Die Geschichte der Hämatologie und ihres Nestors: Verweigerte Ehre

Geschichtsaufarbeitung steht im Mittelpunkt des Jahrbuchs zum 75. Jubiläum der deutschsprachigen Gesellschaften für Hämatologie und Onkologie…

Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie e.V. wagte die kritische Auseinandersetzung mit ihrer 75-jährigen wechselhaften Geschichte. Für die wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte der medizinischen Fachgesellschaft stellte die DGHO den Medizinhistoriker Prof. Peter Voswinckel ein.

Geschichte im Spiegel der Ehrenmitglieder

Neben der Mehrheit verdienter und international renommierter Wissenschaftler aus den Bereichen der Hämatologie und Onkologie in Ost und West (zB Samuel Mitja Rapoport) finden sich in zeittypischer Weise auch einige „Schwarze Schafe“ unter den Ehrenmitgliedern, so ein Generalleutnant der Waffen-SS, der sich einer Verurteilung als Kriegsverbrecher durch Selbstmord entzog, oder 40 Jahre später ein inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, der über 15 Jahre seine Kollegen im In- und Ausland systematisch ausspionierte. So spiegeln die Biografien der Ehrenmitglieder nicht nur die wissenschaftliche Exzellenz der Fachgesellschaft wider, sondern ebenso die wechselhafte deutsche Mentalitätsgeschichte im 20. Jahrhundert.

Geschichte im Spiegel verweigerter Ehre

Im zweiten Teil des nun veröffentlichten Jubiläumsbuches – begleitet von einer Ausstellung auf der Jahrestagung in Stuttgart – thematisierte Prof. Voswinckel die „Verweigerte Ehre“ und dokumentierte den Verrat deutscher Hämatologen an ihrem Nestor, dem jüdischen Kollegen Hans Hirschfeld, Professor an der Charité in Berlin. Im Dritten Reich und auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eigneten sich Kollegen das geistige und materielle Eigentum des damals führenden Hämatologen Hirschfeld an.
Beispielhaft für die Aufarbeitung gegen das Vergessen ist die Korrektur der Angaben zu Hirschfelds Tod. „Er starb im Jahr 1944 im KZ Theresienstadt und nicht – wie häufig kolportiert – 1929 in Berlin“, so Voswinckel. Ein Gedenkvortrag von Dr. Thomas Benter über das von Repressalien und Verrat geprägte Wissenschaftlerleben des international bekannten Blutforschers komplettierte den kritischen Schulterblick der Hämatologen und Onkologen während eines eigenen Symposiums.

Rezensionsexemplare des Jubiläumsbandes „Die Geschichte der DGHO im Spiegel ihrer Ehrenmitglieder“ sind über das DGHO-Hauptstadtbüro zu beziehen. „Mit diesem Gegenentwurf einer klassischen Festschrift beginnen wir die historische Aufarbeitung der Geschichte der Fachgesellschaft. Wir sind froh, die Diskussion und historische Reflexion auf unserer Jahrestagung (in Stuttgart im Oktober 2012) unter den Teilnehmern entfacht zu haben“, resümiert Prof. Gerhard Ehninger, Geschäftsführender Vorsitzende der DGHO.

siehe auch: aerzte.erez-israel.de

Stolperstein für Prof. Hirschfeld

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