Neue Spielregeln: Syrien und Israel unter Zugzwang

„Assad hat nicht einmal einen Stein auf Israel geworfen, nachdem er angegriffen worden ist.“ Diese ungeheuere Beleidigung durch den türkischen Außenminister Devotiglu gegen den syrischen Präsidenten blieb nicht lange unbeantwortet…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 3. Februar 2013

Nach mehrtägigem Schweigen ließ Baschar Assad erklären, dass Israel mit seinen Luftangriffen „die Stabilität Syriens“ gefährde. Gleichzeitig veröffentlichte das offizielle Syrien einen kurzen Film mit Aufnahmen eines hellbraunen Gebäudes, aus dem die Fensterrahmen herausgeflogen sind. Zu sehen sind auch verbrannte Lastwagen und ein paar zerstörte parkende Autos. Im Westen wird nicht gemäß Medienberichten analysiert, was da eigentlich zu sehen ist.

Syrien befindet sich mitten in einem Bürgerkrieg, dem etwa 70.000 Menschen zum Opfer gefallen sind, von Millionen Obdachlosen und Flüchtlingen ganz zu schweigen. Syrien gilt deshalb nicht als besonders „stabiles“ Land.

Der Erklärung Assads, ging ein angedeutetes Eingeständnis des israelischen Verteidigungsministers Ehud Barak voraus. Bei der Sicherheitskonferenz  in München sagte Barak vor versammelten Verteidigungsministern aus aller Welt, dass Israel auch wirklich meine, was es erkläre. Damit spielte er auf Erklärungen von Premierminister Benjamin Netanjahu an, dass Israel unter keinen Umständen gestatten werde, dass syrische Massenvernichtungswaffen oder aus der Sowjetunion hochmoderne Flakraketen vom Typ SA-17 in die Hände von Terroristen fallen dürften, etwa der Hisbollah im Libanon. Barak fügte hinzu, dass die Lieferung moderner Waffensysteme in den Libanon „nicht erlaubt sein sollte“.

Israel wird in Syrien von beiden Bürgerkriegsparteien benutzt. Die syrische Regierung bezichtigt Israel, der Opposition zu helfen, indem es das Forschungszentrum Dschamraja nahe Damaskus angegriffen habe. Die Rebellen in Syrien hätten mehrfach ohne Erfolg versucht, die wohlgeschützten Gebäude einzunehmen.

Die gleiche Verschwörungstheorie einer vermeintlichen zionistischen Hilfe wird auch umgekehrt ausgesprochen. So gab es Stimmen in Syriens Opposition, die sich die vierzigjährige Ruhe entlang der syrisch-israelischen Grenze auf den Golanhöhen nur mit einem vermeintlichen Geheimbündnis zwischen Assad und dem zionistischen Regime in Jerusalem erklären können.

Jegliche Kooperation mit den Juden gilt in der arabischen Welt als schlimmster Hochverrat und wird von beiden Seiten benutzt, um den jeweiligen Gegner zu verunglimpfen, wie ein Arabienexperte im israelischen Rundfunk erklärte.

Solange Israel und Syrien zu dem Bombardement nach Damaskus geschwiegen haben, waren kaum diplomatische Verwicklungen zu befürchten. Jetzt aber haben sich beide Seiten in Zugzwang versetzt. Dabei ist unklar, ob Israel ein echtes Interesse hat, in den syrischen Bürgerkrieg gezogen zu werden, während Syriens Armee alle Hände voll zu tun hat, den Aufstand im eigenen Land blutig niederzuschlagen. Syrien dürfte kaum freie Kräfte haben, jetzt auch noch Krieg gegen Israel zu führen.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com

Ein Kommentar zu “Neue Spielregeln: Syrien und Israel unter Zugzwang

  1. Sofort nach dem Angriff reagierte Syrien per Mitteilungen, ja brachte m.W. als erste die Nachricht davon samt Kommentar in dem Sinn, dass Syriens Stabilität dadurch gefährdet werde, und Iran zog sofort mit. Da hat Erdogan, der es wie der Westen und viele arabische Golfstaaten mit der buntgewürfelten „Opposition“ hält, ob nun AlKaida oder/und andere militante sunnitische Islamisten (genau die, die Frankreich mit Zustimmung des Westens in Mali unter Feuer nimmt), wohl gepennt.

    Assad selbst äußerte sich wiederholt, zuletzt heute im Gespräch mit Jalili – http://de.wikipedia.org/wiki/Saeed_Jalili -, dem Vorsitzender des Obersten nationalen Sicherheitsrats des Iran:

    Ideologisch, eigentlich, zutiefst verfeindet sein müssende „Brüder“, d.h. der Vorsitzende einer erklärt sozialistischen Einheitspartei und ein höchstrangiger, militärischer Vertreter eines erklärt islamisch-schiitischen Gottesstaates, geeint in der Furcht vor dem durch fortwährende Dummheit – was sonst – selbstgeschaffenen Feind in trauter Zweckgemeinsamkeit: http://www.sana-syria.com/eng/21/2013/02/03/465230.htm

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