Als Kind von Wien nach New York, als Erwachsene von Jung zu Freud

Die Psychoanalytikerin Anita von Raffay wurde in Wien als Kind jüdischer Eltern geboren. 1938 emigrierte sie über Paris nach New York, wo sie Geschichte und englische Literatur studierte. Nach dem Krieg setzte sie in Zürich und Innsbruck ihr Studium fort und absolvierte dort ihre psychoanalytische Ausbildung. In ihrem kürzlich veröffentlichten autobiografischen Beitrag „Als Kind von Wien nach New York, als Erwachsene von Jung zu Freud“ erinnert sie sich in persönlichen Worten an ihre Kindheit in Österreich und an ihren Werdegang. Wir publizieren einige Auszüge hieraus. Veröffentlicht wurde diese Studie in dem Themenschwerpunktheft „Jüdische Identitäten in Deutschland nach dem Holocaust“…

Von Anita von Raffay

„Ich habe nicht danach gesucht. Ich war zehn Jahre alt, als ich sie niederschrieb. Sie fielen mir zufällig in die Hände – diese alten Aufzeichnungen, die von der Sommerfrische in Annaberg und all dem anderen handeln, was ich in Wien und später in Amerika erlebt habe. Vielleicht sollte ich wieder einmal nach Annaberg fahren. Als ich acht Jahre alt war – und auch noch als ich älter war –, fuhr ich mit meiner Großmutter in den Sommerferien nach Annaberg. Jeden Abend – und, wenn es regnete, auch schon nachmittags – haben wir Rommé gespielt. Manchmal hat meine Großmutter aber auch allein Patiencen gelegt und ich habe ihr dann zugeschaut.

Wenn das Wetter gut war, ging ich oft allein in den Wald, um Erdbeeren zu pflücken. Im September sammelte ich Schwammerln (Pilze). Im Wald war ich am glücklichsten. Ich liebte den Geruch des Mooses und der nahen Erdbeeren.(…)

Ich liebte meine Großmutter. Ich glaube, ich liebte sie sogar mehr als meine Mutter. Sie war gut zu mir, unfähig zu Bosheit oder Gemeinheiten. Sie war unglaublich begabt: Sie spielte wunderbar Klavier und hatte eine herrliche Stimme, einen Sopran, den sie schon in ihrer Jungend ausgebildet hatte. Doch als Tochter aus großbürgerlichem Haus war ihr die Erfüllung ihres Wunsches ganz unmöglich: Sie wäre so gern Opernsängerin geworden. Als Jugendliche sang sie in der Synagoge von Charleston, West Virginia.(…)

In Edlach schloss ich Freundschaft mit Frau Oberlechner, einer Bäuerin. Ich war den ganzen Tag bei ihr auf dem Hof. Das war eine herrliche Zeit! Zuhause in Wien durfte ich nur heimlich – es war gegen den Willen meiner Großmutter – der Fanny, unserer Köchin, beim Kochen und Backen zuschauen. Du störst die Fanny, sie hat Arbeit, geh’ aus der Küche, hieß es. Bei Frau Oberlechner konnte ich aber nicht nur zuschauen, ich konnte sogar mithelfen. Ich fuhr auf dem Heuwagen mit aufs Feld und trug dort das Heu zusammen, das auf den Heuwagen geladen und in den Heuschober gefahren wurde. Im Stall half ich beim Melken. Ich konnte später eine Kuh alleine melken.

Ich liebte Frau Oberlechner. Sie war warmherzig. Sie hatte Interesse für mich und nahm mich in die Arme. Bei ihr fühlte ich mich geborgen und anerkannt.(…)

Ich lebte vorwiegend für die Schule, um die sich niemand kümmern musste, weil ich gut genug war, so dass ich nie Hilfe brauchte, außer einmal, als ich in Mathematik eine Vier hatte. Da musste ich dann den ganzen Sommer über lernen, um im Herbst eine Prüfung abzulegen. Nach all dem Lernen im Sommer mit der Hedi habe ich die Prüfung mit einer Eins bestanden. Ansonsten wusste meine Mutter kaum, in welcher Klasse ich gerade war.(…)

Ich war oft traurig, ohne zu wissen, dass ich traurig war. Nur weil man mir dann sagte, ich hätte so traurige Augen, merkte ich mit der Zeit, dass ich traurig war. Ich empfand dieses Traurigsein als Makel, als etwas, was mich ins Abseits drängte; und ich fühlte mich ertappt und irgendwie schuldig, denn die anderen Kinder hatten das nicht: solche traurigen Augen.(…)

Diese Zuckerlfrau wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Das hängt mit dem 12. März 1938 zusammen. An diesem Tag marschierten Hitlers Truppen in Österreich ein. In unserer Familie waren alle ziemlich ahnungslos. Am Abend des Vortags ging ich wie immer in das Geschäft der Zuckerlfrau und hörte, als ich dort eintrat und die Marzipanstange kaufen wollte, die Stimme des Bundeskanzlers Schuschnigg, der sich gerade im Radio mit einer kurzen Ansprache vom österreichischen Volk verabschiedete. Ich hörte eben noch seinen letzten Satz: „Ich weiche der Gewalt. Gott schütze Österreich!“ Sofort danach brach die Zuckerlfrau in ein Jubelgeschrei aus und rief: „Jetzt wird’s anders bei uns, jetzt kommt eine neue Zeit!“

Ich flüchtete verstört aus dem Geschäft, das ich danach nie mehr betreten habe, und rannte in unsere Wohnung und heulte zusammenhanglose Sätze wie: „Österreich ist tot – das ist das Ende – wir müssen weg.“ Ich erinnere mich, ich kniete die ganze Nacht vor meinem Bett und weinte. Ich war nicht zu beruhigen. Eine Welt war zusammengebrochen. Ja, es wurde alles anders für uns von dem Tag an, an dem Österreich aufgehört hatte zu existieren. Die Zugehörigkeit zu etwas, zu einem Volk, zu dem ich mich gezählt hatte, war jäh beendet. Ich war jetzt als Jüdin zur Feindin geworden. (…) Meine geliebte Oper war für mich verloren – und auch der geliebte Wienerwald.(…)

Meine Mutter und ich verließen 1938 Wien. Wir blieben ein Jahr in Paris und reisten 1939 in die Vereinigten Staaten weiter. Ich erhielt sofort die amerikanische Staatsbürgerschaft, da meine Mutter in New York geboren ist. Zunächst kam ich bei Verwandten, die ich nicht kannte, in San Francisco unter, während meine Mutter in New York blieb. Nachdem mein Stiefvater und meine Großmutter in New York angekommen waren, wurde ich nachgeholt. Ich ging dort zur Abend-Highschool und arbeitete tagsüber als Verkäuferin, unter anderem in der Spielwarenabteilung bei Saks, 5th Avenue. Meine Schulaufgaben machte ich in der Nacht.

Ich bewarb mich für ein Stipendium. Der Direktor des Smith College in Northampton, Massachusetts, ist mir wegen seiner Güte noch sehr genau in Erinnerung. Nach dem Bewerbungsgespräch sagte er zu mir, er könne mir versichern, dass ich ein volles Stipendium erhalten würde. Nach drei Jahren schloss ich das Studium an diesem College mit dem Bachelor in Geschichte und Englischer Literatur magna cum laude ab. Ich bekam ein weiteres Stipendium, diesmal für post graduate studies. Einer meiner Professoren war der aus Prag stammende Historiker Hans Kohn, der nach seiner Emigration zunächst in Palästina gelehrt, sich dann aber in den Vereinigten Staaten niedergelassen hatte Er gab mir den Rat meine Studien in Europa fortzusetzen. Das war 1947.(…)

Meine Auseinandersetzung mit Jungs Antisemitismus und mit dessen Beziehung zu Freud habe ich (…) in meinem Buch „Die Gewissensfrage in Psychoanalyse und Analytischer Psychologie“ (2006) dargestellt. Darin habe ich mich noch einmal mit dem Thema der Schuld befasst. Damit ist für mich die Ära Jung zu Ende gegangen. Und Dank dieser Auseinandersetzung mit Jung konnte ich Mitglied der Deutschen und Internationalen Gesellschaft für Analytische Psychologie und des New Yorker Jung-Instituts bleiben. Ich habe auch eine Lizenz (license) vom Staat New York erhalten, um dort als Analytikerin praktizieren zu können.

Ich hatte also wieder eine Heimat verloren, diesmal die geistige Heimat, die ich in Jungs Werken gesucht hatte. Ich habe aber nicht alle Brücken verbrannt. Ich lebe jetzt in zwei Welten: in Hamburg, wo ich als Analytikerin praktiziere, und in White Plains, einer nahe New York gelegenen Stadt, wo ich Mitglied einer liberalen Synagoge bin. Hier erlebe ich meine Zugehörigkeit zum Judentum. Und so habe ich doch wieder eine neue alte Heimat gefunden.

Anita von Raffay: Als Kind von Wien nach New York, als Erwachsene von Jung zu Freud, in: Psychoanalyse – Texte zur Sozialforschung. Nr. 1/2012, Schwerpunktthema: Jüdische Identitäten in Deutschland nach dem Holocaust, Gast-Herausgeber: Roland Kaufhold, Bernd Nitzschke, Euro 12,00, Weitere Informationen und Bestellung

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