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Nahost in Kriegsstimmung

Die amerikanische Flotte im Persischen Golf wird mit einem zweiten Flugzeugträger verstärkt. Das US-Versorgungsschiff „USNS Rappahannock“ hatte am Montag auf ein indisches Fischerboot geschossen, weil es sich dem amerikanischen Tanker schnell näherte und Warnschüsse ignorierte…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 18. Juli 2012

Das Ergebnis war ein Toter und zugleich eine Warnung an den Iran, Distanz zu amerikanischen Kriegsschiffen zu halten. Denn der Iran könnte mit vielen kleinen Schnellbooten sogar die Flugzeugträger gefährden, gemäß dem Modell des Angriffs auf den Zerstörer USS Cole im jemenitischen Hafen Aden. El Kaeda hatte im Oktober 2000 ein mit Sprengstoff gefülltes Schlauchboot gegen den Rumpf des Schiffes gerammt, wobei 39 Amerikaner getötet wurden.

Mit Marinemanövern und demonstrativen Raketentests signalisiert Iran dem Westen, den Saudis und anderen potentiellen Feinden die Bereitschaft, sich „verteidigen“ zu wollen. Die immer schärferen Sanktionen gegen Iran aber auch der amerikanische Widerspruch gegen das iranische Atomprogramm wurden schon beantwortet mit Drohungen, die Straße von Hormuz zu sperren, also jene Meerenge, durch die über ein Drittel des Ölbedarfs der Welt transportiert wird.

Nicht nur der Konflikt um Iran heizt die Stimmung an. Der arabische „Frühling“ hat zu einer gefährlichen Entstabilisierung der gesamten Region beigetragen.  In den ehemaligen Arsenalen des libyschen Diktators Muammar Gaddhafi gestapelte Waffen wurden offenbar geplündert und tauchen in Mali, Nigeria, im ägyptischen Sinai und im Gazastreifen auf. Als besonders gefährlich gelten nicht nur schwere Gradraketen, mit denen Israel vom Gazastreifen aus beschossen wird, sondern kleine handliche Strella-Flakraketen. Die können im Handkoffer transportiert und unauffällig eingesetzt werden, um Passagierflugzeuge bei Start oder Landung zum Absturz zu bringen.

Kritisch ist das Machtvakuum im Sinai, wo die ägyptischen Streitkräfte weitgehend die Kontrolle verloren haben, während Beduinen, palästinensische Extremisten aus Gaza und El Kaeda nahestehende Gruppierungen inzwischen mehrfach über die Grenze hinweg Terroranschläge gegen Israel verübt haben. Israel kann das nur passiv hinnehmen. Denn Ägypten könnte einen israelischen Militärschlag auf die Angreifer als Kriegserklärung interpretieren.

Niemand weiß, wie sich der Bürgerkrieg in Syrien entwickelt. Mit über 500 Toten pro Woche bleibt ungewiss, wie lange sich das Regime des Baschar Assad noch halten kann. General-Major Aviv Kochavi, Chef der militärischen Abwehr Israels, nannte im Sicherheitsausschuss der Knesset eine Periode zwischen „zwei Monaten und etwas über zwei Jahren“. Offensichtlich tun sich auch die Israelis schwer, die Zukunft ihres nördlichen Nachbarn zuversichtlich einzuschätzen.

Mit sich selber beschäftigt, scheinen die Syrer wenig Interesse an einem Krieg gegen Israel zu haben. Was die Israelis nach Angaben von Kochavi jedoch erheblich besorgt, ist die Möglichkeit, dass Syriens chemische und biologische Waffen in „falsche Hände“ fallen könnten. Bedenklich sei auch der fortgesetzte Waffenschmuggel von Iran über Syrien nach Libanon, wo die Hisbollah-Miliz nach eigenen Angaben inzwischen über 80.000 Raketen eingelagert habe. Per Knopfdruck könnten sie jeden Punkt in Israel treffen. Doch seit sechs Jahren herrscht völlige Ruhe entlang der Front zwischen Israel und Libanon. Militärs berichten, dass die Hisbollah sich mit Bunkern und grenznahen Stellungen ständig auf einen erneuten Krieg gegen Israel vorbereite. Doch politische Analytiker in Israel vermuten eher, dass die Hisbollah vorerst keinen weiteren Schlag gegen Israel plane, um nicht selber wieder schwer getroffen zu werden, wie während des Libanonkriegs im Sommer 2006. Die Miliz habe kein Interesse, ihre Machtposition im Libanon durch einen weiteren Krieg in Frage zu stellen. In diesem Sinne werde die Hisbollah wohl nicht bereit sein, einen Stellvertreterkrieg für den Iran zu führen, falls Teheran militärisch bedrängt werden sollte.

Krieg und Gewalt hängen also in der Luft. Das bedeutet aber nicht, dass es zu einer Konfrontation zwischen den Staaten kommen muss. Andererseits lehrt die Erfahrung, dass in einer derart spannungsgeladenen Atmosphäre jeder unbeabsichtigte Zwischenfall zum Funken werden könnte, der das Pulverfass zur Explosion bringen lassen könnte.

Das seit Wochen in den Medien spekulierte Szenario eines israelischen Militärschlags gegen Iran wird angesichts dieser neueren Entwicklungen fast nirgendwo mehr erwähnt.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com