Der Berliner Dr. Richard Treitel

Teil 1 – Dem Massenmord entgangen…

Von S. Michael Westerholz

Am Samstag, dem 30. Juni 1945, setzte sich Dr. Richard Treitel im Arkadenhof der Kavalier-Kaserne in Theresienstadt an einen vergammelten Biertisch. Er genoss die wärmenden Sonnenstrahlen, welche von den dichten Kronen der alten Kastanien rund um den Pferdeaufreit- und   -dressurplatz wohltuend gedämpft wurden, die weiche Luft unter dem azurblauen Himmel, die Stille.  Und er genoss es, nach zwölf Jahren des Grauens frei von Angst mit sich und seinen Gedanken allein zu sein. Ausgerechnet die von den Deutschen so verteufelten Sowjets hatten die KZ-Festungsstadt im besetzten Böhmen befreit und so einige wenige der europäischen Juden  gerettet . Sie versorgten ihn mit Medikamenten, und dank  ihrer Schonkost ging er nicht mehr wie ein wandelndes Skelett einher. Nun beschäftigte er sich mit den Möglichkeiten seines künftigen Lebens.

Er legte sich ein hauchdünnes Blatt Papier zurecht. Und dann schrieb er nach den vielen Jahren des erzwungenen Schweigens, der fortwährenden Demütigungen, der Abkehr vermeintlicher Freunde, des Verlustes seines mit Fleiß erarbeiteten Vermögens durch die Nazibehörden und der täglich bedrohten physischen Existenz an seine Angehörigen in England:

„Meine Lieben,

 ich schreibe Euch heute meinen ersten Brief nach langer Zeit, weil ich die Hoffnung habe, dass der Brief von einem Herrn mitgenommen wird, der von hier nach London fliegt. Er soll Euch nur sagen, dass ich lebe, dass ich gesund bin  –  bis auf die erträglichen Herzgeschichten (angina pectoris), und dass ich alles gut überstanden habe. Am 29. Juni 1943 kam ich nach Theresienstadt. Ich hatte das Glück, hier bleiben zu können bis zum heutigen Tage. Was das bedeutet, werdet Ihr vielleicht aus den Zeitungen wissen. Viele, sehr viele, kamen von hier nach dem Osten, nach Auschwitz, Birkenau  –  in den sicheren Tod, den alle Menschen meines Alters fanden. Durch die am 8. Mai 1945 erfolgte Befreiung durch die Russen entgingen wir in Theresienstadt dem uns zugedachten Vergasungstode, auch dem Tode durch Beschießung des Ghettos durch die Deutschen, die vorbereitet war. Bei anderer Gelegenheit werde ich Euch darüber Genaueres mitteilen. Jetzt will ich Euch nur sagen: durch ein Gotteswunder lebe ich, leben wir Wenigen noch. In einigen Tagen will  ich mit Grete, mit der ich die ganze Zeit hindurch hier zusammen war, nach Berlin zurückkehren. Wie es dort aussehen mag, werde ich sehen, auch ob man dort Arbeit und Verdienst finden kann, was ich hoffe. Kurt Fuchs, Hilde Treitels Mann, hat sich erboten, mich aufzunehmen bzw. mir Wohnung zu verschaffen. Ob ich davon Gebrauch mache, weiß  ich noch nicht. Fuchs wohnt jetzt in Eichwalde (bei Königswusterhausen), Königstraße 34. Von dort nach Berlin ist es sehr weit, wo Verkehrsmittel nicht oder nur in sehr beschränktem Maße zur Verfügung stehen. Ich suche deshalb eine zentraler gelegene Wohnungsmöglichkeit, vielleicht in einem Hause der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Eine Berliner Adresse werde ich Euch baldmöglichst mitteilen. Schreibt mir baldigst zu Händen der Jüdischen Gemeinde Berlin, Iranische Straße, bis ich Euch meine neue Adresse aufgebe. Von Horlitz habe ich bis heute nichts gehört. Ich nehme an, dass er nicht in Berlin ist.

Wie geht es Euch? Was machen die Kinder? Was habt Ihr erlebt?

Ihr könnt Euch denken, wie schnell und wie eingehend  ich darüber zu hören wünsche.

Der heutige Brief soll nur ein Lebenszeichen sein. Ich schreibe gleichzeitig an Hermann (Santiago Las Palmas 2230). Ob die Adresse noch zutreffend ist, weiß ich nicht. Vielleicht wisst Ihr eine neue Adresse.

Für heute lebt wohl, schreibt mir baldigst und seid herzlichst gegrüßt von Eurem

Richard.“

Der hier genannte Kurt Fuchs war der christliche Ehemann der 1902 in Betsche (Posen) geborenen Großcousine Hilde Treitel. Deren Großvater Abraham war ein Bruder des Großvaters von Richard und Theodor Treitel. Fuchs und Hilde hatten die  1937 geborene Tochter Rosemarie und 1945 den Sohn Reinhardt  –  denn Kurt war ungeachtet aller Anfeindungen und Bedrängnisse durch die Nazis seiner Frau treu geblieben und hatte ihr so das Leben gerettet. Sie lebten nach dem Krieg im Ostteil Berlins,  in der so genannten „Hauptstadt der DDR“. Hilde, die vier Enkel hatte, starb um 1972.

Dr. Treitel, der stets beherrschte Jurist, der sprachgewandte Schriftsteller und überzeugend argumentierende Journalist der von den Nazis gehassten WELTBÜHNE, war  nun  64 Jahren alt. Die knapp zwei Jahre im KZ Theresienstadt  hatten ihn endgültig aus der Bahn geworfen. Seit Adolf Hitlers Terrorbande die zunächst legal übertragene Macht zur illegalen  Etablierung ihrer Menschen verachtenden Diktatur brutal an sich gerissen und alle demokratischen Institutionen eliminiert  hatte, war der Kosmopolit  Dr. Treitel endgültig im Fadenkreuz der neuen Herrscher gewesen. Dass er sich in Berlin durchgeschlagen hatte, bis ihn die Nazis nach der Auflösung der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ und ihrer Berliner Gemeinde mit dem 92. Alterstransport in das altösterreichisch-böhmische Festungsstädtchen verschleppt hatten, zeugt von seinem Lebenswillen und Lebensmut in einer feindlichen Umgebung. Die hatte ihn von fast allen Informationen abgeschnitten. Doch erst in den letzten beiden Jahren ihrer Gewaltherrschaft sah er sich total isoliert. Und so konnte er nicht ahnen, dass nach der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen am 8./9 Mai 1945 jene geordnete Welt, die er in seinem Brief beschrieb, nicht mehr existierte:

  • Nur noch 2,8 der einst 4,3 Millionen Berliner lebten in der „Hauptstadt des  Bösen“,
  • nur wenige Zuzüge wurden gebilligt, zumal durch die Aufteilung der Stadt in vier (US-, britische, französische und Sowjet-) Zonen eine  einheitliche Registrierung erschwert war,
  • 600.000 Wohnungen waren irreparabel zerstört. Viele der bewohnbaren wurden für Dienststellen der Alliierten und deren Mitarbeiter beschlagnahmt, andere von ihren früheren, oft jüdischen Eigentümern oder Mietern wieder bezogen, so, wie dies der energischen Grete Treitel gelang.
  • Versorgungsleitungen, E- und Wasserwerke sowie Abwasserkläranlagen waren zerstört,
  • die Hälfte aller Verkehrsverbindungen und über 60 % der Verkehrsfahrzeuge waren ausgebrannt und zerschossen, fast die Hälfte der Verkehrswege unpassierbar.
  • Ehe auch nur mit einem  provisorischen Wiederaufbau begonnen  werden konnte, mussten 18 Millionen Kubikmeter Schutt beseitigt werden. Sie wurden zu neun Hügeln aufgeschüttet.

Das prophetische Wort des deutschen Dichters Friedrich Schiller  in der „Braut von Messina“  war Realität geworden:

„Durch die Straßen der Städte,
vom Jammer gefolget,
schreitet das Unglück…“

Eine jüdische Gemeindeorganisation  gab es nicht mehr. Die 160.000 jüdischen Berliner  hatten im März 1933 mit der sogenannten „Säuberung der Grenadierstraße“ durch die SS einen ersten Pogrom der „neuen“ Zeit erlitten. In panischer Angst durch willkürliche  Zuchthaus-, Gefängnis-  oder KZ-Haft und heftige Foltern, durch Entlassungen aus dem öffentlichen Dienst und den Boykott oder die Enteignung („Arisierung“) ihrer Geschäfte und Unternehmen  dazu genötigt, waren 90.000  Gemeindeglieder emigriert, davon rund 8.000 gegen ihren und den Willen der dortigen Regierung am 28./29. Januar 1939 nach Polen abgeschoben. 55.000 jüdische Berliner waren ermordet, 7.000 durch Suizid ihren Häschern entkommen. Rund 8.000 hatten unter teils unvorstellbaren Qualen im Untergrund überlebt. Die Gemeinden, denen einst ein Drittel der jüdischen Deutschen angehört  hatten, waren ihrer Gebets-, Lehr- und sozialen Betreuungseinrichtungen beraubt.

Der 46-jährige Berliner Kaufmann und Verleger Erich Nehans versammelte Überlebende um sich. Ihre Grundbedürfnisse und ihre psychische und physische Heilung zu sichern, hatten aus seiner Sicht Vorrang vor der Wiederbelebung einer Gemeindeorganisation. Tatsächlich wurde die Gemeinde 1946 vom Alliierten Kontrollrat amtlich wieder zugelassen. Doch der Mann aus dem Untergrund konzentrierte sich darauf, Überlebenden zur Ausreise nach Palästina oder den USA zu verhelfen. Weil darunter auch sowjetisch-jüdische Deserteure gewesen sein sollen, verhafteten ihn die Sowjets und sperrten ihn ausgerechnet ins soeben befreite KZ Sachsenhausen ein. In einem Geheimprozess  verurteilten sie ihn zu 25 Jahren Straflager und verschleppten ihn in den GULAG. In einem unbekannten Lager starb er 1948. Von der russischen Justizverwaltung wurde er 1997 rehabilitiert. 1

Dr. Richard Treitel  war seit der gemeinsamen Tätigkeit  in der Gemeindeverwaltung mit Nehans bekannt. Nun aber von Theresienstadt aus Kontakt aufzunehmen war kaum möglich  –  es dauerte Ewigkeiten, bis die Post wieder funktionierte. Und bis zum 23. Mai 1949 dauerte es, bis das mit diesem Tage rechtswirksame Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland eine neue, demokratische, unabhängige  Justiz- und Gerichtsorganisation schuf. Erst sie aber hätte Dr. Treitels berufliche und damit soziale Lebensbasis sichern können. Seine ethische Grundüberzeugung: „Man muss versuchen, glücklich zu sein, sei es auch nur, um ein gutes Beispiel zu geben“ (Jacques Prévert) , war nun nur noch ein Eigenwert an sich. Sie praktisch anzuwenden fehlte es an Möglichkeiten.

Bereits  am 4. Juni 1945, einem Montag,  hatten sich Dr. Richard und seine Cousine Grete  („Margarethe“, * 1878) Treitel  im befreiten KZ Theresienstadt zusammengesetzt.  Grete hatte in einem dreizehnseitigen Brief an ihren Bruder Hans in Palästina  ihre Erlebnisse in Berlin und Theresienstadt  beschrieben. Die gesamte Familie sollte so informiert werden. Fast auf den Tag genau ein Jahr vor Richard, am 11. Juni 1942, war ihre Mutter Martha Therese Treitel, 1858  in Berlin geborene Tochter von Salomo Ball, im 3. Alterstransport nach Theresienstadt verschleppt worden. Deren bereits verstorbener Mann Julius Treitel war ein  Onkel von Dr. Richard Treitel.  Der „Banquier“ aus der Niederlausitz hatte Martha Therese Ball 1876 geheiratet.  Ihre  Tochter  Elisabeth („Liese“) war schon früher Opfer einer Krebserkrankung geworden. Richard hatte die Verwandten vor deren Abreise in Berlin verabschiedet. Denn Grete, eine aus der Firma Gost & Co. gefeuerte Geschäftsführerin, war freiwillig mit der Mutter gegangen. Die war nach still ertragenem Leiden am 28. Dezember 1942 im KZ gestorben. Als Grete ein halbes Jahr danach ihren Vetter Richard im KZ entdeckte, nahm sie sich seiner an.

Grete Treitel war eine  selbstbewusste, zupackende Frau: Entlassen und so ohne Einkommen, hatte sie Räume in der großen elterlichen Wohnung am Savignyplatz 4 in Berlin untervermietet, ferner Schreibaufträge von einem Justizrat angenommen. Sie hatte sich um untergetauchte und um Juden gekümmert, deren „Arier“-Ehepartner die Scheidung verlangten. Der üblen Raffsucht gewissenloser Nazifunktionäre war sie präventiv entkommen: Sie hatte  alles von Wert fortgegeben, meist  an deutsche Freunde, die sich weiterhin zu den jüdischen Mitbürgern bekannten. Dass ein SS-Mann ihrer hungernden Mutter die letzten sechs gekochten  Eier weggenommen und gedroht hatte, „Seien Sie froh, dass Sie nicht erschossen werden“, kommentierte sie im Brief so: „Sie werden ihm hoffentlich nicht bekommen sein.“

Richard und Grete halfen sich gegenseitig auf. Sie teilten  ihr weniges, eintöniges Essen. Vermutlich war auch er Empfänger von Päckchen, die Ex-Reichstagspräsident Paul Löbe seinen Freunden nach Theresienstadt schickte. Grete ihrerseits bekam Päckchen von Angehörigen in Palästina, die über Lissabon versandt wurden. Meist waren Ölsardinen-Konserven darin. Die waren gesundheitlich  wichtig, eigneten sich in bitterster Not auch als Tauschware. Trotzdem nahm Grete in knapp drei Jahren 25 Kilogramm ab und brach nach der Befreiung, stark geschwächt, noch einige Male auf offener Straße zusammen.   Richard lebte zwar mit nur  zwei Kollegen aus der aufgelösten „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“  in einem Raum, gewöhnte sich aber nur schwer ein. Sie trafen sich in ihrer kargen Freizeit fast täglich und kümmerten sich dann gemeinsam um die Witwe Rosa ihres Großcousins Louis Treitel (* 1873 in Betsche, ermordet 1943 in Theresienstadt).  Rosa Treitel, 1879 in Betsche geborene Pinner, war die Mutter der oben genannten Hilde-Treitel-Fuchs und starb 1944 in Theresienstadt. Sie und Louis Treitel hatten drei Söhne, von denen Arno, * 1905 in Betsche,  im Zweiten Weltkrieg als Soldat gegen die Deutschen kämpfte. Als “John Bergfield“ lebte er später in London. Hilde und ihr Mann sparten sich vom Munde ab, was eben noch zu verantworten war: Und schickten ihrer Mutter Rosa jede Woche bis zu zwei Päckchen

Unklar ist, ob Grete und Dr. Richard Treitel in Theresienstadt  weitere Kontakte mit gleichnamigen Häftlingen hatten. Laut amtlichen Todesfallanzeigen starben dort:

  • Ida Treitel aus Grüssau bei Breslau, * 1870, seit 1942 in Theresienstadt, abtransportiert nach Treblinka, dort verschollen,
  • Josef Treitel aus Berlin, 1867 in Wronke geboren,  laut  dem Haftarzt Dr. Leo Müller 1943 einem „Darmkatarrh“ erlegen.
  • Wilhelm Treitel aus Frankfurt am Main, 1893 bis 1942. Das Schicksal seiner ebenfalls in Theresienstadt inhaftierten Frau Erna, geborene Steinheim,  ist ungeklärt;
  • Martha Treitel geborene Cohn aus Breslau, 1862 bis 1942. Laut Dr. Siegfried Jakob und Dr. Karl Bergmann „an Angina Pectoris = Herzbräune gestorben“.
  • Max Treitel aus Köln, in Koblenz verhaftet, *1874, unbekanntes Todesdatum,
  • Ludwig Treitel aus Berlin, *1876, unbekanntes Todesdatum,
  • Johanna Treitel verh. Löwenthal aus Berlin, geboren 1860 in Wronke, 1943 in Theresienstadt gestorben,
  • ihre Schwester Lina Treitel verh. Angres aus Berlin, *1871 in Wronke, 1943 in Theresienstadt gestorben. Ihr Bruder Dr. med. Leopold Treitel war bereits 1905 jung gestorben. Dessen Urenkel, Agrarwissenschaftlerin Dr. Ulla und ihr Bruder Jochen Treitel, beide als Prozess- , Unternehmens-  und Geschäftsberater erfolgreich, haben den dort einst so angesehenen Namen Treitel nach Berlin zurückgebracht. Ihr Vater Dr. Thomas Treitel, heute in Albstadt daheim, aus der um 1750 in Wronke heimischen, zahlreichen Familie, war mit seiner Mutter dabei, als Lina Angres von Berlin aus nach Theresienstadt abreisen musste. Der Zehnjährige  empfand diese Verabschiedung als „traumatische Erfahrung für ein Kind, das (deshalb) über Nacht älter wurde.“

Der Jurist Dr. Richard Treitel war als Transporteur von Matratzen, die häufig von Krankheitskeimen verseucht waren, und zu anderen Hilfsdiensten eingeteilt.  Dabei war seine Herzerkrankung  schon im April 1942 in Berlin diagnostiziert worden. Und selbst im KZ  warnten Ärzte, den Kranken zu belasten, der um die Zeit der Befreiung auch noch wegen Typhus behandelt werden musste.  Hatte der Präsident der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“, Rabbiner Leo Baeck, den Brief von Grete und Richard Treitel mitgenommen? Jedenfalls reiste er am 5. Juni 1945 von Theresienstadt aus nach London. Und es begann ein Nachrichtenaustausch zwischen Baeck und Dr. Theodor Treitel, Richards Bruder. Am 2. September 1945 schrieb  Leo Baeck an Theodor Treitel:

„Sehr geehrter Herr Doktor,

haben Sie vielen Dank für Ihre freundlichen Zeilen. Darf ich Ihnen es auch selbst sagen, dass ich Ihren Bruder, Dr. Richard Treitel, in bestem Wohlsein in Theresienstadt verlassen habe…

Mit besten Grüßen,

Ihr ergebener

(L. Baeck).

Leider irrte der Rebbe. Richard Treitel war schwer krank.  2

Immerhin war es 1944 gelungen, ihn auf den leichteren Posten eines  Essenskontrolleurs in einer Krankenstation zu hieven: Dort hatten Schwestern und Träger sich aus den ohnehin minimalen  Krankenportionen bedient. Als bald darauf unter dem Druck des Internationalen Roten Kreuzes (IRK)  äußerliche Verbesserungen in dem KZ vorgenommen wurden, weil die Nazis einen Propagandafilm über das sogenannte Altersghetto Theresienstadt drehen ließen, wurde Dr. Treitel zum Richter am neuen Ghettogericht ernannt. Er sollte  Verstöße gegen die innere Ordnung ahnden. Er löste diese Aufgabe in der ihm eigenen Humanität, so dass er als einer von wenigen der Mitarbeiter der jüdischen Lager-Selbstverwaltung nach dem Krieg nie als  Kollaborateur der verbrecherischen Kommandanten und der SS-Wachen beschuldigt wurde.

Wie  Dr. Treitel sich verhielt,  war mutig: Denn zwar war seit der geheimen  „Wannsee-Konferenz“ vom 20. Januar  1942  die Vernichtung der europäischen Juden ein Vorrang-Programm der deutschen Reichsregierung. Aber der Zusammenbruch des  „Tausendjährigen Reiches“ war absehbar, der Krieg verloren. Trotzdem mordeten die KZ-Schergen weiter, als wollten sie sich aller Zeugen entledigen. Dr. Treitel biederte sich ihnen nicht an. Weil vor allem Jugendliche in ihrer Not stahlen, was nicht niet-  und nagelfest war, verhängte die KZ-Kommandantur im extrem eisigen Winter 1944/45 Heizungs- und Lichtsperren über das Lager.  Und als junge Männer versuchten, mit Hilfe mitleidiger tschechischer Lieferanten oder Gendarmen Briefe aus dem Lager zu schmuggeln, hängte sie sichtbar für alle Häftlinge zehn Jugendliche auf. An dem Standrechtsurteil hat Dr. Treitel nicht mitgewirkt. 3

In ihrem Brief kündigte Grete Treitel  an:

„Richard und ich werden jedenfalls sogleich zurückfahren (Anm. nach Berlin!). Ich habe mich aber zur Weiterarbeit bis 30. 6 verpflichtet. Dafür soll ich 450 M(ark) extra bekommen, und die anderen werden nämlich voraussichtlich auch nicht früher wegkommen…“

Dr. Richard Treitel ergänzte, was seine Cousine geschrieben hatte:

„Die Arier (sic!), die hier in der Festung sitzen und die Männer wie Frauen ein großes Hakenkreuz vorn und auf dem Rücken tragen, müssen all die Dreck-  und schweren Arbeiten machen, die vorher die Juden machen mussten. Sie arbeiten für die Juden unter russischer Militäraufsicht.

Jetzt werdet Ihr wohl erfahren haben, dass ich seit dem 29. Juni 1943, also fast 2 Jahre hier in Th.stadt war. Wir waren mit Grete  täglich beisammen, was wir hier erfahren und erlitten haben, wird Euch Grete mitgeteilt haben. Ihre Mitteilungen werden nicht nur Euch interessieren, sie werden auch für Hermann (Anm.: Richards Bruder!) von Wichtigkeit und Bedeutung sein. Ich brauche dann über dieses traurige Kapitel unseres Lebens nicht so viel zu schreiben. Schickt doch bitte diesen Brief an Hermann. Ich hoffe, dass ihr gut über den Krieg und seine Folgeerscheinungen hinweggekommen seid. Wie geht es den Kindern? Ich würde mich freuen, von Euch zu hören. Ich will nach Berlin zurück. Alles Gute weiterhin und herzliche Grüße,

Euer Richard.“

Doch es kam anders. Während Grete Treitel sich nach Berlin durchschlug und einige Räume ihrer mittlerweile anderweitig  belegten Wohnung  couragiert sofort wieder in Besitz nahm,  sah  Dr. Richard Treitel weder Berlin, noch seine Familie wieder  –  mit einer Ausnahme: Die Tochter Celia (Cilly) Ruth  (* 1925) seines Bruders Theodor arbeitete als Zivilbedienstete in der US-Army in Deutschland. Sie besuchte Onkel Richard 1945 in Deggendorf und erlebte ihn bei seiner  juristischen Tätigkeit. 1938/39 hatte er seine eigenen Auswanderungspläne nobel zurückgestellt, damit zuerst sein Bruder mit seiner Familie sich in Sicherheit bringen konnte. Nun geriet er erneut in eine Zwickmühle: Sollte er zurück nach Berlin gehen? Oder zuvor das Wiedersehen mit seinen Angehörigen anstreben? Das   fürchterliche Dilemma löste sein plötzlicher Tod.

Am 11. Juli 1945, wenige Tage, nachdem  Grete nach Berlin abgereist war, bestieg Richard Treitel nach einer kurzen Bahnreise über Prag nach Pilsen einen Lkw der US-Army. In einer langen Kolonne fuhren  23 Lastwagen die ersten rund 450 Überlebenden durch den Böhmer-  und Bayerischen Wald nach Deggendorf. So schlimm die Zustände in der dortigen ALTEN KASERNE auch anfangs waren  –  Richard  Treitel  fand sich zurecht. Nun mit dem Status der „Displaced Persons“  (DP) unter dem besonderen Schutz der Alliierten und der UNO stehend,  rechnete er mit einer raschen Einreisebewilligung nach England, um die sich in London sein Bruder Theodor  (1885 bis 1973) bemühte.  1938 hatte Richard sie schon in Händen gehalten. Er hatte sie nicht nutzen können, weil die von den Deutschen verlangte „Judenabgabe“  und die „Reichsfluchtsteuer“  zunächst  für seinen  Bruder Theodor, dessen Frau Hanna Lilly, geborene Levy (1896 bis 1951) und Tochter  Celia (Cilly) Ruth aufgebracht werden sollte.

Richards Neffe Sir Guenter  Heinz Treitel (*1928), Jura-Professor in Oxford:

„Mein Vater (Anm.: Rechtsanwalt Dr. Theodor Treitel) und Onkel Richard hatten als Partner praktiziert. Dadurch waren ihre finanziellen Angelegenheiten miteinander verflochten. Mein Vater wollte  ursprünglich in die USA emigrieren. Wegen der absehbar überlangen Wartezeit plante er dann aber doch eine Ausreise nach England. Onkel Richard  verzichtete  vorerst auf einen eigenen  Antrag auf jene Bescheinigung der steuerlichen Unbedenklichkeit, ohne die eine  Auswanderung ausgeschlossen war. Weil mein Bruder Kurt und ich schon im März 1939 nach England gebracht worden waren, wollte Onkel Richard als Junggeselle erst die Freigabe unserer Eltern und unserer Schwester durch die Nazibehörden abwarten. Die bekamen sie, doch erst im August 1939 gelang ihnen die Ausreise nach England. Es waren nur noch wenige Tage bis zum Kriegsbeginn  –  und obwohl nun auch  Onkel Richard die steuerliche Unbedenklichkeits-Bescheinigung in den Händen hatte, ließ sich die Ausreise nicht mehr arrangieren.  Sein Verhalten war heldenhaft.“  

Was war die Reichsfluchtsteuer? Durch den weltweiten Börsenkrach im Jahre 1929 war auch die erst wenige Jahre zuvor  stabilisierte deutsche Wirtschaft ins Trudeln geraten. Millionen Deutsche wurden arbeitslos. 1931 erließ die demokratische Reichsregierung eine Notverordnung, die die Kapitalflucht eindämmen, Wirtschaft, Finanzen und den inneren Frieden  festigen sollte. Die Nazis nutzten diese  Steuer von 25 Prozent auf Einkommen und Gesamtvermögen als Hebel zur weitgehenden Enteignung der verfolgten Juden. Zu diesem Zweck wurden sie vor die Alternative gestellt, auszuwandern oder in ein KZ eingeliefert zu werden. Zahlreiche Juden hatten diese Gewaltlager entweder  1933 bald  nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler oder nach der Reichspogromnacht 1938 bereits kennengelernt. Die Steuer bescherte dem Nazistaat fast eine Milliarde Reichsmark , indem zu ihrer Berechnung  die jüdischen Vermögen höchstbeziffert, beim erzwungenen Verkauf aber stark abgewertet wurden.

Die  zusätzliche Judenabgabe von ebenfalls bis zu 25 Prozent   war die Bestrafung der Juden (sic!) dafür, dass ihre deutschen Nachbarn in der Reichspogromnacht  zwischen dem 7. und 13. November, konzentriert am 9./10. November 1938, rund 400 jüdische Deutsche ermordet oder in den Suizid getrieben,  1.400 Synagogen, Schulen, Gemeindehäuser, Privathäuser, Miet-  und  Eigentumswohnungen, Kinder-,  Altenheime und Krankenhäuser, 7.500 Geschäfte und Unternehmen zerstört hatten. Sie hatten Schäden von rund 25 Millionen Reichsmark angerichtet, nach heutigen Wert mehrere Milliarden Euro!

Um was es den Nazis mit den Sonderzahlungen wirklich ging, zeigt das Beispiel des hamburgischen Schiffbau-Unternehmers Berendsohn (1877 bis 1959): Sein Vermögen von 1,9 Millionen Reichsmark schrumpfte durch diese Zahlungen auf 127.000 RM zusammen. 10.000 RM wurden ihm zum Devisenkauf überlassen. Vom Rest sah er keinen Pfennig. Späteren Ausreisenden wurden nur noch je 10 RM gelassen. 4

Wer floh, wurde per  Steckbrief der Finanzämter öffentlich verfolgt. Davon betroffen waren

  • Diplom-Ingenieur Hans Treitel (* 1883), der Bruder von Grete Treitel und Adressat ihres Berichts vom 4. Juni 1945, ferner dessen Frau,  die 1886 geborene Hulda Eisenberg, und der 1911 geborene Sohn Peter aus Berlin-Wilmersdorf. Sie waren 1937 nach Palästina ausgewandert. Ferner
  •  Rechtsanwalt und Notar Dr. Erich Herrmann Treitel (1892 bis 1945) und seine Frau Irma, 1908 geborene Sahmer  (oder Gahmer) aus Berlin-Charlottenburg, die bereits 1934 nach Buenos Aires/Argentinien ausgewandert waren.5

Per Regierungsdekret ausgebürgert wurden

  • am  03. 04. 1939 Erich Treitel, Betsche, * 1914,
  • am 29.08. 1940 Hermann Salomon Treitel, Betsche, *1881 .

–> Fortsetzung

Anmerkungen

  1. Löbe, Paul, Der Weg war lang  Lebenserinnerungen, arani-Verlag Berlin, 2. Auflage 1954, S. 232, 236. Löbe schreibt von „Päckchen an meine jüdischen Freunde, wie (die Ex-Abgeordneten des Reichstages) Julius Moses, Gustav Hoch, Dr. Gradnauer, Georg Landsburg, (den Wirt) Salomon Kutschera und viele andere“;  Brief Dr. Leo Baeck an Dr. Theodor Treitel, 02.09.1945, Archiv Jüdisches Museum Berlin, Sammlung Familie Treitel Levy, Theodor Treitel, 5. Korrespondenz Inv.-Nr.2007/129/42
  2. WIKIPEDIA zur jüdischen Geschichte Berlins und über  E. Nehans, eingesehen am 28. 12. 2011
  3. Theresienstadt Ghetto, 466.000 Google-Nennungen, hier überwiegend verwendet: Theresienstadt Lexikon Ein Nachschlagewerk; Ghetto Th. und KZ Th. In WIKIPEDIA, eingesehen am 29. 02. 2012; Handschriftliches Tagebuch des R. Ehrlich, Verleger, Drucker und Journalist aus Berlin, Kopie aus dem Leo-Baeck-Institut New York.
  4.  WIKIPEDIA über Reichsfluchtsteuer und Judenabgabe, eingesehen am 14.03. 2012; WIKIPEDIA über Reeder Berendsohn, eingesehen am 14.03.2012. Zwischen diesem Reeder und zwei Treitel-Bernstein-Schifffahrtsunternehmen gab es Geschäftsbeziehungen.
  5. Liste der von den Berliner Finanzämtern herausgegebenen Steuersteckbriefe, zuletzt aktualisiert am 26. 03. 2003.

Namen und Daten zu den Verwandtschafts-Verhältnissen sind, soweit nicht im Detail angemerkt,  dem im Jüdischen Museum Berlin archivierten handschriftlichen STAMMBAUM, Inv. –Nr. 1/1 der Sammlung Familie Treitel Levy  bei „Ernst Moritz Levy“ entnommen.