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Das Zentrum als Bedrohung: Rechtsextremismus der Mitte

»Rechtsextremismus der Mitte – Eine sozialpsychologische Gegenwartsdiagnose« – der Titel zitiert die einflussreiche Formulierung Seymour Lipsets vom »Extremismus der Mitte«. Diese zunächst paradox anmutende Verbindung zweier Begriffe bringt einen Widerspruch in der Sache selbst zum Vorschein: Das gesellschaftliche Zentrum kann zur Bedrohung der bestehenden Gesellschaftsordnung werden…

Oliver Decker u. Elmar Brähler
(Vorwort zu Rechtsextremismus der Mitte)

Weil diese Formulierung lieb gewonnene Irrtümer erschüttert, provoziert sie noch heute. Die gesellschaftliche Mitte ist nicht davor geschützt, selbst zur Bedrohung der demokratisch verfassten Gesellschaft zu werden.

Die Demokratie ist kein Sockel, der, einmal errichtet, auf immer stabil bleibt. Im Gegenteil: Fährt der gesellschaftliche Aufzug für die meisten Gesellschaftsmitglieder nach unten statt nach oben, dann verliert auch die Demokratie ihre Integrationskraft. In diesem Moment wird sichtbar, wie wenig sich die Integration in die Gesellschaft durch demokratische Teilnahme vollzieht. Stattdessen zeigt sich, dass die Gegenwartsgesellschaft ihre Legitimation in viel höherem Maße durch ökonomische Teilhabe und sozialisatorische Gewalt sichert.

In unseren »Mitte«-Studien haben wir Lipsets Erkenntnisse mit den prominenten ersten Untersuchungen zum Vorurteil des exilierten Frankfurter Instituts für Sozialforschung verbunden. Von den Studien »Autorität und Familie« und »Der autoritäre Charakter« ausgehend, haben wir mit unserer Formulierung vom »Veralten des autoritären Charakters« die Gültigkeit ihrer Annahmen für die heutige Zeit bestätigt. Es findet ein Wechsel statt in der Vergesellschaftung – und es gibt Identisches im Wechsel: die sozialisatoriche Gewalt.

Uns geht es nicht allein um die antidemokratische Einstellung des Individuums. Wenn die Bedrohung der Gesellschaft thematisiert wird, geht es auch und besonders um die Bedingungen, unter denen diese Einstellung entstehen kann, kurz: Es geht um die Gesellschaft selbst.

Bereits zu Beginn der Untersuchungsreihe zeichnete sich die enge Verknüpfung unseres Themas mit den Grundlinien der europäischen Moderne ab, und dieser Zusammenhang schälte sich bis zur jüngsten »Mitte«Studie 2012 immer deutlicher heraus.

Seit 2002 führen wir im Zweijahres-Rhythmus quantitative Erhebungen zur rechtsextremen Einstellung in Deutschland durch, die wir im Jahr 2008 durch eine Gruppendiskussionsstudie ergänzten, und die zuletzt in die Veröffentlichung »Die Mitte im Umbruch« mündete (Decker, Kiess & Brähler 2012). Nicht alle Ergebnisse lassen sich in einer Veröffentlichung bündeln. Deshalb knüpfen wir mit dem vorliegenden Band »Rechtsextremismus der Mitte« an die letzten Befunde an.

2012 hatten wir den gesellschaftlichen Umbruch als zentrale Bedingung für die Entstehung rechtsextremer Einstellung identifiziert. Der hier ausgeführte theoretische Rahmen (s.Kap. 2 im Buch), der bereits der letzten Veröffentlichung zugrunde lag, hatte dort nicht den Raum für eine ausführliche Darstellung gefunden.

Der Umbruch der modernen Gesellschaft ist weder ein singuläres Phänomen noch ein periodisches. In der Moderne ist der Umbruch auf Dauer gestellt. Damit ist der deutlichste Unterschied zum Begriff der »Krise« gekennzeichnet. Wir haben es mit einem dauerhaften Umbruch in der Gesellschaft zu tun, der zwar auch durch Krisen zur Erscheinung kommt, aber doch mehr als eine bloße Erschütterung des Tagesgeschäftes ist. Darüber hinaus findet in diesem Begriff auch die Beschleunigung der Gesellschaft ihren Ausdruck. Der Umbruch ist nicht nur beständig, er ist auch expansiv, so dass die gesellschaftlichen Verhältnisse einem immer schnelleren Wandel zu unterliegen scheinen.

Wir haben deshalb untersucht, wie beständig die Erschütterungen der gesellschaftlichen Verhältnisse sind, auf denen die Gesellschaft selbst basiert. Damit ist diese »Mitte«-Studie einer umfassenden und vor allem weitgreifenden sozialpsychologischen Gegenwartsdiagnose gewidmet, denn die Beschleunigung selbst gibt Auskunft über etwas viel Älteres: das Streben hin auf ein messianisches Morgen. Hierin liegt die Ursache für die kontinuierliche Bemühung zu mehr Wachstum und Entwicklung in der modernen Gesellschaft. Das erlösende Morgen muss das unzulängliche Heuterechtfertigen.

Die Gegenwart bezieht ihre Legitimation nicht aus sichselbst, sondern aus einer besseren Zukunft. Eine auf Wachstum angelegte Ökonomie birgt damit ein aus dem Christentum stammendes, messianisches Moment. Sie ist in diesem Sinne eine Heilsökonomie. Die von Émile Durkheim beschriebene Anomie, der Verlust einer allgemein verbindlichen Religion, ist also nicht so allumfassend gewesen, wie vermutet. Es war eher eine Verschiebung und Verdichtung – die Säkularisierung wurde gar nicht abgeschlossen. Leben wir aber noch immer in einer versteckt sakralen Gesellschaft, dann erhält der in der Forschung bestätigte Zusammenhang von Anomie und Rechtsextremismus eine neue Rahmung.

Nicht zufällig begleiten beide Phänomene – unter wechselnden Bezeichnungen – die Gesellschaften der Moderne von Anfang an.

Der inzwischen omnipräsente Bildschirm – zuerst als Fernseher und Leinwand, nun als Smartphone und Tablet – ist das wirkmächtige Medium der Beschleunigung. Hier zeigt sich der Strukturwandel der Öffentlichkeit deutlich: Informationsleistung und politische Auseinandersetzung sind Kulturindustrie und Werbekanal gewichen. Das hat weitreichende Konsequenzen für den Ort der Demokratie. Die Frage lautet, wo letztlich die Agora, der Ort, an dem Demokratie stattfindet, liegt, wenn der beständige Umbruchsimperativ der sich selbst beschleunigenden Moderne hierfür Raum und Zeit verknappt. Dem Verständnis dieser Entwicklungen ist Kapitel 2 gewidmet.

Kapitel 3 ist als beschreibende Annäherung an Politik und Leben in Deutschland 2012 zu verstehen. Fragen der Demokratieakzeptanz, Partizipation und Legitimation der Demokratie werden darin in Bezug zur ökonomischen Verfassung der Gesellschaft und der Erfahrung von Beschleunigung und Anomie betrachtet. Zum einen verweisen die empirischen Ergebnisse auf die vorangestellten theoretischen Überlegungen,zum anderen stellt dieses Kapitel eine Brücke zu den analytischen Kapiteln 4 und 5 dar.

Die Persistenz des Autoritären

Die rechtsextreme Einstellung wird in Kapitel 4.1 in ihrer zeitlichen Dimension untersucht. Die seit 2002 gesammelten Daten gestatten es zum ersten Mal, die Zustimmung zu den Dimensionen der rechtsextremen Einstellung nach Altersgruppen zu differenzieren. Das fördert Überraschendes zutage. Im langjährigen Mittel wird sichtbar, dass die rechtsextreme Einstellung bei zwei Gruppen besonders stark ausgeprägt ist: bei jungen Ostdeutschen einerseits und den älteren Westdeutschen andererseits. Wenn wir uns fragen, was diese beiden Gruppen gemeinsam haben, kommen wir auf die Folgen einer autoritären Vergesellschaftung. Mit dem Zusammenbruch von Gemeinschaften, die ihre Mitglieder autoritär integrierten, treten hier wie dort, damals wie heute, dieselben autoritären Aggressionen hervor. Wenn sich diese Interpretation bestätigt, ist die Konsequenz eine Stabilität der rechtsextremen Einstellung bei jüngeren Erwachsenen in Ostdeutschland. Der Zeitverlauf, den wir im Anschluss dokumentieren, spricht für diese Vermutung. Die Zustimmung, die antidemokratische Aussagen finden, schwankt zwischen den Altersgruppen. Aber sie schwankt auch über die Gruppen hinweg mit derselben Tendenz, wenn sich tagespolitische Ereignisse auswirken. In den Altersgruppen scheint die Einstellung dagegen eher durch geteilte sozialisatorische Erfahrungsräume bestimmbar zu sein, als durch gegenwärtige politische Entwicklungen. Trotz dieser Persistenz des Autoritären deutet sich eine Veränderung im Vorurteil an, dem »Fremde« ausgesetzt sind.

Zur autoritären Aggression tritt noch eine weitere Motivation hinzu. In Kapitel 4.2 soll dieser Wechsel verzeichnet werden. Um die These vom religiösen Untergrund der modernen Gesellschaft zu plausibilisieren und gleichzeitig das integrierende Potenzial der Ökonomie zu untersuchen, greifen wir das Konzept der Alltagsreligion von Detlev Claussen auf. Antisemitismus und Islamfeindschaft sind Vorurteile und Ressentiments, die nicht zufällig etwas gemeinsam haben: die Objekte der Projektion sind Angehörige von Religionen. Diese Gemeinsamkeit wird im Vorurteil akzentuiert, und die Differenzen zwischen den Mitgliedern der so konstituierten Gruppe werden, in Verzerrung der Realität, verleugnet. Das sagt mehr über Eigenes aus als über das so beschriebene Fremde, nämlich über den sakralen Glutkern der modernen Gesellschaft. Gleichzeitig wird die Abwertung der Andersgläubigen umso notwendiger, je zweifelhafter die eigene Heilsökonomie erscheint.

In Kapitel 5 wird der Versuch fortgesetzt, die unterschiedlichen Zugänge der Sozialpsychologie in die Analyse der modernen Gesellschaft einzubeziehen. Die Differenz der theoretischen Zugänge lässt sich nicht additiv lösen. Aber: Nicht in der Summe, sondern im Unterschied selbst kommt der Gegenstand zur Sprache. Solange die Gesellschaft disparat und widersprüchlich ist, wird ihre theoretische Erfassung nicht einheitlich sein können. Dasselbe gilt für das Individuum, dessen psychische Struktur sowohl dem Vergesellschaftungsprozess einer in sich widersprüchlichen Gesellschaft geschuldet ist, als auch den Dynamiken von Gruppenprozessen. Die aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven vorgenommenen empirischen Analysen zeitigen interessante Ergebnisse. Die Untersuchung von Verschwörungstheorien mit ROLAND IMHOFF (Kap. 5.1) und ihrer Verbreitung und Ausprägung in der Bevölkerung weist ihre Bedeutung zur Reduktion von Kontingenzerfahrung nach. Dasselbe Motiv liegt dem in Kapitel 5.2 mit IMMO FRITSCHE und JANINE DEPPE analysierten Ethnozentrismus zugrunde… … … a.d. Vorw. zu Rechtsextremismus der Mitte

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