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Als Erding in der zweiten Fußball-Liga spielte

Überlebende der Shoa gründeten 1946 im Rajon München Gemeinden, Sportvereine und Kibbuzim…

Von Jim G. Tobias

„Der Himmel klart auf, die Sonne beginnt wärmer zu werden. Nur noch ein paar Wochen und die Sportplätze werden sich wieder mit ausgehungerten Sportsfreunden füllen, die sich nach dem Spiel mit dem Ball, nach Toren und nach etwas Herzkitzeln sehnen“, textete die Jidisze Sport Cajtung gefühlvoll, um ihren Lesern die langerwartete freudige Nachricht mitzuteilen: „Bald beginnt die Fußballsaison!“ Diese Meldung stand nicht in einer Lokalzeitung aus Tel Aviv, Haifa oder Jerusalem, sondern in einem in München nach 1945 verlegten jüdischen Sportmagazin. Ausgerechnet in Deutschland spielten, nur kurze Zeit nach dem Holocaust, jüdische Überlebende in über 80 Fußballvereinen und acht -Ligen um Punkte und Tore.


Titelblatt des jiddischsprachigen Magazins Jidisze Sport Cajtung,
Repro: jgt/nurinst-archiv

Obwohl das europäische Judentum nach 1945 faktisch kaum mehr existent war, kam es in Deutschland zu einer Wiedergeburt dieser vernichteten Welt: In der unmittelbaren Nachkriegszeit hielten sich rund 200.000 Juden im Land der Täter auf. Darunter befanden sich etwa 50.000 Überlebende aus den Konzentrations- und Zwangsarbeiterlagern. Die Mehrheit aber stellten jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa, die vor antisemitischen Übergriffen aus ihren Heimatländern geflüchtet waren. Sie hatten während des Krieges im sowjetischen Exil oder im Untergrund überlebt. Aufgrund ihres besonderen Verfolgungsschicksals ordnete US-Präsident Harry S. Truman im Sommer 1945 den Aufbau von jüdischen Displaced Persons (DP) Siedlungen und Gemeinden an. Die Amerikaner gestatteten den Juden eine weitgehende Selbstverwaltung mit eigenen Schulen, Zeitungen, Parteien und Sportvereinen. Bekannt sind die großen Camps wie Feldafing, Landsberg oder Föhrenwald, in denen jeweils tausende jüdische Bewohner lebten. Daneben existierten zahlreiche kleinere Gemeinden, wie etwa das Jüdische Komitee Erding, das vermutlich von Überlebenden aus den Nebenlagern des KZ-Dachau gegründet wurde.

Schon zum Ende des Jahres 1945 zählte die Gemeinschaft 500 Mitglieder, die im gesamten Stadtgebiet in beschlagnahmten Wohnungen, Häusern oder zur Untermiete einquartiert waren. Um ein soziales und kulturelles Leben zu gewährleisten, wiesen die Militärverwaltung den Juden den Gasthof zur Post und das Bahnhofsrestaurant als Versammlungsstätte sowie als Sitz für ihre Verwaltung zu. In einer demokratischen Wahl bestimmten die Juden Leib Fischlein und David Perlmutter zu ihren Vorsitzenden. Die Versorgung der Gemeinde mit Lebensmittel und Kleidung erfolgte über die Hilfsorganisation der Vereinten Nationen, United Nations Relief and Rehabilitation Organization (UNRRA). Schon bald, nachdem die Grundbedürfnisse befriedigt waren, verlangten die Menschen nach Zerstreuung, der Wunsch nach sportlicher Betätigung stand dabei ganz oben auf der Liste, wie ein „Aufruf an die Jüdische Jugend“ vom November 1945 belegt. „Wir haben noch immer die Schrecken des Hungers, der Qualen, des Todes und der Krematorien vor unseren Augen. Darum wollen wir durch Sport die Seele zu neuer physischer und moralischer Kraft entwickeln.“


Gasthof zur Post: Verwaltungssitz und Zentrum der Jüdischen Gemeinde Erding, Foto: Fischer’s Wohltätigkeitsstiftung Erding

Die Gründung des Fußballvereins Makabi Erding war daher eine logische Konsequenz. Die Elf spielte in der sogenannten A-Klas, der zweiten Liga, im Rajon München, Gruppe 2 mit weiteren acht Teams, wie etwa dem Jidiszer Sport Farejn Altötting, Makabi Starnberg, Hapoel Bad Reichenhall oder Makabi Feldmoching. Nach dem Ende der Saison kickte der Spitzenreiter gegen den Sieger in der Gruppe 1. Für Makabi Erding war insbesondere die Spielzeit 1947 sehr erfolgreich. Nach acht Begegnungen belegte die Mannschaft mit fünf Siegen und drei Unentschieden die Tabellenspitze. Ende August war Erding bei Makabi Attel (Wasserburg) zu Gast. „Mit großer Spannung wurde die Mannschaft erwartet, hatten sie doch noch keine Partie verloren“, schrieb die Jidize Sport Cajtung. „Gleichwohl war die Elf aus Attel bestens vorbereitet und willensstark.“ Doch alle guten Vorsätze nützen nichts. „Das erste Tor schießt Erding in der 10. Minute. Obwohl die Hausherren sich verbissen wehren, müssen sie zunächst das 0:2 hinnehmen. Mit viel Tempo und Kampf gelingt es Attel noch auszugleichen“, so das Blatt weiter, „doch kurz vor Schluss schießen die Gäste das dritte Tor.“ Mit ein bisschen Glück, aber verdient gewinnt Makabi Erding letztlich die Meisterschaft und darf gegen Hasmonea Planegg um den Aufstieg in die erste Liga spielen. Die Relegation endete in einem Desaster: Auf eignem Platz verlor Erding sang- und klanglos mit 1:5 Toren. Auch im Rückspiel war Makabi ohne jede Chance – mit 1:9 wurde man in Planegg vom Platz gefegt. Die Erdinger Aufstiegsträume zerplatzten wie bunte Seifenblasen. Planegg spielte dafür in der Saison 1948 mit den bayerischen Vereinen Makabi München, Hakoach Gabersee, Ichud Landsberg, Bar Kochba Regensburg und Hapoel Pocking in der ersten Liga.


Tabellen der Zweitliga-Gruppen, Rajon München kurz vor dem Saisonende 1947, Repro: jgt/nurinst-archiv

Neben der sportlichen Betätigung, die nach den Jahren der Verfolgung eine wichtige Funktion im seelischen und körperlichen Heilungsprozess einnahm, entwickelten die Überlebenden des Holocaust auch ganz praktische Schritte in ein freies und selbstbestimmtes Leben. Nach ihrem Verständnis war Deutschland nur eine Zwischenstation auf dem Weg in einen eigenen jüdischen Staat. Doch die Briten, die immer noch Mandatsmacht in Palästina waren, ließen kaum jüdische Siedler ins Land einreisen. Ihr großes Ziel, die Gründung Israels, verloren die in Deutschland ausharrenden Juden gleichwohl nie aus den Augen. Sie nutzten die Zeit und bereiteten sich intensiv auf ihre Zukunft vor. In Palästina warteten unfruchtbare Landstriche darauf, in Äcker umgewandelt zu werden, um die Ernährung der jüdischen Einwanderer zu gewährleisten. Alle diese Aufgaben konnten am Besten gemeinschaftlich gelöst werden, daher war der Kibbuz eine ideale Arbeits- und Lebensform für die künftigen Bürger Israels. Dabei knüpften die Juden an eine schon vor dem Krieg in Europa bestehende Bewegung an, die junge jüdische Pioniere seit den 1920er Jahren in sogenannten Trainingskibbuzim auf ein Leben in Palästina vorbereitete.

Nur etwa ein Jahr nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs gründeten Überlebende des Holocaust auch im Landkreis Erding solche jüdische Bauernschulen in Fürstbach (Taufkirchen/Vils), Franzheim (Oberding), Reithofen (Pastetten), Graß (Walpertskirchen) und in der Stadt Dorfen. Diese Lehrfarmen befanden sich auf landwirtschaftlichen Gütern, die von der Militärregierung beschlagnahmten worden waren und den Juden samt Inventar für Ausbildungszwecke zur Verfügung gestellt wurden. In Fürstbach waren etwa 40 Hektar Land und 9 Hektar Wald zu bewirtschaften, in Graß mussten 20 Kühe versorgt und 30 Hektar landwirtschaftliche Fläche bestellt werden. In Reithofen leiteten die beiden Madrichim (Ausbilder) Rubin Weintraub und Samuel Schapiro die rund 80 Mitglieder des Kibbuz an, um 90 Hektar Ackerland zu bestellen sowie 38 Milchkühe zu melken.

Die Kibbuzim bestanden jedoch nur für kurze Zeit, von 1946 bis etwa Anfang des Jahres 1948. Am 29. November 1947 hatte nämlich die UN-Vollversammlung in einer mit Spannung erwarteten Sitzung endlich die Aufteilung des britischen Mandatsgebietes Palästina in ein jüdisches und ein arabisches Land beschlossen. Ein langersehnter Traum war zum Greifen nahe. Wenige Monate später, am 14. Mai 1948, proklamierte David Ben Gurion den Staat Israel, sodass auch die Juden aus dem Landkreis ihren aktiven Anteil am Aufbau des Landes leisten konnten. Obwohl auch aus der städtischen Gemeinde in Erding viele Juden nach Israel oder andere Länder in Übersee auswanderten, existierte das Jüdische Komitee Erding bis in die 1950er Jahre. Im Februar 1951 verzeichnen die Statistiken noch 114 Gemeindemitglieder.

Zurzeit stellt das Nürnberger Institut ein Internetlexikon über die etwa 200 in Bayern zwischen 1945 und 1950 bestehenden jüdischen DP-Gemeinden, -Lager, -Kibbuzim und -Hospitäler zusammen. Mehr dazu: www.after-the-shoah.org