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Holocaustgedenken: Was gesagt werden muss

Vortrag von Prof. Yehuda Blum am 05.07.2012 in der Universität Freiburg …

Meine Damen und Herren, am 27. Januar dieses Jahres war ich Gastredner in Saarbrücken anlässlich der Gedenkstunde des Landtages für – so heißt es in Deutschland – die Opfer des Nationalsozialismus.
Einige Wochen vor der Veranstaltung erhielt ich ein Mail aus Saarbrücken, in dem es hieß, es werde von mir erwartet, zusammen mit dem Landtagspräsidenten einen Kranz für die Opfer des Nationalsozialismus niederzulegen. Und zu ihrer Überraschung erwiderte ich, dass ich dazu leider nicht bereit sei. Da kamen die Fragen: „Warum denn nicht?“ Es ist ja auch etwas überraschend. Ich betrachte mich selbst als ein von den Nazis Verfolgter.

Meine Antwort lautete: Erstens, der 27. Januar wurde von der UNO-Vollversammlung einstimmig als Gedenktag für die Opfer der Schoah bestimmt, angesichts der Einzigartigkeit der Verbrechen, die am jüdischen Volk begangen wurden. Zweitens – und das ist auch mit dem ersten Teil meiner Antwort verbunden– bat ich um eine Liste der Kategorien der Menschen, die in Deutschland als Opfer des Nationalsozialismus gelten. Diese Liste habe ich bis zum heutigen Tag nicht erhalten.

Und ich glaube, deswegen können Sie es nachvollziehen, warum ich mich damals geweigert habe, diesen Kranz niederzulegen. Der Landtagspräsident musste es ohne meinen Beistand vollbringen.

Aber ich wollte doch die Meinung einiger deutscher Freunde einholen, ob ich hier richtig handelte. Ich bekam Antworten von diesen Freunden – alles nicht-jüdische Freunde, wohlgemerkt. Und einen dieser Briefe, der nicht sehr lang ist, möchte ich jetzt mit Ihnen etwas ausführlicher analysieren.

Da schreibt mein Freund wie folgt: Die amerikanische Militärregierung hat 1952 eine repräsentative Umfrage unter den Deutschen gemacht und dabei nach den Opfern des Nationalsozialismus gefragt und gebeten, eine Rangfolge anzugeben. An die erste Stelle setzten die Deutschen die Kriegerwitwen. Also die Witwen der Offiziere der Wehrmacht, der SS, einschließlich der Waffen-SS – letztere war ja genauso sauber wie die Wehrmacht, so hieß es. Die Waffen-SS, das waren die anständigen Soldaten innerhalb der SS. Und ich glaube, Sie werden ja sehr wohl verstehen können, warum man mir das nicht zumuten konnte, dass ich für die Witwen der Mitglieder der Wehrmacht, der SS usw. einen Kranz niederlege. In den 50er Jahren und bis hinein in die späten 80er Jahre wurde für die Wehrmacht in diesem Land ein Persilschein ausgestellt. Sie taten nur ihre soldatische Pflicht und haben anständig für ihr Vaterland gekämpft, so hieß es.

Doch wir wussten schon damals, dass dies falsch war. Die Wehrmacht, besonders in Osteuropa, war in die Verbrechen der Schoah aufs Engste verwickelt. Ganze Einheiten der Wehrmacht, Hunderttausende von ihnen, nahmen in Polen, der Ukraine, Weißrussland und im Baltikum und anderswo am Zusammentreiben der Juden teil und an der Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung, an ihrer Vertreibung und auch an ihrer Ermordung. Es war einfach nicht wahr, was über die Wehrmacht in Deutschland bis spät in die 80er Jahre erzählt wurde.

Und über die SS muss ich mich nicht ausführlich auslassen. Nur ein Wort nebenbei bemerkt über die Waffen-SS: Viele von Ihnen erinnern sich doch an die Bitburg- Kontroverse. An den Soldatenfriedhof, auf dem es auch Gräber der Waffen-SS gibt.

Und damals hieß es auch in Regierungskreisen in der Bundesrepublik, die Waffen- SS sei so wie die Wehrmacht. Man könne sie nicht mit der SS, der regulären SS, vergleichen. Nun ist es so, dass dort in Bitburg Mitglieder der Waffen-SS begraben sind, Mitglieder der Einheit, die Oradour-sur-Glane in Südfrankreich dem Boden 2 gleich gemacht und die Einwohner des Dorfes niedergemetzelt hatte. Aber das nur nebenbei bemerkt.

Es ist natürlich gut zu wissen, dass heute sehr viele Deutsche ganz genau wissen, was die Wehrmacht während des Krieges gemacht hat. Und dafür müssen wir auch der neuen deutschen Historikergeneration danken, die sich jetzt damit beschäftigt, die Verfälschung der deutschen Geschichte der Nazijahre zu entlarven, und die Wahrheit über jene Jahre herauszubringen.

Also, an erster Stelle standen die Kriegerwitwen. Es folgten die Ausgebombten. Die Ausgebombten in Hamburg, Düsseldorf, München, Dresden, Berlin usw. Aber nicht die Ausgebombten in Warschau. in Rotterdam, in London, in Belgrad usw. Die waren offenbar nicht Opfer des Nationalsozialismus. Diese Menschen im nationalsozialistisch besetzten Europa, in Großbritannien z. B., die waren keine Opfer des Nationalsozialismus. Man muss sich fragen, wessen Opfer waren sie dann? Dann kamen an dritter Stelle die Flüchtlinge. Sie hießen ja in Deutschland in jungen Jahren „die Vertriebenen“. Sie kamen vorwiegend aus der ehemaligen Tschechoslowakei –die Sudetendeutschen– und auch aus Polen, Oberschlesien, Hinterpommern, Danzig, Ostpreußen usw. Es gibt ja Schicksale, mit denen man empathisieren muss. Aber eines stimmt nicht mit der Grundeinstellung der Deutschen, was das Vertriebenenproblem angeht, nämlich, dass alles erst am 8. Mai 1945 beginnt, dass dies der Nulltag ist, dass es keine Vorgeschichte gibt, keinen Hintergrund.

Man kann natürlich über die Vertreibung z. B. aus dem Sudetenland diskutieren.

Aber man muss ja wissen, was der Hintergrund ist. Doch dies wird in den Vertriebenenmuseen, die es in praktisch jedem Dorf gibt, nicht gezeigt. Nach dem, was in diesen Museen gezeigt wird, wurden die Tschechen im Mai 1945 plötzlich wahnsinnig und vertrieben die deutsche Minderheit. Ich selbst wurde in der ehemaligen Tschechoslowakei geboren. Und ich erinnere mich, als ich Kind war – Erstklässler oder Zweitklässler– wurde das Sudetenland an Deutschland abgetreten.

Und sogar wir Kinder wussten damals, dass die Sudetendeutschen keine loyalen Staatsbürger der Tschechoslowakei waren, sondern systematisch das Land auf Anweisung von Berlin hin unterminierten und maßgeblich dazu beigetragen haben, dass die Tschechoslowakei im März 1939 aufgehört hat zu existieren. Also, das muss man wissen. Doch die meisten Deutschen sind sich dessen nicht bewusst oder wollen es nicht anerkennen.

Es gab ja zu jener Zeit, nach `45, viel mehr andere Flüchtlinge als die deutschen Flüchtlinge. Es entstand eine wahre Völkerwanderung in Europa. Millionen waren unterwegs, nach Osten und nach Westen. Und was Juden anbelangt, fanden sie meistens ihre Angehörigen nicht mehr vor. Also, die Flüchtlinge standen an dritter Stelle.

An vierter Stelle waren die Hinterbliebenen der Widerstandskämpfer vom 20. Juli.

Das hat mich eigentlich ein wenig überrascht, denn in den 50er Jahren –bis spät in die 80er Jahre hinein– galten doch die Männer des 20. Juli als Verräter. Da muss man sich fragen, warum sollte den Hinterbliebenen dieser Verräter eine solche Ehre erteilt werden wie der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus? Als Opfer des Nationalsozialismus wurden die Juden an fünfter Stelle genannt. An fünfter Stelle. Angesichts dessen fand ich mich bestätigt in meiner Weigerung, diesen Kranz in Saarbrücken niederzulegen.

So war es in Deutschland nicht nur in den 50er Jahren, den 60er, den 70er und 80er Jahren. Es hat sich so manches geändert. Das ist wahr. Was sich jedoch nicht geändert hat, ist die Tatsache, dass praktisch jeder Deutsche nach `45 behauptete, 3 von den Grausamkeiten und dem Völkermord an den Juden nichts gewusst zu haben. Und weil man davon nichts gewusst hat, konnte man ja auch schweigen.

Wenn man nichts weiß, kann man nicht darüber berichten.

Das sagten mir praktisch alle Deutschen nach `45: Wir haben nichts gewusst. Das habe ich persönlich erlebt. Um Ihnen das nur kurz zu schildern: 1961, 16 Jahre nach Kriegsende, kam ich zum ersten Mal aufs Gelände des ehemaligen KZ Bergen- Belsen. Damals gab es dort keine Gedenkstätte. Nur die Massengräber. Ich war mit zwei Freunden aus London auf der Durchfahrt von London nach Skandinavien. Aus Rücksicht mir gegenüber waren meine Freunde bereit, einen kleinen Abstecher nach Bergen-Belsen zu machen. Wir kamen ins Dorf Belsen, 3 km vom ehemaligen KZ entfernt. Ich hatte die groteske Idee, meinen Eltern in Jerusalem von Belsen eine Ansichtskarte zu schicken. Ich ging in den Dorfladen und sah mich um. Als ich die ausgelegten Ansichtskarten sah, war ich mehr und mehr enttäuscht, denn alle zeigten das große Holzkreuz bei den Massengräbern. Die Frau im Laden bemerkte, dass ich an etwas Anstoß nahm, und sprach mich auf Englisch an, weil ich mich mit meinen Freunden auf Englisch unterhielt. Und das folgende Gespräch entspann sich: Sie: „Ist etwas nicht in Ordnung?“ Ich: „Ich suche eine Karte ohne Kreuz.“ Sie: „Was stimmt denn nicht mit dem Kreuz?“ Ich wollte mich nicht auf eine theologische Diskussion einlassen und erwiderte schlicht: „Das Kreuz gab es hier während des Krieges nicht.“ Sie: „Aber das war doch der Friedhof.“ Ich: „Hier gab es keinen Friedhof.“ Sie: „Aber die Leute starben da.“ Ich: „Ja, sie starben, wurden aber nicht beerdigt.“ Sie: „Was geschah denn mit ihnen?“ Ich: „Wenn Sie es wirklich wissen wollen – sie wurden verbrannt.“ An diesem Punkt legte sich Stille über den Laden. Die zehn bis fünfzehn Personen, die anwesend waren, lauschten alle dem Gespräch. Ein älterer Herr ging auf die Frau zu und flüsterte ihr hörbar ins Ohr: „Der Herr hat Recht.“ Ich wandte mich sofort an den Mann und antwortete ihm, dieses Mal auf Deutsch: „Ich danke Ihnen, mein Herr.“ Die Stille wurde noch drückender, wenn dies überhaupt noch möglich war.

Die Frau fragte mich nun völlig verblüfft, mit viel leiserer Stimme: „Sie sprechen Deutsch?“ Ich: „Ja, gewissermaßen.“ Sie: „Woher wissen Sie das alles?“ Ich: „Weil ich dabei war.“ Sie: „Glauben Sie mir, wir wussten nichts.“ Ich: „Meine Liebe, halten Sie mich etwa für einen naiven amerikanischen Touristen, dem Sie alles einreden können?“ Und da erzählte ich den Anwesenden von jenem Julisonntag im Jahre `44, als wir nach zehntägiger Fahrt, eingepfercht in Viehwaggons, in Bergen-Belsen ankamen und durch das Dorf gingen. Und ich sagte: „Sie saßen alle auf dem Balkon oder standen am Fenster und sahen unserer Prozession zu. Was dachten Sie eigentlich? Da waren Frauen, die Babys trugen, Kleinkinder, Greise usw. War das alles ein Fall des deutschen Kriegseinsatzes? Ist Ihnen nie aufgefallen, dass das ein Einbahnverkehr war? Also sagen Sie mir bitte nicht, Sie wussten nichts. Sie alle wussten sehr viel und hätten sogar noch viel mehr wissen sollen. Aber Sie waren damals Feiglinge und sind es jetzt auch noch, wenn Sie sich Ihrer Vergangenheit und Ihrem Gewissen nicht stellen wollen.“ 4 Was vielleicht noch überraschender ist: Zwei Tage vor unserer Ankunft in Bergen- Belsen hielten wir in Linz, um zu einer Entlausung in ein Bad geführt zu werden.

Männer und Frauen standen in getrennten Reihen. Als ich mit meinem Vater und Bruder in unserer Reihe wartete, hörten wir einige markerschütternde Schreie aus der Richtung des Bades. Mein Vater wandte sich an einen Ungarisch sprechenden Volksdeutschen unserer SS-Eskorte. Man nannte sie in Ungarn „Donauschwaben“. – Auch die Eltern von Joschka Fischer gehörten dazu.– Der Mann aus der SS-Eskorte war beim Eintreffen der Deutschen in Ungarn im März 1944 als Freiwilliger zur SS geeilt. Mein Vater fragte ihn, was im Bad geschehe. Ich werde das teuflische Grinsen auf dem Gesicht des Mannes nie vergessen, als er meinem Vater auf Ungarisch antwortete: „Sie werden soeben vergast.“ Übrigens stellte sich bald heraus, dass die hysterischen Schreie auf einige Zwangsarbeiter zurückzuführen waren –ich glaube, es waren Ukrainer–, die nach der üblichen Praxis die Haare einiger Frauen geschoren hatten. Das Scheren der Haare hörte bald darauf auf. Ungeachtet dessen hatte meine Schwester, die damals 9 Jahre alt war –ich selbst war 12 ½– und mit meiner Mutter in einer Reihe stand, etwa zeitgleich mit der Frage meines Vaters angefangen, auf Deutsch –der damaligen Umgangssprache in unserem Elternhaus und der einzigen Sprache, die ich bis zu meinem 6. Jahre sprechen konnte– hysterisch zu schreien: „Mutti, du wirst sehen, man wird uns vergasen.“ Also, ich frage Sie, wenn ein neurekrutierter niedriger SS-Freiwilliger nonchalant über das Vergasen von Juden reden konnte, wenn ein kleines 9jähriges Mädchen wusste, dass Juden von den Deutschen vergast wurden und sogar Vergasen mit Dusch- Installationen in Verbindung brachte, wie viel Glauben kann man den Beteuerungen praktisch jedes Deutschen nach 1945 schenken: „Wir wussten nichts!“? Selbst wenn sie nicht mit jedem grausigen Detail des Völkermordes an den europäischen Juden vertraut waren, so wussten sie sicherlich genug, um zu realisieren, dass etwas Schreckliches mit den Juden geschah. Und auch diesbezüglich hat die jüngere deutsche Nachkriegsgeneration der Historiker sehr viel geleistet. So heißt z. B. der Titel eines Werkes von Peter Longerich: „Davon haben wir nichts gewusst“. Darin wird bewiesen, wie viel die Deutschen während des Krieges wirklich wussten.

Es ist jetzt also wissenschaftlich belegt, dass der Massenmord, dass die Kenntnis über den Massenmord sogar in die Dörfer hinein drang. Sogar der Mord an den Juden durch Giftgas hatte sich schon während des Krieges herumgesprochen. Aber „Davon haben wir nichts gewusst“ – das war die allgemeine Einstellung nicht nur der deutschen Bevölkerung, sondern auch unter den Nazi-Bonzen, die nach dem Krieg vor Gericht standen. Sogar Ribbentrop behauptete in Nürnberg, nichts vom Mord an den Juden gewusst zu haben. Ich glaube, er war sogar Obersturmbannführer der SS zu jener Zeit. Sie alle –die Spitze des Auswärtigen Amtes und andere– waren auch von Himmler rekrutiert worden.

Und eigentlich geschah nichts so geheim. Die Entlassung jüdischer Richter und Ärzte, die Entlassung von Juristen schlechthin aus dem Staatsdienst erfolgte ja schon im April 1933. Das wurde in einem Gesetz festgeschrieben und im Reichsgesetzblatt veröffentlicht. Dasselbe gilt für die Nürnberger Rassengesetze. Die waren auch nicht ganz geheim. Die „Arisierung jüdischen Vermögens“ –wie es so schön euphemistisch genannt wurde, denn eigentlich war es ja der Raub des jüdischen Vermögens– war ja auch gesetzlich geregelt. Die Kennzeichnung der Juden mit dem gelben Stern. Dafür gab’s auch ein Gesetz, das im Reichsgesetzblatt erschien. All das musste man ja wissen.

Und die Ausschreitungen gegen die Juden, die nicht gesetzlich geregelt waren? Geschahen die geheim? Z. B. die Bücherverbrennungen schon im Mai 1933? Oder die Reichspogromnacht? Waren die ganz geheim? Also, was musste noch geschehen, um am Gewissen der Deutschen zu rütteln und sie mindestens dazu zu bewegen, dass sie nach dem Krieg sagten: Ja, das haben wir gesehen, aber das war eine Diktatur. Wir wussten es, wir konnten aber nichts tun.

– Darüber kann man diskutieren. Aber zu sagen: „Wir wussten nichts!“? Das passte sehr gut ins Schema der Bundesrepublik in den 50er Jahren.

Ich glaube, viele sind sich dessen nicht bewusst, dass sich Bundeskanzler Adenauer zwei Jahre lang weigerte, eine Entschuldigung für die Verbrechen der Deutschen bei den Juden einzuholen. Die westlichen Alliierten bestanden darauf. Sie sagten, das sei eine Vorbedingung für die Rückkehr Deutschlands in die zivilisierte Völkergemeinschaft. Die Deutschen wurden in den ersten Nachkriegsjahren ja praktisch als Aussätzige behandelt. Also, das war die Bedingung: Entschuldige dich.

Das wollte Adenauer nicht tun. Schließlich entschied er sich im Jahre `51 im September dafür. Und die Formel, die er damals gewählt hat, ist die vorherrschende Formel bis zum heutigen Tag: Im Namen des deutschen Volkes wurden furchtbare Verbrechen verübt.

Im Namen des deutschen Volkes. Diese passive Form. In Deutschland gab es viele Jahre lang nur Opfer. Aber es gab keine Täter. Die Juden waren Opfer. Wer waren die Täter? Da hat man sich ausgeschwiegen.

Und was soll das bedeuten: Im Namen des deutschen Volkes? Wer war das eigentlich? Hier beginnt die Unterscheidung zwischen den Nazis und den Deutschen.

Die Bösen sind die Nazis, aber nicht die Deutschen. Die Nazis, die offenbar Außerirdische gewesen sind, sich im Jahr 1933 in Deutschland niederließen, furchtbare Verbrechen verübten und dann im Jahre `45 verschwanden, um diese Verbrechen dem unschuldigen deutschen Volk anzulasten. Das ist die Bedeutung dieser Unterscheidung zwischen den Nazis und den Deutschen. Diese Unterscheidung hat schon in den ersten Nachkriegsjahren begonnen und wenn jemand sich dagegen sträubte und sagte: Ja, wir haben Furchtbares getan! – Wie war der schöne Ausdruck, der dann gebraucht wurde? Das ist ein Nestbeschmutzer.

So hieß es damals.

Zum Umfeld des Kanzlers und seinen engsten Mitarbeitern gehörten vorwiegend ehemalige Nazis. Hans Globke, der die Nürnberger Gesetze kommentiert hatte, SSStandartenführer Theodor Oberländer, der in Adenauers Kabinett saß, usw. Die Richter, die über die Wiedergutmachung urteilten, waren dieselben Richter, die in den 30er Jahren die Nazi-Gesetze durchsetzten. Mir wurde gesagt, dass Adenauer einmal gefragt wurde: Warum hast du so viele Nazis ringsherum bei dir? Er soll die Antwort gegeben haben: Ich habe eben keine anderen. Das ist eigentlich eine sehr ernste Anklageschrift gegen die deutsche Gesellschaft der 50er und 60er Jahre.

Wie sah das Auswärtige Amt aus? Der erste Außenminister der Bundesrepublik war der Bundeskanzler. Von Brentano kam später. Wie wir jetzt aus einem Historikerbericht über das Amt erfahren haben, gab es im Auswärtigen Amt in den Nachkriegsjahren mehr Nazis als während der Kriegsjahre. Einer von ihnen war der Botschafter der Bundesrepublik in Buenos Aires, der im Jahr 1958 einen deutschen Reisepass ausstellen ließ auf den Namen eines Mannes, der Josef Mengele hieß.

Sie wissen, um wen es geht. Doch als der damalige deutsche Botschafter danach gefragt wurde, da kam die Antwort: Ich wusste nicht, wer Mengele war.

Ein Parteigenosse, Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes in den Kriegsjahren, wurde erst Ministerpräsident in Baden-Württemberg und schließlich im Jahre 1966 Bundeskanzler. Sie kennen den Namen: Kurt Georg Kiesinger. – Welch ein Signal 6 wurde dadurch der deutschen Nachkriegsgeneration gesetzt! Ein ehemaliger Nazi entpuppt sich 20 Jahre später plötzlich als großer Demokrat und wird Bundeskanzler in Deutschland. So sah es leider aus. Doch auch hier möchte ich sagen: Es hat sich vieles geändert. Für die jüngere Generation sind doch diese Jahre Geschichte. Und sie können sie aus einer Distanz beurteilen, die ihre Eltern meistens nicht hatten. Die jüngere Generation ist unbefangener, aufgeschlossener, weil diese Jahre –genauso wie die Kreuzzüge und die Napoleonischen Kriege– für sie Geschichte sind. Und ich glaube, darin liegt eine bestimmte Hoffnung für die Zukunft, wenn die jüngere Generation diesen Fragen gegenüber nicht gleichgültig bleibt.

Nun komme ich auf die Mail meines Freundes zurück, der fortfährt: In Deutschland hat übrigens der Topos „Opfer des Nationalsozialismus“ über die Jahrzehnte hinweg dazu gedient, alle zu Opfern zu machen, die nicht Haupttäter waren. Und Haupttäter waren Hitler, Himmler und Kaltenbrunner. Sonst keiner. Und es war natürlich sehr angenehm zu wissen, dass sie alle tot waren. Selbst Albert Speer hatte sich zum Opfer stilisiert. Von der Generalität und ihrer „sauberen Wehrmacht“ ganz zu schweigen. Antisemitismus hat es in Deutschland auch in der Nachkriegszeit noch lange auf hohem Niveau gegeben. Und heute? – So das Mail.

Ja, wie sieht es mit dem Antisemitismus in Deutschland heute aus? Es gab neulich einen Expertenbericht einer Kommission, der auch Longerich angehörte. Der Bericht wurde im Januar dieses Jahres dem Bundestag unterbreitet. Und in diesem Bericht heißt es unter anderem, eine unterschwellige antijüdische Feindschaft sei in der Mitte der deutschen Gesellschaft angekommen. Ich weiß nicht, ob diese antijüdische Feindschaft so unterschwellig ist und ob sie jetzt erst angekommen ist oder ob sie die Mitte der deutschen Gesellschaft nie verlassen hat. Darüber können wir uns streiten.

Also, laut diesem Bericht ist eine unterschwellige antijüdische Feindschaft in der Mitte der deutschen Gesellschaft angekommen. Sie basiert –ebenfalls laut diesem Bericht– auf Vorurteilen, tief verwurzelten Klischees und schlichtem Unwissen über Juden und Judentum. Das bestätigen auch verschiedene Umfragen, die in Deutschland in den letzten Jahren vorgenommen wurden.

Man kann ja meistens einen Deutschen nicht direkt fragen: Bist du ein Antisemit? Das ist nicht ganz salonfähig. Obwohl eine kleine Minderheit hier mit „Ja“ antworten würde. Nun, so klein ist die Minderheit nicht, es sind immerhin 10% bis 15%, die hier mit „Ja“ antworten würden.

Aber man kann indirekt herausfinden, was die heutige deutsche Gesellschaft über Juden denkt. Zum Beispiel: 70% der Deutschen glauben, die Juden hätten zu großen Einfluss, nicht nur in Deutschland sondern weltweit. Zwei Drittel der Deutschen glauben, die Juden instrumentalisieren die Schoah, um Deutschland finanziell zu erpressen.

Ich will auf diese Frage nicht ausführlicher eingehen, aber nebenbei bemerkt: Alle Schätzungen über die finanziellen Leistungen der Bundesrepublik bis zum heutigen Tag an Israel und das Weltjudentum, kollektiv und individuell, belaufen sich auf 7% bis 20% des geraubten jüdischen Vermögens, je nach Schätzung. Die höchste Schätzung beläuft sich auf 20%. Das ist also die „Instrumentalisierung der Schoah“! Übrigens, ich sträube mich gegen den Ausdruck „Wiedergutmachung“. Wie kann man den Mord an meinem Großvater, der damals 84 Jahre alt und vielleicht nicht mehr am Leben war, als der Transport in Auschwitz ankam – wie kann man den Mord an ihm wieder gut machen? Oder die acht Geschwister meiner Mutter, die mit ihren Ehepartnern und Ehepartnerinnen und mit ihren Kindern im März 1944 noch am Leben waren. Drei Monate später waren alle Geschwister tot. In Birkenau umgebracht. Und von meinen 28 Cousins mütterlicherseits überlebten sieben. Und die, die schon selbst verheiratet waren –meine Mutter war die Jüngste–, verloren ihre 7 Frauen und Kinder. Man kann höchstens über materielle Entschädigung für die Vermögensschäden reden, nicht über Wiedergutmachung.

Können Sie das nicht verzeihen? So werde ich gefragt. Das kann ich nicht tun.

Fragen Sie meinen Großvater und die Geschwister meiner Mutter, ob sie verzeihen können. Aber das können Sie ja nicht. Also, fragen Sie nicht mich. – Und dann kommt die Reaktion: Haben Sie eine Ahnung, was wir gelitten haben? Das höre ich auch von Deutschen. Ziemlich oft. Und ich nehme an, dass sie gelitten haben. So manche von ihnen. Auch das verdanken sie dem Führer. Auch dieses Leid. Aber es ist doch ein Unterschied zwischen dem Volk der Täter und dem Volk der Opfer. Man kann nicht so einfach vergleichen und sagen: Wir sind quitt.

„Die Juden reden zu viel über Auschwitz. Man muss endlich einen Schlussstrich ziehen.“ 70% der Deutschen unterstützen diese Aussage. Aber weil man die Juden als solche meistens nicht direkt angreifen will –das ist noch nicht ganz salonfähig–, verlagert man diese Angriffe oft auf den Staat Israel. Die Deutschen haben herausgefunden, dass die Mehrheit der Bevölkerung des Staates Israel Juden sind.

Und deswegen ist es bequem, sich über Israel auszulassen.

Ich möchte nicht missverstanden werden. Man darf Israel kritisieren genauso wie einen jeden anderen Staat. Und das tun wir Israelis besser als „der Weise von Lübeck“ in seinem berühmten Gedicht, das er mit letzter Tinte schrieb. So heißt es: „mit letzter Tinte“. Er hat sich offenbar neue Tinte besorgt, weil er seit damals schon wieder etwas geschrieben hat. Über Griechenland, glaube ich. Also, wir Israelis kritisieren uns selbst viel schärfer als Sie das tun können.

Aber was darf man nicht tun? Man darf Israel kritisieren, wenn man einen anderen Staat unter vergleichbaren Umständen auch kritisieren würde. Trifft das nicht zu, ist das Diskriminierung. Ganz einfach gesagt.

Ein Beispiel: Israelische Städte wie Sderot, Aschkelon, Aschdod und Beerscheva werden aus dem Gazastreifen mit Raketen angegriffen. Das geschieht ja wahllos.

Ziel ist es, Zivilisten in diesen Städten zu terrorisieren und einzuschüchtern, wie das Terroristen weltweit tun. Bekommen Sie von diesen Raketenangriffen etwas zu sehen? Was wird Ihnen in Deutschland im Fernsehen gezeigt? Sie bekommen Bilder von den Angriffen der israelischen Luftwaffe auf den Gazastreifen zu sehen. So sieht’s heute in der deutschen Gesellschaft aus. Und dazu sage ich: Das ist nicht fair.

Das ist keine legitime Kritik. Das ist verdeckter Antisemitismus.

Sie dürfen kritisieren –und die meiste Kritik hören wir natürlich über die Siedlungen, wenn Sie mich nachher etwas dazu fragen wollen, stehe ich gerne zur Verfügung– aber in Deutschland ist immer Israel der Aggressor. Nach neuen Umfragen in Deutschland ist Israel die größte Gefährdung für den Frieden in der Welt. Aber wir sind in guter Gesellschaft. An zweiter Stelle sind die Vereinigten Staaten. Doch ich frage Sie: Wie kann man sich zu solchen Äußerungen versteigen? Wie kann man Israel als die größte Gefahr für den Weltfrieden betrachten? Vor diesem Hintergrund, schreibt mein Freund, kann ich der klaren Position nur zustimmen, die du gegenüber der Landtagsverwaltung in Saarbrücken eingenommen hast. Leider hat der Bundespräsident –gemeint ist Roman Herzog– im Jahr 1996 den weltweiten Holocaust-Gedenktag in einen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus umgewandelt und damit, wie ich finde, unnötigerweise einen deutschen Sonderweg beschritten. Es ist gut, dass du dagegen hältst, schreibt er mir. Ich tue es auch.

Ich glaube, viele Deutsche finden eine bestimmte Befriedigung in dieser Verwässerung der Schoah, darin, dass die Schoah integriert wird in den allgemeinen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, darin, dass es nicht einen speziellen Gedenktag für die Schoah-Opfer gibt, wie es die UNO-Vollversammlung 8 wollte. Und ich denke, manche Deutsche finden sogar eine bestimmte Befriedigung darin, dass man auf Israel schimpfen kann. Als mich ein Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Jerusalem besuchte, sagte er mir sogar: „Die israelische Armee benimmt sich ganz genauso wie die Wehrmacht.“ Und ich verstehe bis zum heutigen Tag nicht, warum ich ihn nicht sofort hinausgeworfen habe aus meiner Wohnung. Ich wollte höflich und zivilisiert bleiben. Aber dieser Vergleich, der passt manchen Deutschen sehr gut. „Wenn die Juden so schlecht sind, waren wir vielleicht nicht so schlecht, wie wir angenommen hatten.“ Also, Relativierung der Schoah.

Aber auch diesbezüglich gibt es heute in Deutschland große Fortschritte. Wenn Sie mich fragen: Ist Deutschland antisemitischer als die anderen europäischen Länder? Dann werde ich sagen: Nein, genauso antisemitisch. Es gibt noch schlimmere Länder, zum Beispiel Ungarn.

Aber das genügt meines Erachtens nicht, um sich auszuruhen. Ich glaube, nicht nur wir erwarten diesbezüglich von den Deutschen mehr als von anderen europäischen Staaten. Es gibt gute Gründe dafür. Und Sie verstehen sie. Deswegen glaube ich, dass in Deutschland mehr getan werden muss, um die Anzahl der verdeckten Antisemiten in diesem Land zu verringern.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Es folgt die Diskussionsrunde. Die Beiträge sind z. T. zusammengefasst.

Frau Fiedler, Vorsitzende der DIG Freiburg, bedankt sich bei Herrn Blum und eröffnet die Diskussionsrunde. Zu Beginn berichtet sie kurz darüber, dass vor kurzem Henryk M. Broder in Freiburg war und dass ein Mann aus dem Publikum der Meinung gewesen sei, der iranische Staatspräsident Ahmadinejad würde die Drohungen, die er gegen Israel äußere, nicht ernst meinen. Der israelische Ministerpräsident Netanyahu hingegen würde seine Drohungen, die er gegen den Iran äußere, wahr machen. „Dies ist die ‚Logik’, die hier vorherrscht“, fügt Frau Fiedler an.

Ein Mann aus dem Publikum bringt Prof. Blum gegenüber einen Einwand vor: Die Art und Weise, wie Sie Deutschland in Bezug auf Israel geschildert haben und vor allem die Prozentsätze, die Sie genannt haben –70% und noch mehr, die anti-israelisch sind– kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Vor allem in der Öffentlichkeit ist das doch nicht so.

Frau Burkard, die stellvertretende Vorsitzende der DIG Freiburg, wirft ein: Die Zahlen gehen zurück auf eine Expertenuntersuchung, die dem Bundestag vorgelegt wurde.

Das sind keine erfundenen Zahlen.

Prof. Blum: Leider. Ich wünschte, es wäre anders.

Herr Wellbrock, Mitglied der DIG Freiburg, meldet sich zu Wort: Herr Broder sagte noch etwas Beachtenswertes: Auschwitz, das verzeihen die Deutschen den Juden nie. So ist es. Es ist bedauerlich, dass es auch hier in der Uni in den Kreisen der Akademiker in den letzten Jahren unglaublich antiisraelische Ideologien gab. Man kann nur hoffen, dass dies nur eine vorübergehende Sache ist. Man muss in diesem Zusammenhang aber auch mal sagen: Die Frau Bundeskanzlerin hat in Jerusalem deutlich gesagt, dass Israels Existenzrecht Teil der deutschen Staatsräson sei. Und das ist natürlich eine Äußerung, die sehr beachtlich ist und die auch eine politische Vorgabe und eine klare Haltung ist.

Prof. Blum erwidert: Ich glaube aber, wir müssen unterscheiden zwischen der offiziellen Meinung Deutschlands –der veröffentlichten Meinung– und der öffentlichen Meinung. Ein Beispiel: Ich las die Lesermeinungen zum berühmten Gedicht von 9 Günter Grass. Die überwältigende Mehrheit der Leser unterstützte Grass. Das ist merkwürdig: Die Kanzlerin spricht von Staatsräson. Und Günter Grass spricht –mit Unterstützung von 70 bis 80% der Leser– von Israel als einem Land, das ein anderes Volk auslöschen will. Die vielleicht beste Analyse dieses so genannten Gedichts las ich übrigens in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von Frank Schirrmacher, einem der Herausgeber der Zeitung. Er sagte: Dieses Gedicht handelt nicht von Israel. Es handelt von Günter Grass und seiner zerrissenen Seele. Deswegen bedient er sich auch der Schoah-Terminologie: Er ist ein Überlebender.

Es gibt übrigens eine interessante Episode, die nur wenig bekannt ist: Karl Schiller war Wirtschaftsminister unter Willy Brandt und hatte eine braune Vergangenheit. Er war sehr aktiv im Nazi-Studentenbund und später im Nazi- Dozentenbund, er hatte eine sehr erfolgreiche akademische Laufbahn und wurde dann –wie gesagt– Wirtschaftsminister. Er war mit Günter Grass sehr eng befreundet. Doch 1969 kam es zum Krach, als Grass ihm einen Brief schrieb, in dem es unter anderem heißt: „Karl, es ist höchste Zeit, reinen Tisch zu machen.“ Das schrieb Grass an Schiller. Doch Grass selbst machte keinen reinen Tisch. 2006 trat er mit „Beim Häuten der Zwiebel“ an die Öffentlichkeit. Auch dies ist eine interessante Publikation. Er hat seine eigene Vergangenheit nie bewältigt. Ich glaube, das steckt hinter diesem Gedicht „Was gesagt werden muss“.

Frau Fiedler fügt an: Am Anfang waren die Medien gegen Grass, so dass ich dachte, die Mehrheit in Deutschland sei doch noch vernünftig.

Prof. Blum wirft ein: Das war die veröffentlichte Meinung.

Frau Fiedler fährt fort: Und dann schlug diese Meinung in den Medien um, denn plötzlich waren die Medien dann für Grass, so dass ich nicht länger dachte, Deutschland sei doch noch vernünftig.

Prof. Blum: Schlagzeilen für Grass kamen besser an.

Frau Fiedler: Das passt zu den Zahlen der Expertenkommission.

Frau Fiedler fährt fort: Sie hatten vorhin von Adenauers Entschuldigungsformulierung gesprochen und davon, dass Adenauer von Nazis umgeben war. Adenauer selbst war kein Nazi.

Prof. Blum bestätigt dies.

Frau Fiedler fährt fort: Kann es sein, dass Adenauer mit dieser seltsamen Formulierung sagen wollte: Ich gehöre nicht dazu? Ich selbst war kein Nazi? Prof. Blum: Adenauer war ein sehr erfahrener Bundeskanzler. Aus taktischen Gründen musste er die Wehrmacht reinwaschen. Er buhlte genauso wie Kurt Schumacher um die Gunst der deutschen Wähler. Und jede Familie hatte wenigstens ein Mitglied in der Familie, das in der Wehrmacht oder in der SS gewesen war.

Adenauer wollte auf diese Stimmen nicht verzichten. Auch die SPD wollte auf diese Stimmen nicht verzichten, auch sie hat damals, nach dem Krieg, die Wehrmacht rein gewaschen. Aber mit Adenauer steht es ein bisschen anders: Adenauer war ein Produkt der Wilhelminischen Zeit. Er gehörte eigentlich zum 19. Jahrhundert. Dort ist er aufgewachsen. Zu jener Zeit gab es eine Emanzipation der Juden in Deutschland.

Aber integriert in die deutsche Gesellschaft waren die Juden nicht. Es gab einen gesellschaftlichen Antisemitismus, der natürlich sympathischer ist als der nationalsozialistische Antisemitismus, denn physische Ausschreitungen gegen Juden gab es normalerweise nicht. Und Juden konnten Karriere machen in Deutschland, wobei sie sich im 19. Jahrhundert meistens taufen lassen mussten, wenn sie zum Beispiel eine akademische Laufbahn durchschreiten wollten. Philosemiten waren Leute wie Adenauer nicht. Und Menschenrechtler waren sie auch nicht.

Frau Fiedler wirft ein: Dazu waren die Leute zu katholisch.

10 Prof. Blum: Ich würde mich diesbezüglich nicht auf die Katholiken beschränken. Also, Menschenrechtler in dem Sinn, wie wir diesen Begriff verstehen, waren diese Menschen nicht. Übrigens sollte man nicht vergessen, dass auch die Männer vom 20. Juli keine Menschenrechtler waren. Sie waren gute deutsche Patrioten, die dem Blutvergießen ein Ende setzen wollten. Unter ihnen waren auch Antisemiten. Und nehmen Sie zum Beispiel den Kreisauer Kreis: Auch diese Männer –Moltke und die anderen– waren keine Menschenrechtler. Sie waren gute deutsche Patrioten. Und ich verneige mein Haupt vor ihrem Martyrium. Aber ich will sie nicht mehr rühmen als sie verdienen. Auch Bischof von Galen, dem berühmten Löwen von Münster, gebührt Dank und Ehre für sein Vorgehen gegen das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten. Doch finden Sie bei ihm ein Wort über die Judenverfolgung? Er war ein ausgesprochener Antisemit, von den Jesuiten erzogen. Und er war ein enger Freund von Eugenio Pacelli, den Sie als Pius XII. kennen. So sah es aus. Das waren keine wüsten Antisemiten, die sich physisch an Juden vergreifen wollten. Dieser Antisemitismus hat eine lange Tradition in Deutschland. War zum Beispiel Goethe ein großer Judenfreund? Oder Immanuel Kant? Nein. Also, dies war der so genannte „zivilisierte Antisemitismus“. Damals hieß er noch Antijudaismus.

Frau Fiedler wirft ein: Dieser Antijudaismus kam ja direkt aus der christlichen Religion. Er hat sich später mit Rassismus vermischt.

Prof. Blum: Antisemitismus hat eine lange Tradition, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Viele Maßnahmen, die die Nazis einführten, stammen aus der christlichen Tradition. Der Begriff „Ghetto“, woher kommt er? Aus Venedig.

Das Viertel, in dem die Juden eingesperrt wurden, hieß Ghetto vecchio, das alte Ghetto. Nicht nur die Ghettoisierung sondern auch die Kennzeichnung der Juden entstammen dieser Tradition: Es gab zum Beispiel den gelben Ring oder den spitzen Hut, den die Juden tragen mussten. Und schauen Sie sich die Kathedralen an: Dort findet man die „Judensau“. Auch die Erlaubnis, jüdisches Vermögen zu plündern, ist eine alte christliche Tradition. Oder der Scheiterhaufen, auf den man Juden werfen durfte, um die Schulden nicht bezahlen zu müssen. Und wenn wir die Kreuzzüge betrachten: Die frommen Kreuzfahrer erreichten doch meistens nicht das Heilige Land. Aber unterwegs sorgten sie dafür, dass die Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Worms, Speyer und Mainz ermordet wurden.

Eine Frau aus dem Publikum meldet sich zu Wort und sagt: Ich frage mich, was Sie mit Ihrem Titel des heutigen Abends „Was gesagt werden muss“ hier jetzt implizieren. Heißt das, das Volk der Täter bleibt das Volk der Täter und die Juden sagen entsprechend der Dichotomie: „Wir bleiben die Opfer“? Bleibt das so bestehen? Wird sich das nie ändern? Und was ist denn ein Judenfreund im Unterschied zum Judenfeind? Prof. Blum: Ich glaube, Ihre Frage zum Titel des heutigen Abends in meinem Vortrag beantwortet zu haben. Zu Ihrer Frage, was ein Judenfreund ist: Ein Judenfreund ist jemand, der uns fair behandelt, offen und ehrlich.

Die Frau aus dem Publikum meldet sich noch einmal zu Wort: Was ist der Unterschied zwischen einem Judenfreund und einem Menschenfreund? Prof. Blum: Wenn Sie sich die Geschichte vergegenwärtigen, werden Sie sehen, dass die Judenfreunde auch Menschenfreunde waren. Die Menschenfeindschaft hat bei den Juden angefangen. Das heißt, die Menschenfeinde waren zuerst Judenfeinde, und dann wurden sie auch Menschenfeinde. Ein jüdischer Philosoph sagte nach dem Krieg: Wir Juden müssen stolz darauf sein, dass die Nazis uns zu ihren Feinden auserkoren haben, dass wir der Gegenpol der Nazis waren. – Wir Juden waren immer Vorreiter der Menschenrechte und des Weltfriedens. Schauen 11 Sie sich unsere Propheten an. Jesaja sprach vom ewigen Frieden 2600 Jahre bevor Kant –„Zum ewigen Frieden“– davon sprach. Der Prophet Maleachi sagte, alle Menschen wurden von dem einen Gott geschaffen, der der Vater aller Menschen ist. Das heißt, alle Menschen sind Brüder. Lange vor Beethoven sagte er das. Ewiger Frieden, soziale Gerechtigkeit, Menschenwürde. All das erscheint bereits bei den jüdischen Propheten. Also, ein Menschenfreund ist in der Regel auch ein Judenfreund und vice versa.

Ein Mann aus dem Publikum meldet sich zu Wort: Im Mittelalter befanden sich das Judentum und der Islam doch durchaus in einer Art Kooperation. Der heutige Islam hingegen ist ja nun doch fanatisiert. Kam dieser Einfluss aus Europa, aus dem Abendland, speziell aus Deutschland? Denn der Großmufti von Jerusalem hat ja mit Hitler kooperiert. Kann man also sagen, dass wir letzten Endes auch am Fanatismus des Islam schuld sind? Prof. Blum: Die Juden in der islamischen Welt waren keine gleichberechtigten Bürger. Sie waren Dhimmi. Das heißt, sie waren ein Volk des Buches aber keine Moslems. Weil sie ein Volk des Buches waren, wurden sie von Moslems gewissermaßen respektiert, aber gleichberechtigt waren sie nicht. Das wird heute von moslemischen Propagandisten beschönigt. Sie argumentieren so: Wir standen mit den Juden auf freundschaftlichem Fuß bis die Zionisten kamen. Die Zionisten haben das Verhältnis zerstört, weil die Zionisten uns das Land gestohlen haben. Die Juden haben sich sehr wohl gefühlt im Irak und in Marokko und anderen islamischen Ländern. – Doch ganz so war es nicht. Denn es gab Pogrome. Es gab Ausschreitungen gegen Juden. Und dennoch sagt man, dass es für die Juden in der moslemischen Welt besser war als in Europa. Warum? Weil das Christentum viel schlimmer mit den Juden umging als der Islam. Und dafür gibt es einen theologischen Grund. Die Moslems wollten uns Juden nicht ersetzen. Sie wollten uns nicht beiseite schieben. Sie sagten: Wir sind Moslems. Wir sind besser als ihr es seid. Aber auch ihr seid Menschen. Ihr habt auch eine göttliche Religion. Und Mose ist auch unser Prophet. Bei den Christen war es von Anfang an anders. Das Christentum behauptete von Anfang an, der Bund zwischen den Juden und Gott sei beendet, weil die Juden Jesus nicht anerkannt hätten. Deswegen sagte die Kirche: Wir sind das wahre Israel. An diesem Punkt beschuldige ich die Kirche. Im Strafgesetzbuch gibt es ein Vergehen, das „Identitätsraub“, „Identitätsdiebstahl“ heißt. Jemand, der die Identität eines anderen Menschen stehlen will, wird strafrechtlich geahndet. Genau das hat das Christentum mit dem Judentum getan: Es hat versucht, uns Juden unserer Identität zu berauben. Das Christentum hat nicht gesagt: Wir sind besser als ihr. Das sagt jeder. Auch wir Juden sagen es. Wir sagen: Wir sind besser als das Christentum und der Islam. Ob das gut ist oder nicht, sei dahin gestellt. Es wurde wegen solcher Aussagen sehr viel Blut vergossen. Und das Rezept von Lessings „Nathan der Weise“ funktioniert eben nicht. Aber das Christentum ging weiter. Das Christentum sagte mir als Jude: Du bist nicht du. Ich bin du. Ich bin der wahre Jude. Das wahre Israel. Du hast aufgehört, ein Jude zu sein, Gott erkennt dich nicht mehr als Juden an. – Das ist die Ursache von allem.

Schauen Sie sich an, wie sich bereits die Kirchenväter in den ersten Jahrhunderten über das Judentum äußerten. Alles, was dann folgte, folgte logischerweise. Wenn Sie wollen, komme ich in diesem Zusammenhang auch auf Luther zu sprechen.

Heute versucht die katholische Kirche etwas zu ändern. Aber wenn sie diese Grundthese aufgegeben würde, gäbe es kein Christentum mehr. Also, was wird heute gesagt? Heute wird gesagt: Die Juden sind unsere älteren Brüder. Dabei sind wir doch die Mutterreligion und nicht Brüder. Es stimmt, wir sind chronologisch älter.

12 Die Mutter ist immer älter als die Kinder. Für die Kirche sind wir aber der ältere Bruder. Der alte Bruder, der vielleicht schon halbwegs senil ist. Und man muss ihn ehren, weil er alt ist. Aber man wartet auf seinen Tod. Der alte Bruder wird ja bald sterben. Aber solange er noch lebt, erweisen wir ihm die Ehre, die ihm gebührt, wegen seines Alters. Wissen Sie, das ist eine faule Ausrede. Das Christentum kann es sich nicht leisten, von seiner Grundthese abzuweichen. Und deswegen kann es meiner Meinung nach nicht zu einem richtigen Verständnis zwischen Christen und Juden kommen. Martin Luther wurde 1483 geboren. 1983, 500 Jahre später, bat die Lutherische Synode der Vereinigten Staaten das jüdische Volk um Verzeihung für die wüsten Äußerungen ihres Gründers über die Juden. Luther hat viel Unheil angerichtet. Bis zum heutigen Tag richtet er Unheil an, wenn es um Juden geht. Die evangelischen Kirchen sind heute israelfeindlicher eingestellt als die Katholiken, als der Vatikan. Das erkennt man an all den Gutmenschen, die dort herumlaufen und ständig Israel verurteilen. Warum bombardiert ihr Gaza? fragen sie zum Beispiel, und es fällt ihnen nicht ein, über die Raketen, die von Gaza auf Israel geschossen werden, nachzudenken. Ich will die katholische Kirche nicht freisprechen. Aber ich glaube, wir verständigen uns heute besser mit dem Vatikan als mit den evangelischen Kirchen.

Die Diskussionsrunde wird aufgrund der fortgeschrittenen Zeit beendet.