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Netanya: Güterwagon für Israel

Ein echter Güterwagon, wie ihn die Nazis verwendet haben, um Millionen Menschen in die Todesfabriken in ganz Europa u transportieren, soll nach Israel gebracht werden und in Netanya  unter anderem auch für „pädagogische Zwecke“ aufgestellt werden. Tatjana Ruge aus Berlin und Ronny Dotan aus Tel-Aviv  haben eine Privatinitiative gestartet, um das Projekt zu verwirklichen…

von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 8. Juni 2013

Zunächst haben sie auf Abstellgleisen nach einem echten Waggon gesucht. Einzige Voraussetzung war, dass der Güterwagen mit dem braun gespritzten hölzernen Aufbau mit Schiebetür tatsächlich vor Mai 1945 gebaut worden war. Sie wurden fündig. „Dieser Wagen wurde von Dr. Gottwaldt (Leiter der Abteilung Eisenbahnwesen im Technikmuseum Berlin und ausgewiesener Kenner der Deportationtransport-Geschichte) für gut befunden“, sagt Ruge.

„Wir wollen kein neues Denkmal für die Shoah – Massenvernichtung  in Israel errichten, sondern den Waggon als Lehrmittel bringen.“ Dotan erzählt, dass er jedes Mal eine Gänsehaut bekommt, wenn er in einen solchen Eisenbahnwagen steigt und sich vorstellt, dass während der Schoah über hundert Menschen gepfercht wurden, um nach Auschwitz, Treblinka und Riga transportiert zu werden. Jeder (Deportierte) musste sogar die „Fahrkarte“ selber bezahlen, berichtet Dotan aufgrund langer Forschungen zu diesen Transporten. „Zwar wollte die Gestapo, dass die Juden lebendig im Vernichtungslager ankommen, dennoch seien fast die Hälfte schon während der Fahrt gestorben, vor allem die Greise und die Kinder.“ In der Jerusalemer Gedenkstätte Jad Vaschem habe man herausgefunden, dass von den
6 Millionen ermordeten Juden etwa 1,5 Millionen bereits in solchen Waggons gestorben seien.

Dotan hat in Israel mehrere geeignete Stellen geprüft, wo der Wagen aufgestellt werden könnte, Schulen, Universitäten und Gedenkstätten.

Inzwischen wurde ein Abkommen mit der Bürgermeisterin von Netanya unterzeichnet. „Die Stadt ist sehr an der Aufstellung des Wagens interessiert. In Netanya wird der Waggon auf einem besonderen Platz stehen, wo der Opfer der Shoah und der gefallenen Soldaten aus Netanya gedacht wird.“ sagt Dotan.

In Netanya  soll der Waggon begehbar sein, um den Besuchern ein unmittelbares Gefühl zu bieten, wie die Menschen damals (in Europa) in den Tod transportiert worden sind. Daneben wird eine Lehrstätte errichtet, um den Besuchern die Schoah mit Filmen und Erzählungen von Zeitzeugen zu vermitteln.

Beide betonen, dass der Wagon nicht nur die Erinnerung an die Shoah erhalten soll. Eine der wichtigsten Aufgaben sei es, die Bedeutung der Demokratie zu verstehen. Wie  leicht es sei, die nationale Freiheit durch Gewalt zu verlieren. Und wie wichtig die Bedeutung der Beibehaltung der heiligen Regel des Schutzes der Menschenwürde, der Menschenrechte und die Akzeptanz des Anderen sind. So solle auch der Kampf gegen Rassismus in jeder Form unterstützt werden.

Dotan sagt, dass in der Welt etwa acht derartige Waggons aufgestellt worden seien, darunter in Washington, Drancy und Berlin. Ein Waggon in Auschwitz sei verschlossen und könne nicht betreten werden. In Jad Vaschem steht ein Waggon als Denkmal auf einem Gleis, das symbolisch in den Himmel führt. „Der Waggon in Jerusalem ist nicht einmal echt. Er wurde nach Kriegsende in Polen gebaut und völlig falsch renoviert.“ (s. Foto)

Dotan erzählt weiter, dass der in Deutschland entdeckte Wagen historisch getreu renoviert werden müsse, um dann per Schiff nach Israel gebracht und in Netanya aufgestellt zu werden.

Mehrere Organisationen, darunter die israelische Eisenbahngesellschaft, haben schon logistische Unterstützung für das von Historikern begleitete Projekt versprochen.

© Ulrich W. Sahm, haGalil.com