „wenn Sie gemäß Ihrer seinerzeitigen Anregung an die Professoren des Fachbereichs [Hervorhebung R.W.] in dieser Gastvorlesung das Lebenswerk Karl Adams würdigen könnten.“

Bischof Graber hingegen zeigte sich erstaunt. In unverdächtig-unbeteiligter Manier antwortete er bereits am nächsten Tag: „Ihr Brief vom 13. Mai hat mich nicht wenig überrascht, aber auch sehr gefreut. Ich weiß die hohe Auszeichnung wohl zu schätzen … Ebenso freudig überrascht war ich von Ihrer Anregung, eine Gastvorlesung über unseren Regensburger ‚Jubilar‘ Karl Adam zu halten. Ich sage gerne zu.“ So kam es dann auch. Am 23. Juni 1976 bekam Graber den Ehren-Doktorhut aufgesetzt und der Ausgezeichnete hielt eine Gastvorlesung zum Werk des Theologen Karl Adam (1876-1966).

Graber würdigt Nazi-Theologen

Graber würdigte Karl Adam in einer nicht nachvollziehbaren und teils widersprüchlichen Weise als „Wegbereiter des 2. Vatikanischen Konzils und seiner Theologie“. Das Vaticanum habe zwar Bewegung in die Kirche gebracht, es sei aber auch – so der Festredner mahnend – die Gefahr entstanden, dass alle vorkonziliare Theologie einer Art „damnatio memoriae“ unterworfen werde, insbesondere die Adams. In einem gekonnten Abriss stellte Graber die angeblichen Verdienste und vielfältigen Publikationen Adams heraus, allerdings ohne in irgendeiner Form auf das eifriges Mittun des Tübinger Dogmatikers (emeritiert 1948) im nationalsozialistischen Deutschland einzugehen.

Protest gegen die Ehrenpromotion Grabers
Protest gegen die Ehrenpromotion Grabers – Die Wandzeitung wurde vom damaligen Kanzler im Vorfeld entfernt. Foto: privat

Adam wurde mit dem vielgelesenen, vom Offizium später aber auf den Index gestellten Werk „Das Wesen des Katholizismus“ berühmt und begrüßte die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland enthusiastisch. Eines seiner Hauptwerke, „Jesus Christus“, ist laut dem Kirchenhistoriker Georg Denzler „voll von antijüdischen Klischees der Christologie und problematischen Assoziationen seiner ‚völkisch-nationalen‘ Anthropologie“. In seinem Aufsatz „Jesus, der Christus, und wir Deutsche“ von Ende 1943 fabulierte Adam von einem arischen Jesus und strebte darüber eine ökumenische Zusammenarbeit mit evangelischen Nazis an, was zeitgenössisch nicht nur auf Kritik kirchlicher NS-Gegnern stieß.
Der frisch gekürte Dr. h.c. Graber verlor über diese Zusammenhänge kein Wort.

(K)eine politische Demonstration und Bedenken des Rektors

In seiner Laudatio für Graber vom 23. Juni 1976 sprach der Dekan der Fakultät für Katholische Theologie, Dr. Wolfgang Nastainczyk, Klartext. Es müsse ja damit gerechnet werden, „daß dieser Ehrung insgesamt oder doch einigen aus den Reihen des Fachbereichs, der sie vergibt, andere Motive nachgesagt werden“. Darum betone er eigens: Die Graduierung von Bischof Graber sei „ein wohlbegründeter akademischer Akt. Hingegen stellt sie keine politische Demonstration dar.“ Man ehre einen Wissenschaftler für sein Werk.
Der amtierende Uni-Rektor Dieter Henrich sah dies offenbar etwas anders und lehnte es im Vorfeld gegenüber Dekan Nastainczyk schriftlich ab, bei der Feier mit einer eigenen Rede aufzutreten. Denn er „möchte nicht den Anschein erwecken, als ob es sich hier um eine Angelegenheit der gesamten Universität Regensburg handle“.

Und die Studenten? Diverse Studentengruppen verteilten spöttische Flugblätter („Luzifer ante portas“), die sich in Teilen auf den o.g. Spiegel-Artikel bezogen, und nutzten den Festakt für eine politische Demonstration in eigener Sache. Sie platzten in die Feierlichkeiten mit einem Sarg, in dem sich 1.400 Postkarten befanden, die sich gegen das weithin bekannte Berufsverbot gegen den Diplom-Soziologen Fred Karl aussprachen. Rektor Henrich weigerte sich jedoch die Karten anzunehmen. Er forderte die Protestierenden, die man fälschlicherweise für aufmüpfige Theologie-Studenten hielt, im Gegenzug auf, die Feier nicht weiter zu stören und verwies sie des Saals. Nach einigen Handgreiflichkeiten und gegenseitigen Androhungen konnte endlich der letzte Höhepunkt des Abends ungestört begangen werden: Bischof Graber würdigt den Blut-und-Boden-Theologen Karl Adam.

Katholische Vergangenheitsbewältigung und Nachlese

Im Nachgang wirbelte ein kritischer Zeitungsbericht des evangelischen Studentenpfarrers Dr. Wolfhart Schlichting noch einigen Staub auf. Schlichting befand Grabers wissenschaftliche Leistung als zu unbedeutend für ein Ehrendoktorat. Vielmehr witterte er darin „Einen Hauch von Gegenreformation“ und das Ende der Ökumene. Dekan Nastainczyk war über diese kritischen Einwände empört und stellte den evangelischen Kollegen daraufhin zur Rede. Auch in der Sitzung des Fachbeirats der Katholischen Fakultät von Ende 1976 wurde der Zeitungsbericht behandelt. Wieder gab Ratzinger zur Krisenbewältigung die Linie vor und die Kollegen pflichteten abermals seiner Auffassung bei, „daß in dieser Angelegenheit keine weiteren Schritte unternommen werden sollten“. Der Dekan teilte abschließend mit, „daß die Professoren des Fachbereichs derzeit keine weiteren Ehrenpromotionen durchzuführen gedächten“.

Auch der damalige Uni-Kanzler Hans-Hagen Zorger war involviert und musste, nachdem er von den Vorfällen während der Feierlichkeiten gehört hatte, einen aufgebrachten Brief schreiben. Offenbar im Glauben, die Störer seien aus der Ecke der Theologie-Studenten gekommen, forderte er von Dekan Nastainczyk, dass „innerhalb der Universität die notwendigen Konsequenzen gezogen werden und nicht allzu viel Nachsicht waltet“. Dass die Ehrenpromotion nicht ohne Komplikationen abgehen würde, sei ja „in etwa vorauszusehen“ gewesen, so Zorger. Um diese im Vorfeld etwas zu mindern, legte der Kanzler sogar in seiner Freizeit selbst Hand an und entfernte am Fronleichnamstag vor der Verleihung eigenhändig eine Wandzeitung, die zu Protesten gegen den Festakt aufrief.

Die erste Ehrenpromotion der Universität Regensburg hatte wenig mit akademischen Leistungen zu tun. Vielmehr sollte die Nazivergangenheit von Rudolf Graber überdeckt werden. Mit dem zielgerichteten Vorgehen der Fakultät für Katholische Theologie wurde das Recht, akademische Titel zu verleihen, missbraucht, um einem eitlen kirchlichen Amtsträger in der Verdrängung seiner Nazivergangenheit beizustehen.

Ratzinger und Müller: Kontinuität in vielerlei Hinsicht

Josef Ratzinger stieg ein Jahr später weiter auf und ließ sich von Graber zum Bischof von Freising-München weihen. Zu Grabers 60. Priesterjubiläum im Jahre 1986 wiederholte Ratzinger – mittlerweile Kardinal und Präfekt der Glaubenskongregation – das manipulative Weißwaschen von Grabers Vita. Wie zur Verhöhnung von tatsächlichen NS-Opfern – etwa dem Berliner Domprobst Bernhard Lichtenberg, der gegen nazifreundliche Theologen wie Adam oder Graber protestiert hatte und auf dem Weg in das Konzentrationslager Dachau verstarb – fabulierte Ratzinger: wie „nur ganz wenige hat Bischof Rudolf [Graber] in allen Wirrnissen der Zeit – zuerst gegen den Ungeist des Dritten Reichs und dann gegen den Falschgeist eines soziologisierten Christentums – standgehalten“.

Der ehemalige Regensburger Bischof Gerhard Ludwig ist Ratzinger nicht nur in der Leitung der vatikanischen Glaubenskongregation gefolgt, sondern auch in der Weißwaschung von Grabers brauner Vergangenheit. Lebenslügen wollen gepflegt werden – auch die von Bischöfen und Präfekten.