Deutsche Bibelsprüche auf Arabisch

Die 150 Jahre alte Kolonie der deutschen Templer im Tel Aviver Viertel „Sarona“ liefert archäologische Überraschungen: fromme deutsche Bibelsprüche in arabischer Übersetzung, auf Säulenkapitelle eingemeißelt…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 16. August 2012

Die Häuser der christlichen Pietisten aus dem Schwabenland wurden vor zwei Jahren auf Schienen gehoben und um einige Meter verschoben, um die Kaplanstraße vor dem israelischen Verteidigungsministerium zu verbreitern. Die modernen Templer hatten ihre Viertel in einem typisch deutschen Stil in Haifa, Tel Aviv, Jerusalem und im Bethlehem Galiläas errichtet und mit Bibelsprüchen über den Eingängen geschmückt. In den vierziger Jahren gab es ausgerechnet in Palästina die größte Nazi-„Landesgruppe“ im Ausland. In Tel Aviv marschierten sie mit Hakenkreuzflaggen, während in Deutschland schon die Juden in den Tod verschickt wurden. Damals herrschten die Briten in Palästina als Mandatsmacht. Sie erklärten die Deutschen zu „feindlichen Ausländern“. 1941 deportierten sie 661 dieser Deutschen nach Australien und beschlagnahmten ihre Häuser. Nach der Gründung Israels 1948 gingen der deutsche Grundbesitz und die Häuser in israelischen Staatsbesitz über. 1962 zahlte Israel 54 Millionen DM „Wiedergutmachung“.

Derweil wurden viele der Templerhäuser unter Denkmalschutz gestellt. Bei Restaurierungsarbeiten entdeckten israelische Künstler unter dicken Farbschichten jetzt auch Inschriften auf Kapitellen über Säulen, die ursprünglich aus Ägypten importiert worden waren. „Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes“, „Die Frucht des Herzens ist der Weisheit Anfang“ und „Von Zion wird das Gesetz ausgehen“ steht da in gotischen Lettern auf den Kapitellen und daneben der gleiche Spruch auf Arabisch.

„Wir hatten nicht erwartet, etwas so Besonderes zu entdecken“, sagte der der Restaurator Sharon Breuer.

Prof. Yossi Ben-Artzi, von der Universität Haifa vermutet, dass „die Templer Arabisch lernten und lehrten. Sie hatten Kontakt mit ihren Arbeitern und arabischen Nachbarn.“ Shai Farkash, ein internationaler Experte für Wandmalereien, meinte, dass die arabischen Bibelsprüche ein Versuch der Templer gewesen sein könnten, die Gunst des osmanischen Herrschers zu gewinnen.“ Im nächsten Jahr, nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten, sollen die 37 erhaltenen Templerhäuser von Sarona zu einem neuen Kulturzentrum im Herzen von Tel Aviv werden.

In Jerusalem, im Konrad Adenauer Zentrum, wurde derweil das Buch „Deutschland und Deutsche in Jerusalem“ vorgestellt. Der von Professor Haim Goren und Jakob Eisler herausgegebene Band enthält die Vorträge von Forschern einer Tagung im März 2007. „Jerusalem ist ein Ort, wo das deutsche Reich zwischen 1871 und 1918 in guter Erinnerung geblieben ist“, sagte der deutsche Botschafter Andreas Michaelis. In der Tat überragen monumentale Kirchen, Schulen und Hospize das Panorama Jerusalems. Sie wurden teilweise von Kaiser Wilhelm II während seines historischen Besuchs 1898 eingeweiht.

Mitte des 19. Jahrhunderts erweckten die Europäer, neben Deutschen auch Briten, Franzosen und Russen die Heilige Stadt aus einem Dornröschenschlaf. 1914 wurden 5000 europäische Christen in Jerusalem gezählt. Sie waren als Lehrer, Ärzte, Missionare und Bauherren gekommen. 3000 von ihnen waren Deutsche und von denen waren 2500 Schwaben!

Der Archäologe Dieter Vieweger meinte, dass diese Deutschen Jerusalem zu einer „modernen Stadt“ gemacht hätten, wobei die Lokalbevölkerung gar nicht gefragt worden sei, „ob sie wirklich mit den Segnungen der europäischen Kultur und ihren Werten beschenkt werden wollte.“ Das sei ein Problem, „das uns noch heute verfolgt“, so Viehweger. Der Sammelband in deutscher Sprache mit vielen historischen Schwarz-Weiß-Fotos ist beim israelischen Keter-Verlag (ISBN 978-965-91794-0-4) in Jerusalem erschienen.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com