Der arme, nette Herr George

Im jüngsten Historienfilm zur NS-Geschichte geht es wieder einmal um deutsche Entschuldungswünsche…

Von Ramona Ambs, Jüdische Allgemeine v. 25.07.2013

Fragen, die nicht gestellt werden, verstecken sich. Sie lauern hinter einfachen Gardinen ebenso wie hinter schweren Theatervorhängen. Und manchmal flimmern sie auch durch einen Film. Wie bei George, dem Film über den Schauspieler Heinrich George, einer Mixtur aus Dokumentation und Spielfilm, die dem geneigten Zuschauer Antworten auf Fragen bot, die keiner gestellt hatte. Dafür blieben die eigentlichen Fragen unausgesprochen und folglich auch unbeantwortet, ging es doch um Heinrich Georges Leben von 1933 bis 1946.

Gezeigt wurde: George in der Rolle des leidenschaftlichen Schauspielers, der mehr oder weniger genötigt wird, mit den Nazis zu paktieren. Das erzählte uns jedenfalls der Film. Er berichtete uns nichts von einem George, der seinen Beruf offenbar mehr liebte als die Menschen und dem deshalb auch seine Karriere über die Moral ging. Dabei ist es genau dieses Verhalten, das Fragen aufwirft. Zum Beispiel die, wie George, der noch 1931 in Berlin Alexanderplatz den Franz Biberkopf so glaubwürdig verkörperte, damit umging, dass das Buch von Döblin den Bücherverbrennungen der Nazis zum Opfer fiel. Und dass Döblin selbst, wie viele andere Künstlerkollegen, fliehen musste.

Oder was dachte sich George dabei, als er in Hitlerjunge Quex, Jud Süß und schließlich in Kolberg mitspielte? Um diese sich aufdrängenden Fragen ging es nicht. Stattdessen wurde suggeriert, dass George das alles irgendwie passiert ist. Uns wurde ein lächelnder George gezeigt, der anscheinend alles für die Kunst tut. Es ist die »Kunst« der Mächtigen, die er da bedient. Die Gretchenfrage nach der Schuld drängt sich auf und wird nicht einmal ansatzweise beantwortet.

Dazu passt, dass am Ende der Faust noch einmal exzessiv inszeniert wurde: »Schone mich, was hab ich dir getan?« Die Szene in der sowjetischen Gefangenschaft, wenn Inhaftierte Goethes Werk auf die Bühne bringen, wurde im Film endlos wiederholt: bis aus dem »Faust George« ein Woyzeck wurde und man wirklich nicht mehr wusste, wer Täter und wer Opfer ist.

Damit haben wir eine der üblichen Neuauflagen eines deutschen Films über die NS-Zeit: ein Streifen, der uns wenig über die Zeit und die Personen damals und viel über deutsche Entschuldungswünsche heutzutage erzählte. Im Grunde war George eine Fortsetzung der Filme, die in der letzten Zeit die wunde deutsche Seele streichelten: Dresden, Die Flucht, Unsere Mütter, Unsere Väter – und nun eben George. Alles sympathische Opfer der Umstände.

Die Autorin ist Schriftstellerin in Heidelberg.

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7 Kommentare zu “Der arme, nette Herr George

  1. Gerade habe ich das zweite Buch von Felix Holländer zu Ende gelesen, die Erzählung „Das letzte Glück“, -man könnte auch sagen „Was zu Effi Briest sonst noch zu sagen wäre“- davor „Baumeister Keßler“, einen Roman, so eine Art: „… was aus Faust wurde und was wir schon immer wußten, ohne es bis heute zu merken.“
    Es ist schon fast unheimlich, wie exakt er zwischen Spiegelung und Projektionen unterscheiden kann.
    Ich bezweifle, dass das heutzutage noch jemand so kann.

  2. Na na na, mensch. Nicht gleich so aufregen. Ich persönlich bin eher der Ansicht, die Daniel Goldhagen in seinem Buch „Hitler’s Willing Executioners“, vertrat. Klar ein paar wenige, tatsächlich aber eine fast nicht zu erkennbare Minderheit kann sich kritisch nennen. Die traurige, statistische Warheit ist aber doch, Adolf Hitler ist heute noch wesentlich „beliebter“ als man sich das jemals vorstellen konnte. Und die Masse in Europa, Asien, sogar teiweise Afrika, Russland, USA, etc. interessiert der „Holocaust“ absolut überhaupt nicht, und schon gar nicht die Grausamkeiten der Folterknechte, aus welcher heute traurigerweise keinerlei „Lehre“ gezogen wurde, was z.B. die Verurteilung von „Bradley Manning“ präzise und Aussagekräftig unterstreicht. Gerade der Holocaust sollte den „Widerstand“ gegen Folterknechte um ein Milliardenfaches erhöhen !

    • Dem kann ich absolut nicht zustimmen. Selbst Chinesen besuchen mittlerweile auf ihren Europatouren häufig Ausschwitz.

      Allerdings fände ich es auch angebracht darauf hinzuweisen, dass diese Welt voller Gewalt und Elend ist.

      Der starre Blick auf den Holocaust, sollte doch nicht daran hindern, die aktuellen Notstände zu sehen und dazu beizutragen eine bessere Welt für alle Menschen zu ermöglichen.

      Der Respekt vor den unterschiedlichen Kulturen ist da grundlegend – und zwar vor allen (bei allen Mängeln, die sie ja auch alle haben).

  3. Können wir abschliessend sagen, die deutsche Bevölkerung steht und stand dem Holocaust fast überwiegend vollkommen emotionslos gegenüber ? Und die die Taten ausführten ? Kann man behaupten, es ist ihnen wirlich egal, sie taten ihre Pflicht für Deutschland ?

    • „Können wir abschliessend sagen,…“

      Ist es nicht eine ungeheure Anmaßung, sich einzubilden, ausgerechnet zu diesem Thema etwas „abschließend“ sagen zu können? Mit welchem Recht wollen Sie kommenden Generationen verwehren deren Schlüsse, die möglicherweise auf ganz neuen Erkenntnissen beruhen, zu ziehen? Die Geschichts- und Sozialwissenschaften überraschen uns doch nahezu jährlich mit neuen Einsichten oder Aspekten. Ein abschließendes Wort zum Holocaust und zu den Deutschen wird es wohl nie geben, solange Menschen existieren und solange das Wissen über die Jahre 1933-1945 überliefert wird.

  4. Am 18.07. verstarb in Heidelberg Andreas Rasp, der Sohn des Schauspielers Fritz Rasp und Enkelsohn des Schrftstellers und Regisseurs Felix Holländer.
    Fritz Rasp und Heinrich George waren Kollegen im Berlin unter nationalsozialistischer Herrschaft.
    Sein Sohn aus erster Ehe Andreas war als blonder, blauäugiger Junge ein „Vorzeigearier“, was eigentlich garnicht sein durfte, genausowenig wie es sein durfte, dass so jemand jüdisch war.

    Sein Lebensthema Einsamkeit hat er pädagogisch und künstlerisch so aufgearbeitet, dass er anderen damit hilfreich war.

    Seine Einsamkeit war dadurch nicht minder geworden.

  5. George, ein durch und durch deutsches Schicksal (und dabei wollte er doch nur gut verdienen, gut leben, gut essen, guten Wein genießen, wollte Anerkennung, Lob, Respekt und Huld seiner Fans, anregende Gesellschaft, wie ‚wir alle‘ eben)

    Heinrich George (1893-1946), eigentlich Georg Heinrich Schulz. Auf der „Gottbegnadeten-Liste“ des Führers stehend.

    Darsteller in „Hitlerjunge Quex – Ein Film vom Opfergeist der deutschen Jugend“. Uraufführung September 1933 in Anwesenheit des Führers und Baldur von Schirachs.

    Hauptrolle in „Deutsche Passion“ (1935) am Berliner Theater des Volkes; Inhalt: Auferstehung des unbekannten Soldaten (=der Führer) von den Toten und anschließende Himmelfahrt.

    Auftritt im Kriegsfilm „Unternehmen Michael“ (1937), in dem das sinnlose Sterben glorifiziert wird.

    Vom Führer mit dem Titel Staatsschauspieler ausgezeichnet worden (1937).

    Ernennung zum Intendanten des in Anwesenheit des Führers wiedereröffneten Schiller-Theaters der Reichshauptstadt (1938).

    Rolle in Veit Harlans Hetzfilm „Jud Süß“ (1940). Über die Dreharbeiten schrieb ein Biograph: „Prager Juden wurden zusammengetrieben und mußten als Statisten auftreten.“

    Rolle im Film „Friedrich Schiller“ (1940), in dem Parallelen zwischen dem Dichter und dem Verfasser von „Mein Kampf“ gezogen werden.

    Rolle des österr. Antisemiten Ritter von Schönerer im Tendenzfilm „Wien 1910“ (1942). Darin wird der antisemitische Wiener Bürgermeister Karl Lueger als Vorläufer des Führers dargestellt.

    Als Goebbels am 18. Feb. 1943 im Berliner Sportpalast den „totalen Krieg“ ausruft, ist George anwesend.

    Ernennung zum Generalintendanten (1943); Auftritte im „Wunschkonzert der Wehrmacht“.

    1944 Truppenbetreuung – Auftritte in Theatern im besetzten Polen vor Wehrmacht und SS.

    Titelrolle und Produzent des Durchhaltefilms „Die Degenhardts“ (1944).

    Rolle in Veit Harlans Durchhalte-Opus „Kolberg“ (1945).

    Außerdem: Besuche des NSDAP-Parteitags in Nürnberg, Deklamationen im Rundfunk, Lesungen nationaler Texte.

    Veit Harlan über den Kollegen George: „Mein Freund Heinrich George war fraglos dem Nationalsozialismus am ehesten zugewandt.“
    Ähnliches schrieb Jürgen Fehling in seinem Nachruf auf George, dieser habe bis zum Schluß „blind vor den Nazigötzen Harfe gespielt“.

    (Ernst Klee, Kulturlexikon zum Dritten Reich.)

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