Sprecht mit Bnei Brak

Wir erleben gerade, wie der Aufruhr gegenüber den Leuten in Anzügen zu einem Aufruhr gegenüber jenen mit Haredi-Hüten und Schläfenlocken umgeschlagen ist. Die Hoffnung auf soziale Solidarität ist der traditionellen Steinigung der Strenggläubigen unter uns gewichen. Die Geschütztürme der Revolution wurden verlagert und feuern nun auf den ultra-orthodoxen Tel Aviver Vorort Bnei Brak…

Von Ari Shavit

In gewisser Weise ist der Angriff auf die Welt der Haredim gerechtfertigt. Es ist nicht akzeptabel, dass dieses Land 64 Jahre nach seiner Gründung, nur von einem Teil seiner jungen Männer verteidigt wird. Es ist nicht akzeptabel, dass die wachsende ultra-orthodoxe Minderheit, diese Last nicht mitträgt und kein Partner in der Entwicklung und Verteidigung des Landes ist. Sich zuliebe und ihren säkularen Mitbürgern zuliebe müssen die ultra-Orthodoxen allmählich ihr Ghetto verlassen und sich langsam in die Gesellschaft integrieren, in der sie leben.

Die Wahrheit ist allerdings, dass die Integration in den vergangenen Jahren bereits begonnen hat. Die Wahrheit ist, dass die Zahl der Haredim, die in der Armee dienen, eine Hochschule besuchen und sich in die Arbeitswelt einbringen, ansteigt. Eine stille und unausgerufene Revolution hat sich im letzten Jahrzehnt in der ultra-orthodoxen Gemeinschaft ausgebreitet. Es gibt daher keinen offensichtlichen Grund, warum man sie gerade jetzt wütend attackieren sollte. Alles, was getan werden muss, ist, sich intelligent zu verhalten, sie zu unterstützen und den Prozess ihrer Integration in die israelische Armee, israelische Wirtschaft und israelische Gesellschaft zu unterstützen.

Eine breite Koalition aus naiven Idealisten und gebildeten interessierten Gruppen haben die anti-kapitalistische Rebellion des Sommers 2011 in die anti-religiöse Schlacht des Sommers 2012 verwandelt. Reservisten, die unter der Last, die sie tragen, ächzen und Politiker, die diese Last nie tragen mussten, machen in diesem Jahr gemeinsame Sache und fordern den sofortigen Militärdienst für alle.

Aber diese verständliche Forderung ist ein zweischneidiges Schwert. Eile bringt nichts, und wer jetzt über das Ziel hinausschießt, wird am Ende mit nichts dastehen. Wenn auf die ultra-orthodoxe Gesellschaft zu plötzlich und ohne Feingefühl Druck ausgeübt wird, wird sich die Gemeinschaft nach innen zurückziehen. Wenn in Bnei Brak das Gefühl vorherrscht, sie wären unter Beschuss, werden sie zurückschlagen. So wie Prof. Yedida Stern in der Haaretz vom Donnertag warnt, könnte das Ergebnis eher einen Schritt zurück als vorwärts bedeuten. Wenn die Hoffnung auf gesellschaftliche Solidarität einem Bürgerkrieg weicht, wird das die israelische Gesellschaft in Stücke reißen. (…)

Haaretz, 12.07.12, Newsletter der Botschaft des Staates Israel

2 Kommentare zu “Sprecht mit Bnei Brak

  1. “ Wenn die Hoffnung auf gesellschaftliche Solidarität einem Bürgerkrieg weicht, wird das die israelische Gesellschaft in Stücke reißen. (…)“

    gähn!
    (bewußt habe ich dies erstmalig in Israel gelesen, als ich im Sinai rumlungerte ´82)

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