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Wie Israel sich auf den Krieg vorbereitet

Die israelische Bevölkerung wird auf den nächsten Krieg vorbereitet. „In regelmäßigen Abständen werden inzwischen Schlachtpläne gegen den Iran unter das Volk gebracht“, heißt es in einem Bericht aus Kairo. Ein Korrespondent will sogar einen Israeli kennen, der neben der Haustür einen gepackten Koffer bereit stehen habe, um im Kriegsfall sofort aus Israel zu fliehen…

von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 22. August 2012

Wohin, wie und ob schon ein Flugzeug bereit steht, hat er nicht verraten.

Reporter lichteten Gasmasken-Verteilerstellen ab, obgleich es die seit Jahren gibt, ohne dass sich dafür jemand interessiert hätte. Ein weiteres „untrügliches“ Zeichen für einen bevorstehenden Krieg war ein Test der Heimfront, die Bevölkerung per SMS bei Raketenangriffen vorzuwarnen.

Erfahrungsgemäß hört nicht jeder die Luftschutzsirenen, wenn er im fensterlosen Büro mit laufender Klimaanlage sitzt. Dieses landesweite Manöver machte weltweite Schlagzeilen, nicht aber das Ergebnis.

Ein Handy-Besitzer beschwerte sich, die Vorwarnung ganze 160 Mal empfangen zu haben. Nach Angaben der Militärs habe fast die Hälfte Israelis nichts empfangen. Bei manchen sei die SMS mit 15 Sekunden Verzögerung eingetroffen.

Das bringt nichts, wenn man im Ernstfall sofort den Schutzraum aufsuchen sollte.

Die Idee, die Bevölkerung gezielt und nur in einem direkt betroffenen Gebiet per Handy zu warnen, hatte die israelische Armee der internationalen Presse im Dezember 2010 vorgestellt. Der erste Test ergab Mängel bei der Technologie. Gewisse Handys seien nicht kompatibel. Ein Militärsprecher erklärte, dass es noch anderthalb Jahre dauern werde, bis das System ausgereift und im Ernstfall einsetzbar sei. Im Umkehrschluss müssten die Kriegspropheten nun zur Erkenntnis kommen, dass der israelische Militärschlag gegen Iran um anderthalb Jahre vertagt werde.

Gleiches gilt für die Instandsetzung der Luftschutzkeller. Seit den fünfziger Jahren, als noch niemand an einen Krieg gegen Iran dachte, ist gesetzlich vorgeschrieben, jeden Neubau mit einem Schutzraum zu versehen.

Seit vierzig Jahren wird Israel regelmäßig mit Raketen beschossen. Bis zum Libanonkrieg von 2006 war der ganze Norden Israels betroffen, ab 1972 durch Raketen der PLO und später der Hisbollah. Seit Ausbruch der 2. Intifada im Herbst 2000 wurden grenznahe Ortschaften zum Gazastreifen mit sogenannten „selbstgebastelten“ Raketen der Hamas beschossen. Inzwischen stehen der Hamas und anderen Organisationen auch aus Iran gelieferte Gradraketen zur Verfügung. Die haben schon die Metropole Beer Schewa und Vororte von Tel Aviv getroffen. Die Hisbollah im Libanon hat angeblich 20.000 Raketen eingelagert und sei in letzter Zeit sogar von Syrien mit Scudraketen beliefert worden. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah schwor dieser Tage, „das Leben der Zionisten zur Hölle machen“ zu wollen. Die Israelis haben viele gute Gründe, ihre Luftschutzräume zu entrümpeln. Scud-Raketen kennen die Israelis seit 1991, als der Irak des Saddam Hussein gedroht hatte, „Israel zu verbrennen“. Tatsächlich schlugen Scud-Raketen in der Gegend von Tel Aviv und Haifa ein. Weil befürchtet worden war, dass diese Raketen mit Giftgas bestückt sein könnten, saßen damals alle Israelis in „abgedichteten Zimmern“. Den besten Schutz lieferten Tesafilm an den Fensterritzen und ein nasser Waschlappen vor der Zimmertür.

Wegen des Problems der kaum hörbaren Luftschutzsirenen wurde der Raketenalarm per Radio und Fernsehen verbreitet. Seit 1991 ist übrigens die Verteilung von Gasmasken ein regelmäßiges Thema in den israelischen Medien, vor allem im Sommerloch, wenn das eine Gelegenheit bietet, Regierung oder Militär wegen Pannen zu kritisieren.

Als Dokumentation hier U. Sahms Bericht vom 2. Dezember 2010:

Kaputtes Telefon

Während ein Drittel aller Israelis wegen einer Panne vom Mobilfunknetz abgeschnitten war, präsentierte das Militär seine neue Methode, die Israelis im Falle eines Raketenangriffs künftig per Handy in die Luftschutzkeller zu schicken.

Die weltweit schlimmste Panne im Handynetz hat am Mittwoch über 3 Millionen Kunden des israelischen Mobilfunk-Betreibers Cellcom von der Welt abgeschnitten. Inzwischen funktioniert das System wieder, doch noch ist unklar, was zum Zusammenbruch des elektronischen „Gehirns“ geführt hat. Es könnte ein Virus sein oder ein Fehler in dem von Nokia eingerichteten Computersystem. Das Verschicken von SMS Kurznachrichten funktionierte zunächst noch, brach dann aber wegen Überlastung ebenfalls zusammen. Der Generaldirektor von Cellcom, Amos Schapira, konnte am Mittwoch nur „Entschuldigung“ sagen, ohne eine Erklärung für die Panne zu bieten. Am Donnerstag flogen Techniker von Nokia nach Israel, um den Grund für die Kettenreaktion zu prüfen. Am Donnerstag klagte ein altes Ehepaar auf Schadensersatz. Über einen Anwalt forderte es 70 Euro als „faire Entschädigung“. „Falls alle Kunden mit dieser Summe entschädigt werden sollten, würde eine Milliardensumme herauskommen“, sagte der Anwalt im Rundfunk.

Israel zählt 7 Millionen Einwohner, drei Mobilfunkbetreiber und 1,38 Handys pro Kopf Bevölkerung. Wie der Zufall so wollte, hatte genau an jenem Tag, als ein Drittel aller Handys in Israel ausgefallen war, der Militärsprecher die Auslandspresse zu einem Besuch bei der Kommunikationszentrale der israelischen Armee eingeladen. „Wir öffnen uns der Welt und haben keine Geheimnisse“, erklärte Oberstleutantin Avital Leibowitz, nachdem ein Vertreter der Militärzensur den Presseleuten mitgeteilt hatte, dass alle Berichte und Bilder zu diesem „Informationstag“ vorab eingereicht werden müssten.

C4I (Kommando, Kontrolle, Kommunikation, Computer) nennt sich jene Einheit im Zrifin-Militärstützpunkt nahe Tel Aviv, wo sämtliche elektronischen Kommunikationswege der Armee entwickelt und verwaltet werden. Die Luftwaffe, Marine und Infanterie „sprechen unterschiedliche Sprachen“ erklärten hohe Offiziere anhand von Präsentationen. Um miteinander kommunizieren zu können und dem Oberkommando einheitliche Reports über die Vorgänge auf dem Schlachtfeld überreichen zu können, müssten diese „Sprachen“ übersetzt und vereinheitlicht werden. „Es ist eine kulturelle Herausforderung, alle Systeme miteinander zu verknüpfen und in ein integriertes Gefäß zusammen zu fassen“, sagte eine Oberstin. Erstaunlich viele Frauen waren unter den Offizieren, die da den Journalisten die Arbeit von einer der wichtigsten und wohl auch geheimsten Branchen des israelischen Militärs vorstellte. Alle versicherten, dass die in Israel entwickelte Verschlüsselung der Systeme perfekt sei, nachdem Journalisten gefragt hatten, ob auch beim israelischen Militär ein „Wikileaks“ denkbar sei.

Neben dem Vortragssaal waren zwei Lastwagen und ein Hammer-Jeep mit Satellitenschüsseln und Antennen aufgestellt worden. Nur zwei Mann bedienen die fahrbare Satellitenschüssel auf dem Jeep, ein Fahrer und ein Techniker.

Sie können im Krieg ausgefallene stationäre Schüsseln ersetzen und die Kommunikation innerhalb des Militärs und zu der Zivilbevölkerung aufrecht zu erhalten. Sie bedienen im Feld eine Vielzahl von Techniken, die mit dem israelischen Satelliten Amos Verbindung hält, einfliegende Raketen ausmacht, deren voraussichtlichen Einschlagsort ermittelt und schließlich per Knopfdruck die Luftschutzsirenen in der betroffenen Gegend auslösen kann.

„Früher heulten im ganzen Land die Sirenen, während des Libanonkriegs war das Land in 10 Zonen aufgeteilt und heute in 100, um gezielt nur die Bevölkerung im tatsächlichen Zielgebiet in die Luftschutzkeller zu schicken“, erklärte ein Offizier das System „Hirschhorn“. Das Militär arbeitet zusammen mit High-Techfirmen an abgestufte Möglichkeiten, die Bürger gezielt über Angriffe zu warnen oder landesweit. Neben Luftschutzsirenen sollen automatisch auch die Handys und vibrierende Funkgeräte für Schwerhörige angerufen werden. Im schlimmsten Fälle könne sich die C4I – Einheit per Knopfdruck in alle elektronischen Medien einschalten und von einem eigenen Studio aus die Bevölkerung über einen bevorstehenden Raketenangriff landesweit informieren. Zu dem Zeitpunkt war noch nicht bekannt, dass das Mobilfunksystem von Cellcom gerade zusammengebrochen war, und dass deren Kunden nicht per Handy erreichbar gewesen wären.

Ein junger Offizier namens Steve erzählte, dass die Armee in Schulen mit technischer Ausrichtung 16-jährige Schüler auskundschaftet und sie mit allgemeiner Ausbildung in elektronischen Fächern auf ihren Dienst in der C4I Einheit vorbreitet. Die Soldaten müssen sich zu fünf Jahren Militärdienst verpflichten. Dann können sie aber sicher sein, einen hoch dotierten Job in Israels High-Industrie zu erhalten, zumal die Firmen besonders begabte Soldaten ins Visier nehmen. Vor dem mit Elektronik vollgestopften Hammer mit der Satellitenschüssel auf dem Dach sagte Steve: „Alles entspricht israelischen Bedürfnissen. Jeder von uns muss alle Systeme bedienen können, während in anderen Armeen sechs Techniker mit sechs Fahrzeugen die gleiche Arbeit verrichten.“ Sein Befehlshaber Kobi Menasche redete von einer „Mentalitätsfrage“. Weil jeder Soldat Data-, Video- und Audio-Kommunikation beherrsche, könne Israel schneller als jede andere westliche Armee reagieren. Das habe sich nach dem Erdbeben in Haiti bewährt. Innerhalb von drei Tagen hatten die Israelis ein Zelt-Hospital errichtet und erste Opfer behandelt, während die Hilfe der Amerikaner und anderer Länder auf sich warten ließ. Mit dabei waren auch die C4I Spezialisten. „Sowie sie die Kommunikationszentrale eingerichtet hatten, halfen sie Ärzten und Patienten“, sagte Menasche stolz über seine „Alleskönner“.

© Ulrich W. Sahm, haGalil.com