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Erneuter Wirbel um Ikone der Intifada

Mit fast 13-jähriger Verspätung hat die israelische Regierung einen heimlich erarbeiteten Report zu dem angeblichen Tod des 12-jährigen palästinensischen Jungen Muhammad al Dura veröffentlicht…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 21. Mai 2013

Vor laufender Kamera des französischen Senders France 2 wurde an der Netzarim-Kreuzung im Gazastreifen am 30. September 2000, einen Tag nach Ausbruch der Intifada, Al-Dura vermeintlich von israelischen Soldaten erschossen. In den veröffentlichten 59 Sekunden sieht man den Vater Jamal mit seinem Sohn hinter einer Betontonne sitzen. Der Knabe saß zunächst aufrecht und lag in der nächsten Szene tot oder verletzt auf dem Schoß seines Vaters. Charles Enderlin, Jerusalemer Bürochef von France 2, verteilte die Filmaufnahmen seines Kameramannes Talal Abu-Rahme kostenlos.

Die Bilder hatten eine verheerende Wirkung. Hunderte Israelis wie Araber wurden wegen dieser Bilder getötet. El Qaeda Kämpfer köpften in Afghanistan den amerikanischen Journalisten Daniel Pearl aus „Rache“ für al Dura und verbreiteten die grausame Szene im Internet. Die al Dura Affaire brachte Israel in den Ruf, bei der Intifada absichtlich Kinder umzubringen. In der arabischen Welt wurden die Bilder auf Briefmarken und mit Denkmälern verewigt.

In dem neuen 44 Seiten langen Report wurden erneut die Umstände der Schießerei an der Netzarim Kreuzung, Aussagen des Kameramannes und des France 2 Korrespondenten und anderes längst bekanntes Material zusammengetragen. Israelische Soldaten einer nahegelegenen Stellung hätten wegen der Schusswinkel unter keinen Umständen den Jungen erschießen und seinen Vater verletzen können. Weiter heißt es, dass Palästinenser an der Stelle Verwundungen inszeniert hätten. Während Journalisten wie Esther Schapira vom HR und Experten den Fall mit Filmen und Berichten ausführlich dokumentiert und mit gebührender Vorsicht nur festgestellt haben, dass viele veröffentlichte Details offenkundig falsch waren, kamen die Autoren des Regierungsreports zuem Schluss, dass Muhammad al-Dura weder verletzt noch getötet worden sei. In einer von France 2 erst bei einem Verleumdungsprozess in Paris gegen Philippe Karsenty freigegebenen Szene aus dem Rohmaterial kann man deutlich sehen, wie der angeblich schon tote, am Boden liegende, aber nicht sichtbar verletzte Junge die Hand hebt, weil ihn die Sonne blendete. So spricht die israelische Regierung aus, was andere zuvor vermuteten, aber nicht wagten, öffentlich auszusprechen: Wenn er nicht gestorben ist, bei anderer Gelegenheit, ist Al Dura bis heute am Leben.

Kurz nach dem Vorfall, im Oktober 2000, hatten israelische Offiziere die „Verantwortung“ für den Tod des Kindes „eingestanden“, obgleich damals schon Zweifel bestanden. Die Regierung hoffte, so den Vorfall und die dramatischen Filmaufnahmen „einschlafen und in Vergessenheit geraten zu lassen“.

Jetzt, mit der Veröffentlichung des Reports unter Federführung des  stellvertretenden Ministers Jossi Kuperwasser, kam es erneut zu einem großen Wirbel.

Eine israelische Menschenrechtsorganisation, Schurat Hadin, forderte ein Veröffentlichungsverbot für den Journalisten Charles Enderlin und eine Schließung des Büros von France 2. Jamal Al-Dura, der Vater des Jungen, erklärte, dass er einer Exhuminierung der Leiche seines Sohnes zustimme, um von einer „internationalen Komission“ untersucht zu werden.  Der Journalist Enderlin, selber Israeli und früherer Mitarbeiter beim israelischen Militärsprecher, kritisierte, nicht befragt worden zu sein. Kuperwasser konterte, dass die eidesstattlichen Aussagen von Enderlin und seines Kameramannes vorgelegen hätten. Der ehemalige Finanzminister Juval Steinitz  und andere Likud-Abgeordnete meinten, dass die Affaire eine moderne Neuauflage der mittelalterlichen Blutlegenden gegen Juden sei, dass aber am Ende die Wahrheit an Licht komme.

Der Kadima-Abgeordnete und ehemalige stellvertretende Leiter des Inlandsgeheimdienstes Schin Beth, Israel Hasson, beklagte, dass der Report neues Öl für die Lügenpropaganda gegen Israel sei. Weder sei die Leiche untersucht worden, noch lägen die Kugeln vor, die Al-Dura angeblich getötet haben. Die Regierung hätte lieber schweigen sollen, anstatt die Geschichte erneut in die Schlagzeilen zu bringen.

Sollte es nicht wieder zu Verzögerungen kommen, wird mit der Urteilsverkündung in Paris bei dem Prozess von France 2 gegen Karsenty am Mittwoch (22. Mai) gerechnet. Auf der Kippe steht nicht nur der Ruf des jüdisch-französischen Politikers Karsenty, sondern auch die Glaubwürdigkeit des französischen Staatssenders. Es wird vermutet, dass die israelische Regierung mit der Veröffentlichung der zunächst geheimgehaltenen Untersuchung auf den Prozess zugunsten von Karsenty einwirken wollte.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com

Der Report auf Englisch:
http://www.pmo.gov.il/English/MediaCenter/Spokesman/Pages/spokeadora190513.aspx