Mr X macht weiter Schlagzeilen

Der mysteriöse Mossad-Agent Mr X hat sich vor zwei Jahren, am 15. Dezember 2010,  im Ajalon-Gefängnis in seiner überwachten „selbstmord-sicheren“ Isolierzelle erhängt. Die Zelle war ursprünglich für den Rabin-Mörder Jigal Amir eingerichtet worden. Bis Mittwoch morgen durften israelische Medien nicht einmal unter Berufung auf „ausländische Quellen“ vermelden, was einigen Journalisten offenbar doch bekannt war…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 13. Februar 2013

Dann wurde die Zensur leicht gelockert. So wurde bekannt, dass Mr X ein Jude namens Ben Zygier war. Vor zehn Jahren ist er von Melbourne in Australien nach Israel ausgewandert. In Israel nahm er den Namen Ben Alon an und gründete in Raanana eine Familie mit zwei Kindern. Er arbeitete für den Geheimdienst Mossad und starb im Alter von 34 Jahren.

Im Jahr 2010 wurde der Mann mit australischem und israelischem Pass aus unbekannten Gründen heimlich verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. In Israel wurde ein ungewöhnlich striktes richterliches Veröffentlichungsverbot verhängt, wegen eines „ernsten Verstoßes gegen die Sicherheit Israels“. Kein Detail, nicht einmal die Existenz des Gefangenen, durfte bekannt werden.

Offenbar wussten der Abgeordnete Nitzan Horowitz und Menschenrechtsorganisationen schon 2010 –vor seinem Tod – vom „Verschwinden“ dieses Mannes. Ihnen wurde Schweigen auferlegt wegen eines „sehr delikaten Sicherheitsproblems“. Inzwischen stellt sich gemäß Medienberichten heraus, dass „Mr X“ vor seiner Verhaftung vom australischen Geheimdienst zu seinen Aktivitäten für den Mossad befragt worden sei. Das berichtet die australische Zeitung Age.

Nach seinem Tod nahmen seine Angehörigen Kontakt mit dem australischen Außenministerium auf, um den Leichnam nach Australien zu überführen. So ist klar, dass die Australier zumindest teilweise in den Fall eingeweiht waren. Ben Zygier stammte aus einer wohlhabenden, angesehenen jüdischen Familie in Melbourne. Seine Angehörigen schweigen eisern „wegen der Trauer“ und auch die jüdische Gemeinde in Melbourne will sich nicht äußern.

Ben Zygier und zwei weitere nach Israel ausgewanderte australische Juden sind angeblich nach Australien zurückgereist, haben dort ihre Namen geändert und reisten nun mit angelsächsischen Namen wie Ben Allen und Barrows und australischen Pässen nach Iran, Syrien und Libanon. Was sie dort getan haben und warum der Mossad-Agent Ben Zygier in Isolierhaft gesteckt worden ist, bleibt im Dunklen.

Öffentlich wurde jetzt die Affäre in Israel durch drei linke Abgeordnete, darunter dem Araber Ahmad Tibi. Im Schutze ihrer parlamentarischen Immunität konfrontierten sie den Minister für innere Sicherheit mit Fragen zu dem geheim gehaltenen Gefangenen.

Obwohl weiterhin nur wenige Eingeweihte wissen, in welcher Weise Ben Zygier eine „große Gefahr für die Sicherheit Israels“ darstellte, entfachten die Abgeordneten eine Diskussion zu den Begleitumständen: Wie legitim ist Isolierhaft? Darf der Staat einen Häftling verschwinden lassen? Wie konnte der Häftling trotz Überwachung Selbstmord verüben?

Trevor Bormann von ABC in Australien hatte zuvor einen Bericht zu Mr X veröffentlicht und den Skandal losgetreten, obgleich das israelische Nachrichtenportal Ynet schon am 27. Dezember 2010 über den Freitod eines namenlosen Gefangenen berichtet hatte. ABC gesteht, „keine Ahnung“ vom dem „extrem sensiblen“ Vergehen zu haben, dessen Ben Zygier verdächtigt worden ist und das eine „sofortige Gefahr für Israel als Nationalstaat“ bedeutete. „Wahrscheinlich werden wir das nie erfahren.“[01]

Der israelische Geheimdienstexperte Jossi Melman kennt auch keine Details, vermutet aber einen „Hochverrat, der die Existenz des Staates Israel gefährdet hätte.“ Das geht aus einem zensierten und schnell wieder gelöschten hebräischen Text hervor, von dem aber im Internet noch ein „Screenshot“ existiert.[02]

Mit einer schnellen Schadensbegrenzung blähte die israelische Regierung die Affäre zum internationalen Skandal auf. Ministerpräsident Netanjahu bestellte die „Chefredakteurs-Konferenz“ zu einer überstürzt einberufenen Notsitzung. Deren Teilnehmer sind Spitzenjournalisten der offiziellen Medien. Da werden auch kritische Staatsgeheimnisse mitgeteilt, mit der Auflage, nichts zu veröffentlichen. Eitan Haber, ehemaliger persönlicher Referent von Premierminister Jitzhak Rabin sagte im Rundfunk: „Dank diesem Gremium konnte schon mal ein Krieg mit Syrien verhindert werden.“ Doch der angesehene TV-Journalist Jakob Achimeir meinte: „Wir leben nicht mehr in den fünfziger Jahren, als es gerade mal ein paar Zeitungen und den Staatsrundfunk gab.“ Im Zeitalter des Internet können israelische Blogger und elektronische Nachrichtenseiten keiner Zensur mehr unterworfen werden. Derartige Versuche, Veröffentlichungen zu unterbinden, machen „keinen Sinn“ mehr.

In Israel darf weiterhin nichts Neues zu Ben Zygier berichtet werden. Die Australier jedoch waren voll informiert, behaupten aber, nichts zu wissen, obgleich deren Außenministerium die Überführung der Leiche von „Mr X“ organisiert hatte.

In der Nacht zum Donnerstag wurde das Veröffentlichungsverbot im „schweren Verbrechensfall 8493-03-10“ aufgehoben. Ohne den Namen des Delinquenten zu nennen hieß es, dass Ben Zygiers Familie über dessen Haft informiert worden war. Rechtsanwälte hätten ihn begleitet. Alle weiteren gesetzlichen Vorgaben seien eingehalten worden. So habe ein Richter seinen Tod durch Erhängen bestätigt. Weiterhin bestehe jedoch ein Veröffentlichungsverbot zu seinen mutmaßlichen Vergehen.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com

  1. http://www.abc.net.au/news/2013-02-12/australia-suspected-of-mossad-links-dies-in-israeli-jail/4514806 []
  2. http://www.richardsilverstein.com/2013/02/12/prisoner-x-was-mossad-agent-ben-zygier/ []

6 Kommentare zu “Mr X macht weiter Schlagzeilen

  1. Was Nuri „vergessen“ hat zu erwähnen, dass die von Israel verhafteten Personen Terror ausgeübt oder die israelischen Ordnungskräfte mit faustgroßen Steinen beworfen hatten.
    Laut Nuri verhaftet Israel vollkommen unschuldige Menschen, foltert sie und tötet sogar friedliche Demonstranten. Damit projiziert Nuri die Verhältnisse arabischer Staaten und des Irans auf Israel.
    In Israel ist laut Beschluß des obersten Gerichts die Folter verboten, jeder Gefangene hat das Recht vor einem Gericht von einem Anwalt seiner Wahl verteidigt zu werden.
    Vergleichen wir doch diese Bedingungen mit den Bedingungen eines Gefangenen in Gaza oder in der PA.
    Israel verstößt in zweierlei Hinsicht gegen das internationale Recht. In Judea und Samaria (Westbank) sollte es das jordanische Recht gebrauchen, denn bevor Israel dieses Gebiet besetzt hat, war es jordanisch verwaltet. Und die Jordanier haben während ihrer Besatzungszeit von 1948 und bis 1967 über einhundert arabische Einwohner dieses judenrein gemachten Gebietes gehängt. Israel hängt keinen mehr. Laut jordanischem Recht wurde gegen Frauen diskriminiert. Israel diskriminiert nicht gegen Frauen. Ich denke Nuri und die Leute die Israel den Bruch internationalen Rechts vorwerfen, wären viel glücklicher wenn Israel die Todesstrafe einführen und die Frauen diskriminieren würde, wie das im jordanischen Gesetz vorgeschrieben ist.
    Und noch an etwas muss Nuri erinnert werden, als der Nachkomme des Propheten M König Hussein in Jordanien den schwarzen September feierte und die Palästinenser zu tausenden töten ließ, sind ein paar hundert PLO Anhänger über den Jordan nach Israel geflüchtet.

  2. Zur Zeit demonstrieren Menschen in Ramallah und fordern die Freilassung von Tausend Gefangene, auch Kinder, in israelische Haft, viele ohne Urteil, viele nach Folter, viele Krank, auch Frauen.
    Es gab bereits Verletzte und Tote, Israel hat schon oft auf friedliche Demonstranten geschossen. Wenn es jetzt wieder Tote gibt, könnte es Intifada geben, wie als Barak Feuer eröffnen ließ auf unbewaffnete Demonstranten. Am Al Aksa gab es Tote, wie auch in israelischen Städten wo Araber demonstriert haben gegen Sharons am Aksa.

  3. Cherry, wenn es wahr ist, dass dieser „arme Mann“ Verrat begangen hat, dann sollte man bedenken, dass er die Möglichkeit hatte einen Anwalt in Israel zu engagieren und dass er vor ein Gericht gekommen wäre, hätte er sich nicht umgebracht.
    Ich kann mich nicht erinnern, dass alle die jetzt Krokodilstränen über Zygier vergiessen dagegen protestiert hätten, dass in Hamastan ein israelischer Gefangener mehr als fünf Jahre gefangen gehalten wurde, ohne dass er vom internationalen Roten Kreuz besucht hätte werden können.

    • Ach so, kann man die Hamas mit Israel vergleichen?
      Ich dachte Israel ist ein Staat und die Hamas Terroristen?

      Sie behaupten also, dass zwischen Zygier und Shalit kein Unterschied besteht?
      Wow! Dann ist ja Israel ein Terrorstaat?

      Von Shalit hat alle Welt gewußt, von Zygier nicht und das tut mehr weh.

      Kann man in Hagalil nicht alle Namen der aktuellen Gefangenen wie Zygier nicht auch so veröffentlichen mit Hilferuf wie bei Shalit, damit man/frau auch helfen kann, wie bei Shalit?

      Obwohl, wenn es wie damals bei Shalit ist, dass nicht jeder helfen darf, der möchte, dann kann man es auch bleiben lassen.

  4. Der arme Mann! Was der mitgemacht haben muss!

    Ich schäme mich, dass das in Israel passiert ist.

    Ich würde gerne wissen was da für eine Geschichte dahinter steckt.

  5. Das find ich wirklich super, hagalil lässt sich nichts bieten und berichtet trotzdem. Ich mein diese ganze Geheimniskrämerei ist sowieso vollkommen überflüssig, weil das, wenn man das alles öffetlich macht, also eine öffetliche Diskussion anregt, sehr viel wirksamer ist, und wesentliche Fortschritte ermöglicht. Und das die Geheimdienste in Warheit eher Securitiy Instrumente totalitärer Finanzkorrupter sind, weis doch schon jeder. Also, wozu braucht es Geheimdienste, die sind schwer kriminell und Schwerkriminelle sollte eher in Sicherheitsverwahrung, da ist nicht von Menschenrechtspraxis zu sprechen. Neue Sparte, die Verschwundenen.http://de.wikipedia.org/wiki/Verschwindenlassen

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