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Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft

Sie ist 12 Jahre alt und hat einen jüdischen Vater. Dafür wird sie an ihrer Schule gemobbt und als „Judenschlampe“ beschimpft. Dann war es plötzlich nicht nur Mobbing, sie wurde letztes Jahr zweimal körperlich angegriffen. Beim schwersten Angriff wurde sie brutal zusammengeschlagen und ihr dabei die Nase gebrochen, so dass sie ins Krankenhaus musste. Danach kommen die Täter sogar noch einmal zu ihrem Opfer nach Hause und greifen es an…

Von Lucius Teidelbaum

Die Täter sind aber keine Neonazis, sondern vor allem Mädchen mit muslimischen Hintergrund. Hier mischte sich das Mobbing gegen eine Außenseiterin in der Klasse mit Antisemitismus. Der Tatort ist keine Schule in der ostdeutschen Provinz, sondern eine Realschule in einer Stadt nahe Frankfurt/Main.

Zwei öffentlich bekannt gewordene Fälle erinnerten in letzter Zeit, dass neben dem deutschnationalen Antisemitismus der Mehrheitsbevölkerung in der Bundesrepublik offenbar auch spezielle Formen von Antisemitismus bei Minderheiten mit Migrationshintergrund existieren:

* „Bist du Jude?“ fragte einer der vier Jugendlichen am 28. August 2012 18.20 Uhr in Berlin-Friedenau  in der Beckerstraße einen Rabbiner. Als der 53jährige Rabbiner, der eine Kippa trug und mit seiner sechsjährigen Tochter unterwegs war, die Frage bejahte, prügelten die jungen Männer auf ihn ein, beleidigten und bedrohten ihn. „Ich bringe deine Tochter um“, sagte einer, bevor die vier flüchteten. Der Rabbiner wurde im Gesicht verletzt und im Krankenhaus behandelt. Der Staatsschutz ermittelt – er geht von jungen Männern arabischer Herkunft aus.

* Am 3. September 2012 wurde in Berlin-Charlottenburg eine 13-köpfige Mädchengruppe der jüdisch-orthodoxen Traditionsschule „Or Avner“ auf dem Weg zum Turnunterricht an der Oppenheim-Oberschule von einer Gruppe Jungen und Mädchen mit mutmaßlichem Migrationshintergrund („südländisches Aussehen“) angepöbelt und mit antisemitischen Sprüchen beleidigt. Eine der Verdächtigen soll ein Kopftuch getragen haben.

Keine Einzelfälle

Allerdings sind das nicht die ersten Fälle dieser Art, hier ein paar weitere Beispiele:

* In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 2000 wird mit drei Molotowcocktails ein Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge verübt. Bei den Tätern, zwei Islamisten arabischer Herkunft, findet die Polizei später bei Hausdurchsuchungen ein Hitler-Bild und ein eingeritztes Hakenkreuz.

* Am 7. September 2007 wurde gegen 20.30 Uhr im Frankfurter Stadtteil Westend ein Rabbiner auf offener Straße angegriffen, der durch seine Kippa als Jude erkennbar war. Der 22jährige Täter mit afghanischen Migrationshintergrund stach dem 42jährigen Rabbiner mit einem Messer in den Bauch, nachdem er „Scheiß-Jude, ich bringe dich um“ gerufen hatte.

* Im Januar 2009 schlug ein staatenloser Flüchtling aus Palästina einem Wachmann vor der Berliner Synagoge in der Oranienburger Straße eine Eisenstange auf den Kopf.

* Die Mauer der Dresdner Synagoge wurde am 7. November 2009 von einem Mann aus Algerien mit zwei seitenverkehrten Hakenkreuzen verunstaltet. Neben einem prangten ein Gleichheitszeichen und ein Davidstern. Weiter hat der Täter neben anderen Beleidigungen ein Penissymbol, „Scheißjuden“ und auf Englisch „Monkeys“ („Affen“) und „Killer of Children“ („Kindermörder“) an den Sandstein geschrieben. Die Buchstaben verteilen sich auf neun mal einen Meter Fläche.

* Im Juni 2010 attackierten auf dem Sahlkampmarkt in Hannover über ein Dutzend mehrheitlich arabischstämmige Jugendliche die Tanzgruppe der Liberalen Jüdischen Gemeinde mit Steinwürfen. Auch antisemitische Parolen sollen gerufen worden sein. Jemand habe durch ein Megafon „Juden raus!“ skandiert, berichteten Zeugen. Die Aufführung muss abgebrochen werden und eine Tänzerin wird am Bein verletzt.

* Der Leiter der Jüdischen Gemeinde in Pinneberg (Schleswig-Holstein), Wolfgang Seibert, wurde von Islamisten bedroht. Auf einem Internetportal, dessen Domain inzwischen gesperrt wurde, bezeichnete ein Islamist Seibert als „dreckigen Juden“ und drohte ihm: „Pass auf, dass Allah dich nicht schon im Diesseits straft mit dem Tod. Das ist keine Drohung von mir, sondern von Allah dem Allmächtigen.“

* Am 29. Mai 2011 stritt sich eine 55jährige Münchnerin mit einem alkoholisierten 24jährigen Mann aus dem Libanon. Als er ihren Nachnamen erfuhr, unterstellte er, dass sie Jüdin sei und begann sie mit antisemitischem Hintergrund zu beleidigen. Auch ein Bekannter von ihm, ein 20jähriger, kam hinzu und beteiligte sich an den Beleidigungen.[1]

* Am Abend des 17. Juni 2011 wurde ein Paar in Berlin-Charlottenburg Opfer eines antisemitischen Angriffs. Das Paar war zu Fuß unterwegs als sie mit einer Gruppe von fünf Männern mit mutmaßlich arabischen Migrationshintergrund in Streit gerieten. Dabei wurde die Frau angespuckt und antisemitisch beschimpft.

* Am frühen Nachmittag des Neujahrstag 2012 warfen zwei Männer mit Steinen vier Scheiben im ersten sowie im zweiten Stockwerk, in denen sich Wohnungen befinden, der Synagoge in Lübeck ein. Sie wurden auf der Flucht von der Polizei festgenommen. Wenig später kehrten sie ungehindert zum Tatort zurück, sie wollten sich entschuldigen. Die Täter warenstark alkoholisiert, einer von ihnen stammt aus Tunesien.

Antisemitismus in muslimisch sozialisierten Milieus

„Mehr als 90 Prozent aller antisemitischen Straftaten werden von Rechtsextremisten begangen“, schätzt Juliane Wetzel vom „Zentrum für Antisemitismusforschung“ in Berlin. Auch wenn das nur eine grobe Schätzung sein dürfte, so werden der antisemitische Übergriffe in Deutschland in der übergroßen Mehrheit durch deutschnational eingestellte Personen verübt. Diesen Umstand gilt es immer im Hinterkopf zu behalten, wenn von anderen Formen des Antisemitismus die Rede ist.

Antisemitismus ist ein Ressentiment, was sich in vielen Weltgegenden, politischen Strömungen, Konfessionen und Milieus findet. Selbst in Israel ist der Antisemitismus im Gepäck mancher Einwanderer-Familien aus der ehemaligen Sowjetunion angekommen. So gibt es spezielle Ausformungen von Antisemitismus auch in Einwanderer-Milieus, die dann auch an die Kinder und Enkel weitergegeben werden. Dieser spezielle Antisemitismus darf nicht dazu genutzt werden, ganze Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht zu stellen.

Häufige Ursache ist offenbar eine Über-Identifikation mit der palästinensischen Seite bzw. dem Bild, was von dieser Seite gezeichnet wird, im Nahostkonflikt. Schüler und Schülerinnen aus arabisch- oder türkischstämmigen Familien werden auch durch den Nahost-Konflikt politisiert. Dabei gehen eine israelfeindliche Haltung und Antisemitismus nicht selten fließend ineinander über und zwischen Israels Politik, israelischen Staatsangehörigen und Juden wird nicht mehr differenziert. Die antisemitischen Interpretationsweisen des Nahost-Konflikts kommen dabei häufig aus dem Nahen und Mittleren Osten und stammen aus der Propaganda autoritärer Regimes und islamistischen Quellen. So wird ein islamistischer Antisemitismus durch Medien aus dem Ausland importiert. Da viele Bestandteile dieses Antisemitismus ursprünglich aus dem europäischen Antisemitismus stammen und „klassische“ antisemitische Stereotype sind, kann man sogar von einem Re-Import sprechen.

Graffiti in Tübingen

Arabischstämmige Jugendliche werden jedenfalls durch die Medien aus ihren Herkunftsländern bzw. denen ihrer Eltern, regelrecht dazu aufgehetzt und angestachelt, gegen Jüdinnen und Juden vorzugehen. Wenn zu Hause der Hisbollah-TV-Sender „Al-Manar“ läuft, dann ist eine antisemitische Beeinflussung sehr wahrscheinlich.

Antisemitische Tendenzen in der Türkei haben sicher auch gewisse Rückwirkungen und Resonanzen in der großen deutschtürkischen community. Problematischerweise scheint Antisemitismus in der Türkei derzeit besonders auf dem Vormarsch zu sein. So berichtet ein jüdischer Junge aus der Türkei: „Auch im demokratischen und toleranten Izmir wird die Stimmung gegen Israel immer feindlicher. Dass nun sogar Lehrer ihre Schüler weiter zum Hass anstacheln ist erschreckend. Wo führt das noch hin?“[01]

Transportmittel für Antisemitismus aus dem türkischen Herkunftsland ist beispielsweise die türkische Tageszeitung „Vakit“, die auch in der Bundesrepublik vertrieben wird und in der immer wieder antisemitische Beiträge erschienen.[02]

Kommt es zu einer Verschärfung des Nahostkonflikts hat das durch die antisemitischen Interpretaionen des Konflikts auch Auswirkungen auf Jüdinnen und Juden in Europa.

So illustrierte die palästinensische Intifada 2000, dass es eine Wechselwirkung zwischen Nahoskonflikt und Antisemitismus mit Migrationshintergrund in Europa gibt. Es kam zu einem Anstieg antisemitischer Vorfälle, aber nicht nur durch muslimische oder arabischstämmige Personen. Auch Neonazis nutzten den Konflikt um ihrem Israelhass und Antisemitismus freien Lauf zu lassen, offenbar in der Annahme, dabei auf Wohlwollen in der Bevölkerung zählen zu können. Umfragewerte und eine zum Teil sehr einseitige Berichterstattung könnten sie in dieser Annahme durchaus bestätigen.

Zum richtigen Umgang mit dem Antisemitismus mit Migrationshintergrund

Antimuslimische Rechtspopulisten stürzen sich neuerdings auf dieses Thema. Sie glauben damit für sich wuchern zu können und instrumentalisieren es sich für sich. Die rechtspopulistischen Pro-Bewegung aus dem Rheinland fordert ebenso wie die gleichgesinnte Republikaner-Partei spezielle Programme gegen „muslimischen Antisemitismus“. Der Antisemitismus der deutschen Mehrheitsbevölkerung wird dabei konsequent ignoriert, der Antisemitismus in den Reihen der Rechtspopulisten und ihrer Verbündeten erst recht. Die Selbstinszenierung als Antisemitismus-Feinde und Israel-Freunde ist häufig eine sehr durchschaubare Taktik. Sie soll gegen den Rechtsextremismus-Vorwurf immunisieren. Gestern noch beteiligte sich Andreas Molau an einem antisemitischen Karikaturen-Wettbewerb des iranischen Regimes, wenig später ist er ein wichtiger Berater in der Pro-Bewegung. Heute ist er glücklicherweise aus der rechten Szene ausgestiegen. Die Muslimhasser berufen sich in Wort und Bild häufig auf die Kreuzritter und ignorieren dabei aber konsequent die Gemetzel, die diese unter den jüdischen Gemeinden im Rheinland anrichten. In Stuttgart wollten die Muslimhasser 2011 im Rahmen eines „Großen islamkritisches Wochenende“ auch eine Pro-Israel-Parade abhalten. Nach Absage ihrer ursprünglichen Veranstaltungsräume fanden sie ausgerechnet Unterschlupf im Deutschlandsitz der antisemitischen Piusbruderschaft in Stuttgart-Feuerbach.

Das Problem aber bleibt, es gibt einen speziellen Antisemitismus in muslimisch sozialisierten Milieus. Im Nachbarland Frankreich ist das Problem dringlicher, hier wird davon ausgegangen, dass die Hälfte der antisemitischen Gewalttaten auf das Konto junger Muslime gehen, wobei allerdings Muslime nur knapp zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen. Hier gibt es aber auch eine Gegenbewegung. So haben am 4. Februar 2013 etwa 100 Imame an der Gedenkstätte in Drancy in der Nähe von Paris dem Holocaust gedenken. Hier wurden  im Jahr 1942 zehntausende Juden zusammengetrieben, bevor sie in die Vernichtungslager deportiert und ermordet wurden.

Spezielle Ausformungen von Antisemitismus benötigen tatsächlich auch spezielle Analysen und Reaktionen. Offenbar ist diese Art von Antisemitismus nicht auf einen gekränkten deutschen Nationalstolz nach Auschwitz zurückzuführen. Die klassische Erklärung mit dem Schuldabwehr-Antisemitismus und Erinnerungsabwehr funktioniert hier weniger.

Antijüdischen Klischees scheinen sich im Milieu von benachteiligten Migrantenfamilien, die selber Diskriminierungserfahrungen machen, teilweise zu einer gefährlichen „Weltanschauung“ zu verfestigen. Dagegen gilt es anzuarbeiten und zwar innerhalb der communities. Es braucht Personen, die hier respektiert werden, und die sich offen und klar gegen Antisemitismus aussprechen. Ein Vorbild wäre hier die Arbeit die „Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus e.V.“ KIgA e.V. ist seit 2003 aktiv in den Bereichen Antisemitismusprävention, Islamismusprävention und Historisch-politische Bildung. Auf der Homepage steht dazu: „Unsere Zielgruppe ist die Migrationsgesellschaft. Unser spezifischer Schwerpunkt ist die Arbeit mit muslimisch sozialisierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen.“

Ziel muss es sein, antisemitische Ressentiments abzubauen. Das kann auch mit der allgemeinen Bekämpfung von Antisemitismus außerhalb der öffentlichen Sphäre einher gehen. So ist „Jude“ oder „Judenschwein“ seit geraumer Zeit ein Mode-Schimpfwort auf den Pausenhöfen, etwas was bei weitem nicht nur von Schülern mit muslimischen Hintergrund praktiziert wird. Eine allgemeine Tabuisierung und Skandalisierung von Schimpfwörtern mit menschenverachtenden Inhalt an den Schulen wäre hier generell hilfreich.

Andererseits darf das Thema nicht ignoriert und die Opfer allein gelassen werden. Im anfangs beschriebenen Fall reagierte das Opfer mit Rückzug auf die Attacken und suchte den „Fehler“ in ihrer eigenen Herkunft. Nach den Attacken kam das Mädchen nach Hause und sagte Sätze wie Ich hasse Papa, weil er Jude ist und mich deshalb die Kinder in der Klasse schlagen.“

  1. Ege Berk Korkut: Judenhass hat türkischen Schulunterricht erreicht, 20.12.12, http://www.welt.de/debatte/kommentare/article112151074/Judenhass-hat-tuerkischen-Schulunterricht-erreicht.html []
  2. Vgl. http://www.kiga-berlin.org/uploads/Material/Kiga%20Sonderbeilage%20Vakit.pdf []