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Terror in London: Soldatenmord erschüttert Europa

Nach dem vermutlich islamistisch motivierten Mord an einem Soldaten in London sind die Sicherheitsvorkehrungen für Militäreinrichtungen in Großbritannien verschärft worden. Die Behörden warnten am Donnerstag vor Trittbrettfahrern. Kommentatoren zeigen sich besorgt über eine neue Generation extremistischer Einzeltäter und kritisieren die immense mediale Aufmerksamkeit, die den Londoner Mördern zuteil wird…

Mladá fronta Dnes – Tschechien
Die Gefahr der einsamen Wölfe

Der Mordanschlag in London zeigt, wie gefährlich die neue Generation von Extremisten ist, die nicht durch Organisationen, sondern über das Internet radikalisiert wurde, bemerkt die liberale Tageszeitung Mladá fronta Dnes:
„Bis vor kurzem fürchteten westliche Sicherheitsorgane noch al-Qaida als Quelle des Terrorismus. Jetzt sieht es so aus, als sei al-Qaida in gewisser Weise zerstreut. Verstreut über die ganze Welt ist aber auch ihre Saat. Das Internet ist voll mit der Ideologie des Dschihad und ermöglicht es mehr und mehr ‚einsamen Wölfen‘, allein zuzuschlagen. … Premier Cameron sprach von einem Angriff auf die britische Lebensweise.
London ist eine Stadt, deren Bevölkerung zu mehr als einem Drittel aus nicht gebürtigen Briten besteht. Viele, wie die Attentäter, leben dort erst in der zweiten Generation. Das Zusammenleben der Menschen ist nur möglich, wenn großes Vertrauen und große Offenheit herrschen. Dieses empfindliche Biotop ist gefährdet, wenn jeder zur Gefahrenquelle werden kann, der zu Hause über Internet verfügt und ein Fleischerbeil besitzt.“ (24.05.2013)

Mladá fronta Dnes

The Guardian – Großbritannien
Terroristen keine Plattform bieten

Die britischen Medien haben in den vergangenen Tagen ausführlich über den Soldatenmord in London berichtet und strahlten zum Teil Videoaufnahmen aus, die Passanten unmittelbar nach der Tat von den Tätern gemacht hatten. Diese Aufmerksamkeit ist fatal, denn sie ist genau das, was die Terroristen wollten, findet die linksliberale Tageszeitung The Guardian:
„Wir werden uns dem Terrorismus nicht beugen, sagte David Cameron am Mittwoch nach dem Mord in Woolwich. Dann beugte er sich. Jeder beugte sich. Die Innenministerin, der Verteidigungsminister, der Kommunalminister, der Bürgermeister von London, der Polizeichef, die Presse. Die BBC rief ihre leitenden Redakteure zusammen und sie beugten sich. … Wir haben die Wahl, uns nach einer solchen Tat in Zurückhaltung zu üben und dem Impuls zu widerstehen, sie hochzuspielen.
Wir können den Terroristen das Megaphon der Hysterie und der Übertreibung verweigern. Cameron hatte Recht, als er gestern sagte, wir sollten dem Terror die Stirn bieten, indem wir weiter unser Leben leben. Warum tat er es dann nicht?“ (23.05.2013)

englisch

Tages-Anzeiger – Schweiz
Krieg produziert nur neuen Terror

Weil Krieg nur neuen Terror gebiert, muss der Westen im Kampf gegen den Terror dringend zu rechtsstaatlichen Methoden zurückkehren, argumentiert der Tages-Anzeiger und begrüßt damit Barack Obamas Ankündigung vom Dienstag, den Einsatz von Drohnen künftig strenger zu regulieren:
„Trotz Überwachungskameras, Geheimverhören und Drohnen sind der Mord in London und das Attentat auf den Bostoner Marathon nicht verhindert worden. Mit Dampfkochtöpfen und Küchenmessern richteten junge Einwanderer Schreckliches an – aus Rache. … Diese Mörder sind keine romantischen Rebellen. … Wer eine Bombe mit Nägeln spickt, um möglichst viele … zu verstümmeln, handelt gewissenlos. … Richtig ist aber, dass der Krieg gegen den Terror überdacht wird.
Mit seinen Rechtsverdrehungen, Internierungslagern und aussergerichtlichen Tötungen schadet er dem Ansehen des Westens und bringt neue Terroristen hervor. Gestern hat US-Präsident Obama angekündigt, neue Wege zu suchen. Das ist kein Eingeständnis von Schwäche, sondern notwendig: In diesem Krieg muss der Westen ein Vorbild sein.“ (24.05.2013)

Tages-Anzeiger

La Repubblica – Italien
Todeserklärung für die westliche Politik

Die Londoner Bluttat war ein Attentat auf die westliche Gesellschaft, hat allerdings wenig mit dem Islam zu tun, argumentiert die linksliberale Tageszeitung La Repubblica. Sie zieht eine Parallele zum Suizid des französischen Publizisten Dominique Venner, der sich am Dienstag in der Pariser Kathedrale Notre Dame anscheinend aus Protest gegen die Einführung der Homo-Ehe in Frankreich erschossen hat:
„Auch der Mord von London ist ein Selbstmord, denn der Attentäter flieht nicht, sondern stellt sich in Pose, will, dass sein Körper – seine rechte Hand – zum Symbol wird. Hier, und nur hier, liegt die Parallele zum Selbstmord des rechtsextremistischen französischen Historikers Dominique Venner. …
Eine gemeinsame Obsession plagt die so unterschiedlichen Protagonisten: der Westen. Für Venner und die Londoner Attentäter gilt: Um das betäubte Bewusstsein zu erwecken, bedarf es eklatanter, ’symbolischer‘ Gesten. Der Einzelne sucht nicht mehr nach kollektiven Antworten. Damit wird die Politik für tot erklärt – das System der Repräsentanz ist aus den Fugen geraten.“ (24.05.2013)

repubblica.it