Erwein von Aretin und die „allzu starke Dosis fremdrassigen Giftes“

Bayerische Monarchisten werden bis in die Gegenwart von Geschichtsbüchern, Medien und Bildungseinrichtungen des Freistaates sowie im breiten Konsens der Bürger zwar als Anhänger eines als überholt geltenden Herrschaftssystems wahrgenommen, jedoch gleichsam bedingungslos als verehrungswürdige Vorfahren, als brave Patrioten, sogar als Vorbilder vereinnahmt. Kaum jemand  käme auf den Gedanken in ihnen Antisemiten zu vermuten…

Von S. W. Dräxelmayr

Zu dieser überwiegend positiven Einschätzung trug u.a. die Tatsache bei, dass manche prominente bayerische Königstreue in dunklen Nazizeiten zu den Verfolgten des heute so einstimmig abgelehnten und für alles Üble so gern ganz allein verantwortlich gemachten Unrechtsregimes gezählt hatten, ja sogar Haft und/oder Konzentrationslager über sich hatten ergehen lassen müssen und somit, scheinbar berechtigt, Opferstatus geltend machen konnten.

Die zweifellos Richtlinien „von oben“ unterworfene, heimische Geschichtsschreibung, ebenso wie die Massenmedien, die sich ihr, in der Mehrzahl unkritisches, Publikum aus sehr eigennützigen Motiven heraus nicht vergraulen woll(t)en, schufen nach 1945 ein Bild des bayerischen Monarchisten, das beinahe schon dazu geeignet war Volksheldencharakter beanspruchen zu können.

Wenn sich dann noch der betreffende Monarchist der Zugehörigkeit des, verwunderlicherweise nach wie vor populären, bayerischen Adels oder des, nicht minder positiv konnotierten, Großgrundbesitzerstandes erfreuen konnte, wenn er sich welch zweifelhafter Verdienste auch immer rühmen konnte, sei es, indem er sich als Publizist katholisch-bayerischer Phänomena, wie stigmatisierter Bauersfrauen, in quasi wissenschaftlicher Manier angenommen hatte oder auf irgendeine andere Weise christliche, traditionelle, bürgerlich-konservative, kurzum als „eigene“ beanspruchte Werte, verkörperte, dann konnten noch so viele hässliche Flecken seine weiß-blaue Weste verunzieren – sie wurden von der bayerischen Öffentlichkeit grundsätzlich ausgeblendet. Heimische Historiker, Journalisten und Politiker würden zu sämtlichen Mitteln, einschließlich Lugs, Trugs und der Täuschung greifen, um zu belegen, der da war ein „Guter“, auf den lassen wir nichts kommen, der ist uns sakrosankt. Und, bayerische Bürger, das hat bereits Lion Feuchtwanger in seinem Schlüsselroman Bayerns, in „Erfolg“, vor über achtzig Jahren festgestellt, bayerische Bürger stellen von sich aus keine Fragen, sie nehmen alles an und hin, was ihnen von ihren Eliten als „ihre“ Geschichte vorgesetzt wird, Hauptsache sie kriegen ihr täglich Brot und Bier.

Ein Monarchist, der die oben geschilderten Eigenschaften besaß, bayerisch, katholisch, adelig, aus wohlhabender Familie stammend, bürgerlich-konservativ, publizistisch in vorgenannter Weise geradezu hyperaktiv, ultrakönigstreu, mit dem bayerischen Königshaus der Wittelsbacher aufs Engste verbunden, ab 1933 dann ein vielbedauertes „Opfer der Nazis“, und am Ende gar womöglich noch dem Widerstand angehörig, war Erwein von Aretin.

Seine Familie, die zu den illustresten Bayerns gehörte, hat Historiker, Politiker und Kleriker hervorgebracht. Einer seiner Großväter war als Mitbegründer der katholischen deutschen Zentrumspartei hervorgetreten; sein Vater hatte als Regierungspräsident von Regensburg eine einflussreiche Stellung innegehabt.

Er selbst, 1887 in Bad Kissingen geboren, studierte Astronomie und Kunstgeschichte, um zunächst eine Stelle als Assistent an einer Sternwarte in Wien zu bekleiden. Später wechselte er in die Zeitungsbranche über und war ab 1924 bei den „Münchner Neuesten Nachrichten“, Bayerns größter Zeitung, für das Ressort Innenpolitik zuständig. Ebenfalls 1924 veröffentlichte Erwein von Aretin in München sein Pamphlet „Das bayerische Problem“, in dem er eindeutig monarchistische Positionen vertrat, und in dem er sich, nicht weniger eindeutig, als Rassist und Antisemit zu erkennen gab, ganz wie die Nationalsozialisten seiner Epoche:

(S. 14) „Die Schöpfer der Münchener Revolution waren keine einheimischen Gewerkschaftsführer, sondern Juden aus Galizien, Moskau und Petersburg…“

(S. 26f) „So steht der Feind nicht mehr wie einst nur in den Laufgräben vor der innerlich gesunden und intakten Stadt, sondern er ist mitten drin, hat sich zu ihrem Herrn aufgeworfen und unterwühlt mit der Hauptstadt das unglückliche und verstümmelte Land… Noch einmal ist es auch in Wien einer starken staatsmännischen Kraft geglückt der Hauptstadt der Verwaltung des ganzen Landes das Gift fernzuhalten, wenn auch ein fast zu hoch dünkender Preis, das Völkerbundsprotektorat, dafür bezahlt werden mußte, aber in dem für die Größe der Stadt viel zu kleinem Land liegt das alte, kaiserliche, vom Schiebertum östlicher Herkunft überwucherte Wien wie der Herd eines schleichenden Fiebers und zehrt an seiner Stärke. Das ist die heutige „Türkengefahr“ Wiens. Und das zerschlagene Österreich kann sie nicht mehr bannen wie damals. Auf die verödete Ostbastion des deutschen Volkes muß Bayern treten, soll nicht die üble Mischung balkanisch-jüdischen Geistes ihr zersetzendes Gift weiterfressen lassen in den gesunden deutschen Körper…“

(S. 27) „Dazu, zu dieser großen deutschen Aufgabe, die doch nichts anderes ist, wie die alte Abwehrfront gegen das herandrängende Asien, dazu braucht Bayern die volle Ellenbogenfreiheit. In Berlin wird nie Verständnis zu erwarten sein, für diese Donaugefahr, zumal im heutigen Berlin ein Geist herrscht, der dem in Wien nahe verwandt ist, nur daß zu den jüdischen Essenzen mehr russische als Balkanelemente treten. Wer es gut meint mit Deutschland und nicht Interessen partikularster Art verfolgt, glaubend, es seien solche der Allgemeinheit, weil es vielleicht solche Preußens sind, der wird sich dieser aufdringlichsten Seite der bayerischen nächsten Aufgabe unter gar keinen Umständen verschließen können. Natürlich ist auch München angefressen von der Zeit und hat ihr den Tribut zahlen müssen, der jeder Großstadt von einigermaßen bedeutenden Weltverkehr auferlegt ist. Aber die allzu starke Dosis fremdrassigen Giftes, die hier die Revolution besonders bösartig sich austoben ließ, hat zugleich die noch kerngesunden Kräfte des heute noch wie vor Jahrhunderten staatsstolzen und staaterhaltenden Landes geweckt und eine Reaktion hervorgerufen, die immerhin noch vor dem großen östlichen Zustrom einsetzte und ihm sich hierher zu ergießen widerriet.“

(S. 43) „In unserm glücklichsten Jahrhundert stand die Gesetzgebung des Landes auf drei Füßen, dem König und den beiden Kammern. Nicht unser Verbrechen hat diese Ordnung gestürzt, aber als Hehler und Nutznießer des Verbrechens Eisners und seiner Freunde haben wir den unsagbar törichten Versuch gemacht, diese drei Stützpunkte des Staates durch einen einzigen zu ersetzen und zwar gerade durch den am wenigsten geeigneten an Vorbildung und Zusammenhang.“

(Erwein von Aretin, Das bayerische Problem, München 1924)

Besondere Beachtung verdient hier die, bei Judenfeinden so beliebte, Metapher Juden = zersetzend wirkendes Gift, die bei Aretin gleich dreimal (S. 26f) vorkommt. Zum Vergleich: Kronprinz Rupprecht von Bayern, der Thronprätendent, hatte etwa zur selben Zeit, im Dezember 1923, in seiner „Betrachtung der politischen Lage“ betitelten Denkschrift (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Abt. III, Geheimes Hausarchiv, Nachlass Kronprinz Rupprecht, Nr. 774) ganz ähnlich formuliert:

„Die Minimalforderung ist die Ausweisung der Ostjuden, die unbedingt erfolgen muss, denn diese Elemente haben vergiftend gewirkt.“

Es erübrigt sich der Hinweis darauf, dass die gleiche Metapher auch im seit dem Jahre 1923 erscheinenden Antijudenmagazin des Bayern Julius Streicher, „Der Stürmer“, immer wieder auftaucht, ebenso wie in der einschlägigen Publizistik der zahlreichen katholischen Judenfeinde. (Richard Faber, „Der Zersetzer“ und Nicoline Hortzitz, „Die Sprache der Judenfeindschaft“; beide in: Bilder der Judenfeindschaft, (Hg.) J.H. Schoeps u. J. Schlör, München 1995)

Der Antisemitismus des Erwein von Aretin, eines Mannes, der sich ohne Hemmung der Terminologie der Rasseantisemiten seiner Epoche bediente, und die verderbliche, weil massenwirksame, Rolle, die er mit seinen publizierten Judenfeindlichkeiten in einer Zeit spielte, als in Bayern die Nationalsozialisten mit ganz ähnlichen Propagandamustern agitierten, dürfen nicht unterschätzt werden. Die bayerischen Monarchisten besaßen in weiten Bevölkerungskreisen Bayerns bedeutenden Einfluss und ihre menschenfeindliche Rhetorik, somit auch ihr Antisemitismus, wirkten bei bayerischen Bürgern auf deren Wahrnehmung von Juden mit ein.

Am Thronprätendenten Rupprecht von Bayern war der weitere Lebensweg  Aretins ausgerichtet, „… der dem Kronprinzen als ehemaliger Leiter des Bayerischen Heimat- und Königsbundes und politischer Berater eng verbunden war.“ ( Dieter J. Weiß, Kronprinz Rupprecht von Bayern, Regensburg 2007, S.13)

„Zunehmendes Gewicht in der öffentlichen Diskussion gewann der Bayerische Heimat- und Königsbund ab 1926 mit der von Graf Soden inspirierten Wahl Dr. Erwein Freiherr von Aretins zum Vorsitzenden. Der Journalist entwickelte Verfassungskonzeptionen für die Zukunft Bayerns, das er als Königreich auch innerhalb eines republikanischen Deutschen Reiches etablieren wollte. Auch nach der Übernahme des innenpolitischen Ressorts der Münchner Neuesten Nachrichten blieb er der führende Denker des Königsbundes, dessen Mitgliedszahlen in der Krisenzeit der Weimarer Republik stark anstiegen. Gleichzeitig war er der bedeutendste strategische Kopf, der sich um die praktische Umsetzung seiner Ziele sorgte. Besonders aufschlussreich ist sein Briefwechsel mit Kronprinz Rupprecht… Schon Mitte der zwanziger Jahre bemühten sich der Kronprinz und Aretin, das moderne Medium des Films zur Verbreitung ihrer Ideale einzusetzen.“ (Weiß, S. 247)

„Erwein von Aretin betrachtete den Artikel 17 der Weimarer Reichsverfassung ‚Jedes Land muß eine freistaatliche Verfassung haben.‘ – nicht als Hindernis und wollte das Königreich Bayern innerhalb einer deutschen Republik installieren. Er sorgte für die publizistische Verbreitung solcher Gedankengänge… Aretin widmete Rupprecht ein Lebensbild ‚Das Erbe der Krone‘ und diskutierte ‚Die bayerische Königsfrage‘… Publizistische Unterstützung fanden die Monarchisten auch durch die von Aretin geleitete Redaktion der Münchner Neuesten Nachrichten.“ (Weiß, S. 265)

In viel gelesenen Artikeln, u.a. in den „Süddeutschen Monatsheften“, vertrat Aretin seine Linie, wobei häufige Seitenhiebe gegen die im monarchistischen Milieu ungeliebte Republik von Weimar üblich waren. (U.a. in: „Die bayerische Königsfrage“, in: Süddeutsche Monatshefte Jgg. 1932/1933, S. 231)

Nachdem Monarchisten und Nationalsozialisten lange Zeit über in ihrer Gegnerschaft zur jungen Demokratie in Deutschland gemeinsame Sache gemacht hatten und beide Seiten die Hoffnung gehegt hatten, jeweils mit Hilfe der anderen an die Macht zu gelangen, erwiesen sich schließlich die Nationalsozialisten als die beharrlicheren und entschlosseneren: Hitler wurde 1933 von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt.

Noch Anfang Februar des Jahres 1933 war Kronprinz Rupprecht dazu bereit gewesen Adolf Hitler zu empfangen und die Zusammenarbeit der Monarchisten mit den Nationalsozialisten fortzusetzen. (Dieter J. Weiß, Kronprinz Rupprecht von Bayern, Regensburg 2007, S. 266)

Jedoch benötigten die Nationalsozialisten die Monarchisten, nachdem sie die Macht einmal in Händen hielten, nicht mehr und das Verhältnis beider Lager zueinander begann sich zusehends zu verschlechtern. Leidtragender war u.a. Aretin, der wegen NS-kritischer Veröffentlichungen im März des Jahres 1933 verhaftet wurde und rund ein halbes Jahr im KZ Dachau verbringen musste.

„Am meisten beschäftigte Rupprecht das Schicksal des im November (1933) aus Stadelheim in das Konzentrationslager Dachau verschleppten Barons Aretin. Deshalb bat der Kronprinz am 11. November (SA-Chef) Hauptmann Röhm zu sich. Dieser erklärte aber, nur (Reichs-Statthalter) Epp könne etwas erreichen. Eine Woche später schrieb der Kronprinz … nochmals an Röhm, um zu erfahren, welche Beschuldigungen gegen Aretin vorlägen.“ (Weiß, S. 283)

Nachdem einflussreiche Personen, die sowohl der Monarchie als auch dem Nationalsozialismus nahestanden bzw. in beiden politischen Milieus Ansehen genossen, sich für ihn eingesetzt hatten, kam Aretin im März 1934 frei. Er wurde mit Schreibverbot belegt und ihm der weitere Aufenthalt in Bayern untersagt. Er durfte in relativer Nähe zu seiner Heimat, im Schwarzwald, leben, wurde weiter nicht ernsthaft belästigt oder gar gefoltert und verbrachte die Jahre bis 1945 u.a. an Übersetzungen arbeitend.

Wie man folglich leicht  erkennt, war der so häufig von bayerischen Historikern und Publizisten nach 1945 bemühte Opferstatus des Erwein von Aretin in keinster Weise mit jenem etwa jüdischer oder der Sinti-KZ-Häftlinge zu vergleichen.

Nach Kriegsende nach Bayern zurückgekehrt, griff Aretin seine publizistische Tätigkeit wieder auf, wobei er sich sowohl in der konservativen Bayernpartei (BP) als auch beim wiedererstandenen (und bald zur Bedeutungslosigkeit herabsinkenden) Bayerischen Königsbund engagierte. 1952 verstarb er in München.

Von Interesse ist, wie angesehene bayerische und deutsche Nachschlagewerke Aretin einschätzten, und, ob sie dessen Antisemitismus bzw. dessen Demokratiefeindlichkeit, aufgreifen oder nicht:

Neue Deutsche Biographie, Berlin 1953, „Aretin, Erwein von“:

„… 1922 in den Redaktionsstab der ‚Münchner Neuesten Nachrichten‘ berufen, wurde sein Name 1927 weit über die deutschen Grenzen hinaus durch seine Artikel über Therese Neumann bekannt. Im Glauben an eine von Gott gesetzte Rechtsordnung trat A. in Wort und Schrift für Bayerns Eigenständigkeit und sein Königtum im Rahmen des Reiches ein, von dessen Notwendigkeit er zutiefst überzeugt war. Im Angesicht des aufkommenden Nationalsozialismus, dessen Gefahr er sofort erkannte und den er kompromißlos bekämpfte, versuchte A. in den Jahren 1932/33 gemeinsam mit Gesinnungsfreunden durch die Wiederaufrichtung der bayerischen Monarchie die konservativen Kräfte zu sammeln und damit Bayern und Deutschland zu retten. Infolge seiner mutigen Haltung bis zum letzten Augenblick war er von 1933 bis 1945 den schwersten Verfolgungen ausgesetzt… Nach 1945 wurde er zum Vizepräsidenten des Deutschen Caritasverbandes und in andere Ehrenstellen berufen. Seine menschliche Güte erwarb ihm viele Freunde, seine persönliche Integrität wurde auch von seinen Gegnern anerkannt.“

Antisemitismus und Demokratiefeindlichkeit Aretins werden in der NDB unterdrückt, während das inkriminierende Pamphlet Aretins von 1924 im Werkeverzeichnis seines Eintrags unkommentiert Berücksichtigung findet.

Biographisches Wörterbuch zur deutschen Geschichte, München 1973-1975, drei Bände; als Lizenzausgabe vom katholischen Weltbild-Konzern, Augsburg 1995, erneut veröffentlicht, „Aretin, Erwein von“:

„… trat 1922 in die Redaktion der ‚Münchner Neuesten Nachrichten‘ ein, wo der fromme Katholik 1927 durch seine Artikel über die stigmatisierte Therese Neumann von Konnersreuth großen Ruf erlangte. Überzeugter und politisch höchst aktiver Monarchist, suchte er gegen Ende der Weimarer Republik die konservativen Kräfte in Bayern zu sammeln, erfuhr seit 1933 schwere Verfolgungen und lebte, mit Aufenthaltsverbot in München und Schreibverbot belegt, als Übersetzer und pseudonymer Autor von Schriften, die moralisch den deutschen Widerstand gegen Hitler stärkten. 1945 wurde der vornehme Edelmann Vizepräsident des Deutschen Caritasverbandes.“

Antisemitismus und Demokratiefeindlichkeit werden verheimlicht; das Pamphlet „Das bayerische Problem“ erscheint unkommentiert im Werkeverzeichnis.

Bosl’s Bayerische Biographie, (Hg.) Karl Bosl, Regensburg 1983, „Aretin, Erwein von“:

„Journalist und Politiker“, „enge Freundschaft mit R. M. Rilke“, „In Wort und Schrift Eintritt für Bayerns Eigenständigkeit und sein Königtum im Rahmen des Reiches. 1932/33 Versuch die bayerische Monarchie wieder aufzurichten und die konservativen Kräfte zu sammeln, um damit Bayern und Deutschland vor dem Nationalsozialismus zu retten. 1933-1945 schwerste Verfolgung und Verbannung aus München.“

Antisemitismus und Demokratiefeindlichkeit Aretins werden ausgeblendet und auch das Pamphlet findet im Werkeverzeichnis hier keine Erwähnung.

Wikipedia verschwieg bis Dezember 2012 den Antisemitismus und verheimlicht weiterhin die demokratiefeindliche Haltung Aretins; die virtuelle Bürgerenzyklopädie erwähnte auch bis vor Kurzem nicht das Pamphlet des Jahres 1924 „Das bayerische Problem“; als einzige Veröffentlichung Aretins war lediglich jene zu der stigmatisierten Therese Neumann aufgeführt worden. Es fehlt im Wikitext jedwede Information, die auf eine Verbindung Aretins mit Kronprinz Rupprecht hinweist, obwohl Aretin diesem bis zu seinem Tode nahestand.

Erwein von Aretin steht mit seiner judenfeindlichen Haltung in einer Reihe mit anderen bayerischen  monarchistischen Helfershelfern des bayerischen Kronprinzen Rupprecht, die sich publizistisch oder in ihren Privataufzeichnungen ganz entsprechend als widerliche Antisemiten offenbart haben, namentlich etwa Konrad Krafft von Dellmensingen oder Ernst Röhm. Bei anderen bayerischen Königstreuen, wie etwa bei Ernst Pöhner, legt allein schon die Sympathie, die ihnen von Seiten Adolf Hitlers zuteil wurde (persönliches Lob in „Mein Kampf“), eine antisemitische Haltung nahe.

Bedauerlicherweise fehlt bis heute eine wissenschaftliche Arbeit, die umfassend und erschöpfend das Thema Antisemitismus bei den bayerischen Monarchisten behandelt und die dazu geeignet wäre das längst überfällige Ende der so zahlreichen Mythen vom bayerisch-monarchistischen Widerstand, Opfermut und Heldengeist einzuläuten.

10 Kommentare zu “Erwein von Aretin und die „allzu starke Dosis fremdrassigen Giftes“

  1. Dass von Aretin beim SPIEGEL schreiben konnte, verwundert nicht: saß doch dort eine ganze Nazi-Schreiberbande beieinander, ebenso wie beim STERN und anderen. Dass aber bis heute Aretin-Biographien zusammengeschustert werden dürfen, die das Pamphlet von 1924 verschweigen, schockiert denn doch. Und Bosl – da kann man nur hoffen, dass es weitere Klärungen gibt, wie bei Binyamin Zeev Kedar/Peter Herde: A Bavarian Historian Reinvents Himself. Karl Bosl an the Third Reich, 2011 in Jerusalem erschienen. Es lohnt sich, die ausgedehnte Besprechung des Deggendorfer Gymnasial-Geschichtslehrers Dr. Ernst Schütz in Alt & Jung Metten, Heft 2/2011/2012 zu lesen, zu bestellen über die niederbayerische Benediktinerabtei Metten: Sie zeigt Mechanismen auf, wie Unrühmlichkeiten aus jener Zeit sehr unterschiedlich beurteilt werden können. Aretin hat offenbar exakt auf die von Dräxlmayr enthüllte Gegenseitigkeitshilfe gebaut. Und es ist schon bitter, dass katholische Seiten wie die Caritas, der Weltbild-Verlag usw. sich selbst und die frühen Antisemitismussünder ungeniert im Milieu hielten und stützten. Es ist eine Schande!
    @Justice: Eigentlich sollte man Sie in Ihrer Albernheit zapppeln lassen – aber offenbar wissen Sie nicht, dass ausgerechnet die BAYERN ein glänzendes Beispiel des Anstands geboten haben, als sie im Krieg in Zürich spielten, dort ihren langjährigen Vorstand Landauer auf der Tribüne entdeckten und ihn trotz Verbots und drastischer Strafandrohung geschlossen ehrerbietig grüßten. Vermutlich dies hat Landauer befähigt, trotz der vielen Mordopfer in seiner Familie nach Bayern zurückzukehren.

    • Zitat: „…dass ausgerechnet die BAYERN ein glänzendes Beispiel des Anstands geboten haben“

      Gestatten Sie bitte eine kleine Korrektur:

      Nicht „die“ Bayern boten dieses „glänzende Beispiel des Anstands“, sondern leider nur einige wenige Bayern.

      Die große Mehrheit der Bayern zeichnete sich schon immer durch
      Gleichgültigkeit, Passivität und Desinteresse
      aus. Lesen Sie einmal das Buch „Erfolg“ von Feuchtwanger, das auch Dräxelmayr oben erwähnt. An mindestens zwei Stellen finden Sie darin Zitate wie „dem Tier näher als dem Menschen“ – bezogen auf diese ganz besonders weit verbreitete bayerische Charaktereigenschaft, sich eben nicht zu involvieren, wenn es (nur) um die Haut anderer geht.

      Feuchtwanger war gebürtiger Münchner, hatte den Antisemitismus seiner christlichen Landsleute sprichwörtlich am eigene Leib erleben müssen, mit Steinwürfen und Gejohle hatten bayerische Judenfeinde ihn aus seiner Mutterstadt vertrieben. „Erfolg“ gilt nicht umsonst als der Schlüsselroman Bayerns. 750 Seiten, die man gelesen haben sollte, wenn man mitreden will, über Bayern. – Klar, gab es immer auch anständige Bayern, aber eben zu wenige, leider.

  2. Vielen Dank für den sehr informativen und (angesichts der abstoßenden Verwicklungen des beschriebenen katholisch-monarchistischen Milieus) überaus sachlich gehaltenen Artikel. Dass gerade der bayr. Landeskundler Dr. Bosl an der Verklärung Aretins teilnimmt, überrascht nicht. Bosl arbeitete für die Nazis und fälschte sich im Nachkrieg und zu Beginn seiner Kariere eine eigene Widerstandslegende zusammen.

  3. Das 1924er Pamphlet von Aretin enthält gar wunderliche Perspektiven für Bayern. Es scheint als habe der bajuwarische Adelige den Morgenthau-Plan vorausgenommen; Bayern solle, so Aretin, industriefrei und ein reines Agrarland bleiben; kurzum, glückliche Bauern, wohin das Auge blickt, nichts als Bauern in Bayern.
    Tatsächlich jedoch hatte er nur Angst vor noch mehr „Fremden“.
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    „Eine vordringliche Aufgabe liegt sicher in der Erhaltung unseres Landes als vorwiegendes Agrarland. Zumal im Osten hat Deutschland so ausgedehnte landwirtschaftlich hervorragend produktive Gebiete verloren, daß hier für Bayern eine wirkliche Aufgabe erwächst. Nicht Industrialisierung des Landes, sondern planmäßige Intensivierung seiner Landwirtschaft ist das Gebot der Stunde. Deutschland wird von ihr den Vorteil einer besseren Ernährung haben und den viel höher einzuschätzenden einer Reserve eines ungebrochenen Volkstums auf eigener Scholle. Die Technik macht durch Ausnützung der gewaltigen Wasserkräfte des Landes Gewalten mobil, die nicht notwendig zu seinem Segen gereichen müssen. Gewiß sollen sie, der einheimischen Industrie in jeder Weise dienstbar gemacht werden, ehe sie aber die Industrieritter aller Länder anziehen, müßte eine weise Staatslenkung danach trachten, sie vor allem den landwirtschaftlichen Betrieben zur besseren Ausnützung des Bodens zur Verfügung zu stellen. Bayerns Überschwemmung mit fremder Industrie wäre die Schwindsucht am Mark der bayerischen Kraft…“
    (Erwein von Aretin, Das bayerische Problem, München 1924, S.28f)

  4. Erwein von Aretin trat 1948 als Gastkolumnist beim SPIEGEL auf.
    Auch in diesem Artikel lässt er kein gutes Haar an der Weimarer Republik und er setzt sich, mit heute kaum noch nachvollziehbaren Argumenten, weiterhin für die Monarchie ein, die er allen Ernstes als Allheilmittel gegen Korruption preist:
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44415711.html
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    Ein dubioses „Institut Deutsche Adelsforschung“ liefert den Beleg dafür, dass noch heute, im 21. Jahrhundert, Erwein-von-Aretin-Biografien verfasst werden, wie in den 1950ern. Achtung, hier wird’s richtig nostalgisch:
    http://home.foni.net/~adelsforschung/lex13.htm

    Natürlich muss auch hier das Werkeverzeichnis ohne das Gift-Pamphlet von 1924 auskommen und von Antisemitismus bzw. Demokratiefeindlichkeit Aretins hat der Institutsautor ganz entsprechend ebenfalls noch nie etwas gehört.

  5. Wohl auf die Veröffentlichungen bei haGalil zum Antisemitismus im bayerischen Königshaus der Wittelsbacher (die beiden Artikel über Kronprinz Rupprecht) hin, beginnt sich nun offensichtlich auch bei der in vielen Dingen so schwerfälligen virtuellen Bürgerenzyklopädie wikipedia.de ein wenig was zu bewegen.

    Man staune, was diverse dortige Diskussionsseiten alles zu den bayerischen Royals zutageförderten:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Rupprecht_von_Bayern
    http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Erfolg_%28Roman%29
    http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Herbert_Eulenberg

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