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Rab. Kučera zum Herbst: Zeit zu Vergeben

Der Übergang vom Sommer zum Herbst ist (für viele) sowohl mit dem Denken an das neue Schuljahr als auch (für alle) an das neue jüdische Jahr verbunden. Dabei werden wir herausgefordert, zurückzuschauen und über das Vergangene nachzudenken, um das Kommende besser zu gestalten…

Rabbiner Tom Kučera

Die Impulse dazu finden wir nicht nur in unserer reichen Tradition, sondern auch in der Literatur, zum Beispiel bei einem russischen Schriftsteller, der selbst nicht jüdisch war, trotzdem schon zu seiner Zeit (im 19. Jh.) das Judentum als ein Beispiel der Ewigkeit sah, weil die Juden trotz aller historischen Verfolgungen ihre Tradition behielten und dadurch zeigten, dass sie das ewige Feuer vom Himmel bewahren. Über diesen längst verstorbenen nicht-jüdischen Schriftsteller sagte der lebende jüdische Autor Gary Shteyngart: „Mir wurde beigebracht, dass die Tora und der Talmud wichtige Bücher sind, aber dass wahres Wissen… auch bei L. N. Tolstoi zu finden ist.“ In diesem Sinne möchte ich ein paar Szenen aus dem Roman Anna Karenina erwähnen, die für mich Beispiele einer kritischen Retrospektion unseres Verhaltens sein können. Die psychologischen Tiefen sind bei Tolstoi wie dunkle Perlen in viele Passagen gestreut. „Er war den ganzen Tag nicht zu Hause und es war für sie sehr schwierig zu spüren, dass sie im Streit sind. Sie wollte alles vergessen, vergeben, sich mit ihm versöhnen, sie wollte sich selber schuldig machen und ihm recht geben. Ich bin selber schuld, ich bin leicht reizbar, ich bin zu emotionell, ich werde mich mit ihm versöhnen, sagte sie sich selber.”

Die Teschuwa (Umkehr), also auch das Streben nach dem Besseren, kann als eine leise, aber echte Stimme in unserem Herzen vernommen werden. Wir spüren, was absolut richtig ist, was gemacht werden soll und muss. Werden wir dazu Kraft haben? HatteAnna Karenina die Kraft? „Am Tag darauf wachte sie auf und staunte über sich selber, dass sie ihr Vorhaben änderte. Sie wusste, sich dadurch selber zu schädigen, aber sie konnte nicht widerstehen, sie konnte ihm nicht zeigen, dass er recht hatte. Sie wollte nicht nachgeben.”

Wie viele unserer guten Vorsätze haben wir am nächsten Tag aufgegeben? Wie viele Mal haben wir trotz unserer ehrlichen Einsicht anders gehandelt? Doch auch die zweite Hauptgestalt, Wronski, kommt nicht unbeschadet davon: „Ich bin nicht schuldig ihr gegenüber, dachte er. Wenn sie sich selber strafenmöchte, umso schlimmer für sie. Als er aber beim Herausgehen war, schien ihm, dass sie etwas sagte. Sein Herz rührte sich plötzlich, als er ihr Leiden sah. ‚Was, Anna?‘, fragte er. ‚Nichts‘, sagte sie genauso so kalt und ruhig. Ach nichts, dachte er, um so schlimmer für sie. Und er ging weiter zur Tür. Beim Herausgehen sah er plötzlich im Spiegel ihr blasses Gesicht mit zitternden Lippen. Er wollte anhalten, um ihr einige tröstende Worte zu sagen, aber seine Füße trugen ihn aus dem Zimmer heraus, ohne dass er zu überlegen vermag, was er sagen wollte.”

Wie viele Male haben wir die Möglichkeiten zur Versöhnung verpasst, die wir fast auf der Hand hatten, sind trotzdem weggegangen und haben die Situation ignoriert? Nicht nur während der Hohen Feiertage, sondern auch in der täglichen Amida sagen wir: sselach lanu, mechal lanu. Es wird übersetzt als: vergib uns, verzeih uns. Sind beide Verben gleich? Ein Kommentar schlägt vor, dass „vergeben” persönlich, „verzeihen” mehr offiziell ist. Beide Verben sind mit einem Substantiv verbunden: sselach lanu, awinu – vergib uns, unser Vater, mechal lanu, malkenu – verzeih uns, unser König. Die Spannung zwischen awinu und malkenu überträgt sich auf sselach lanu und mechal lanu. Zum Vater passt das intimere Vergeben, zum König das ernstere Verzeihen. Ähnlich kann ich auf der Straße einer Person schnell Sselicha, Pardon, Entschuldigung sagen. Jemanden direkt anzusprechen, um zu fragen: Bist du mir mojchel (verzeihst du mir), ist schon viel schwieriger.

Möglicherweise spüren wir in uns diesen Impuls, doch am nächsten Morgen mag er vorüber sein.

Wie bei Anna Karenina, in der wir uns als in einer literarischen Gestalt wiederfinden können, genauso wie bei Wronski, der weiß, dass man der anderen Person entgegenkommen sollte, um ihre Situation leichter zu machen. Doch die Füße laufen weg und sind schneller als die Gedanken, die nicht bis zum Ende geführt werden.
Der Monat Elul bringt uns zum Ende des jüdischen Jahres. Ich wünsche uns allen, dass wir für die Hohen Feiertage gut vorbereitet sind und dass uns diese Zeit mit dem dabei Gewonnenen auch danach begleitet.

Rabbiner Tom Kučera