Die „identitäre Bewegung“ lud zum „Konvent“

Stell Dir vor, es ist Faschistengeburtstag, und nicht alle gehen hin! Am Wochenende des 03./04. November 12 hielt die rechtsextreme, außerparlamentarische französische Vereinigung in Gestalt des Bloc identitaire eine Tagung im südfranzösischen Orange an. Den Anlass zu dem Treffen, das unter der Bezeichnung Convention identitaire im „Prinzenpalast“ von Orange stattfand, wie das Treffen offiziell hieß, lieferte ihr zehnjähriges Bestehen…

Von Bernard Schmid, Paris

Rund 800 Personen meldeten sich laut Angaben der Veranstalter an oder wurden eingeladen; knapp 500 erschienen vor Ort. Aber vor allem nicht alle internationalen Gäste, die geladen waren, erschienen. So blieb die österreichische FPÖ dem Treffen fern, und für den belgisch-flämischen Vlaams Belang sandte die Vertreterin Hilde de Lobel ein Grußwort, tauchte aber nicht persönlich auf. Darin führte sie aus: „Die Bedrohung durch die Islamisierung durch die Islamisierung unseres Kontinents ist unsere drängendste Sorge.“ Und auch: „Unsere Identität ist kulturell durch das Erbe der westlichen Zivilisation geformt worden.“

Ultraradikaler Gast aus Italien – Mario Borghezio

Eine Ausnahme unter den, sonst vermeintlich zaghaften, internationalen Gästen bildeten in diesem Jahr die italienischen Abgesandten. Zu ihnen zählten Vertreter der Zeitung Secolo d’Italia (wie ihr Journalist Antonio Rapisarda) aber auch der Europaparlaments-Abgeordnete der italienischen Lega Nord, Mario Borghezio. Dieser ultraradikale Vertreter der norditalienischen rassistischen Regionalpartei und Fanatiker ist bei beinahe jeder grenzüberschreitenden rechten Veranstaltung dabei, wenn sie nur extrem genug ist, und wurde in Italien vor einem Jahrzehnt strafrechtlich durch alle Instanzen zu einer Geldstrafe verurteilt. Der Grund dafür, dass er im Jahr 2000 eigenhändig ein Zelt, unter dem Asylbewerber lebten, angezündet hatte. Am Wochenende tönte er in Orange durch den Saal: „Man muss das Buch, die Ideen einsetzen, aber auch den Stock. Man muss knüppeln, wenn es notwendig ist!“ Ferner rief er aus: „Ein Volk, das ist das Blut, die Ethnie, die Traditionen und unsere Vorfahren! Es leben die Weißen in Europa! Es lebe unsere Rasse!“

Dadurch brachte Borghezio – an dessen Geisteszustand man zweifeln kann, nicht jedoch an seiner ideologischen Kohärenz – sehr gut auf den Punkt, was der Bloc identitaire meint, wenn er von solidarités charnelles spricht, also wörtlich von „fleischlichen Solidaritäten“. Gar so genau wollten die Veranstalter es allerdings anscheinend vor versammelter Presse nicht benannt wissen. Dem Vertreter der französischen Nachrichtenagentur AFP vor Ort, Andrea Bambino, verboten sie am Sonntag früh den Zutritt, wegen „unausgewogener Berichterstattung“, weil er in seiner Depesche vom Vortag wohl zu ausführlich die Originaltöne von Mario Borghezio zitiert hatte. Aus Solidarität mit dem AFP-Reporter boykottierten auch andere Journalisten (von Le Monde, L’Humanité oder dem linkskatholischen Magazin Golias) am Sonntag die Tagung.

Geschichtliches

Der Bloc identitaire entstand de facto im Herbst 2002, formell freilich trat er erst im Frühjahr 2003 unter diesem Organisationsnamen auf. Als erstes war im September des Vorjahres die Jugendorganisation Jeunesses identitaires offiziell gegründet worden. Ein vorsichtiges Auftreten ebenso wie die Übernahme eines neuen Namens waren erforderlich geworden, weil die Vorgängerorganisation Unité radicale (UR) am 06. August 2002 verboten worden war. Eines ihrer Mitglieder, der 25jährige Maxime Brunerie, hatte am 14. Juli desselben Jahres – dem französischen Nationalfeiertag – im Alleingang ein Attentat auf Präsident Jacques Chirac zu verüben versucht. Dies war nicht nur dem Ansehen der Organisation wenig förderlich, sondern führte auch zu ihrem Verbot per Kabinettsbeschluss als staatsgefährdende Vereinigung.

Schon einmal, Mitte Oktober 2009, hatten die Identitaires – wie sie sich gerne im Plural nennen, um den Eindruck einer dynamischen und vielschichtigen „Bewegung“ zu erwecken – sich ebenfalls in Orange zu einem „Konvent“ getroffen. Damals meldeten sich rund 650 Teilnehmer an. Jedoch fiel die internationale Beteiligung damals stärker auf. Neben dem Vlaams Belang nahm damals etwa auch ein Abgeordneter der Schweizerischen Volkspartei (SVP), Dominique Baettig, an dem zweitägigen Treffen teil. Nicht jedoch dieses Mal. Den Grund dafür liefern die sich zuspitzenden Hegemoniekämpfe im rechtsextremen Lager. Denn der Front National (FN) unter Marine Le Pen, die unangefochtene Hauptpartei der „nationalen Rechten“ in Frankreich, hatte sein ganzes Gewicht in die Waagschale geworfen. Und er hatte darauf insistiert, Parteien wie die FPÖ dürften nur zu einem Partner im Land organisatorischen Kontakt halten. Nämlich zu ihm.

Auch Jacques Bompard, als Bürgermeister von Orange auch Gastgeber der Tagung, tauchte in diesem Jahr nicht persönlich auf, sondern sandte einen Vertreter. Nachdem er 2005 infolge von Konflikten mit dem damaligen Chef Jean-Marie Le Pen aus der Partei austrat, nähert er sich jedoch (nach einer kürzeren Verweildauer bei der katholisch-rechtskonservativen Kleinpartei MPF unter Philippe de Villiers, und einer längeren an der Spitze der den ,Identitaires‘ nahe stehenden Kleinpartei ,Ligue du Sud‘) heute wieder an den Front National an. Neben den zwei Abgeordneten des FN (Gilbert Collard und Marion Maréchal-Le Pen) stellt Bompard aktuell, seit Juni 2012, den dritten rechtsextremen Parlamentarier in der Pariser Nationalversammlung. Dort arbeitet er auch eng mit den beiden  dorthin gewählten FN-Parlamentariern zusammen, und die durch Marine Le Pen angeführte Partei unterstützte seine Wahl in einem der Stimmbezirke von Orange. Insofern nahm er möglicherweise ebenfalls auf den FN Rücksicht, als er sich am ersten Novemberwochenende mit einem Auftritt beim „Konvent der Identitären“ zurückhielt.

Die Ausgangssituation war vor drei Jahren insofern noch eine andere, als der FN damals in einer schweren Krise steckte. Geschüttelt durch die schwere Niederlage gegen die damals noch aufstrebende konservative Rechte unter Nicolas Sarkozy, finanziell am Rande des  Bankrotts – das sehr schlechte Ergebnis bei der Parlamentswahl 2007 verringerte die staatliche Parteienfinanzierung für den FN bis 2012 um zwei Drittel -, und unfähig, die Frage der Nachfolge des alternden Jean-Marie Le Pen zu lösen. Alle diese Krisenfaktoren hat der FN heute definitiv überwunden. Auch strategisch wurde seine Ausrichtung damals kritisierte: Jean-Marie Le Pen setzte abwechselnd Signale im Sinne eines antimuslimischen Rassismus und de Antisemitismus, schwang sich zum Verteidiger des Abendlands auf, lobte aber auch – wie zuletzt im Herbst 2009 in einem Interview für das nationalrevolutionäre Organ VoxNR – hin und wieder das iranische Regime. Andere, erfolgreiche rechtsextreme Parteien in Westeuropa erhoben ihm dies zum Vorwurf: Der französische FN sei strategisch blind bei der Frage der Bestimmung des Hauptfeinds. Inzwischen hat Jean-Marie Le Pens Tochter und Nachfolgerin, Marine, den Kurs weitgehend korrigiert. Sie hat die strategische Entscheidung übernommen, dass die muslimische Einwanderung der Hauptfeind sei, gegen den man Verteidiger des Christentums ebenso wie laizistische Kräfte – und auch rechte Unterstützer Israels – für taktische Bündnisse ansprechen könne. Vor drei Jahren war dies noch nicht klar entschieden, und Parteien wie der Vlaams Belang nahmen deshalb auch Tuchfühlung zu Konkurrenten des FN wie den „Identitären“ auf.

Welche Strategie?

Ungeklärt bleibt dabei bislang das Verhältnis zwischen ihnen und der dominierenden rechtsextremen Partei. Denn die Identitaires selbst sind über ihre eigene Strategie uneins. Eine Richtung möchte besonders als außerparlamentarische Bewegung und pressure group auftreten, mit PR-Aktionen die Aufmerksamkeit der Medien erwecken und dabei für eine Hegemonie ihrer „Ideen“ ringen. Im Vordergrund steht dabei der „Abwehrkampf“ gegen die Präsenz von Muslimen in Europa.  Ganz in diesem Sinne fiel auch die spektakuläre Aktion am Samstag, den 20. Oktober d.J. aus, an dem junge Aktivisten der Jugendorganisation des Bloc – unter dem Namen Génération identitaire – die Baustelle einer Moschee in Poitiers besetzten. Ort und Datum sollten dabei bewusst auf die von zahlreichen Geschichtslegenden umwobene Schlacht von Karl Martel gegen arabische Reiter anspielen, welche am 25. Oktober des Jahres 732 chr. Zeitrechnung auf einer Wiese bei Poitiers stattfand.

Der Jahrestag fiel in die Woche nach der aufsehenerregenden Aktion. So wie Karl Martel damals die „Sarazenen“ aus dem Land gefegt habe, so müsse man es wieder tun, lautet die Botschaft. Génération identitaire drohte aufgrund dieses Vorgangs ein paar Tage lang das Verbot, doch die Regierung entschied sich dann „aufgrund juristischer Probleme“ dagegen, es zu beantragen. Aktionen wie diese sind typisch für die Identitaires, die auch gerne subkulturelle Codes ansprechen, um mit Hilfe von Agitprop und vermeintlich modern aufbereiteten Mythen sowie unter Zuhilfenahme von Musik und Videos besonders junge Leute anzusprechen. Ein Video, auf dem die beschworene „Generation“ sich selbst in Sprecheinlagen vorstellt – ein Generation, die Opfer von Multikulturalismus, Ideallosigkeit ihrer Umwelt und der Verantwortungslosigkeit der ihr vorausgehenden 68er sei – sorgte im In- und Ausland für viel Aufsehen. Es existiert auch in deutscher Übersetzung und wurde bei Politically Incorrect ausführlich vorgestellt. Beliebt bei den „Identitären“, die inzwischen auch Ableger etwa in Wien und Frankfurt gründeten, sind aber auch Happenings mit Schweinemasken – etwa gegen muslimische Restaurants, die kein Schweinefleisch anbieten – oder Filme und Comics über die „Thermophylen-Schlacht“. Bei jenem Ereignis in der Antike opferte sich eine Truppe von 300 Soldaten aus Sparta gegen die Invasoren, eine riesige Übermacht von Persern, um deren Vormarsch auf das alte Griechenland aufzuhalten. Bei den jungen Rechtsextremen finden sich von der Form her moderne Erzählungen rund um diesen Mythos.

Doch eine andere Richtung bei den Identitaires möchte lieber parteiähnliche Arbeit betreiben, besonders auf lokaler Ebene, und dabei auch dem teils bewunderten und teils verhassten FN Konkurrenz bereiten. Eine dritte Richtung wiederum sähe sich lieber als reinen „Denkclub“, der Veranstaltungen ausrichtet, um pseudo-wissenschaftliche Debatte mit Gastrednern auszurichten und um „den Kampf um das Besetzen der Begriffe“ zu führen.[01Ähnlich wie die Denkfabrik der intellektuellen „Neuen Rechten“ in den siebziger Jahren, das GRECE. Aber mit einer anderen ideologischen Ausrichtung – weniger antisemitisch, und im Unterschied zum GRECE zu Anfang der 1980er Jahre begrüßen die Identitaires nicht den Islamismus als Ausdruck „des allen Völkern und Kulturen innewohnenden Identitätsstreben“ , sondern wettern bei jeder Gelegenheit gegen die „islamische Bedrohung“. Dem Antisemitismus, welcher bei Unité Radicale noch eine zentrale Rolle spielte, haben die Identitaires seit ihrer Tagung 2009 formell definitiv abgeschworen. Auch wenn der Redner Mario Borghezio am Samstag auch den antisemitischen französischen Poeten Robert Brasillach, der im Februar 1945 nach der Befreiung erschossen wurde, beschwor.

Verhältnis zu anderen Kräften: FN und Konservative

Auf ihrem Treffen am ersten Wochenende im November d.J. versuchten die „Identitätären“, sich vor diesem Hintergrund auf einen strategischen Kompromiss zu einigen. Auf den Versuch, formell als politische Partei aufzutreten, wollen sie verzichten – um stärker ihren Bewegungscharakter oder, aus ihrer eigenen Sicht, ihre Natur als Ausdruck einer „Gegenkultur“ zu betonen. Gleichzeitig wollen sie sich zumindest in der Kommunalpolitik auch bei institutioneller Arbeit engagieren. Philippe Vardon von dem Bloc-Ableger „Rebellisches Nizza“, der am stärksten auf dieser Ebene vorgearbeitet hat, sprach am Sonntag (den 04.11.12) „Wahlbündnissen und, warum nicht, der Teilnahme an Kommunalregierungen“ in enger Zusammenarbeit mit dem FN – respektive seiner Bündnisorganisation für Wahlbeteiligungen, Rassemblement Bleu Marine – das Wort.

Allerdings schlug Marine Le Pen das Angebot am selben Tag aus. Beim Fernsehsender BFM TV erklärte die Vorsitzende des FN, der Bloc sei nach ihren Kenntnissen „eine Agitprop- und Aktivisten-Partei“, also nicht eine seriöse Erscheinung wie die von ihr geführte Partei. Ferner gebe es zu wichtige ideologische Differenzen: die Identitaires seien „Europäisten und Regionalisten“. Tatsächlich setzt der Bloc auf eine Art Dreiklang der zu verteidigenden „Identitäten“ – regionale, nationale und europäische -, die wie eine Art russischer Puppen ineinander greifen sollen. Dies ist aus seiner Sicht erforderlich, weil nur so eine „eingewurzelte echte Identität“ definiert werden könne; denn ein Einwanderer könne nur durch Einbürgerung Franzose werden, aber eben unmöglich „Baske, Bretone oder Elsässer“. Aus Sicht des FN dagegen muss allein die Nation im Mittelpunkt stehen. (Übrigens notiert die ebenfalls eingeladene und in Orange präsente, rechtsextreme deutsche Zeitschrift Blaue Narzisse in ihrem Bericht dazu: „Bemerkenswert ist jedenfalls, dass keine einzige Trikolore im Saal hängt“. Artikel „Identitär in Orange“ von Peter Ulbricht, vom 08.11.2012. Ebenfalls in Orange anwesend war die deutsche rechtsextreme Publikation Sezession, für welche Götz Kubitschek und Martin Lichtmesz die Reise nach Südfrankreich antraten.)

Sein relativ parteiferner Charakter verschafft dem Bloc jedoch insofern einen Vorteil, als er auch parteiübergreifend nach Bündnispartnern suchen kann. Neben dem FN, zu welchem es zumindest auf lokaler Ebene gute Kontakte gibt, zählen dazu auch Konservative. Derzeit unterschrieben zwischen 15 und 20 Abgeordnete der konservativ-wirtschaftsliberalen Oppositionspartei UMP eine Petition gegen das kommunale Ausländerwahlrecht, die vom Bloc initiiert wurde. Und der aufgrund notorischer homophober Sprüche aus der UMP-Fraktion ausgeschlossene frühere Parlamentarier Christian Vanneste nahm an der Tagung in Orange teil. Und ein Vertreter der UMP-nahen rechten Studierendengewerkschaft UNI – Edgar Saint-Jean – sandte ein Grußwort und sprach darin von „gemeinsamen Sorgen“.

Nachtrag: Pariser Demonstration vom 10.11.12

Eine Woche nach dem „Konvent“ in Orange fand in Paris eine Demonstration unter dem Titel „Gegen den islamistischen Faschismus“ statt. Am Nachmittag des Samstag, 10. November d.J. sollte sie vom Nahverkehrsbahnhof Denfert-Rochereau bis zur Place d’Italie, also quer durch den Süden des Pariser Stadtgebiets führen. Ursprünglich hätte sie in der Nähe der Champs-Elysées stattfinden sollen, was den Veranstaltern jedoch nicht polizeilich genehmigt wurde. Konzipiert war der Aufmarsch gegen den „Islamfaschismus“ als Antwort auf die (schwache) Mobilisierung von Moslems in Paris im September d.J., die überwiegend von Salafisten ausging, jedoch auch durch ein paar Otto-Normal-Muslime mitgetragen wurde, im Kontext des damaligen neu aufgeflammten „Karikaturenstreits“ um den Propheten Mohammed. Deswegen die Ortswahl für die Demonstration – weil die Salafisten damals, konkret am 15. September d.J., einen ungenehmigten Auflauf im Einzugsbereich der Champs-Elysées durchführten (was jedoch mit der Festnahme von 152 der insgesamt rund 250 Anwesenden endete).

Zu ihr hatten formell rund 40 Strukturen aufgerufen. Neben Quasi-Briefkastenvereinen umfassten die Aufrufer besonders das „identitäre“ Spektrum einerseits, sowie die Bewegung rund um die islamfeindliche Internetpublikation Riposte Laïque (ungefähr: „Gegenwehr der Laizisten“) und ihre Vorfeldorganisation Résistance Républicaine andererseits. Letzte fielen und fallen vor allem durch ihre obsessive, von Besessenheit geprägte Beschäftigung mit einer angeblichen „islamischen Bedrohung“ auf. Seit nunmehr circa zwei Jahren vollzieht Riposte Laïque eine starke Annäherung an den Front National unter Führung von Marine Le Pen; einer der Hauptprotagonisten dieses Spektrums, der (am Samstag ebenfalls anwesende) frühere UMP-Kommunalparlamentarier, frühere rechte Gewerkschafter und aktive Blogger Gérard Brazon, nahm am 22./23. September 12 an der „Herbstuniversität“ des FN im westfranzösischen La Baule teil. Das Spektrum rund um Riposte Laïque und der Bloc identitaire hatten zusammen vor knapp zwei Jahren, am 18. Dezember 2010, den „Anti-Islamisierungs-Kongress“ im zwölften Pariser Bezirk veranstaltet.

Ungefähr dieselbe Teilnehmerzahl, vielleicht etwas weniger, verzeichnete auch die Demonstration vom Samstag: laut unseren Beobachtungen knapp unter 1.000. Ein vom Verfasser dieser Zeilen befragter Einsatzleiter der Gendarmerie schätzte die Demonstranten auf „ungefähr 800“, das dürfte hinkommen. Das ist für eine Saalveranstaltung nicht wenig, hingegen für eine Demonstration nicht sehr viel. Eine Mehrzahl der Teilnehmenden kam offenkundig aus anderen Teilen Frankreichs außerhalb von Paris. Denn als der Redner der Auftaktkundgebung – Pierre Cassen – die „eigens angereisten provinciaux“ (Leute aus der Provinz, d.h. Frankreich ohne Paris; heutzutage sagt man allerdings eher höflich „in einer Region“ statt „in der Provinz“)  begrüßte, erhoben sich wesentlich mehr Hände zum Gegengruß als beim Willkommenheißen der Pariser Teilnehmer. Von einer Fähigkeit zur Mobilisierung einer Massenbewegung ist dieses Spektrum also anscheinend derzeit eher noch ziemlich weit entfernt. Auch wenn man die Entwicklung des „Kristallisationskerns“, welcher sich da herausgebildet hat, im Auge behalten wird müssen. Wahrscheinlich ist das alleinige Thema „Bedrohung durch Islamisierung“ auch für viele Anhänger rechter Ideen zu abstrakt; beim Front National jedenfalls würden immer zumindest auch starke Akzente zu ökonomischen und sozialen Themen hinzugefügt. Am Samstag war dies nicht der Fall. Es überwog die monothematische Beschäftigung mit der „Islamisierung“. Ein besonders durchgeknallt wirkender Demonstrant über 50 trug die ganze Zeit über ein Schild mit der Aufschrift „Islam raus dem Louvre“ vor sich her. Natürlich unter Anspielung auf die neue (und wirklich gute) Dauerausstellung über islamische Kunst, die Ende September 2012 in dem Pariser Museum eröffnet wurde.

Eine Mehrheit der Teilnehmenden war eher in mittlerem bis fortgeschrittenem Alter, bürgerlich bis spießig wirkend. Dagegen fand sich auch eine Minderheit von jungen, männlichen und eher ziemlich kurzgeschorenen Demonstranten unter ihnen, die wiederum hauptsächlich den Ordnerdienst stellten. Das Fronttransparent zeigte die Parole: „Der islamische Faschismus wird nicht durchkommen“. Kurz dahinter befand sich auch ein Transparent des „Identitären“-Spektrum, das sich durch die Selbstdarstellung als „Identitäres Netzwerk“ (Réseau identitaire) und „Die Identitären“ im Plural als vielfältig und dynamisch darzustellen suchte. Prominentester Teilnehmer in ihrem Block war Richard Roudier, der Chef der regionalen Kleinpartei Ligue du Midi in Südfrankreich, welche wie andere rechtsextreme Regionalbewegungen (u.a. Alsace d’abord, also „Elsass zuerst“, unter Jacques Cordonnier) eng in die Strukturen der „Identitären“-Bewegung eingeflochten ist.

Der Hauptprotagonist von Riposte Laïque, Pierre Cassen, ist ein früherer Linksaktivist und zählte in den 1970er Jahren noch zu Organisationen der politischen (LCR) und gewerkschaftlichen (CGT) Linken. Durch die Ablehnung der Gleichberechtigung von Einwanderern auf dem Arbeitsmarkt, und später durch eine förmliche Besessenheit bezüglich einer „bedrohlichen Islamisierung“, radikalisierte er sich im Laufe der Jahre nach rechts. Jedenfalls von der Form her merkt man ihm den ehemaligen Linken äußerlich jedoch noch an. Cassen ließ – als Redner auf einem mitfahrenden Lastwagen – die (bescheidene) Menge immer wieder Slogans skandieren, die von Stil und Rhythmus her, aber natürlich keineswegs inhaltlich, wie eine Kopie früherer linker Parolen aus Cassens alten Zeiten wirkten. Etwa: „Sie sind Rassisten, sie sind Faschisten, sie sind Sexisten – raus, raus mit den Islamisten.“ Eine direkte Übernahme und Abwandlung linker und antifaschistischer Slogans, die sich üblicherweise gegen den FN und verwandte Organisationen richten.

An übliche linke Slogans erinnerte, von Bauart und Rhythmus her, auch die Parole: „Nicht Aurore Martin muss man ausliefern – sondern die Islamisten muss man abschieben.“ (Ein Klassiker wäre etwa: „Nicht die Ausländer/Einwanderer muss man abschieben, sondern Le Pen und die Faschisten muss man rauswerfen.“) Aurore Martin ist eine baskische Linksnationalistin mit französischer Staatsbürgerschaft, die soeben am 01. November d.J. durch die Regierung Frankreichs an Spanien ausgeliefert wurde. Obwohl sie die Staatsbürgerschaft des Ausliefererstaats besitzt, und obwohl die ihr in Madrid zu Last gelegten Delikte – insbesondere Zugehörigkeit zur linksnationalistischen Partei Batasuna, lt. spanischer staatlicher Definition „Terroristen“ – in Frankreich gar nicht strafbar wäre. Auch wenn man von baskischem Nationalismus keine hohe Meinung hat, kann und muss man diese Auslieferung skandalös finden, welche in Frankreich auch einen Proteststurm hervorrief. Doch der rassistische Agitator Pierre Cassen drehte die Sache andersherum hin, und verlieh seiner Parole einen anderen Sinn: Nähme man den europäischen Haftbefehl (wie er im Falle Aurore Martin dem staatlichen Handeln zu Grunde liegt) aus Auslieferungsgrund hin, dann würden morgen auch Franzosen/Französinnen an die Türkei ausgeliefert, wenn diese erst einmal in die EU aufgenommen sei. Dort drohten ihnen dann aber islamische Barbarei, und blabla, und gnagnagna.

Dagegen war der ebenfalls gerufene Slogan „Wir sind Herr in unserem Haus“ eine traditionelle rechte Parole. Und er brachte auf den Punkt, was die 800 bis 1.000 Demonstrationen vom Samstag in Wirklichkeit umtrieb.

  1. Eine weitgehend pseudo-wissenschaftliche Tagung zum Thema „Nation und Staatsbürgerschaft“ fand im Umfeld des Bloc identitaire am 10. März 2012 in Paris statt, im Veranstaltungssaal Espace Charenton, wo das „identitäre“ Spektrum mit Bündnispartnern auch den „Anti-Islamisierungs-Kongress“ vom 18. Dezember 2010 veranstaltet hatte. Jener hatte damals viel Aufsehen erregt (und wird nunmehr, ab dem 21. Dezember 12, auch ein gerichtliches Nachspiel haben, da eine Strafanzeige wegen dort getätigter rassistischer Auslassungen erstattet wurde.) Nicht so jedoch bei der Veranstaltung im März 2012: Das Ganze erweckte und hinterließ einen eher drögen Eindruck. []

Ein Kommentar zu “Die „identitäre Bewegung“ lud zum „Konvent“

  1. Nun ja was würde mit einem Türken passieren ob Doppelpass oder nicht der das Türkentum beleidigt?

    Es wird doch schon eine Arabische Christin per Interpol gesucht weil sie konvertiert ist und das strafbar ist.

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