Julius Brutzkus und Isaak Markon

Zwei „ostjüdische“ Gelehrte über armenisch-jüdische Berührungspunkte…

Von Robert Schlickewitz

Armenier und Juden, wie häufig wurden sie bzw. wurde ihr Schicksal miteinander verglichen. Wesentlich weniger dürfte über das historische Verhältnis beider Kulturen zueinander, über Gemeinsamkeiten wie über Gegensätze, bekannt sein. Eine Gelegenheit die Nachschlagewerke zu befragen und historische Erkenntnisse einmal solchen unserer Tage gegenüberzustellen. Sowohl die „Encyclopaedia Judaica“ als auch das „Jüdische Lexikon“, beide Berlin,  haben in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre mit Julius Brutzkus  und Isaak Markon zwei hochrangige Gelehrte mit dem Thema Armenien betraut. Bei beiden handelte es sich um sog. „Ostjuden“.

Gleich im Voraus sei auf die Links im Anhang verwiesen, um für die Angaben der beiden hier besprochenen, historischen Autoren eine dem modernen Stand der Wissenschaft entsprechende Referenz anzubieten. Auf die Wiedergabe der beiden Lexikonbeiträge folgen kurze Würdigungen der Lebenswerke von Julius Brutzkus und Isaak Markon.

 

Armenien, Landschaft in Vorderasien, im Westen von Kleinasien, im Osten vom Kaspischen Meer, im Süden von dem Wan-See, im Norden von dem Tal des Flusses Araks mit dem Ararat begrenzt – soll das Aufenthaltsgebiet eines Teils der Nachkommenschaft der jüdischen Gefangenen, die von Nebukadnezar aus Jerusalem fortgeführt wurden, gewesen sein. Nach dem (durch die Forschung allerdings überholten) Bericht des Chronisten Moses von Chorene soll das Adelsgeschlecht der Bagratunier, dem das Recht der Krönung zustand, auf jüdischen Ursprung zurückzuführen sein. Diese Überlieferung läßt jedenfalls auf die Bedeutung des jüdischen Elements in Altarmenien schließen. Die Juden beschäftigten sich dort mit Ackerbau und Handwerk und kamen unter der Herrschaft ihrer „Fürsten der Diaspora“ („resch galuta“) zu großem Wohlstand. Um 300 drang das Christentum in Armenien ein (Gregorianische Kirche). Der armenische Zeitgeschichtsschreiber Faust von Byzanz (4. Jhdt.) beschreibt den Einfall der Perser in der Zeit des Kaisers Sapor II. (310-380) und bemerkt, daß die Perser über 90 000 jüdische Familien = etwa 400 000 Seelen fortgeführt haben. Obschon diese Zahlen gewiß übertrieben sind, ist es zweifellos richtig, daß Armenien in dieser Zeit eine stark jüdische Bevölkerung hatte. Im Talmud wird ein Jakob aus Armenien und eine Gelehrtenschule in Nisibis erwähnt, woraus hervorgeht, daß dort jüdische Wissenschaft geblüht hat; auch wird im Talmud der Wein aus Etschmiadzin (heute das religiöse Zentrum der Armenier) erwähnt. Der Karäer Karkasani (10. Jhdt.) spricht von einer durch Musa as-Safrani begründete Sekte. Musa, auch unter dem Namen Abu-Imran aus Tiflis bekannt, war im 9. Jhdt. in Bagdad geboren, ließ sich aber dann in Tiflis nieder. Seine Nachfolger lebten zur Zeit Karkasanis (937) unter dem Namen „Tiflisiim“ über ganz Armenien verstreut. Auch Benjamin von Tudela (1170) fand Juden in Armenien vor, so in Nisibis eine jüdische Gemeinde von annähernd 1000 Seelen. Von armenischen Städten mit einer kleinen jüdischen Bevölkerung spricht auch Petachja aus Regensburg (1174). Die Juden haben alle politischen Schicksale des Landes miterlebt: zwischen Zeiten der Unabhängigkeit die byzantinische und die Kalifenzeit, dann die Türkenherrschaft bis ins 19. Jhdt., daneben teilweise persische und russische Herrschaft, letztere in größerem Umfang seit 1878. Seit 1921 bildet der größte Teil von Armenien zusammen mit angrenzenden früheren türkischen Gebietsteilen eine Sowjetrepublik innerhalb Transkaukasiens, die 1920 eine jüdische Bevölkerung von etwa 2000 Seelen zählte.

Da die Armenier als Nachkommen der Amalekiter gelten, nennt man sie im jüdischen Osten auch Timche („Du sollst vernichten“; Deut. 25, 19 auf die Amalekiter bezogen); vergl. Art. Timche.

Isaak Markon (Quelle: Jüdisches Lexikon, Berlin 1927)

 

Armenien, Gebirgsland nördlich von Mesopotamien im Oberlauf der Flüsse Euphrat, Tigris, Araxes und Kura. Im Norden wird Armenien von den Ausläufern des Kaukasus begrenzt, im Süden vom Taurus; im Osten grenzt Medien an, im Westen Kleinasien. In der Bibel trägt das Land, wie bei den Assyrern, den Namen Ararat (Gen. 8, 4; II. Kön. 19, 37; Jer. 51, 27). Viele bringen Armenien mit dem biblischen Namen Minni zusammen (Jer. 51, 27), ähnlich auch mit Togarma und Bet-Togarma (Gen. 10, 3; Ez. 27, 14 und 38, 6; I. Chron. 1, 6). Die Armenier selbst nennen sich Haik und gehören zu den japhetidischen Stämmen, mit starkem iranischen und semitischen Einschlage. Als selbständiger Staat tritt Armenien erst nach dem Sieg der Römer über die Seleuziden im Jahre 189 a. auf. Der erste König Artasches und seine Nachfolger erbauten die Hauptstadt Artaschat und viele andere Stäte nach dem Vorbilde der Griechen und Römer. Durch die Nachbarschaft von Mesopotamien und Medien, wo die Juden seit dem ersten Exil sehr zahlreich waren, erhielt auch Armenien eine beträchtliche jüdische Bevölkerung, die sich zur Zeit des Königs Tigran des Großen noch weiter vermehrte. In den Jahren 83-69 a. beherrschte Tigran Syrien und Nordpalästina und verpflanzte viele Syrer und Juden aus diesen Gebieten nach den armenischen Städten. Im Jahre 70 a., zur Zeit der jüdischen Königin Alexandra Salome, belagerte Tigran die Stadt Ptolemais und wollte ganz Palästina erobern, wurde aber von den Römern besiegt. Der armenische Historiker des 7. Jhts., Mose von Chorene, der die älteren Chroniken benutzte, berichtet, daß Tigran die Juden in folgenden Städten ansiedelte: Armawir, Jeruandaschat, Artaschat, Waharschapat, Schamirami, Wardages am Flusse Kassach und Wan im Gebiete Tosp. Von dieser Zeit an ist Armenien den Juden gut bekannt. Aristobulus, ein Urenkel des Königs Herodes, erhielt vom Kaiser Nero das Königreich Kleinarmenien. Von der Zeit der Arschakidenherrschaft bis zum Untergang des armenischen Staates im 4. Jhdt. lebte die jüdische Bevölkerung Armeniens in Wohlstand. Damit erklärt sich die Legende in Thr. r. I, 44, laut der die zehn Stämme Israels nach der Verbannung aus Palästina auf dem Wege zu ihrem Bestimmungsort Armenien durchquerten; „es war dies“, sagt der Midrasch, „von Gott vorherbestimmt, damit die Juden auf der Wanderung durch ein bearbeitetes und reiches Land ihr Essen und Trinken leicht erwerben könnten, während sie sonst, in der Wüste, Hunger und Durst gelitten hätten.“ Unter den Amoräern wird (in j. Git. VI, 48a) ein R. Jakob mi-Harmini genannt (vielleicht identisch mit dem B. bat. 26b erwähnten Jakob Hadajaba, d.i. aus Adiabene). Infolge des Bestehens der vielen jüdischen Gemeinden verbreitete sich auch das Christentum in Armenien sehr früh. In den Chroniken werden oft neben Juden auch Christen jüdischer Herkunft erwähnt. Das älteste armenische Alphabet (das des Bischofs Daniel) hatte, wie die semitischen, nur 22 Buchstaben; erst später, im 5. Jhdt., wurden neue Buchstaben hinzugefügt. Zweifellos haben die Juden auf die älteste Literatur und Kultur der Armenier Einfluß ausgeübt, doch ist dieses Gebiet noch wenig erforscht.

Im 4. Jht. begannen die Feudalen (die sog. Nachararen) einen Kampf gegen die Könige und die Städtebevölkerung, wobei sie sich auf die Hilfe der benachbarten Perser stützten. Der Bürgerkrieg endete mit der völligen Zerstörung der armenischen Städte. Der persische König Schapur II. siedelte im Jahre 368 alle Städtebewohner Armeniens, die christlichen wie auch die jüdischen zwangsweise in Südpersien in der Nähe von Ispahan an, welche Stadt dann den Namen Jehudiah erhielt; ein Vorort bekam den armenischen Namen Neu-Djulfa. Der Historiker Faustus aus Byzanz zählt folgende zerstörten Städte auf: Artaschat mit 40 000 armenischen Familien und 9000 jüdischen, Jeruandaschat mit 20 000 armenischen und 30 000 jüdischen Familien, Saragawan im Gebiete Bagrewand mit 5000 armenischen und 8000 jüdischen Familien, Sarischat im Gebiet Achiowid mit 14 000 armenischen und 10 000 jüdischen Familien, Wan im Gebiete Tosp mit 5000 armenischen und 18 000 jüdischen Familien und Nachitschewan mit 2000 armenischen und 18 000 jüdischen Familien. Die Zahlen, die Faustus anführt, sind gewiß übertrieben, beweisen aber, daß die jüdische Bevölkerung des unabhängigen armenischen Staates zu jener Zeit sehr groß war. In einer anderen Chronik wird sogar die Zahl der Juden Armeniens mit 4 Millionen angegeben. Mose aus Chorene erzählt, daß aus den Städten Artaschat und Wacharschapat auch viele Juden, die den christlichen Glauben angenommen hatten, nach Persien auswandern mußten. Nach dieser feudalen Revolution und dem Untergang aller Städte zerfiel Armenien in mehrere kleine Fürstentümer und wurde zum ständigen Kampfplatz in den Kriegen der Perser und später der Araber mit Byzanz. Die Feudalen machte(n) den Wiederaufbau der Städte unmöglich. Erst im 10 Jht., als die Dynastie der Bagratiden wieder ein größeres Fürstentum aufrichten konnte, entstanden das Handelszentrum Dvin und später die große Stadt Ani. Von einer jüdischen Bevölkerung gibt es aber seit der Katastrophe des 4. Jhts. fast keine Nachrichten. Der karäische Schriftsteller Kirkissani berichtet aus dem Jahr 937 von einer jüdischen Gemeinde und jüdischen Ketzern „in der armenischen Stadt Tiflis“; doch gehörte Tiflis stets zu Georgien und nicht zu Armenien und stand im 10. Jht. unter arabischer Herrschaft. Denselben Fehler begehen die Historiker  die die jüdische Gemeinde in Nisibis zu Armenien rechnen; die Stadt liegt südlich von Armenien in Mesopotamien. Mit mehr Grund wird die Handelsstadt Berdaa am Flusse Kura zu Armenien gezählt, weil das ganze Gebiet Arranien am Kaspischen Meer zur Zeit der arabischen Herrschaft politisch und kulturell mit Armenien vereinigt war. In Berdaa sind Juden im 7. und 10. Jht., im eigentlichen Armenien erst wieder im 12 Jht. zu finden. So berichtet der Reisende Benjamin aus Tudela im Jahre 1168, daß die Macht des Exilarchen sich auf alle Gemeinden Armeniens und auf das Land Kut beim Ararat erstreckte. Sein Zeitgenosse Petachja aus Regensburg sagt ausführlicher. „Im Lande Ararat sind viel große Städte, aber Juden gibt es dort wenig. Früher, im Altertum, war ihre Zahl groß, doch vertilgten sie einander und wurden deshalb zerstreut und wanderten aus nach Babylonien, Medien, Persien und in das Land Kusch.“ Mit dem 12. Jht. hören die Nachrichten über Juden in Armenien auf. In Vorderasien und am Kaukasus gibt es keine Juden, die einen armenischen Dialekt sprechen, während ein spezielles, grusinisches, persisches, arabisches, aisorisches und tatisches Idiom bei ihnen zu finden ist. In der reichen armenischen Bibliothek von Etschmiadsin ist keine einzige hebräische Handschrift vorhanden, ein weiterer Beweis dafür, daß die Juden hier sehr schwach vertreten waren. Es ist noch zu erwähnen, daß die berühmten armenischen Dynastien der Bagratiden und Amatuni ihre Herkunft von Juden ableiten, die von Nebukadnezar oder Tigran gefangen und nach Armenien gebracht worden seien; die vielen diesbezüglichen Legenden haben aber keinen historischen Wert und sind dynastischen Interessen zuliebe gedichtet worden.

Ein großer Teil Armeniens gehörte seit dem Jahr 1828 zum russischen Reich. Im Jahr 1897 wurden im russischen Armenien (Gebiet Eriwan) 1045 Juden gezählt, bei einer Gesamtbevölkerung von 800 000; davon lebten in der Stadt Eriwan 270 Juden. Seit 1920 bildet dieses Gebiet innerhalb Sowjetrusslands eine autonome Armenische Sowjetrepublik.

Julius Brutzkus (Quelle: Encyclopaedia Judaica, Berlin 1929)

Anmerkungen:

J. Brutzkus gebraucht für „vor Christi Geburt“ das lateinische Wort „ante“, das er mit „a.“ abkürzt; Seleuziden=Seleukiden.

 

Isaak Dow Ber Markon, der Autor des Armenieneintrags im Jüdischen Lexikon, wurde am 27.1.1875 in Rybinsk 1) an der Wolga geboren. Der russisch-jüdische Großkaufmannssohn studierte Rechtswissenschaften und Orientalistik in St. Petersburg und in Berlin. Außerdem war er am Hildesheimer Rabbinerseminar immatrikuliert.

Als eine seiner ersten Anstellungen trat Markon 1901 die als Bibliothekar an der kaiserlichen öffentlichen Bibliothek zu St. Petersburg an (bis 1917). Ab 1908 lehrte er zusätzlich an der St. Petersburger Universität als Dozent Orientalistik und dann, von 1917 bis 1920, Judaistik. Von 1922 bis 1924 bekleidete er an der Belorussischen Universität Minsk eine ähnliche Stelle und übte zeitweilig eine Beraterfunktion am kaiserlichen Erziehungsministerium aus. Insgesamt vier Jahre arbeitete Markon an der Herausgabe eines der bedeutendsten jüdischen Nachschlagewerke in russischer Sprache mit, an der „Jewrejskaja Entsiklopedija“. Ferner gilt er als einer der Mitbegründer und -herausgeber des vierteljährlichen Periodikums „Ha-kedem“, das 1907 bis 1909 in hebräischer und deutscher Sprache erschien.

Markon verließ Russland 1926 und siedelte sich in Berlin an. Hier wurde er bald Mitarbeiter der Encyclopaedia Judaica bzw. der Eschkol Enziklopaedijah Jisre’elit und zwar in der Funktion eines Spezialisten für das Karäertum 2) und für Bibliographien generell. Zeitweise unterrichtete er daneben am Rabbinerseminar. Im Jahre 1928 ernannte ihn die Deutsch-Israelitische Gemeinde von Hamburg zum Leiter ihrer Jüdischen Bibliothek und Lesehalle – eine Stelle, bei der sich Markon hohes Ansehen erwarb 3).

Als Jude und noch dazu als „Ostjude“, mit sowjetischer Staatsangehörigkeit, hatte der Gelehrte ab 1938 keine Chance länger legal in Deutschland bleiben zu können, man wies ihn aus. Seine nächsten Stationen waren zunächst Amsterdam, dann ab 1940 Großbritannien, wo er beim Montefiore College in Ramsgate Aufnahme fand.

Nach dem Kriege verfasste Markon Verzeichnisse jener jüdischer Kulturgüter, die dem barbarischen Vernichtungswahn deutscher Judenhasser an Hamburger Bibliotheken zum Opfer gefallen waren. Der Gelehrte verstarb am 28.3.1949 in London.

Zu Markons herausragenden Leistungen zählen u.a. sein Vergleich zwischen christlich-kirchlichen und talmudischen bzw. karäischen Ehegesetzen (1901), ferner eine Arbeit zu einem verwandten Thema „Mekorot le-Korot Dinei Nashim“ (1908), außerdem verschiedene Herausgaben karäischer Schriften. Nennenswert sind zudem seine Studie zu slavischen Glossen im Text „Or Zaru’a“ bei Isaac ben Moses aus Wien (1906) und seine Herausgabe (gemeinsam mit D. Guenzburg) einer Festschrift für A. Harkavy. 4)

 

Julius Davidowitsch Brutzkus (Judah Loeb Brutzkus, Yehuda Loeb ben David Brutzkus) kam 1870 im kurländischen Palanga zur Welt. 5) Er war der Bruder des angesehenen Wirtschaftswissenschaftlers Boris (sprich: Ba-ris) Brutzkus (1874-1938). Nach Besuch eines Moskauer Gymnasiums studierte Julius Brutzkus an der medizinischen Fakultät der Moskauer Universität. Jedoch zwangen ihn die Judenvertreibungen in der russischen Metropole der Jahre 1891-92, von denen auch seine Familie unmittelbar betroffen war, zu Unterbrechungen seines Studiums. 1894, als er sein Examen ablegte, war er längst durch die miterlebte Intoleranz und die Verfolgungen von Juden politisiert und hatte er sich der zionistischen Bewegung in Russland angeschlossen; er wurde Mitglied u.a. bei „Hibbat Zion“. Möglicherweise weil das Klima für Minderheiten und gleichermaßen die politischen Anschauungen dort meist liberaler als im konservativen Moskau waren, wandte sich Brutzkus nach dem, durch seinen Seeverkehr bzw. den damit verbundenen, häufigen Austausch mit anderen Völkern, aufgeschlosseneren St. Petersburg und trat auch hier zionistischen Verbänden und Organisationen wie OPE 6) oder ICA 7) bei, bei denen er aktiv tätig wurde. Gleichzeitig schrieb er Beiträge für die Zeitschrift „Woschod“ (sprich: Was – chod), die ihn schließlich, entweder 1898 oder 1899, in ihre Redaktion berief. Brutzkus gab allerdings diese Tätigkeit wieder auf, als sich die Herausgeber des Periodikums eine der jüdischen Nationalbewegung immer feindlicher gegenüberstehende Haltung zueigen machten. Belegt ist seine hierzu parallele und höchst produktive Tätigkeit an den russischsprachigen zionistischen Blättern „Jewrejskaja Zhizn“ 8) und „Rassvjet“. Als Bibliograph machte sich Brutzkus, der doch eigentlich Mediziner war, ebenfalls einen Namen: er gilt gemeinsam mit Leon Bramson als  der Verfasser eines „Systematischen Verzeichnisses der Literatur über Juden“ (1892); ab den 1890er Jahren erschienen von Brutzkus zahlreiche weitere Werke und Beiträge, keineswegs nur in russischer Sprache, sondern auch auf Litauisch, Polnisch, Englisch, Deutsch, Jiddisch, Hebräisch und Französisch, vor allem über russisch-jüdische Geschichte, wobei zu seinen Spezialgebieten die Chasaren 9) sowie die Kaghanate 10) der frühen Rus zählten. Aber auch der wirtschaftlichen und politisch-historischen Entwicklung Osteuropas sowie der Kulturgeschichte des Mizrahi-Judentums 11) widmete er seine wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Dass Brutzkus über all diesen Aktivitäten seinen eigentlichen Beruf als Arzt nicht aufgegeben hatte, zeigten seine Aktivitäten für die OSE 12) sowie die Tatsache, dass er nach Verfolgung durch die zaristischen Behörden zur Flucht nach Turkistan gezwungen, sich dort um die Bekämpfung einer Choleraepidemie verdient machte und dass er während des ganzen Ersten Weltkrieges als Frontarzt Verwundete behandelte. Solange er in Russland lebte, galt er als einer der anerkannten Führer des russischen Zionismus. Während der ersten russischen Revolution von 1905 hatte Brutzkus, der dem Sozialismus keine besonderen Sympathien entgegenbrachte, sich aktiv in einem „Komitee zum Schutz der Gleichberechtigung der russischen Juden“ engagiert. Als er 1920 als Vorsitzender des Zentralkomitees des russischen Zionistenverbandes an einer illegalen Zionistenkonferenz in Moskau teilnahm, verhafteten ihn die Sowjetbehörden und verurteilten ihn zu 5 Jahren Haft. Jedoch gelang ihm bereits im Jahr darauf die Flucht und er wendete sich in das damals noch nicht dem sowjetischen Machtbereich angehörende Litauen. Dort schaffte er sogar der Einzug in die Politik, er wurde 1921 litauischer Minister für Jüdische Angelegenheiten und 1922 litauischer Parlamentarier. Jedoch sollte sich auch hier der unheilvolle allgemeine Antisemitismus durchsetzen – die Litauer beschlossen eine allmähliche Beschränkung der jüdischen Autonomie in ihrem Land. Erneut packte Brutzkus die Koffer und ging nach Berlin, wo er bei mehreren jüdischen Organisationen[01] unterkam und eine Zionistische Revisionistische Partei begründete. In diese Berliner Jahre fallen auch seine Mitarbeit an der „Encyclopaedia Judaica“, für die er eine Reihe von Beiträgen verfasste sowie zahlreiche weitere unabhängige Publikationen zur jüdischen Geschichte.

Als in Deutschland die Nationalsozialisten  an die Macht kamen, wich Brutzkus nach Frankreich aus, wo er einige Jahre verbrachte. Nach dem deutschen Sieg über dieses Land, 1940, und nach Etablierung des Vichy-Regimes wurden Juden verhaftet, darunter auch Brutzkus. Auf Intervention von Freunden und Kollegen hin wieder freigelassen, konnte er in die Vereinigten Staaten ausreisen. Jedoch war damit der Schlusspunkt seiner Odyssee noch nicht erreicht. Seine letzten Jahre beabsichtigte er im Judenstaat, für den er sein Laben lang gekämpft hatte, zu verbringen. Dort ist er am 27.1.1951 in Tel Aviv verstorben.

Seinen schriftlichen Nachlass verwahrt das Goldstein-Goren Diaspora Research Center an der Tel Aviver Universität.

 

Obwohl beide Wissenschaftler, Markon wie Brutzkus, längere Zeit in Deutschland forschend und publizierend tätig waren und mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit das geistige Leben in Deutschland nicht unwesentlich bereichert haben, wird keiner von beiden vom virtuellen Lexikon de.wikipedia eines eigenen Eintrags für würdig befunden (Mai 2012). Ein Grund mehr hier, auf haGalil, an sie beide in Dankbarkeit und Ehrerbietung zu erinnern.

Isaac Markon und Julius Brutzkus gehörten in Deutschland, dem Land, das die allgemeine Kategorisierung von Menschen, wenn nicht erfunden, so doch perfektioniert hat, der Sparte der sog. „Ostjuden“ an. Ostjuden wurden so genannt, weil sie (zumeist) aus polnisch-, russisch- oder ukrainischsprachigen Gebieten stammten 15), weil sie aus Assimilationsschwierigkeiten heraus in der Regel unter sich blieben und die deutsche Sprache nur schlecht oder gar nicht beherrschten, weil sie aufgrund der ihnen eigentümlichen Bekleidung, Sitten, Gebräuche und auch Sprache als ‚fremd‘ empfunden wurden. Selbst wenn ihr Anteil in Deutschland stets sehr gering blieb, selbst in Berlin, an dem Ort, wo sich die meisten von ihnen aufhielten, fielen sie in einer Gesellschaft, in der Homogenität und Konformität gleichsam zu Idealen erhoben worden waren, auf. Sie fielen nicht nur auf, sondern sie wurden angefeindet, weil sie sich nicht sofort und nicht perfekt assimilieren konnten oder wollten und weil sie möglicherweise durch ihr Anderssein deutsche Menschen verunsicherten. Die deutsche Gesellschaft benötigt nämlich um reibungslos und maximal produktiv zu funktionieren, vor allem Tugenden wie Berechenbarkeit, Zuverlässigkeit, Gleichklang in Anschauungen und Dafürhalten, Pünktlichkeit, Ordentlichkeit, Sauberkeit, Gründlichkeit, Fleiß (=sklavischen Arbeitseifer). Sie, die deutsche Gesellschaft, gerät in Unordnung bei Überschreitung eines gewissen, rasch erreichten, Maßes an Individualismus durch einige wenige ihrer Mitglieder, oder dann, wenn größere Gruppen ihrer Mitglieder zu tief oder zu lang über sich selbst nachdenken, weil sie etwa Vergleiche mit anderen ebenfalls gangbaren Lebensweisen anstellen 16).

Nirgends im Deutschland von Weimar wurden Juden aus Osteuropa so intolerant behandelt, nirgends derart von breiten Teilen der Bevölkerung, von Intellektuellen 17) und sogar von Dynasten 18) mit Inbrunst gehasst, nirgends in größeren Gruppen zwangsweise ausgewiesen – wie in Bayern.

Geradezu erfreulich offen berichtet heute das virtuelle „Historische Lexikon Bayerns“ über den Umgang mit den Ostjuden 19). Ehrliche, aufrichtige, schonungslose Sätze wie die folgenden hatte man noch bis vor Kurzem in der geschichtswissenschaftlichen Literatur des Freistaates vergeblich gesucht:

„…bei welchem Bayern reichsweit eine negative Vorreiterrolle spielte.“, „Bereits 1913 waren für die Universitäten München, Erlangen und Würzburg die Studienbeschränkungen für die Ausländer und insbesondere für Russen derart verschärft worden, dass die ‚Jüdische Rundschau‘ einen praktisch völligen Ausschluss russischer jüdischer Studenten konstatierte.“, „Obwohl die Ostjuden bei einer Münchener Gesamteinwohnerschaft von etwa 650 000 (um 1919) anteilsmäßig kaum ins Gewicht fielen, fokussierte sich die antisemitische Agitation schon ab Ende 1919 und (…) während der gesamten Weimarer Republik auf diese Gruppe.“, „…kam es zu Schikanen von Seiten der Behörden.“

Es folgt daraus – Bayern hatte bereits lange vor Hitler und, vor allem, ohne Hitler, einen verhängnisvollen Weg eingeschlagen, einen Weg wie kein anderer Teil Deutschlands zu jener Zeit. Das Dritte Reich, die Barbarei des Nationalsozialismus, sie konnten gar nicht irgendwo anders in Deutschland oder Europa entstehen als eben in Bayern.

Sogar bei der Einrichtung von Abschiebelagern 20) für Ostjuden, in Bayern verharmlosend „Internierungslager“ genannt, spielte Bayern eine führende Rolle: „Das 1920 bis 1923 durchschnittlich mit 100 Personen belegte Lager, das erste seiner Art in Deutschland überhaupt, stand … fortwährend in der Kritik auch der ausländischen Presse.“ (Historisches Lexikon Bayerns: „Ostjuden“).

Bayern, unser Bayern, die legitime Mutter des NS.

 

Fussnoten:

1)      Damals Kreisstadt im russ. Gouvernement Jaroslaw, an einem Knotenpunkt des Schienen- und des Wasserverkehrs (Kanäle und Flüsse) gelegen mit, im Jahre 1897, ca. 25 000 Einwohnern. Um die Zeit der Geburt Markons war Rybinsk ein bedeutender Umschlagplatz für Getreide-, Lein- und Hanfsaaten.

2)      Kara’im, Benei Mikra, Ba’alei ha-Mikra (Volk der Heiligen Schrift/der Bibel); anfangs „Ananiten“, nach ihrem Begründer Anan Ben David benannte, jüdische Sekte. Bis heute wird dieser relativ kleinen Gruppe relativ hohe Aufmerksamkeit zuteil, sowohl in jüdischen Nachschlagewerken als auch in der religiösen Sekundärliteratur; hochrangige Wissenschaftler haben sich in der Vergangenheit mit den Karäern (engl.: „karaites“) beschäftigt und ihre Nachfolger tun dies bis in die Gegenwart. Höchst anschaulich berichtet etwa Heinrich Graetz wie gegen Ende des Ersten Kreuzzuges (1099) die christlichen Invasoren unter (dem von nichtjüdischen Historikern lange Zeit idealisierten) Gottfried von Bouillon Jerusalem einnahmen, die Karäer gemeinsam mit anderen Juden in die Synagoge trieben und diese dann in Brand setzten. Nicht minder von Interesse, zugleich nicht weniger schmerzlich, ist die Geschichte der Karäer im Zweiten Weltkrieg. Bereits im Januar 1939 verfügte das deutsche Reichsinnenministerium, dass die Angehörigen dieser Gruppe wegen deren „rassischer Psychologie“ nicht als Teil der jüdischen Religionsgemeinschaft, sondern als nicht-jüdisch anzusehen seien. Als wenig später deutsche Truppen Frankreich besetzten und mit der Jagd auf Juden begonnen wurde, verhielten sich die zuständigen NS-Stellen tatsächlich gemäß diesem Befehl und belästigten die wenigen dortigen Karäer nicht. Desgleichen nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion: die Einsatzgruppen kümmerten sich nicht um die Karäer. Mancher Karäer erfuhr in der Folge zuvorkommende Behandlung durch deutsche Soldaten und Behörden, einigen wenigen trugen die Besatzer sogar Vertrauensstellungen an. Als im Herbst 1942 die Hauptwohngebiete der Minderheit, die Krim und Südrußland, unter deutsche Oberhoheit gerieten, stellte sich die Karäerfrage allerdings erneut und die NS-Behörden wandten sich mit der Frage nach der Herkunft der Karäer an nicht-karäische jüdische Gelehrte. Diese bestätigten einstimmig, um diesen ein Überleben zu ermöglichen, dass es sich bei den Angehörigen der Sekte nicht um Juden handele. Danach haben, gemäß der Encyclopaedia Judaica (Jerusalem 1971), einige Karäer tatsächlich mit den Deutschen kollaboriert, andere sich dem Schicksal der übrigen Juden gegenüber gleichgültig verhalten. Als gegen Ende der 1940er Jahre der Judenstaat vor seiner Gründung stand und in arabischen Ländern Juden wie Karäer unter den Verfolgungen durch die muslimische Mehrheit (etwa in Ägypten, Irak etc.) litten, wurde auch für die Karäer Erez Israel zum Zielpunkt ihrer Flucht. Dort ebenso wie alle anderen Juden willkommen geheißen, durften sie sich sogar in geschlossenen Gruppen ansiedeln, konnten sie, wie alle anderen Juden, ein Teil der Gesellschaft des neuen Staates Israel werden. Ihre religiösen Angelegenheiten werden von neun Hazzanim geregelt; sie unterhalten eigene Schächter und befolgen zahlreiche, für sie charakteristische, Traditionen und Rituale. Sowohl die Halacha als auch die religiösen Gesetze der Karäer schließen eheliche Verbindungen zwischen Juden und Karäern aus. Ein Vierteljahrhundert nach Gründung des Judenstaates lebten die meisten der damals etwa 7000 Angehörigen der Sekte im Gebiet Ramleh und in Ashdod. Zu den Karäern siehe auch diverse Links, unten.

Das Thema Karäer im Zweiten Weltkrieg ist wesentlich vielschichtiger als obige Informationen möglicherweise nahelegen. Die einschlägige Fachliteratur belegt, dass es nahezu sämtlich mögliche Varianten von Schicksalen bei den Angehörigen dieser Sekte gab. So wurden mehr als 200 Karäer allein in Kiew, weitere an anderen Orten, von deutschen Einsatzgruppen aufgegriffen und entweder sofort oder an speziellen Hinrichtungsstätten ermordet.

Die Frage, ob die Karäer nun als jüdisch oder nicht einzustufen seien, zieht sich wie ein roter Faden über Jahre durch die zuständigen Reichsstellen (SS u.a.). Immer wieder wurden Zweifel laut und Gutachten eingeholt, oder es wurden außenpolitische Aspekte ins Kalkül um die Zuordnung mit einbezogen. Wenn die Karäer keine Juden waren, so die reichsdeutsche Auffassung, dann gehörten sie der großen türkisch-tatarisch-mongolischen Völkerfamilie an – also würde eine gute Behandlung der Gruppe bei Türken und Tataren auf Wohlwollen und Sympathie stoßen.

500 bis 600 Karäer haben bei der Waffen-SS gedient, andere in Wehrmachtsabteilungen des Heeres, manche bis zur Kapitulation im Mai 1945. Es gab Karäer, die Juden retteten, indem sie ihnen falsche Bescheinigungen ausstellten, die sie ebenfalls als Karäer auswiesen. Andere Angehörige der Sekte  gehörten zu den Tätern. – Die größte Karäer-Gemeinde heute, jene in Israel, setzt sich in erster Linie aus ursprünglich aus Ägypten stammenden Karäern zusammen.

Weiterführende Literatur:

Ph. Friedmann, The Karaites under Nazi Rule, in: M. Beloff (Hg.), On the Track of Tyranny, London 1960, S. 97-123.

W.P. Green, The Nazi Racial Policy towards the Karaites, in: Soviet Jewish Affairs 8/2 (1978), S.36-44.

3)      Siehe hierzu besonders der Beitrag „Markon, Isaak Dow Ber“ von Alice Jankowski auf der Webseite „Das Jüdische Hamburg“: http://www.dasjuedischehamburg.de/inhalt/markon-isaak-dow-ber

4)      Siehe: http://www.google.de/search?hl=de&tbo=p&tbm=bks&q=inauthor:%22Isaak+Markon%22#q=inauthor:%22Isaak+Markon%22&hl=de&tbm=bks&psj=1&ei=P-q9T5aCDqSD4gSw-7mbAw&start=0&sa=N&bav=on.2,or.r_gc.r_pw.r_qf.,cf.osb&fp=28876dd3875a5fb6&biw=1272&bih=853

5)      Palanga, deutsch Polangen, war damals ein beschaulicher Ort von etwa 1000 Einwohnern, im russischen Gouvernement Kurland, Kreis Grobien, an der Ostsee gelegen mit Bernsteinindustrie und eigenem Hafen. Inzwischen ist Palanga zum größten litauischen Kur- und Badeort mit knapp 20 000 Einwohnern aufgestiegen.

6)      OPE – eine Organisation, die sich der kulturellen Unterweisung russischer Juden annahm.

7)      ICA – eine Vereinigung für jüdische Ansiedlung in Palästina.

8)      „Zh“ – sprich wie J in Journal; „z“ – sprich wie s in „Rosen“ (stimmhaftes s).

9)      Siehe die angegebenen Links.

10)   Siehe die angegebenen Links.

11)   Siehe die angegebenen Links.

12)   OSE = World Jewish Health Society

13)   YIVO: http://www.yivoinstitute.org/

14)   Emigdirekt: http://www.google.de/search?hl=de&tbo=p&tbm=bks&q=inauthor:%22Isaak+Markon%22#hl=de&tbm=bks&sclient=psy-ab&q=Emigdirekt&oq=Emigdirekt&aq=f&aqi=&aql=&gs_l=serp.3…3485.3485.4.3723.1.1.0.0.0.0.173.173.0j1.1.0…0.0.Kv9WUduzjaE&psj=1&bav=on.2,or.r_gc.r_pw.r_qf.,cf.osb&fp=28876dd3875a5fb6&biw=1272&bih=853

15)   Sie waren in verhältnismäßig größeren Gruppen erst ab etwa 1880, also ab den Jahren der schlimmen Judenpogrome im Osten nach Deutschland gekommen.

16)   So geschehen zum Beispiel immer wieder in der inzwischen sechshundertjährigen deutschen Sintigeschichte: Der gemeine Sinto lebte ein Leben vor, das den deutschen Idealen zu einhundert Prozent entgegengesetzt war und dennoch, er bewies durch seine schiere Existenz, dass dies möglich war. Die Herrschenden in Deutschland, egal ob weltlich oder klerikal, haben daher selten gezögert, „Zigeuner“ zu verfolgen, sie jagen, berauben, quälen, töten zu lassen und nachher eine allgemeine Amnestie zu verkünden. Die Gesellschaft sollte also selbst das scheinbare Fehlverhalten einzelner sanktionieren. Deutsche Menschen mussten, im Verlaufe der Jahrhunderte auf diese Weise ‚erzogen‘, erkennen, dass es nur den Weg des Konform-Gehens und den der maximalen Anpassung, bzw. der Unterordnung unter das ‚System‘ für sie gab. Bürgersprüche wie „Da kann ja unsereins, als kleines Rädchen im Getriebe, als Mensch von ganz unten, nichts daran ändern. Das ist eben so:“ zeugen von der Einsicht der absoluten Hilflosigkeit des Einzelnen gegenüber dem ‚System‘. Umso schwieriger wird es sein und wohl noch sehr lange dauern, bis Deutsche einsehen, dass sie sehr wohl Änderungen herbeiführen können, wenn sie nur ausdauernd genug wollen.

17)   Das traurigste Beispiel hierfür lieferte der bayerische Vorzeigeschriftsteller und bis heute hochangesehene, stets wieder neuaufgelegte, auch auf Theaterbühnen als unverzichtbar geltende und immer noch vielfach zitierte, Ludwig Thoma. In seinen letzten Jahren, 1920 und 1921, schrieb dieses klassische Idol der Bayern vieler Generationen anonym Dutzende Artikel für den nationalistischen und rassistischen, oberbayerischen „Miesbacher Anzeiger“. Zahlreiche davon wendeten sich voller Hass gegen die im fernen Berlin lebenden „Ostjuden“. Der von mir an anderer Stelle heftig gescholtene, weil in seiner „Geschichte Bayerns“ (München 2001) die Minderheitengeschichte ebenso wie die unpopulären Seiten der Historie unseres Freistaates unterdrückende Historiker, Wilhelm Volkert, hat sich in dankenswerter Weise der antisemitischen Ergüsse Ludwig Thomas angenommen, diese versammelt, ausgewertet und neu herausgegeben. Als ein Beleg für den Stil und die literarische ‚Qualität‘ der Beiträge Thomas sei einer, derjenige vom 7. April 1921, „Berlin Weh“, hier wiedergegeben:

„Wie damals unsere braven Soldaten durch Polen und Galizien marschierten, sahen sie zum ersten Male die furchtbarsten Zustände eines unter jüdischer Herrschaft stehenden Landes und Volkes. Kein Obstbaum blühte in Tälern, die Paradiese hätten sein können; sah man von Weitem ein Dorf und dachte schon an eine gewisse Wohnlichkeit, so war man entsetzt, sobald man diese Brutstätten der Pest und der Cholera betrat. Haus für Haus bewohnt von grätzigen Juden; stand eine Türe offen, dann strömte ein Verwesungsgeruch heraus, der alles Lebende ansteckte.

Dicke, faule Jüdinnen, die ihren Hintern zu Fettpolstern züchten, krochen aus den Türen; der Mann stand im Talar, den er bekanntlich auch nachts nicht auszieht, auf der Straße. In dieser Hölle gibt es kein Wasser, keine Seife.

Jeder Gestank wird konserviert, der entsetzlichste Schmutz ist religiöse Einrichtung: Wanzen, Läuse, Flöhe kriechen und hüpfen um diese Menschen; in ganz Deutschland gab es keinen räudigen Hund, der so voll Ungeziefer war, wie hier der reichste Jude oder der Rabbiner.

Die deutsche Mannschaft schaute entsetzt in diese Hölle. Manchmal drängte sich einer von diesen Galiziern heran und erzählte in singendem Tone, wie die Russen sie gemißhandelt und gehauen hätten. Man hat es ja auch gelesen und Mitleid gehabt. Hier verschwand es.

Der letzte Mann der Kompanie verstand, daß die Russen die einzigen waren, die es verstanden, mit diesem Gesindel umzugehen. Hier hilft kein Zureden, hier hilft bloß die Knute.

Warum führt man Krieg mit den gutmütigen, anständigen Russen, statt mit ihnen diese Pest auszurotten? Mancher dankte seinem Herrgott, daß sie bloß vor den Toren Deutschlands stand und nicht eindringen durfte.

So dachte der arme, gute Kerl, der eben aus einem blühenden, reinlichen Deutschland kam und der Meinung war, daß zwischen seinem Vaterlande und dieser Kloake ein Abgrund sei.

Er wußte nicht, daß schmutzige Kröten längst den Weg gefunden hatten. In Berlin hockten sie seit Jahrzehnten, als sie die Entwicklung Preußens angelockt hatte und ihnen mühelosen Erwerb in Aussicht stellte.

Die Söhne und Enkel dieser Aussätzigen – das ist Berlin W.

Sie schloffen durch die Kloakenröhren in die Stadt, nisteten sich ein; heute gehört ihnen das Häusermeer hinter dem Tiergarten, heute gehört ihnen die Presse, das Theater, der Handel, die Kunst, das Gewerbe – und seit 1918 das Regiment.

Von hier aus wollen sie Deutschland knechten und der von der fressenden Fäulnis angesteckte Proletarier macht ihnen den Schergen.

Versteht man jetzt in Bayern, daß heute der Mainstrom ein tieferer Grenzgraben sein muß, als jemals vorher? Nicht gegen die preußischen Brüder, denen wir bei der Abrechnung einmal gerne helfen wollen – sondern gegen die galizische Pest.“

Zitiert nach: Ludwig Thoma. Sämtliche Beiträge aus dem „Miesbacher Anzeiger“ 1920/21.(Hg.) Wilhelm Volkert, München und Zürich 1989/90. S. 216 ff.

18)   Der bayerische Kronprinz Rupprecht, Sohn des letzten Bayernkönigs Ludwig III., war direkt involviert in die Ausweisung von mehreren Hundert Familien von Ostjuden aus Bayern. Ganz offensichtlich hat der bayerische Generalstaatskommissar von Kahr die Ausweisung der Juden erst nach Rücksprache mit dem Wittelsbacher Prinzen vorgenommen (bezüglich Rupprechts Haltung gegenüber Juden: Bayer. Hauptstaatsarchiv München, Geheimes Hausarchiv, Nachlass Kronprinz Rupprecht Nr. 774 – Denkschrift zur „Betrachtung der politischen Lage“; siehe auch: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-084).

19)   http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44560

20)   Ab 1933 war das oberbayerische KZ Dachau zwar nicht das erste KZ des Dritten Reiches, jedoch dasjenige, das am längsten (bis Ende April 1945) in Betrieb sein und das als das Musterlager für Auschwitz sowie 2000 weitere Lager im besetzten Europa dienen sollte. Als Initiator des KZ Dachau steht der katholisch getaufte, gebürtige Münchner Heinrich Himmler fest. Auch wenn immer wieder darauf hingewiesen wird, dass zwischen Konzentrationslager und bayerischem Internierungslager für Ostjuden ein Unterschied besteht, so bleiben doch nichtwegzudiskutierende Gemeinsamkeiten.

 

Anhang:

Amalekiter:

http://de.wikipedia.org/wiki/Amalekiter

http://en.wikipedia.org/wiki/Amalek

http://www.chabad.org/parshah/article_cdo/aid/2283/jewish/Amalek.htm

http://www.jewishencyclopedia.com/articles/1351-amalek-amalekites

http://www.chabad.org/library/article_cdo/aid/267677/jewish/Wipe-Out-Amalek-Today.htm

http://torahmusings.com/2012/02/contemporary-amalek/

 

Amatuni:

http://en.wikipedia.org/wiki/Amatuni

 

Amoräer:

http://de.wikipedia.org/wiki/Amora_%28Judentum%29

 

Armenier, Juden, Israel:

http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/judaica/ejud_0002_0002_0_01325.html

http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/vjw/armenia.html

http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/Society_&_Culture/geo/armenianq.html

http://en.wikipedia.org/wiki/History_of_the_Jews_in_Armenia

http://www.khazaria.com/armenia/armenian-jews.html

http://www.haruth.com/jw/JewsArmenia.html

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/9622

http://www.ncsj.org/AuxPages/090806JTA_Armenia.shtml

http://www.friends-of-armenia.org/institutional/history-of-armenian-jews/44-jewish-community-of-armenia

http://www.turquie-news.com/spip.php?article1479

http://www.myjewishlearning.com/israel/Contemporary_Life/Society_and_Religious_Issues/christians.shtml

http://en.wikipedia.org/wiki/Armenians_in_Israel

http://www.armeniapedia.org/index.php?title=Israel

http://micro5.mscc.huji.ac.il/~armenia/history.html

http://www.holyland.org/

http://www.armeniapedia.org/wiki/Armenian_Churches_in_Asia#Israel_.26_Palestine

http://www.armenian-patriarchate.org/

http://en.wikipedia.org/wiki/Armenian_Quarter

http://www.armenian-genocide.org/sarid.htm

http://forward.com/articles/11509/armenian-genocide-crisis-tests-tight-ties-between-/

http://www.armeniadiaspora.com/population.html

http://en.wikipedia.org/wiki/Armenia%E2%80%93Israel_relations

http://en.wikipedia.org/wiki/International_recognition_of_Israel

http://en.wikipedia.org/wiki/Armenia

http://de.wikipedia.org/wiki/Armenien

 

Bagratiden:

http://de.wikipedia.org/wiki/Armenische_Bagratiden

http://en.wikipedia.org/wiki/Bagratuni_Dynasty

 

Goldstein Goren Diaspora Research Center:

http://www1.tau.ac.il/humanities/ggcenter/index.php?lang=english

 

Julius Brutzkus:

http://archive.jta.org/article/1951/01/29/3026940/dr-julius-brutzkus-leader-of-world-ose-union-dies-in-tel-aviv-was-81-years-old

http://archive.jta.org/article/1941/04/27/2853983/dr-brutzkus-ose-head-arrives-here

http://archive.jta.org/article/1935/05/29/2829881/revisionists-expel-brutzkus-from-party

http://archive.jta.org/article/1931/01/10/2789430/dr-julius-brutzkus-60

http://en.wikipedia.org/wiki/Julius_Brutzkus

http://www.yivoencyclopedia.org/article.aspx/Brutskus_Iulii

http://books.google.de/books/about/Der_Handel_der_westeurop%C3%A4ischen_Juden_m.html?id=goiZtgAACAAJ&redir_esc=y

Brutzkus,J. In: Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971

 

Chasaren:

http://en.wikipedia.org/wiki/Khazars

http://www.jewishencyclopedia.com/articles/4279-chazars

http://www.khazaria.com/

http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/judaica/ejud_0002_0012_0_11089.html

http://www.britannica.com/EBchecked/topic/316553/Khazar

http://www.hagalil.com/galluth/russland/russia2.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Chasaren

http://de.wikipedia.org/wiki/T%C3%BCrkische_Juden

http://www.geschichtsforum.de/f41/chasaren-die-juden-des-nordens-3871/

 

Karäer:

http://en.wikipedia.org/wiki/Karaite_Judaism

http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Karaite_Jews

http://en.wikipedia.org/wiki/Karaite_Jewish_University

http://en.wikipedia.org/wiki/Karaim_language

http://www.karaite.org.il/

http://sites.google.com/site/worldallianceofqaraim/

http://karaiteinsights.com/

http://www.karaim.net/

http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/type=anfragen&id=33&re=39

http://de.wikipedia.org/wiki/Kar%C3%A4er

http://www.karaites.org/

http://www.kjuonline.com/home.htm

http://www.karaite-korner.org/

http://www.orahsaddiqim.org/

http://www.karaitelibrary.estranky.cz/

http://www.karaimskijkatichizis.estranky.cz/

 

Karkasani:

http://en.wikipedia.org/wiki/Jacob_Qirqisani

 

Khaghanat

http://de.wikipedia.org/wiki/Khanat

http://en.wikipedia.org/wiki/Kaganate

 

Isaak Markon:

http://books.google.de/books?id=txZ8m5ymMf0C&pg=PA134&lpg=PA134&dq=isaak+markon&source=bl&ots=x2XrrdU_ab&sig=_BAKYVSU9VtOudMjAbvATlQspog&hl=de&sa=X&ei=Ffi9T9XlHPDV4QSi8KQ0&ved=0CFQQ6AEwBzgK#v=onepage&q=isaak%20markon&f=false

http://books.google.de/books?id=YedYAAwCXT4C&pg=PA33&lpg=PA33&dq=isaak+markon&source=bl&ots=LAXN9dTQuh&sig=weQv2R9-PhL7GCRMd5-a-b2g_9w&hl=de&sa=X&ei=Ffi9T9XlHPDV4QSi8KQ0&ved=0CFcQ6AEwCDgK#v=onepage&q=isaak%20markon&f=false

http://books.google.de/books?id=dhyn8Ur8wCEC&pg=PA71&lpg=PA71&dq=isaak+markon&source=bl&ots=MlcfPWk0GH&sig=gpK3Ll0X8LqI4-YItB1tsRsu2LU&hl=de&sa=X&ei=Ffi9T9XlHPDV4QSi8KQ0&ved=0CFoQ6AEwCTgK#v=onepage&q=isaak%20markon&f=false

Markon, I. In: Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971

 

Mizrahi-Juden:

http://en.wikipedia.org/wiki/Mizrahi

http://de.wikipedia.org/wiki/Mizrachim

 

Moses von Chorene:

http://de.wikipedia.org/wiki/Moses_von_Chorene

 

Montefiore College Ramsgate

http://www.montefioreendowment.org.uk/

 

Moses Montefiore:

http://en.wikipedia.org/wiki/Moses_Montefiore

http://www.sirmoses.org.uk/

 

Tigran:

http://de.wikipedia.org/wiki/Tigran

http://en.wikipedia.org/wiki/Tigran

  1. YIVO 13), OSE, Emigdirekt 14 []

5 Kommentare zu “Julius Brutzkus und Isaak Markon

  1. Lieber A.mOr,

    erneut danke ich Dir für Deine Anmerkungen.
    Die beiden Texte, die ich oben zu den armenisch-jüdischen Berührungspunkten wiedergebe, sind historische Texte und sie widersprechen sich teilweise sogar. Sie stammen von zwei sehr unterschiedlichen ostjüdischen Autoren, die, jeder seinem eigenen Spezialgebiet folgend, ihre jeweiligen Erkenntnisse äußerten.
    Die Wissenschaft ist nicht stehen geblieben.
    Ich habe zum Vergleich eine Reihe von Links zu Webseiten moderner Autoren angegeben, anhand derer man sich zu neueren Forschungsergebnissen vortasten kann.

    ——————————

    „Der Punkt ist, daß Armenier häufig besser wegkommen im „historisch-geschönten“ Kontext, als sie offenbar „verdienen“, wenn es eben um Juden im armenischen Raum geht…“

    ——————————

    Hierauf u.a. wird mein kommender Beitrag eingehen. Es gibt sehr zahlreiche historische Berichte und Analysen deutscher Autoren, die ein höchst unterschiedliches Armenierbild zeichnen. Fast jeder dieser Autoren vergleicht die Armenier und ihr Schicksal in irgendeiner Weise mit Juden oder baut Juden in seine Argumentation mit ein. Insofern überraschend, als dass die Texte, auf die ich mich hier beziehe, um die hundert Jahre alt sind und somit lange vor der Shoa geschrieben wurden.

    Während einige dieser historischen Autoren zu Differenzierung durchaus in der Lage sind, so der, dessen Originaltext in Kürze zu lesen sein wird, beziehen andere klar Position pro oder kontra Armenier.

    Mancher klassische deutsche Armenierhasser äußerte sich zugleich durchaus überzeugend pro-jüdisch. Andere Publizisten lehnten Armenier ebenso ab wie Juden.
    Prominentestes Beispiel für letztere Haltung ist der Sohn des letzten bayerischen Königs Ludwig III., der Kronprinz Rupprecht, (siehe auch:
    http://test.hagalil.com/2012/02/29/saloniki-4/)
    der, nur beiläufig erwähnt, in seinen drei Bänden „Reiseerinnerungen“ nahezu alle Völker ’niedermacht‘ und nur den Japanern höhere menschliche und charakterliche Werte zugesteht.

    Einen entschlossenen und sehr engagierten Armenierverteidiger will ich auch nennen: http://de.wikipedia.org/wiki/Armin_T._Wegner
    Man beachte auch dessen Engagement für die Juden.

    Den weltweit wohl bekanntesten armenischen Schicksalsroman, „Die vierzig Tage des Musa Dagh“, verfasste bekanntlich ein Jude, der von mir so geschätzte Franz Werfel.

    Das Armenierthema ist somit in vielfacher Hinsicht auch ein jüdisches Thema.

    Wichtig für uns heute ist es zu vermeiden ‚die‘ Armenier zu sagen. Es gab auf Seiten der Armenier Täter im wahrsten Sinne des Wortes, ebenso wie es unschuldige armenische Opfer gab. Ich hoffe, anhand von sehr unterschiedlichen Texten deutscher Autoren, die verschiedenen Aspekte dessen, was uns als das Armenierschicksal bekannt geworden ist, zu verdeutlichen.

    Es geht eben nicht nur um Türken und Armenier und den klassischen Opfer-Täter-Gegensatz, sondern es spielen noch eine Menge weiterer innerer (z.B. die Kurden) und äußerer Elemente und Faktoren (die Interessen der damaligen Großmächte) eine bedeutende Rolle, die man heute rückblickend gerne außen vor lässt.

    Ich bemühe mich so neutral wie möglich zu berichten und so viel Hintergrundinformation wie nur möglich zu liefern. Entsprechend würde ich mich über ein konstruktives Echo unserer armenischen, kurdischen und türkischen Freunde sehr freuen. Vor allem zur Rolle der Kurden, die in historischen deutschen Texten und Nachschlagewerken am besten (verglichen mit Türken oder gar Armeniern) ‚wegkommen‘, erwarte ich mir neue und erhellende Aufschlüsse aus der geschätzten Leserschaft.

    Da, Du, A.mOr, die Musik ins Gespräch brachtest(sei bedankt für den sehens-und hörenswerten Link!), auch die kommt nicht zu kurz; ich stelle in meinem kommenden Beitrag Beispiele zur Vielfältigkeit armenischer Klangkunst vor.
    Alles Gute
    Robert

  2. Lieber Robert,
    meine Hochachtung und Respekt!

    Habe mit Genuß gelesen zu einem Thema, bei dem ich relativ wenig bewandert bin, umso schöner mit Dir hier auf Wanderung zu gehen! Und es ist weniger ein Artikel als ein Nachschlagewerk, habe noch viel nachzulesen! Vielleicht läßt sich der ein oder die andere davon so begeistern sich tiefer ins Thema zu lesen. Für mich ist es auf jeden Fall von großem Interesse, denn gerade von dem Judentum des Kaukasus, Iran usw weiß man hier doch sowenig.

    Kleine Kritik mit 😉 von einem guten Mann möchte ich mir erlauben Dir weiterzuleiten, ich zitiere:

    „26 jahrhunderte lebten juden neben armenien in georgien und staatlich hat sie nie einer verfolgt.
    das wurde, im ( 🙄 ) bericht von HA( 🙄 )GALIL, den armeniern zugerechnet, völlig zu unrecht.“

    Nu, mal sehen, aber wie ich Dich kenne, dürftest Du nun sehr neugierig sein von einem Mann tatsächlich aus der Gegend zu erfahren, was es auf sich hat mit der Kritik.
    Wir sehen weiter…

    Von meiner Seite nochmal einen tiefherzlichen Dank!
    זײַ געזונט A.mOr.

    • Lieber A.mOr,

      danke für Deine Worte und für die Kritik Deines Bekannten. Gerne würde ich mich mit ihm hierzu näher (am liebsten persönlich!) unterhalten.

      In Kürze folgt ein weiterer Armenien-Beitrag, der, wie ich hoffe, noch etwas mehr Licht auf das, uns als unentwirrbar erscheinende, so vielfältige und interessante Völkergemisch auf dem Kaukasus wirft, unterlegt mit statistischen Angaben sowie solchen zur Art des Zusammenlebens der einzelnen Ethnien (Armenier, Kurden, Türken, Maroniten, Drusen, Juden, Russen, Perser, Georgier, Griechen, Lasen etc.).

      Jüdisches kommt dabei keinesfalls zu kurz, es wird auch auf die Juden im Kaukasus immer wieder die Rede fallen.

      Dir nochmals Danke und alles Gute

      Robert

    • Lieber Robert schalom,
      rund um diese „Kritik“ würde ich auch gerne noch weiter erörtern, auch mit jenem guten Mann; jener ist jedoch gerade für ein paar Tage entflogen gen dem erez.
      Kommt Zeit kommt hoffentlich noch fruchtbarer Austausch! Des weiteren hätte ich noch einen „Experten“ (letztlich derer gleich mehrere) von „vorOrt“, eben Leute, die wirklich von dort sind (mit dem für uns Neugierigen günstigstem biographischen Hintergründen;), so daß man am Thema hoffentlich den sachlich richtigen Standpunkt erörtern kann. Das dürfte jedoch noch so einiges Organisieren erfordern. Kol efschari!

      Das kritische Zitat oben, wie schon „smiley’sch“ angezeichnet, war eben mit Augenzwinkern, der „Kritiker“ war offenbar positiv überrascht, hatte wohl „schlampigere“ Arbeit befürchtet 😉
      Der Punkt ist, daß Armenier häufig besser wegkommen im „historisch-geschönten“ Kontext, als sie offenbar „verdienen“, wenn es eben um Juden im armenischen Raum geht, aber das hattest Du auch herausgestellt, wenigstens deutlich angesprochen…
      Daß uns Armenier an sich und insgesamt eben als befreundete und gewissermaßen verbündete Leute erscheinen, ist trotzdem angemessen und gerechtfertigt, so geht’s mir immerhin.

      Zu Deiner Aufzählung der Ethnien, die in weiteren Beiträgen wohl noch Erwähnung finden sollen, schreibst Du „Juden“ als eigene Ethnie. Würde sagen, daß ist angemessen und doch nicht.
      Denke, wenn man sich den Kaukasus als „zerklüftetes Gebiet“ ansieht, dann wird schon klar, worauf ich hinauswill?
      Im Kaukasus leben sehr viele verschieden Völker nebeneinander und doch durch natürliche Grenzen „traditionell“ voneinander getrennt. So ist wohl ein stückweit auch das Judentum dort zu betrachten.
      Es mag gut sein, ist wohl am wahrscheinlichsten, daß grundsätzlich die Juden gerade dort vor allem Nachfahren des „Babylonischen Exils“ sind, die sich dann wiederum an verschiedenen Orten niederließen, was eben verschiedene „Weiterentwicklungen“ begünstigte.
      Aber eben auch bei Ein-/Ab- und wieder Zuwanderungen ist vieles denkbar und ein stückweit auch belegbar.

      Du sprichst im Artikel auch auf die Juden an, die durch die Assyrer zerstreut wurden. (Wie uns bekannt ist, war es gängige Praxis der Assyrer die Menschen der von ihnen eroberten Gebiete umzusiedeln, um eben ua Aufstände unwahrscheinlicher werden zu lassen).
      Da ist dann noch diese sehr interessante und unaufgeklärte Geschichte rund um die „zehn verlorenen Stämme Israel“, und zusätzlich immer interessante Überlegung, daß auch schon zu Zeiten von Davidmelech Juden sehr weit rumkamen in der Welt…
      (Spannend!!! 😀 )

      Bin sehr gespannt und neugierig auf Deine weiteren Beiträge rund um’s Thema.
      Bis hierhin nochmal meinen herzlichen Dank und Alles Gute!
      זײַ געזונט A.mOr.

      PS/
      Es ist mir eine Freude Dir noch einen kleinen musikalischen wie auch tänzelnden Gruß aus Georgien zukommen zu lassen:
      http://www.youtube.com/watch?v=SY3SJOqkWAg

  3. Ostjuden – man lese dazu unbedingt http://de.wikipedia.org/wiki/Ostjuden – waren, wie es sich mir in meiner Stadt am Südostrand des Ruhrgebietes, also in „Westfalen“, darstellt, hier ein unbeschriebenes Blatt, oder besser: sie waren total ausgegrenzt. 1938 aber wurden sie administrativ erfasst und in das Niemandsland zwischen Polen und Deutschland abtransportiert: weg waren sie.
    .
    Nur einer, Arno N., der im Alter von 9 Jahren diese Deportation erlebte, kam zurück nach der Befreiung. Er ist schweigsam…
    .
    Sie hatten eine eigene Synagoge – wo, ist nicht ganz genau bekannt, und was oder ob damit was um den 09.11.1938 herum geschah ist nicht überliefert -, sie hatten, wie mir von den wenigen überlebenden Nicht-Ostjuden berichtet wurde, kaum Kontakt zu ihnen, sie lehnten sie ab, wohl auch, weil die alteingesessene Gemeinde liberal war. Ihr Schicksal liegt im Dunkeln, ich kenne keine Schrift, die sich damit beschäftigt.

    Das heißt: nicht nur Bayern ist finster.

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