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Oberösterreichs Polizei zerreißt mafiöses Nazinetzwerk

Polizisten und Staatsanwälte in Oberösterreich haben zehn Mitglieder einer Mafia-Vereinigung in Haft genommen. Einige von ihnen gestanden  Brandstiftungen, Raub, Drogendeals, Waffenhandel, Einbrüche, Diebstähle, Körperverletzungen, illegale Prostitution, Internetbetrügereien und Erpressungen  –  und das alles in einem Nazinetzwerk mit rund 200 Mitgliedern. Ihre „Kameradschaft Objekt 21“ war vor zwei Jahren vom Staat verboten worden, hatte jedoch klammheimlich weitergemacht. In Oberösterreich hatten die Verdächtigen Angst und Schrecken verbreitet…

Von S. Michael Westerholz

Während in Braunau in typisch österreichischer Art weiterhin über die zukünftige Verwendung des Hitler-Geburtshauses diskutiert und gelegentlich  demonstriert wird und von allen Verantwortlichen offiziell begrüßte Ideen hintenherum negiert werden, baute sich um ein gepflegtes Bauernhaus im Bezirk Vöcklabruck die „Kameradschaft Objekt 21“ auf, die sich stramm national gerierte. In dem uralten Anwesen gastierten berüchtigte Nazibands, drumherum wurden „altgermanische Riten“ gefeiert. Bekannte Neonazis aus ganz Österreich und mehreren deutschen Bundesländern reisten dazu an. Haus und Netzwerk erlangten Kultstatus unter den Nazis.

Wie die Angehörigen des deutsch-thüringischen und sächsischen „National-Sozialistischen Untergrunds“ (NSU), die binnen zehn Jahren eine Polizistin und  wahllos zehn Türken und Griechen ermordeten und sich durch Bankraube finanzierten, verschafften sich auch die Österreicher Geld für ihre Naziaktivitäten durch teils widerwärtig gemeine und brutale Verbrechen. So verursachte eine Brandstiftung im Wiener Bordell „Saunaclub Centaurus“ im Mai 2011 einen Schaden von 2,5 Millionen Euro – und wurde zum probaten Mittel der Schutzgeld-Erpressung und Nötigung von Unternehmern der Sex-Szene. Der Besitzer des Bordells „Taubenschlag“ in Inzersdorf im Bezirk Kirchdorf an der Krems verweigerte 2009 Zahlungen. Daraufhin wurde er entführt und mit einer Motorsäge „behandelt“. Schließlich brannte auch noch der „Taubenschlag“. Schaden: über 400.000 Euro. Und weil der Eigner des Bordells „BB“ in Schärding direkt an der bayerischen Grenze sein Geschäft nicht abtreten wollte, wärmten sich die Rechtsextremen am Feuer seines prompt abgefackelten Autos.

Von derlei Erpressungen waren aber auch „normale“ Geschäftsleute, Handwerker und Firmenchefs betroffen. Und da die Bosse der „Kameradschaft Objekt 21“ Mitglieder schon in Haftanstalten angeworben hatten, wurden auch diese „Spezialisten“ für bestimmte Verbrechen mit Gewalt gefügig gemacht, wenn sie sich aus der Szene entfernen wollten. Die extremistische parteipolitische Orientierung gab es kostenlos dazu.

Bitter: „Anno 1814“ steht über dem zeitweiligen Banden-Hauptquartier, dessen Objektnummer 21 zum Tarnnamen der rechtsextremistischen und zugleich mafiösen Kameradschaft wurde.  „Gott segne dieses Haus- Und alle, die da gehen ein und aus“ ist über der Eingangstüre zu lesen, zynische Blasphemie. Denn  Eigner des Hauses ist der Vater des Regisseurs und Oscar-Preisträgers Stefan Ruzowitzky, der für sein Filmdrama „Die Fälscher“ ausgezeichnet worden war. Vater Erich Ruzowitzky hatte nicht gewusst, wer die wahren Mieter seines Hauses waren. Als es der mittlerweile aufgeklärten Familie Ende 2012 gelang, die unliebsamen Mieter aus dem Haus zu schaffen, klagte der Vater einer Zeitung: „Ich habe Angst!“

Die Frage, ob Österreichs Polizei und die Staatsanwälte aus Wels dem Treiben der Nazis zu lange zugeschaut haben, wird ebenso diskutiert wie jene, ob es Verbindungen zur harten  Naziszene im benachbarten Bayern oder in anderen deutschen Bundesländern gibt. Ganz sicher sind aber Polizisten und Staatsanwälte, zahlreiche Verbrechen nachweisen zu können – sie waren bei intensiven Beobachtungen der Szene wiederholt Zeugen. Oder sie wurden von Verbrechensopfern informiert. Auch darum griffen sie sich bei Festnahmen seit dem Sommer 2012  und bei den jüngsten Razzien in erst einmal 80 Mitglieder der Mafia- und Nazibande. Zehn blieben auf richterliche Anordnung in Untersuchungshaft  – die Spitze der Bande. Darunter sind vier, die schwerer Brandstiftungen oder der Anstiftung dazu verdächtigt werden.

Zahlreiche Geständnisse hat die Polizei schon vorliegen. So über den Escortservice der „Kameradschaft“, der die illegale Prostitution verschleierte, an dem die Band gut verdiente. Die unglücklichen Mädchen, auch mit falschen Versprechungen illegal ins Land geholte Ausländerinnen, sollen mit Drohungen und Gewalt zu ihrem entwürdigenden Geschäft veranlasst worden sein. Sicher scheint, dass einige der Mittäter raffiniert in finanzielle Abhängigkeit der Verbrecher gebracht worden waren, teils durch Drogen; denn auch mit solchen gab es einen schwunghaften Handel.

Bei den jüngsten Hausdurchsuchungen wurden Kriegsmaterial, zehn Kilo Sprengstoff, eine Maschinenpistole, ein Sturmgewehr, reichlich Munition, Messer, Schlagringe, ein Wurfstern mit rasiermesserscharfen Kanten und langen Spitzen sichergestellt. Allem Anschein nach verdiente die Bande auch mit einem ausgedehnten Waffenhandel viel Geld.

„Waffenschmiede“ nannten die rechtsextremen „Kameraden“ ihren Versammlungraum. Ein Wand- und Deckenbild nach Art altchistlicher  Fresken zeigt unter anderem einen heiligen Nikolaus, dessen Festtag an jedem 6. Dezember ein traditioneller Geschenketag ist: Im oberösterreichischen Innviertel gehört aber auch ein schwarzer,unheimlicher Geselle zur Begleitung des Heiligen – und der schlägt bösen Kindern gerne gehörig die Rute um die Beine. Ein Sprecher der Polizei: „Da setzt es schon mehr als nur ein paar Rutenstreiche!“