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Hannah Arendts Eichmann in Jerusalem: Die unaufgelöste Antinomie von Universalität und Besonderem

Drei Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung ist Eichmann in Jerusalem immer noch Hannah Arendts umstrittenstes Buch. Die meisten Argumente gegen das Buch konzentrieren sich auf verschiedene provokative Behauptungen und Urteile – vor allem auf Arendts Behandlung der Judenräte und ihre Bewertung des Prozesses an sich…

Moishe Postone

Jedoch haben nur wenige diese Behauptungen und Urteile im Hinblick auf die übergreifende Argumentationsstruktur des Buches zu begreifen versucht. Infolgedessen ist Eichmann in Jerusalem oft aufgrund von aus dem Zusammenhang gerissenen Sätzen verurteilt worden, wobei die Beziehung dieser Sätze zum größeren Argumentationszusammenhang des ganzen Buches nicht analysiert worden ist.

Umgekehrt aber sind sich viele von Arendts Verteidigern zwar darin einig, daß manche ihrer Behauptungen unbesonnen oder schlecht begründet seien, daß ihr Ton bedauerlich und bisweilen zutiefst anstößig sei, doch neigen sie dazu, die negativen Aspekte des Buches als sekundär und im wesentlichen als sachfremd für den Kern ihrer Argumentation zu behandeln.

Ich möchte hier die Argumentationsstruktur von Eichmann in Jerusalem kritisch untersuchen. Dabei geht es mir nicht primär darum, Arendts häufig mißverstandene These von der Banalität des Bösen zu erhellen, ausführlich ihre Behandlung der Judenräte zu erörtern oder auf die große Zahl ihrer harschen und manchmal fragwürdigen Kommentare über den Zionismus und die Haltung des Staates Israel dem Prozeß gegenüber hinzuweisen. Vielmehr möchte ich mich auf die Struktur ihrer Argumentation konzentrieren, um so einige von deren inneren Spannungen aufzuspüren und zu zeigen, daß die problematischen Aspekte des Buches in Beziehung zu diesen Spannungen stehen.

Gershom Scholem hat bekanntlich Arendt vorgeworfen, es mangele ihr an Ahawath Israel – der Liebe zum jüdischen Volk. Doch eine genaue Lektüre von Eichmann in Jerusalem zeigt, daß Arendt in ihrer Kritik am Verhalten der Juden angesichts des Völkermordprogramms der Nazis sich auf die Kritik an der jüdischen Führung beschränkt (wie gerechtfertigt oder problematisch ihre Kritik auch sein mag). Sie bringt ihre Solidarität mit der Mehrheit der Juden gegenüber dem zum Ausdruck, was sie als Verrat ihrer Führung betrachtet. Dabei weist sie ausdrücklich und unmißverständlich den Gedanken zurück, daß die Juden massenhaft Widerstand hätten leisten sollen oder können. Indem ich die inneren Spannungen von Arendts Argumentation aufzeige, möchte ich eine Kritik formulieren, die Scholems Vorwurf einsichtig macht, trotz Arendts ausdrücklich erklärter Solidarität mit der Mehrheit des jüdischen Volkes.


Eichmann in Jerusalem besteht auf den ersten Blick aus zwei Komponenten – im Anfangs- und im Schlußkapitel wird der Prozeß geschildert, und im langen Mittelteil werden Eichmanns Biographie und die Nazipolitik in bezug auf die Juden Umrissen. Das Buch beginnt mit einem Einführungskapitel, in dem Arendt die Erfordernisse der Justiz und der juristischen Form eines Prozesses dem gegenüberstellt, was sie als den »Schauprozeß« charakterisiert, den der Staat Israel zu inszenieren trachtete.

Im 2. und 3. Kapitel gibt sie einen kurzen Abriß von Eichmanns Biographie, beschreibt in den vier folgenden Kapiteln die Stadien der Nazipolitik gegenüber den Juden und erörtert im 8. Kapitel Eichmanns Gewissen und seine Beziehung zum Gesetz. In den Kapiteln 9 bis 12 gibt Arendt einen Überblick über die Nazi-Deportationen (und die örtlichen Reaktionen) in ganz Europa und behandelt im 13. Kapitel »Die Mordzentralen im Osten«. Die beiden letzten Kapitel wenden sich wieder einer Betrachtung des Prozesses und des abschließenden Urteils zu. Das Buch schließt mit einem Epilog und einem Postskriptum, wo Arendt einige der durch den Prozeß aufgeworfenen Grundprobleme erörtert und die wütenden Reaktionen, die ihr Bericht hervorgerufen hat, zur Kenntnis nimmt.

Trotz seines Anscheins ist Arendts Buch jedoch weder primär ein Bericht über den Eichmann-Prozeß noch eine historische Analyse des Holocaust. Es sollte vielmehr als Erweiterung und Ausarbeitung ihrer Untersuchung des Totalitarismus gelesen werden, den sie als das zentrale Problem des 20. Jahrhunderts betrachtete. Eichmann in Jerusalem sucht die historische Spezifität der von totalitären Regimes begangenen Verbrechen zu erhellen und konzentriert sich dabei auf die neuartige Beziehung zwischen Verbrechen und Täter. Ebenso wirft Arendt die Frage nach einer adäquaten historischen, politischen und juristischen Reaktion auf den Totalitarismus und seiner Verbrechen auf. Das Buch ist eine Fallstudie des Totalitarismus auf der Ebene des Individuums und beschäftigt sich mit der Frage, ob der Eichmann-Prozeß als Reaktion auf seine Verbrechen und auf das System, das sie hervorgebracht hat, adäquat war.

In Eichmann in Jerusalem bettet Arendt somit die Betrachtung des Holocaust in den Konzeptionsrahmen einer Analyse des Totalitarismus ein. Und es ist einer der unterschwellig problematischen Aspekte des Buches, daß Arendts Analyse des Totalitarismus und ihre Behandlung des Holocaust zweifellos in einem Zusammenhang stehen, zwischen beiden jedoch auch eine Spannung besteht. Diese Spannung wurzelt nicht in dem Versuch an sich, allgemeine Lehren aus dem Holocaust zu ziehen, sondern im Wesen der allgemeinen Lehren, die Arendt daraus zieht. Arendts Konzept des Allgemeinen ist abstrakt; es erwächst nicht aus einer Betrachtung der Besonderheit des Holocaust, sondern vernebelt vielmehr diese Besonderheit. Deswegen überwindet ihre Analyse nicht die klassische Dichotomie von abstrakter Universalität und Besonderheit, sondern reproduziert diese Dichotomie auf eine Weise, die bei der Betrachtung des Holocaust besonders problematisch ist. Im Zusammenhang damit betont sie bei der Behandlung des Totalitarismus die bürokratischen Strukturen auf eine Weise, die zwar das Problem der Verbrechen gegen die Menschheit hervorhebt, jedoch zu einseitig und abstrakt allgemein bleibt, um das Spezifische des Totalitarismus voll und ganz zu begreifen.
Da Arendt das Problem des Totalitarismus, das sie in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft zu analysieren begonnen hatte, noch weiter erhellen möchte, erscheint es hilfreich, ihr grundlegendes Interesse in Eichmann in Jerusalem als ein allgemein historisches Interesse zu bestimmen, um ihre Position hinsichtlich des Prozesses im 1. Kapitel zu erklären und die argumentative Stoßrichtung der folgenden Kapitel über Eichmanns Leben und Laufbahn zu beleuchten. Für Arendt bringt der Totalitarismus eine historisch neue Form von Verbrechen mit sich, die bürokratisch vermittelt ist und in der (wie das Gericht bemerkt hat) keine Korrelation besteht zwischen dem Grad der Verantwortung des Verbrechers und dem Grad der Nähe zum tatsächlichen Mörder des Opfers.

Prozesse, so ihr Tenor in Eichmann in Jerusalem, können wichtige historische Reaktionen auf den Totalitarismus sein. Für Arendt ist es deshalb historisch und juristisch entscheidend, die neue, bürokratisch vermittelte Form des Verbrechens im Totalitarismus zu spezifizieren.
Aus diesem Grunde ist Arendt ungehalten über den Versuch der Anklage zu beweisen, daß Eichmann entweder selbst gemordet oder Mordbefehle erteilt habe und daß er ein von fanatischem Haß getriebenes Ungeheuer sei.

Solche Versuche, das zu personalisieren, was sie für eine neue Form des systematischen Bösen hält, vernebeln den spezifischen Charakter dieser historisch neuen Form des Verbrechens und damit auch den Totalitarismus als eine historisch neue Gefahr. In einer Situation, in der es entscheidend ist, daß die Menschen sich ein adäquates Verständnis dieser neuen Gefahr aneignen und Mittel entwickeln, sie zu bekämpfen, sind solche Ansätze für Hannah Arendt anachronistisch.

Weil Arendt das Neue dieser Art von Verbrechen hervorheben möchte, unternimmt sie alles, um Eichmann als sehr normal und gewöhnlich zu beschreiben, als sozial deklassierten Sohn einer solide in der Mittelschicht verankerten Familie, der mehr oder weniger zufällig 1932 Mitglied der NSDAP wurde. Mit dieser Beschreibung argumentiert Arendt implizit, daß persönlicher Sadismus die verbrecherischen Taten Eichmanns nicht erklären kann. Gleichzeitig schwächt sie damit auch die Bedeutung der Ideologie ab (anders als in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft) – worauf ich noch zurückkommen werde. Statt dessen konzentriert sich Arendt, indem sie den Rahmen für ihre Analyse des bürokratischen Mordens absteckt, auf einen subjektiven Mangel in Eichmanns Charakter. Sie betont seine fehlende Fähigkeit zur Empathie, seine Art der Selbstdarstellung und seine Neigung, widersprüchliche und im Grunde leere Klischees zu äußern. Diese Eigenschaften stehen für Arendt im Zusammenhang mit einer beträchtlichen Selbsttäuschung; sie lassen auf einen hohlen Persönlichkeitskern und die Unfähigkeit schließen, Recht von Unrecht zu unterscheiden.

In dieser Hinsicht sieht Arendt in Eichmann den Vertreter einer historischen Entwicklung. Seine Selbsttäuschungen und Lügenhaftigkeit seien typisch; sie hätten die deutsche Gesellschaft jahrelang charakterisiert, die Nachkriegszeit eingeschlossen.

Arendt baut eine These ihres Totalitarismusbuches aus und behauptet, daß die deutsche – und mit ihr die europäische – Gesellschaft insgesamt einen moralischen Zusammenbruch erlitten habe; sie sei pathologisch geworden. Diese historisch-moralische Entwicklung habe es Menschen wie Eichmann fast unmöglich gemacht, zu erkennen oder zu empfinden, daß sie unrecht handelten.

Arendt führt das Thema der sozialen Pathologie und des moralischen Zusammenbruchs in den folgenden Kapiteln, die den Stufen der Nazipolitik gegenüber den Juden folgen (Vertreibung, Konzentration, Ermordung), weiter aus. Hierbei geht es ihr nicht darum, einen allgemeinen historischen Abriß zu liefern, sondern aufzuzeigen, wie Eichmanns Haltung sich vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Nazipolitik gegenüber den Juden entwickelte. Ihr Hauptinteresse dabei ist es, die subjektiven Bedingungen des bürokratischen Massenmordes zu beleuchten. Sie betont, daß Eichmann nicht immer für die Ermordung der Juden als »Lösung« der sogenannten »Judenfrage« gewesen sei, sondern sich bis 1941 der Strategie der Judenvertreibung verpflichtet gefühlt habe. In dem Zeitraum von vierzehn Monaten nach der Invasion der Sowjetunion durch Nazideutschland habe er seinen Standpunkt geändert und die Politik des Genozids unterstützt.

Laut Arendt läßt sich diese ziemlich schnelle Veränderung von Eichmanns Standpunkt nicht durch eine anhaltende, tief verwurzelte, mörderische Wut gegen Juden erklären. Indem sie die Entwicklungsprozesse aufzuzeigen versucht, die einen gewöhnlichen Bürokraten zwangsweise zu einem bürokratischen Mörder werden ließen, spielt sie die Bedeutung des Antisemitismus herunter (und versucht so eine nicht auf den Nazismus beschränkte Betrachtungsweise des Totalitarismus zu formulieren). Statt dessen stellt sie verschiedene rhetorische Formen dar – wie euphemistische Codes und historische Redewendungen des heroischen Selbstmitleids -, die einen solchen Wechsel »guten Gewissens« (wie sie betont) ermöglichten.

Insbesondere richtet sie ihr Augenmerk auf das, was sie als den moralischen Zusammenbruch der guten Gesellschaft kennzeichnet. Bei der Schilderung der Wannsee-Konferenz führt sie aus, daß alle inneren Zweifel, die Eichmann hinsichtlich des Genozid-Programms gehabt haben mag, verflogen seien, als er hörte, wie die höheren Chargen des Beamtenapparates und der Nazipartei – die »hohen Persönlichkeiten« des Dritten Reichs – ihre aktive Bereitschaft zur Beteiligung an diesem Programm zum Ausdruck brachten. Arendt behauptet, daß es sich hier um einen allgemeinen moralischen Zusammenbruch gehandelt habe, und sucht ihre Behauptung mit dem Hinweis auf das angebliche Fehlen eines organisierten Widerstands gegen Hitler sowie die nationalistischen und antisemitischen Tendenzen der Verschwörer gegen Hitler vom Juli 1944 zu stützen.

Dieses Thema des allgemeinen moralischen Zusammenbruchs ist der diskursive Kontext, in dem Arendt das Problem der Judenräte und der Kooperation der Zionisten mit den Nazis während der dreißiger Jahren diskutiert. Für Arendt gewähren sie »den tiefsten Einblick in die Totalität des moralischen Zusammenbruchs, den die Nazis in […] den höheren Schichten der Gesellschaft ganz Europas verursacht haben.« In anderen Worten, für Arendt war die jüdische Führung in den allgemeinen Zusammenbruch der guten Gesellschaft verwickelt, der wesentlich zur Entstehung des Totalitarismus beigetragen hat. Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die von vielen Seiten geübte grundlegende Kritik an Arendts Behandlung der Judenräte und der Zionisten der dreißiger Jahre eingehen. Ich möchte nur anmerken, daß Arendts Behandlung des zionistischen Establishments und der Judenräte Teil ihrer Ausführungen zum Totalitarismus ist. Ihr Verfahren zwängt diese Institutionen auf eine nicht gerade erhellende Weise konzeptionell in den von ihren Ausführungen vorgegebenen Rahmen. Das aber verweist darauf, daß Arendts Bericht auf eine allgemeinere Ebene als die des Holocaust abzielt. Problematisch ist, daß der Bericht das Besondere unter dem abstrakten Allgemeinen subsumiert. Eine angemessenere Analyse des Totalitarismus sollte das Allgemeine im Besonderen verankern können, und zwar so, daß dadurch beides erhellt wird. Darauf werde ich noch zurückkommen.

Nachdem Arendt Eichmanns subjektive Orientierung und deren prägende Bedingungen erörtert hat, kommt sie zu dem Schluß, daß sein Handeln stark durch das Prinzip der Gesetzestreue motiviert gewesen sei. Und Hitlers Wort war in Nazideutschland das höchste Gesetz. Deshalb sei Eichmanns Verhalten, als er 1944 die schnelle Deportation von 400 000 ungarischen Juden in den Tod organisierte und gleichzeitig Himmlers Bemühungen zu sabotieren versuchte, den Holocaust zu beenden, nicht eine Folge von Fanatismus oder unbändigem Judenhaß gewesen. Perverserweise sei es vielmehr sein Gewissen – seine Gesetzestreue, sein Gehorsam gegenüber Hitlers Befehlen – gewesen, das Eichmann zu seiner kompromißlosen Haltung veranlaßt hätte. Es war also ein Gesetz (kein Befehl), das Menschen wie Eichmann zu Verbrechern machte – so Arendt. Und in diesem Problem legaler Handlungen innerhalb eines verbrecherischen Staates liegt für Arendt das zentrale moralische, juristische und politische Dilemma unseres Jahrhunderts.

Nachdem Arendt Eichmanns Verbrechen als bürokratisch und unpersönlich charakterisiert hat, beginnt sie, einen Prozeß als Reaktion auf solche Verbrechen zu rechtfertigen. In ihrer Erörterung der Deportation der Juden aus den verschiedenen Ländern in den Kapiteln 9 bis 12 ist sie bestrebt zu zeigen, daß selbst unter totaler Herrschaft Entscheidungsmöglichkeiten bestehen. Sie schildert die große Bandbreite der Reaktionen auf die Nazipolitik gegenüber den Juden – von der offenen, politischen, anti-totalitaristischen Haltung der Dänen über die verdeckte Ablehnung der Nazipolitik in Italien und Bulgarien bis hin zu der äußerst brutalen Ermordung der Juden in Rumänien.

Sie erwähnt auch die Geschichten einzelner Menschen (wie die des Feldwebels Anton Schmidt), die Juden gerettet haben. Die politische Lehre solcher Geschichten lautet, »daß unter den Bedingungen des Terrors die meisten Leute sich fügen, einige aber nicht. So wie die Lehre, die man aus den Ländern im Umkreis der >Endlösung< ziehen kann, lautet, daß es in der Tat in den meisten Ländern »geschehen konnte, aber daß es nicht überall geschehen ist.« Arendts narrative Strategie versucht hier also, das Konzept der Einzel- und Gruppenverantwortung zu rehabilitieren und damit die Form eines Strafprozesses als mögliche Reaktion auf totalitaristische Verbrechen zu rechtfertigen.

An diesem Punkt gibt es jedoch einen bedeutsamen Bruch in der narrativen Struktur des Buchs. Das 13. Kapitel, das den Kapiteln über die Deportation folgt, trägt den Titel »Die Mordzentralen im Osten«. Doch der Titel trügt, denn das Kapitel konzentriert sich nicht auf das tatsächliche Verbrechen, den Holocaust an sich. Es erörtert vielmehr die im Prozeß aufgeworfene Frage, in welchem Maße Eichmann direkt verantwortlich gewesen sei für die systematische Ermordung der Juden in Polen und der Sowjetunion, und argumentiert, daß die Anklage einen Massenmörder, der nie selbst gemordet hatte, deshalb nicht verstehen konnte, weil sie ihm ständig individuelle Morde nachweisen wollte.

Die in diesem Kapitel zum Ausdruck kommende Haltung Arendts gegenüber Eichmann läßt sich so oder ähnlich an verschiedenen Stellen des Buches wiederfinden. Bemerkenswert dabei ist allerdings, daß in einem Kapitel über die Mordzentralen jede Erörterung des tatsächlichen Ablaufs des Völkermords fehlt. Zwar wird der Prozeß der angestrebten Vernichtung zu Beginn des 6. Kapitels kurz beschrieben. Es ist trotzdem bemerkenswert, daß die narrative Struktur in Arendts Bericht, der sich auf einer Ebene ja mit der Frage der adäquaten juristisch-politischen Reaktion auf den Genozid beschäftigt, gerade an der Schwelle zum Holocaust zusammenbricht.

Es mag sein, daß Arendt die Kenntnis des eigentlichen Verbrechens voraussetzt und sich deshalb auf Eichmanns Rolle konzentriert. Nichtsdestotrotz geht es in ihren provokativsten Behauptungen – zum Beispiel über das Verhalten der Judenräte -weitgehend um Enteignung und Deportation (zum Beispiel Wien nach 1938) statt um den Holocaust an sich. Das heißt, ihre Erzählung (einschließlich der Diskussion der Judenräte) und, so ließe sich argumentieren, ihr konzeptioneller Apparat konzentrieren sich implizit weit mehr auf das Ende der dreißiger Jahre und 1940 als auf die folgende Periode der systematischen Massenvernichtung. Daß diese beiden Perioden sich abgrundtief voneinander unterscheiden, spielt in Arendts Behandlung der historischen Akteure kaum eine Rolle – trotz ihres Insistierens auf dem Unterschied zwischen Verbrechen wie Massenmord und Verbrechen gegen die Menschheit, wie sie von den Nazis im Krieg begangen worden waren. Dieses Insistieren erkennt implizit den Abgrund zwischen zwei verschiedenen Situationen an.

Wenn Arendt der Beschreibung eines Verbrechens ausweicht, das sie früher als alle Rechtsordnungen überfordernd und zerbrechend beschrieben hatte, geht es ihr vielleicht darum, jene Aspekte des Nazismus hervorzuheben, die sich am leichtesten in ihre allegemeine Theorie der totalitären Herrschaft einfügen lassen… … …

weiter … mit zahlreichen Fussnoten und Kommentaren: Hannah Arendt Revisited: „EICHMANN IN JERUSALEM“ und die Folgen. Herausgeg. v. Gary Smith, edition suhrkamp