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Gedenktage: Ganz nach Belieben?

In seiner Begrüßung der Gäste sah sich der Direktor der Budge-Stiftung, Heinz Rauber, veranlasst, auf einen unangemessenen Umgang der Politik mit dem Internationalen Holocaust-Gedenktag hinzuweisen. Es sei nicht vertretbar, dass der Deutsche Bundestag darauf verzichte, am 27. Januar eine öffentliche Gedenkstunde abzuhalten…

Ebenso sei es falsch, wenn das Europaparlament wie geschehen die Gedenkstunde bereits am Dienstag der vergangenen Woche abgehalten habe. Die Begründung für dieses Vorgehen war, eine Sitzung am Sonntag, den 27. Januar habe nicht in die „Sitzungslogistik“ gepasst. Damit, so Stiftungsdirektor Heinz Rauber, habe man in beiden Parlamenten den Gedenktag an die Opfer der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft einer gewissen Beliebigkeit preisgegeben, nach dem Motto „Gedenktag ja, aber nur wenn es in den Sitzungsplan passt“.

So sei eine Verankerung des mittlerweile internationalen Gedenktages im Bewusstsein der Bevölkerung nicht zu erreichen, betonte Heinz Rauber vor den in der Budge-Stiftung lebenden Überlebenden der Schoah. In der Stiftung sei die persönliche Begegnung mit Frauen und Männern noch möglich, die das Grauen von Auschwitz und anderen Stätten der nationalsozialistischen Vernichtung überlebt hätten.

In der Stiftung werde der Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz auch künftig immer am 27. Januar begangen werden, dies schulden wir den Überlebenden, betonte Heinz Rauber.

Der Frankfurter Bürgermeister Olaf Cunitz (Grüne) griff in seiner Gedenkrede diese Haltung auf. Als Planungsdezernent ist er auch verantwortlich für die Plätze und Räume dieser Stadt, die an die Grausamkeiten der Nationalsozialisten erinnern. Wer erinnern wolle, sagte Cunitz, der brauche auch Orte, an denen dies möglich ist. Bürgermeister Cunitz nannte als Beispiel die ehemalige Großmarkthalle, eine Planung des jüdischen Architekten Martin Elsässer und Teil des künftiger Sitzes der Europäischen Zentralbank. In der Zeit des NS-Staates fanden an diesem Ort die Deportationen der Frankfurter Juden statt. Die Rampen der alten Großmarkthalle seien ein einzigartiger Ort in Deutschland für das Gedenken an die Deportation, betonte Olaf Cunitz.

Bürgermeister Olaf Cunitz

Der Bürgermeister erwähnte auch das Verlegen von „Stolpersteinen“ und bezeichnete dies als eine stete und angemessene Erinnerung an die gewaltsame Entfernung der Juden aus dem Leben der Stadt Frankfurt.

Bürgermeister Cunitz, der sichtlich durch das gemeinsame Gedenken berührt war, betonte, dass das Treffen mit Augen- und Ohrenzeugen des Grauens nötig sei, um letztlich Formen des Erinnerns zu entwickeln, die über den Tag hinaus Wirkung zeigen könnten.

Innehalten konnten die Anwesenden im gemeinsamen Anzünden der Kerzen mit den Überlebenden der Shoa bei musikalischer Begleitung durch Roman Kuperschmidt.
Von den Überlebenden wurde der Kaddisch gebetet. Die drei Seelsorger, Rabbiner Steiman, Pfarrerin Reuschenberg und Diakon Reuter, begleiteten die Gedenkstunde mit einem gemeinsam vorgetragenen Gebet.

Rückblick: Gedenktag

Die teilnehmenden Bewohner bedankten sich persönlich bei Bürgermeister Olaf Cunitz für seinen Vortrag und seine persönliche Anwesenheit.
Dies zeige, dass es ein Interesse der politisch Verantwortlichen der Stadt Frankfurt am Leben der Shoa-Opfer gebe.