Drastische Kürzungen bei Israels Armee

Bei der israelischen Armee stehen drastische Kürzungen in Höhe von etwa 5 Milliarden Euro an. Wegen der Notwendigkeit, das Milliardenloch im Haushalt zu stopfen, hat Generalstabschef Benny Gantz der Regierung einen Plan vorgelegt, Panzereinheiten stillzulegen, Tausende Berufssoldaten zu entlassen, Kriegsschiffe einzumotten und Artillerieeinheiten zu verkleinern…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 11. Juli 2013

Nach Militärangaben seien schon Einheiten der Luftwaffe stillgelegt worden. Der Plan wurde veröffentlicht, ehe die Minister darüber im Geheimen beraten konnten. Politiker werfen dem Militär die altbekannte Taktik vor, mit öffentlicher Diskussion Kürzungen abzuwenden.

Die Militärs reden von einer präzedenzlosen Verkleinerung der Armee und einer Anpassung der Streitkräfte an eine neue Wirklichkeit im Nahen Osten. Spezialeinheiten, elektronische Kampfkraft und militärische Aufklärung (Spionage) sollen auf Kosten herkömmlicher Kampfeinheiten verstärkt werden, für eine „Armee des 21. Jahrhunderts“.

Gleichwohl gibt es beim Militär Gegenstimmen. Eine „sehr hohe Quelle im Verteidigungsministerium“, von der Wirtschaftszeitung Globes zitiert, warnte vor einem „Erdbeben“, wenn Luftwaffen-Einheiten stillgelegt werden, die bisher das Rückrat der Armee gebildet hätten. Doch Verteidigungsminister Mosche Yaalon hatte vor Kurzem erklärt, dass die Armee sich „der wirtschaftlichen Realität“ anpassen müsse.

Die Landesverteidigung wird in Israel wie eine Heilige Kuh behandelt, solange buchstäblich an jedem Tag in der arabischen und islamischen Welt Vernichtungsdrohungen gegen den jüdischen Staat geäußert werden, von Staaten wie Iran, ägyptischen Moslembrüdern, Hisbollah-Kämpfern, Hamas-Sprechern und kaum verschlüsselt vom „gemäßigten“ palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas.

Gemäß einer Statistik israelischer Rettungsdienste habe es allein im ersten Halbjahr 2013 im Westjordanland und in Jerusalem 5.635 Attacken von Palästinensern auf Juden gegeben. Gezählt wurden 611 Angriffe mit Molotow Cocktails und 5.144 Steinwurf-Attacken. Zudem wurden 8 Angriffe mit Schusswaffen und 3 Messerstechereien registriert. Ein Toter und 171 Verletzte, darunter ein lebensgefährlich verletztes 3 Jahre altes Mädchen, waren das Ergebnis dieser Angriffe. Die werden sogar in israelischen Medien kaum vermeldet.

General a.D. Schmulik Zakai und der ehemalige Mossadchef Efraim Halevi meinen wohl zurecht, dass die Palästinenser für den Staat Israel militärisch keine existentielle Gefahr darstellen. Die klassischen Feinde, die umliegenden arabischen Staaten, könnten heute keine konventionellen Kriege mehr gegen Israel führen. Der letzte klassische Krieg fand 1973 statt, mitsamt Panzerschlachten wie im Zweiten Weltkrieg. Syrien zerfleischt sich mit Bürgerkrieg und die ägyptische Armee ist mit der Revolution beschäftigt. Mit Jordanien hat Israel Frieden geschlossen und von Libanon könnte nur vom riesigen Raketenarsenal der Hisbollah echte Gefahr ausgehen. Gleichwohl erinnern Militärexperten an den Libanonkrieg 2006 mit Panzern und Infanterie.

General a.D. Giora Eiland erklärte im Rundfunk, dass es eine politische Entscheidung sei, ob in den nächsten Jahren mit einem herkömmlichen konventionellen Krieg gerechnet oder ob der Schwerpunkt auf den Kampf gegen Terrorgruppen gelegt werden müsse. Solange die Finanzmittel knapp seien, müssten die Politiker gewisse Risiken eingehen, denn eine perfekte Verteidigung sei unbezahlbar.

Heute schon zahle sich der riesige finanzielle Aufwand für den Bau eines Grenzzauns entlang der Grenze zum Sinai aus. Ursprünglich sollte er Arbeitsmigranten aus Afrika fern halten. Wegen der Unfähigkeit der ägyptischen Armee, den Sinai zu kontrollieren, tummeln sich jetzt im Vakuum der Halbinsel El Kaeda und Dschihadisten. Der Zaun schütze heute vor Terrorattacken.

Eine politische Entscheidung sei auch die Zahl der Abwehrraketen zum Schutz der Bevölkerung vor Angriffen aus Gaza und Libanon. Eiland erwähnte das von Israel entwickelte „Eisenkappe“-System gegen Kurzstrecken-Raketen. „Es ist eine Geldfrage, nur die Menschen rund um den Gazastreifen zu schützen, oder auch den Norden zu sichern gegen Libanon oder Syrien, solange sich Israel nur fünf Eisenkappen leistet.“

Wenn ein herkömmlicher Krieg ausgeschlossen werden kann, könne die Armee zeitweilig das Training der Reservisten reduzieren und darauf verzichten, die Munition zu erneuern. Andererseits könne Israel nicht völlig auf Kriegsschiffe und anderes Kriegsgerät verzichten, solange mit primitiven Mitteln die Souveränität Israels in Frage gestellt werde. Eiland erwähnte das türkische Schiff Mavi Marmara. Mit „Friedensaktivisten“ an Bord sollte damit 2010 die israelische Blockade des Gazastreifens durchbrochen werden.

Amir Peretz, ehemaliger Verteidigungsminister, redete von einer „mutigen und richtigen Stoßrichtung“, wenngleich im Dialog zwischen Politik und Militär behutsam beraten werden müsse, an welchen Rändern gespart werden könne, ohne die physische Zukunft des Staates aufs Spiel zu setzen.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com