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Amerikanische Juden werden konservativer

Die Wahlen in den USA sind vorbei und Barack Obama ist als Präsident bestätigt worden. Jetzt geht es an die Nachbewertung und da gibt es aus Sicht der amerikanischen Juden durchaus interessante Entwicklungen zu verzeichnen…

Von Kevin Zdiara

Die Auswertung der sogenannten exit polls, die verraten, welche Wählergruppe wie abgestimmt hat, zeigt an erster Stelle, dass jüdische Wähler wie in den letzten hundert Jahren mit überragender Mehrheit für den Kandidaten der demokratischen Partei gestimmt haben. Stolze 69 Prozent haben ihr Kreuz bei Barack Obama gemacht und lediglich 30 Prozent bei seinem republikanischen Gegenkandidaten Mitt Romney. Wenn man also die reinen Zahlen nimmt, hat Obama überdurchschnittlich viele Stimmen jüdischer Amerikaner erhalten. Auf den zweiten Blick ist dieses Ergebnis jedoch erstaunlich. Denn bei den letzten Wahlen 2008 waren es noch 78 Prozent der amerikanischen Juden, die Obama unterstützt hatten. Damit hat der amtierende und neue Präsident der USA innerhalb von vier Jahren knapp 9 Prozent der jüdischen Wähler verloren.

Zwar wird vom National Jewish Democratic Council (NJDC), einer den Demokraten nahestehenden jüdischen Organisation, ins Feld geführt, dass die Zahlen von 2008 über die Zustimmung jüdischer Wähler divergieren, so gibt der NJDC hierfür 74 Prozent an, doch auch der NJDC bestreitet nicht die Ergebnisse der Wahl 2012. Damit steht fest, dass Obama auf jeden Fall unter Juden an Zustimmung verloren hat und die wenigsten jüdischen Stimmen für einen Demokraten seit 1988 erhalten hat.

Dass dies eine durchaus interessante Entwicklung ist, wird deutlich, wenn man Obamas Ergebnisse bei anderen Minderheiten heranzieht. Dass er bei Afroamerikanern eine Zustimmungsrate von über 90 Prozent hat, bestätigte sich auch in den Wahlen 2012. Aber unter Latinos und Asiaten hat Obama mit 71 bzw. 73 Prozent ebenfalls überdurchschnittlich viele Stimmen erhalten. Ein Vergleich zu den vorangegangen Wahlen zeigt, dass es hier einen deutlichen Trend zu den Demokraten gibt. So nahm die Zustimmung zur demokratischen Partei unter Latinos um 4 Prozent und unter Asiaten sogar um ganze 11 Prozent zu. Damit bleiben die jüdischen Wähler die einzige Minderheit, bei denen Obama verloren hat.

Für den Verlust an jüdischen Stimmen gibt es wohl unterschiedliche Gründe. Der Einfluss von privaten Wahlkampfgruppen, den sogenannten super PACs, die zum ersten Mal für bestimmte Kandidaten massive Spenden sammeln und ausgeben durften, ist sicherlich nicht zu unterschätzen. Vor allem der Kasino-Magnat Sheldon Adelson investierte mehrere dutzend Millionen Dollar, um Obama zu schlagen. Von den rechten super PACs wurde Obama als eine Gefahr für Israel porträtiert. Doch dieser Aspekt der Anti-Obama-Kampagne war wohl nicht der wichtigste. Denn in einer Umfrage des American Jewish Committees vor den Wahlen gaben lediglich 4 Prozent an, dass Israel für sie wahlentscheidend sei. Mit 51 Prozent war die wirtschaftliche Situation weitaus wichtiger für sie. Deshalb liegt es wohl näher, dass jüdische Amerikaner Obama ihre Zustimmung entzogen, weil die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren konstant hoch war und das Wirtschaftswachstum auf einem sehr niedrigen Niveau stagnierte.

Doch nicht nur ging die Zustimmung zu Obama verhältnismäßig stark zurück, proportional stieg die Zustimmung zum republikanischen Kandidaten. Hatte in der Wahl 2008 der Republikaner John McCain gerade einmal 22 Prozent einsammeln können, lag der Wert für Romney diesmal bei 30 Prozent, ebenfalls der höchste Wert seit 24 Jahren für einen republikanischen Präsidentschaftskandidat. Letztlich fand aber nicht der von den Republikanern erhoffte grundlegende Wechsel unter jüdischen Amerikanern statt. Als Jimmy Carter 1980 von 71 auf 45 Prozent abstürzte war klar, dass er das Vertrauen der jüdischen Wähler verspielt hatte. Vergleichbares lässt sich in diesem Jahr nicht feststellen.

Zusätzlich zu den Präsidentschaftswahlen fanden auch die Wahlen für den US-Kongress, also den Senat und das Repräsentantenhaus, statt. Hier hofften die Republikaner mit mehreren jüdischen Kandidaten die Demokraten in einigen Wahlkreisen schlagen zu können.

Die traditionelle Nähe amerikanischer Juden zu den Demokraten ist nämlich nirgendwo so offensichtlich wie bei der Zusammensetzung der Kongressabgeordneten. Lediglich Eric Cantor vertritt als jüdischer Abgeordnete im Repräsentantenhaus die Republikaner. Dem entgegen standen bisher 11 jüdische Senatoren der Demokraten und 2 Unabhängige, sowie 26 jüdische Demokraten im Repräsentantenhaus. Aber auch nach diesen Wahlen wird Cantor keinen Zuwachs an jüdischen Kollegen erhalten.

Alle jüdischen Kandidaten der Republikaner für den Kongress scheiterten, wenn auch nicht alle so kläglich, wie der wohl bekannteste unter ihnen, der Publizist und Rabbiner Shmuel Boteach. Er verlor im traditionell demokratischen 9. Wahlkreis in New Jersey krachend mit einem Abstand von 48 Prozent gegen Bill Pascrell, dem demokratischen Kandidat. Anderen jüdischen Republikanern erging es kaum besser. So etwa dem ehemaligen Marinesoldat Josh Mandel, der in Ohio antrat und vor allem mit seiner Jugend – er ist gerade einmal 35 Jahre alt – punkten wollte. Zwar schlug er sich überraschend gut, wohl auch durch die Millionen-Spritzen des republikanischen Großspenders Sheldon Adelson, dennoch verlor er gegen den amtierenden Senator Sherrod Brown mit 5 Prozent. Das gleiche Schicksal ereilte Randy Altschuler in New York, dem zwar gute Chancen prognostiziert wurden, der aber dennoch gegen Senator Tim Bishop mit 52 zu 48 Prozent verlor. Schließlich rechnete sich noch Republikanerin Linda Lingle Chancen aus, den Senatssitz im traditionell zu den Demokraten neigenden Staat Hawaii zu gewinnen. Das Rennen machte aber auch hier mit Mazie Hirono eine Demokratin. Lingle erreichte lediglich 37 Prozent der Stimmen.

Anders bei den Demokraten. Dort durfte Alan Grayson, der im Wahlkreis Orlando in Florida antrat, in das Repräsentantenhaus zurückkehren, nachdem er 2010 seinen Sitz an einen Republikaner verloren hatte. In Chicago gelang es Brad Schneider, der in der dortigen jüdischen Gemeinde aktiv ist, den Sitz des Republikaner Robert Dold nach nur einer Amtsperiode zu gewinnen. Schließlich konnte Alan Lowenthal, der bisher im kalifornischen Senat saß, den Kampf um den Wahlkreis für das Repräsentantenhaus, der Teile Los Angeles und Orange County umfasst, für sich entscheiden.

Davon abgesehen wird das Gewicht jüdischer Amerikaner im 113. Kongress deutlich geringer sein als zuvor. Denn insgesamt werden nur 11 jüdische Abgeordnete im Senat sitzen, 2 weniger als 2010, und 22 jüdische Abgeordnete im Repräsentantenhaus, 5 weniger als im letzten Kongress.

Diese Abnahme hat nicht zuletzt damit zu tun, dass einige langjährige jüdische Kongressabgeordnete in den Ruhestand treten. Am prominentesten ist sicherlich Joe Lieberman, der als unabhängiger Abgeordneter und ehemaliger Kandidat für den Posten des Vize-Präsidenten immer wieder wichtige außenpolitische Impulse gesetzt hat. Des Weiteren setzt sich Herb Kohl, demokratischer Senator aus Wisconsin, zur Ruhe. Im Repräsentantenhaus scheiden mit Gary Ackerman, Barney Frank und Bob Filner drei jüdische Abgeordnete der Demokraten aus, die seit Jahrzehnten die Politik der Partei bestimmt haben.

Beide Entwicklungen – Zunahme der Unterstützung für die Republikaner und Rückgang der jüdischen Abgeordneten – sind interessant und bestätigen, was sich auch gesamtgesellschaftlich abzeichnet: amerikanische Juden werden konservativer, verlieren aber im Vergleich mit anderen Minderheiten wie Latinos und Asiaten an Bedeutung. Ob dies nur eine Momentaufnahme oder ein Trend ist, lässt sich aber erst nach den nächsten Kongresswahlen 2014 sagen.