Aus Nummern werden wieder Namen

Grabsteinsetzung für jüdische KZ-Opfer in Esslingen…

Von Lucius Teidelbaum

Am 18. Juli 2013 wurde auf dem jüdischen Grabfeld am Ebershaldenfriedhof in Esslingen am Neckar nahe Stuttgart ein Grabstein für die toten jüdischen KZ-Häftlinge gesetzt, die Ende 1944 im Friedhofs-Krematorium eingeäschert und deren Überreste hier bestattet wurden. Die Angehörigen haben so endlich eine Stätte des Erinnerns und Trauerns.

Nach einer kurzen Ansprache vom Esslinger Rabbiner Yehuda Pushkin sprach auch Oberbürgermeister Dr. Jürgen Zieger. Er unterstrich die „Verantwortung für uns Nachgeborene“, der man sich stellen müsse. Er betonte, dass es sich nicht nur um ein Denkmal handele, das heute eröffnet würde, sondern vor allem um ein Grabmal. Außerdem sah er ein „Fenster für die Zukunft“, da in Esslingen gerade neues jüdisches Leben aufgebaut würde. Im letzten Jahr sei mit der Rückgabe des früheren jüdischen Gemeindezentrums auch die Möglichkeit zu einem neuen jüdischen Zentrum entstanden. Das Gebäude war von 1819 bis 1938 eine Synagoge und wurde am 10. November 1938 im Verlauf des November-Pogrom von den Nationalsozialisten im Innern stark beschädigt. Im März 2012 war in dem Gebäude ein Betsaal eingeweiht worden und es hatte sich eine neue jüdische Gemeinde gegründet.

Danach sprach Landesrabbiner Netanel Wurmser. Er erinnerte an die Opfer, „deren Lebenslos es war, zu einer Nummer zu werden“. Sie hätten ein „Martyrium ohnegleichen“ erlitten. Aber nun würden sie mit ihren Namen „in Stein eingemeißelt, ein bisschen Würde zurückerhalten“.

Grabsteinsetzung für jüdische KZ-Opfer in Esslingen

Kantor Arie Mozes sang am Schluss das Kaddisch. Auch für des Hebräisch nicht Kundige, die außer den Worten „Echterdingen auf den Fildern“, „Hailfingen-Tailfingen“ und den Namen der großen Vernichtungslager nichts verstanden, war die Traurigkeit im Gebet spürbar.

Unter den knapp 50 Anwesenden waren Mitglieder der jüdischen Gemeinde, Vertreter der Stadt und der Kirchen und die Historiker, deren verdienstvolle Arbeit die Namens-Erinnerung erst überhaupt möglich gemacht hatte. Die Esslinger Kulturwissenschaftlerin Gudrun Silberzahn-Jandt hatte vor einigen Jahren im Stadtarchiv einen Eintrag über „15 unbekannte Leichen aus Hailfingen“ entdeckt und so die ganze Entwicklung angestoßen.

Außerdem war aus den Niederlanden auch Berry Soesan (73), der Sohn eines jüdischen Opfers, angereist. Sein Vater war der 24. September 1903 in Amsterdam geborene Samuel Soesan. Dieser war Ladengehilfe und verheiratet mit Maria Hubertina Louisa Suijlen. Im Jahr 1940 kam ihr Sohn Berry Soesan auf die Welt. Anfang September 1944 wurde Samuel Soesan von Den Haag über das Sammellager Westerbork nach Auschwitz deportiert, nachdem sein Versteck verraten wurde. Von Auschwitz kam er am 28. Oktober 1944 nach Stutthof und schließlich mit dem Transport am 17. November 1944 nach Hailfingen. Hier starb er mit 41 Jahre am 6. Dezember 1944 vermutlich an den Lager-Bedingungen und wurde am 13. Dezember 1944 im Krematorium des Ebershaldenfriedhofs in Esslingen am Neckar eingeäschert.[01] Der Historiker Harald Roth machte 2008 seinen Sohn Berry Soesan in den Niederlanden ausfindig und teilte ihm mit, wo sein Vater gestorben ist und wo seine Asche bestattet wurde. In einem Brief an die Stadt Esslingen drückte Berry Soesan 2010 den Wunsch nach einem Gedenkstein auf dem Esslinger Ebershaldenfriedhof aus.

Grabsteinsetzung für jüdische KZ-Opfer in Esslingen

Der eröffnete Grabstein wurde von der Fellbacher Künstlerin Rotraud Hofmann geschaffen und steht auf dem jüdischen Teil des Eberhaldenfriedhof in Esslingen, ein Gräberfeld für die Esslinger Juden. Es handelt sich dabei um mehrere in die Erde eingelassene Steinplatten aus Muschelkalk mit eingravierter Beschriftung. Der Grabstein knüpft an einen großen, steinernen Davidsstern an, der bereits 1946 in Erinnerung an die jüdischen NS-Opfer gesetzt wurde. Auf den neuen Steinplatten sind die bekannten Namen von 34 Opfern mit dem Todesdatum eingraviert. Rechts sind die Todesopfer des KZ-Außenlagers Echterdingen auf den Fildern aufgeführt und links die 19 Opfer aus dem KZ-Außenlager Hailfingen, aus dem 15 Opfer stammen.

In der Mitte unter dieser Namensliste liegt ein schmaler Stein mit folgender Inschrift: „Sie alle fielen dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer – Esslingen gedenkt ihrer und ihrer Leiden 2013“.

Am Ende der Eröffnungszeremonie legte jeder der Anwesenden einen Stein auf dem neuen Grabmal ab, so wie es im Judentum Brauch ist.

Grabsteinsetzung für jüdische KZ-Opfer in Esslingen

  1. Für die biografischen Angaben von Samuel Soesan danke ich Harald Roth und Volker Mall von der KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen. []

6 Kommentare zu “Aus Nummern werden wieder Namen

  1. „Vielleicht findet sich hier jemand, der Dir die Bedeutung des Namens vor Gott im Judentum, insbesondere im Exil, in der Diaspora, erklärt.“

    Im deutschen wird gerne gesagt “ Namen sind Schall und Rauch“

    und das ist schon der Generelle Kulturelle Unterschied zum Judentum.

    Hagalil bietet so viel Informationen und Wissen zum Judentum was von den meisten Nicht Juden ueberhaupt nicht genutzt wird.

  2. Der nationalsozialistische Rassenwahn war entwürdigend. Für Millionen Menschen. Und das wirkt nach bis heute. Auf allen nur denkbaren Ebenen. In vielerlei Hinsicht. Auf unterschiedlichste Weise.

    • Nur der nationalsozialistische?

      Logisch ist, dass Rassenwahn, der dem Anderen das Menschsein abzusprechen sucht, ihn damit entwürdigen will. Würde gebührt nur denen, die ihn propagieren, denken sie. Diese Denke machen wir uns aber nicht zu eigen und bestätigen sie, gelle.

      • Unmöglich zu solchem Thema mit Dir zu diskutieren. Dein flapsiger Ton, Deine Borniertheit, Dein eklatanter Mangel an Mitgefühl passt hier einfach nicht, ja konterkariert geradezu, wie so oft bisher, den furchtbaren, entsetzlichen Hintergrund, was wirklich bitter ist.

        In Wahrheit ist es so, dass diesen Menschen, wie Millionen andern, tatsächlich schrittweise die Würde genommen worden ist, sie wurden zu Nummern. Indem die Namen nun hier in Stein eingemeißelt stehen, hat man ihnen zumindest ihre Namen wieder geben können, und damit, wie oben geschrieben steht, auch „ein bisschen“ ihrer Würde.

        Vielleicht findet sich hier jemand, der Dir die Bedeutung des Namens vor Gott im Judentum, insbesondere im Exil, in der Diaspora, erklärt.

  3. “ … ein bisschen Würde zurückerhalten … “

    Protest.

    Niemand kann einem Menschen die Würde, die unumstößlich in dem Grundgesetz der BRD verankerte Anerkennung seines ganzen Selbst, seines Menschseins rauben, außer allein er sich selber, eventuell.

    Den Nationalsozialisten resp. allen an der Shoa beteiligten Tätern per dieser kritisierten Aussage zuzugestehen, es sei ihnen gelungen, den von ihnen Erniedrigten, Gequälten, Ermordeten die Würde zu nehmen, ist scharf zu verneinen. Es käme der Anerkennung ihres Bestrebens und ihres vermeintlichen Triumphes über alle von ihnen Gehassten gleich. Freilich meinte der Redner das keinesfalls, aber diese seine Worte sind abzulehnen, leider, und gerade bei so einem beispielgebenden Geschehen; natürlich meinte der Landesrabbiner, es würdige die Opfer. Dem man sich ohne Wenn und Aber anzuschließen hat.

    Gegenmeinung?

    • Um Missverständnisse auszuschließen: das „leider“ oben in “ … diese seine Worte sind abzulehnen, leider, … “ bezieht sich auf meine, na, scheinbare Respektlosigkeit gegenüber einer hochzuachtenden Persönlichkeit. Aber ich denke, es sollte schon gesagt sein, weil immer wieder Ähnliches gehört wird, natürlich bester Absicht entsprungen, jedoch unüberlegt und das Gegenteil des Gemeinten ausdrückend.

      Nochmal: die Nazischergen hätten es wohl gerne gehabt, wäre ihnen das schlicht Unmögliche gelungen, den ihnen Ausgelieferten die Würde zu nehmen (wie sie es z.B. in ihrem Wahn vergeblich versuchten bei den Männern des 20sten Juli, als sie ihnen vor dem „Volksgerichtshof“ Hosenträger und -gürtel abnahmen). Das deutsche Grundgesetz weist ganz eindeutig durch die Wortwahl in seinem ersten Artikel auf die Unmöglichkeit eines wie immer gearteten Versuches allein schon eines „Antastens“ hin, was seit Adam und Eva gilt. Und dann, dass solchen per se erfolglos sein müssenden Versuchen, so sie denn unternommen werden, „alle staatliche Gewalt“ (!) gegenübersteht.

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