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Neue Medien bringen Deggendorfer Gedenkkultur in Verlegenheit

Manche Artikel in Presse und Worldwideweb, die ‚auf einen empfindlichen Nerv treffen‘, vermögen durchaus gesellschaftliche Veränderungen einzuleiten oder zu einem Wertewandel beizutragen. Dass Leserbriefe in den Printmedien oder Kommentare zu Webartikeln eine ähnliche Wirkung entfalten, dürfte eher seltener vorkommen, ist jedoch keineswegs ausgeschlossen, wie ein aktueller Fall aus Bayern belegt…

Von Therese Katzendobler

Wie vergleichbare deutsche Städte besitzt auch das niederbayerische Deggendorf (ca. 30 000 Einwohner) Denkmäler, die den Gefallenen beider Weltkriege gewidmet sind. Eine Besonderheit der Deggendorfer Gedenkkultur war bis vor kurzem der „Heldenhain“, eine Einrichtung am Waldrand, am Geiersberg, wo alljährlich Bürgermeister, Klerus, Veteranen und aktive Bundeswehrsoldaten sowie die Bevölkerung der eigenen Kriegstoten gedachten.

Inzwischen gibt es diesen „Heldenhain“ nicht mehr, denn er wurde sehr kurzfristig umbenannt. Ursächlich für den Namenswechsel, der hoffentlich auch einen Bewusstseinswandel mit sich bringt, waren Internetkommentare sowohl auf der Internetplattform haGalil als auch auf der Deggendorf-Diskussionsseite der virtuellen Enzyklopädie Wikipedia.

Eine chronologische Übersicht zu den einzelnen Inhalten und Vorgängen soll Ursache und Wirkung dokumentieren und, wenn möglich, allgemeingültige Schlüsse zulassen.

Am 9. Mai 2013 erschien unter einem haGalil-Artikel zu Aktionen gegen Rechtsextreme in Regensburg untenstehender Kommentar eines Autors mit dem Nicknamen „kritisch“:

Von Interesse ist möglicherweise für Außenstehende noch wie im niederbayerischen Deggendorf auf ganz besonders perverse Art ganz offiziell NS-Heldenverehrung betrieben wird…

Im Deggendorfer Ortsteil Goldberg gibt es mitten im Wald einen sogenannten “Heldenhain”. http://www.deggendorf.de/fileadmin/pdf/tourismus/geiersberg/s014.pdf
An Bäumen hängen dort Namenstafeln mit Geburtsdatum und Sterbedatum bzw. -ort von Wehrmachtssoldaten. Wer sich die Tafeln genauer ansieht, findet auch eine für einen gewissen Robert Kees, Angehöriger der Waffen-SS. Laut Auskunft eines Mitglieds des örtlichen Veteranenvereins sind noch mindestens vier weitere der durch Tafeln geehrten deutschen Soldaten in diesem “Heldenhain” Angehörige von Hitlers Elitetruppe gewesen (ohne dass deren SS-Zugehörigkeit auf den Tafeln angegeben worden wäre).

Besonders pikant an der Angelegenheit ist nicht nur, dass hier SS und Wehrmacht in aller Öffentlichkeit gehuldigt wird (“Heldenhain”), sondern dass regelmäßig Prozessionen unter Anführung der CSU-Bürgermeister, derzeit Christian Moser, und etwa der des evang. Ortsgeistlichen Pfarrer Pommer stattfinden. (Die katholische Kirche steht hierbei sicher nicht abseits.)

Keiner der genannten Ortspromis hat bisher an dem unwürdigen Spektakel Anstoß genommen, oder sich dafür eingesetzt, dass der “Heldenhain” wenigstens in “Gefallenenhain” oder “Kriegerhain” umbenannt wird, was längst angebracht gewesen wäre. (Denn deutsche Soldaten, die an einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg teilnahmen, waren i.d.R. keine Helden, sondern Mörder. Als “Helden” können auf deutscher Seite guten Gewissens lediglich jene Wehrmachtsangehörigen bezeichnet werden, die desertierten.)

Nein, für den Kirchen- wie für den Stadtoberen sind anscheinend auch SS-Mitglieder verehrungswürdige Gefallene der Stadt Deggendorf, derer in ‘angemessener’ Weise gedacht werden muss...

 Noch am gleichen Tag leitete auf der Diskussionsseite des Wiki-Deggendorf-Artikels unter der Überschrift „Fragwürdige NS-Gedenkkultur in Deggendorf“ http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Deggendorf#Fragw.C3.BCrdige_NS-Gedenkkultur_in_Deggendorf ein Kommentator namens „zworo“ seinen Beitrag mit den Worten ein:

 

Auf einer vielgelesenen bayerischen Internetplattform erschien kürzlich ein Kommentar, der nachdenklich stimmt und der die Stadt Deggendorf zum Überdenken gewisser Praktiken veranlassen sollte. http://www.hagalil.com/2013/04/22/wirte/comment-page-1/#comment-49241 .

Anschließend gab er den Text von „kritisch“ nahezu vollständig wörtlich wieder.

„kritisch“ legte auf haGalil http://www.hagalil.com/2013/04/22/wirte/comment-page-1/#comment-49307 nach, indem er folgenden Anschlusskommentar veröffentlichte:

…Wenn wir heute das Jahr 1985 schreiben würden, so wäre einzig die Tatsache, dass in diesem Deggendorfer Hain der SS gedacht wird, anstössig.

Inzwischen jedoch sind wir weiter.

Zwischen der Bitburg-Kontroverse (http://de.wikipedia.org/wiki/Bitburg-Kontroverse) und heute liegen 28 Jahre handfester auch internationaler Diskussionen (Historikerstreit, Ausstellung Wehrmachtsverbrechen, Knopp&ZDF etc.), liegen neueste Erkenntnisse über das (Un-)Wesen der Wehrmacht, verfügen wir über detailliertes Wissen zur Haltung der deutschen Soldaten – Juden, Roma und Slawen gegenüber. Ernst Klee und zahlreiche andere veröffentlichten Tagesbefehle deutscher und bayerischer Generäle. Tagesbefehle, die lauteten: “Zigeuner sind beim Aufgreifen sofort zu erschießen!” oder “Juden können, wenn sie in kleineren Gruppen angetroffen werden, sofort erledigt werden oder aber an Lager zum Abtransport weitergeleitet werden!”.

Es kann somit absolut keine Rechtfertigung dafür geben auch noch im zweiten Jahrzehnt des 21. Jh. Wehrmachtssoldaten als “Helden” zu feiern bzw. ihnen einen besonderen Verehrungsstatus zukommen zu lassen… 

Ab dem 17. Mai 2013 war auf der Wiki-Diskussionsseite http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Deggendorf#Fragw.C3.BCrdige_NS-Gedenkkultur_in_Deggendorf zu Deggendorf folgender Wortlaut unter dem Nick „Tjotjafejgele“ zu lesen:

Die Wehrmacht war Hintergrund eines heute nur schwer nachvollziehbaren Rassismus erschütternden Ausmaßes. Sich vollkommen dem in ihr vorherrschenden Hass gegenüber allen Nichtdeutschen zu entziehen, wird geradezu übermenschliche Anstrengungen erfordert haben und dürfte daher nur sehr wenigen Individuen gelungen sein. Wir verfügen heute über die Möglichkeit anhand von Illustrationen aus der Hand von Wehrmachtssoldaten auf die Qualität jener ganz besonderen Menschenverachtung unter den eigenen Leuten zu blicken:

http://www.hagalil.com/2009/06/03/wehrmacht/

Wohl keiner, der diese Bilder auf sich hat einwirken lassen, wird noch Vorbilder („Helden“) in Wehrmachtssoldaten erkennen wollen. „Gefallenenhain“ wäre somit der angemessene Name für die mit Recht ins Gerede gekommene Einrichtung der Stadt Deggendorf. Ein paar neue Schilder kosteten nicht die Welt und sie würden belegen, dass die Stadt Deggendorf die Zeichen der Zeit erkannt hat, dass sie nicht trotzig vor neuen Erkenntnissen ihre Augen verschließt, dass sie es ehrlich meint. Man kann nämlich schlecht, hie über die verlegten „Stolpersteine“ zur Erinnerung an die vertriebenen und getöteten Juden stolz sein, und, nur paar Kilometer weiter, mögliche Täter als Helden verehren. Das zehrt an der Glaubwürdigkeit. 

Dieser Beitrag fand anscheinend bei der Schweizer Wikipedia derart Zustimmung, dass sie ihn am 12. Juni 2013 mit ihrer Auszeichnung „Edelweiß“ prämierte:

„Hiermit überreichen wir Tjotjafejgele die Auszeichnung Edelweiß mit Stern des Portals Schweiz für Beiträge zur deutschsprachigen Wikipedia. gez. Das Projekt Edelweiss-Auszeichnung im Portal Schweiz, 12. Jun. 2013“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer_Diskussion:Tjotjafejgele)

Irgendwann davor, wahrscheinlich gegen Ende Mai 2013, hatte eine Webseite der Stadt Deggendorf, die über Termine von Veranstaltungen informiert, wohl als erste die Wirkung der obigen Kommentare angezeigt:

Gedenkstunde am Gefallenenhain

Bereits seit 1985 lädt die Stadt Deggendorf zu einer Gedenkstunde am Gefallenenhain ein, um der gefallenen und vermissten Soldaten sowie zivilen Opfern aus den beiden Weltkriegen zu gedenken. Erinnert werden soll aber auch an diejenigen, die in der jüngsten Vergangenheit für ihren Einsatz von Freiheit und Frieden ihr Leben gaben. Nächster Termin: 15.Juni 2013 um 17 Uhr am Gefallenenhain (http://www.deggendorf.de/index.php?id=1464)

Noch 2012 war zu dieser Feier in den „Heldenhain“ eingeladen worden.

Am 23. Juli 2013 vermeldete Wiki-Deggendorf-Diskussionsseiten-Kommentator „zworo“:

Von einer Deggendorfer Gewährsfrau war zu erfahren, dass das Schild mit der Aufschrift „Heldenhain“ und die Tafel für den Waffen-SS-Mann Kees inzwischen abmontiert worden sind…

Ist demnach also tatsächlich ein Stein ins Rollen geraten? – Nähere Aufschlüsse sollte ein Anruf bei der Stadtverwaltung Deggendorf ergeben. Jedoch gestaltete sich dieses Vorhaben als schwieriger als gedacht. Während die Dame von der Pressestelle die Umbenennung von „Heldenhain“ in „Gefallenenhain“ unumwunden bestätigte, druckste Stadtarchivar Erich Kandler höchst umständlich herum – die Umbenennung sei noch nicht offiziell – aber es seien „Bestrebungen im Gange“.

Auf die Frage, warum Umbenennung, wusste die Pressestelle keine Antwort und verwies an den Archivar. Dieser gab sich kurz angebunden bzw. konnte oder wollte keine Antwort geben, lediglich: „Es sind Anregungen eingegangen, die waren überzeugend.“ Allem Anschein nach musste er sich noch Instruktionen von oben einholen, denn Kandler bat darum nachmittags erneut anzurufen. Dieses zweite Telefonat brachte dann die gewünschten Informationen: Die Umbenennung ist inoffiziell – der Hain heißt nur vorübergehend „Gefallenenhain“ („Arbeitstitel“). Eine endgültige Entscheidung sei noch nicht getroffen worden, die Diskussion hierzu im Gang.

Befragt, wann denn die Tafel für Waffen-SS Rottenführer Kees entfernt worden sei, gab der Archivar an, „gleich nach Erscheinen des haGalil-Kommentars“. Ob denn in all den Jahrzehnten die Tafel niemandem aufgefallen sei, den Bürgermeistern nicht, den Geistlichen nicht, den Deggendorfer Bürgern nicht, sie habe doch direkt im Eingangsbereich des Hains gehangen, noch dazu im Blickfeld eines jeden Besuchers? – Nein, niemandem. Die Frage wurde ein zweites Mal gestellt – nein, niemandem.

Heldenhain Deggendorf

Die im Hain geehrten bayerischen Soldaten nannte Kandler verständnisheischend gleich zweimal „arme, unschuldige Jungs“, die in einem schrecklichen Krieg verheizt worden seien. Für die Opfer des deutschen Vernichtungswahns hingegen fand  er keine Worte.

Ob denn nicht letztendlich die Diskussion auf Wikipedia  den Ausschlag für die Umbenennung gegeben habe? – Welche Diskussion, er wisse von nichts, aber er habe den PC gerade an und könne nachsehen. – „Auf Wikipedia, auf der Diskussionsseite? Ach, meinen Sie unter (der Überschrift) ‘Fragwürdige NS-Gedenkkultur in Deggendorf‘ ?“– Nein, er glaube nicht, dass Wikipedia eine Rolle gespielt habe, er jedenfalls habe diese Diskussion nicht verfolgt…

N.B.: Ein Stadtarchivar ist natürlich gewissen Richtlinien von oben unterworfen und kann nicht frei von der Leber weg allen das sagen, was er gerne sagen will. Zu seinen Dienstpflichten gehört es in erster Linie den guten Ruf seiner Stadt zu (be)wahren, wozu, im Umgang mit der Öffentlichkeit, sicher auch die eine oder andere, nun, nennen wir sie, Halbwahrheit (‚Notlüge‘), gehört.

Kandler, dem natürlich mitgeteilt wurde, dass die gestellten Fragen und seine Antworten für den redaktionellen Gebrauch bestimmt seien, schien es ein besonderes Anliegen zu sein, sein Befremden darüber auszudrücken, dass der haGalil-Kommentator „kritisch“ anonym blieb: „Man habe sich (darob) gestört gefühlt.“ Wenngleich: „In der Sache hat er freilich recht gehabt.“

Noch ein paar Anmerkungen für potentielle ‚Nachahmungstäter‘ sowie ‚Trittbrettfahrer‘. Hätte bereits allein der „kritisch“-Kommentar auf haGalil ausgereicht, um den Umdenkprozess, oder was auch immer zur Deggendorfer Umbenennung führte, einzuleiten?  – Nein, nicht ganz, wenn er auch den Anstoß gab… Zu wenige Deggendorfer oder Deggendorfinteressierte lesen die Beiträge der jüdischen Plattform. Es bedurfte des Multiplikators Wikipedia. Wie bekannt sind Wiki-Artikel zu Städten eine Art zeitgemäße Visitenkarte und glänzen am liebsten mit Schokoladenseiten, während sie Not und Elend, Minderheitenprobleme und Kriminalität, Rechtsextremismus und Schattenseiten der Stadtgeschichte normalerweise unterdrücken.

Wer, zum Beispiel berufsbedingt, in eine andere Stadt umziehen muss, wer an einem Ort Investitionen zu tätigen gedenkt, wer Städteurlaub machen will, der informiert sich in der Regel wo zuerst? –  Richtig, bei der virtuellen Bürgerenzyklopädie. Dass die Diskussionsseiten der Wikiartikel bisweilen kritische Themen aufgreifen, hat sich inzwischen in intellektuelle(re)n Kreisen gleichfalls herumgesprochen – sie werden immer häufiger aufgesucht.

Das Deggendorfer Rathaus musste somit reagieren und das auch noch rasch, wollte es nicht unter unangenehmen Druck seiner Wirtschaft, seiner Gastronomie, seines Hotelgewerbes, seines Einzelhandels und all jener geraten, die traditionell Einfluss besitzen und diesen auch auszuüben wissen. Zudem stehen in Bayern Landtagswahlen vor der Tür, mit anderen Worten, Stresszeiten pur für die ‚armen‘ Damen und Herren Kommunalpolitiker.