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Israel: Die verwandelte Orthodoxie

Je häufiger sich der öffentliche Diskurs mit der Sprachmünze »jüdischer Staat« befasst, desto relevanter und entscheidender wird die Stimme und Meinung der jüdischen Orthodoxie im Land. Da die säkulare Mehrheit im israelischen Judentum ihren Anspruch auf die Definition, in welcher Hinsicht der Staat »jüdisch« sein solle, ja ihren Anspruch auf die Bestimmung von Zielen für Gesellschaft und Politik aufgegeben hat, bleibt es eigentlich der Orthodoxie, einer Minderheit in der Bevölkerung und in der politischen Klasse, überlassen, über beides zu entscheiden…

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Versteht man das nationale Selbstbestimmungsrecht als Grundlage des nationalen Bewusstseins, kann die Bezeichnung »jüdisch« unterschiedlich gedeutet werden. Wird diese Grundlage jedoch aufgegeben – unter anderem weil eine nationale Selbstbestimmung auch die palästinensische Nationalbewegung legitimiert -, entsteht ein Vakuum. Dieses Vakuum hat sowohl die Orthodoxie als auch die Ultraorthodoxie genutzt und der verunsicherten Mehrheit ihre Werte angeboten oder aufgezwungen.

Der paradoxe Machtgewinn der politisch organisierten Orthodoxie in den letzten Jahren hat zwei Wurzeln. Zum einen wurde die zionistische Orthodoxie seit 1967 unerwartet zur Speerspitze der »Ganz-Israel«-Ideologie und der Siedlungsbewegung. Zum anderen hat die Ultraorthodoxie, vor allem die erst seit den 1980er-Jahren politisch aktive orientalische (se-phardische) Ultraorthodoxie, den Weg von der Ablehnung des Zionismus und des Judenstaates zur tragenden Säule des neuen Zionismus beschritten, den wir in unserem Zusammenhang als wahren Postzionismus definiert haben. Die Shas-Par-tei der orientalischen Ultraorthodoxie ist im Jahr 2009 so weit gegangen, einen Antrag auf Aufnahme in die zionistische Organisation zu stellen. »Wir sind die wahren Zionisten«, meinen diese wahren Postzionisten, daher gibt es für sie keinen Grund mehr, formal außerhalb des zionistischen Establishments zu bleiben. In der heutigen zionistischen Organisation wird diese Selbstwahrnehmung der Shas-Bewegung auch niemand mehr anzweifeln. Die tiefe Kluft zwischen beiden Strömungen – der zionistischen Orthodoxie und der antizionistischen Ultraorthodoxie (bis auf die die aus Ost-Europa kommende ultraorthodoxe »Aguda«-Organisation, die sich im religiösen, biblischen Sinne des Wortes als zionistisch versteht, sich aber der zionistischen Organisation aus historischen Gründen nicht anschließt) – wurde somit überbrückt.

Es entstand ein Lager auf zwei Grundpfeilern, den Nationalreligiösen als Erben der alten orthodoxen Zionisten und den National-Ultraorthodoxen als Erben der früher antizionistischen Ultraorthodoxen, das den Spitznamen Chardal (Senf) bekam (nach der hebräische Abkürzung für den Spagat von ultraorthodox [cha-redi] und nationalreligiös [dati le’umi]). Beide zusammen machen etwa 1/5 der jüdischen Mehrheit in Israel aus – zwei Minderheitsgruppen, die heute gemeinsam erheblich größer sind als noch vor 20 Jahren und nun auch an einem Strang ziehen, um die nichtorthodoxe Mehrheit in Schach zu halten.

Ein Beispiel für eine eher unorthodoxe Karriere eines orthodoxen Politikers, den man als Chardal bezeichnen kann, ist die des bereits oben erwähnten Efi Eitam. Er wuchs als säkulares Mitglied eines Kibbuz auf, machte eine Karriere als Offizier (zeichnete sich auch durch Misshandlung von Palästinensern aus), wurde General und schliesslich zum Renegaten: Er wandelte sich zum fanatischen, orthodoxen Nationalisten. Seit 2002 in der Politik, führte er die Nationalreligiöse Partei und war sogar Minister in Sharons Regierung. Für ihn galt: Frieden mit Arafat, Irak oder Iran sei unmöglich. An einer kriegerischen Auseinandersetzung führt kein Weg vorbei. Im Westjordanland darf kein Palästina-Staat entstehen, und die Palästinenser dürfen höchstens »Bewohner ohne Wahlrecht sein«. Er war allerdings davon überzeugt, dass »Israel die Seele der Welt« sei. Dass ein Politiker mit einer solchen Weltanschauung einige Jahre Vorsitzender der Nationalreligiösen Partei und Mitglied der Regierung sein konnte, zeigt, wie leicht es für die Orthodoxie ist, den Friedensprozess zu torpedieren… …

…Orthodoxe Politiker bemühten sich in den letzen Jahren immer radikaler, das Staatsgesetz im Sinne der Vorschriften der Orthodoxie zu beeinflussen und das Alltagsleben der Mehrheit zu regeln. Die Bestimmungen gegen den Verkauf von nichtkoscheren Nahrungsmitteln für das Pessach-Fest während der Festwoche wurden verschärft und sollen in Zukunft noch strikter durchgesetzt werden. Restaurants werden mit Strafen belegt, wenn sie am Fastentag des Neunten Av, an dem man der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die babylonische Armee im Jahre 587 v.d.Z. und durch römische Truppen im Jahre 70 n.d.Z. gedenkt, nicht schließen.

In Jerusalem demonstrieren neuerdings Ultraorthodoxe gegen die Öffnung von Parkhäusern für die zahlreichen Besucher der Stadt am Schabbat oder gegen die Beschäftigung von Juden am Schabbat durch eine hier ansässige High-Tech-Firma. Der Kampf der Ultraorthodoxen gegen das Auftreten von Homosexuellen und Lesben auf der Gay Pride Parade in Jerusalem am Christopher Street Day wurde in den letzten Jahren nicht nur lauter und aggressiver, sondern auch gewalttätiger. 2009 verzeichnete die Polizei zudem eine Rekordzahl der von Ultraorthodoxen verübten Angriffe gegen christliche Einrichtungen oder Geistliche in Jerusalem. Hartnäckig wollen Ultraorthodoxe auch die Trennung zwischen Frauen und Männern in öffentlichen Verkehrsmitteln durchsetzen, selbst wenn die Autobusse nicht nur der ultraorthodoxen Gemeinschaft ihre Dienstleistung anbieten. Mit all diesen Methoden soll angeblich der jüdische Charakter des Judenstaates stärker zum Ausdruck gebracht werden. Sogar das Oberste Gericht, der Beschützer der Menschenrechte und Verteidiger des Prinzips der bürgerlichen Gleichheit, geht behutsam mit dieser Gruppe (wie auch mit den Rechtsradikalen) um, um nicht zum kontraproduktiven Effekt seiner eigenen Delegitimierung beizutragen. Denn beiden Gruppen ist er ein Dorn im Auge.

Auch durch die Religionisierung der Gesellschaft verschwindet die Grenze zwischen Kernland und besetzten Gebieten. (Auf die Beziehung der Ultraorthodoxie zur Siedlungspolitik kommen wir im Abschnitt »Die Siedler« zu sprechen.)

Orthodoxe und ultraorthodoxe Rabbiner melden sich immer wieder zu Wort, wenn es um die Frage des »Verzichts« auf besetzte Gebiete geht. Die Meinung dieser Rabbiner können die Besucher der Synagogen am Schabbat auch im Kernland Israel in der dort ausliegenden Wochenzeitung »Unser Land Israel« lesen. Nicht alle sind so extrem wie der Vorsitzende der Rabbiner für Erez Israel, der Rabbiner der Stadt Hebron, Gad Lior, aber viele sind der Meinung, dass die Aufgabe eines Teils von Erez Israel nicht nur ein politischer Fehler sei, sondern ein Verstoß gegen das göttliche Gesetz. Rabbiner kritisieren deshalb sogar die »heilige Kuh« der israelischen Gesellschaft – das Militär: Erkenne das Militär das Prinzip »Ganz-Israel« nicht an – wie im Falle des Rückzugs aus dem Gazastreifen 2005 -, betreibe es Verrat am jüdischen Charakter des Staates. Ein Thema, auf das wir später ebenso zurückkommen werden wie auf den Versuch des Obermilitärrabbiners, den Soldaten religiöse Inhalte anzubieten bzw. sie einer religiösen Gehirnwäsche zu unterziehen…

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Moshe Zimmermann
Die Angst vor dem Frieden: Das israelische Dilemma