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Beiträge zum deutschen Armenierbild I. Franz Karl Endres

Der deutsche Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts kannte zahlreiche negativ konnotierte Vorstellungen von anderen Völkern und Gruppen. Zu den traditionellen, gleichsam in Fleisch und Blut übergegangenen, Hassprojektionen vom Juden und dem „Zigeuner“ sowie vom „Erbfeind“, dem Franzosen, kamen neue Feindbilder hinzu. Etwa das des Briten, als des ernst zu nehmenden wirtschaftlichen und militärischen Rivalen, oder das des Italieners, den man als Deutscher nie wirklich verstanden hat, dann das des Griechen, den, nur scheinbar oder tatsächlich, so viel von seinen klassischen Urvätern trennte, ferner jene des Slawen (Russen, Serben, Montenegriners, Tschechen, Polen etc.), des „Negers“, des „Orientalen“, des „Levantiners“, des Chinesen, und nicht zuletzt, das des Armeniers…

Von Robert Schlickewitz

Fragt man Deutsche von heute nach Armenien, müssen die weitaus meisten passen, kann die Mehrheit nicht einmal angeben, wo das Land überhaupt liegt, ob im Balkan, im Nahen Osten, oder sonst wo. Ebenso wenige unserer Landsleute sind in der Lage aus dem Stegreif einen prominenten Armenier oder Armenischstämmigen zu nennen. Besser hingegen sieht es beim Bekanntheitsgrad mancher Armenier (oder Armenischstämmiger) aus, die nicht als solche, sondern als Kulturschaffende, als Künstler, als Sportler, Techniker, Politiker, Journalisten, Finanziers, Ärzte etc. wahrgenommen werden:

Steve Jobs, Charles Aznavour, André Agassi, Hrant Dink, Anastas Mikoyan, Artem Mikoyan („MiG“), Garry Kasparov, Sergey Lavrov, Aram Khatchaturian, Ivan Ayvazovsky, Yevgeny Vakhtangov, Sylvie Vartan, Danyel Gérard, Éduard Balladur, Henri Troyat, Michel Legrand, Calouste Gulbenkian, William Saroyan, Akim Tamiroff, Kirk Kerkorian, Michael Arlen, David Ignatius, Jack Kervorkian, George Gurdjieff, Mike Connors, Gregory Peck, Cher. A)

Etwaige Abneigungen oder gar Aversionen gegenüber ‚den‘ Armeniern dürften im Deutschland von heute bei Deutschen jenseits jedweder Messbarkeit angesiedelt sein. Das war in Zeiten, als die Türkei neben Österreich-Ungarn der einzige ernst zu nehmende Bündnispartner Deutschlands war, vor und während des Ersten Weltkrieges, anders. Zahlreich sind die Belege in Presseartikeln, in der Literatur sowie in den Nachschlagewerken jener Jahre, die von einem, man muss es so nennen, belasteten, Verhältnis der Deutschen gegenüber den Armeniern Kunde ablegen.

Nachrichten von Morden an, und Unterdrückung von, Armeniern sind in unterschiedlicher Intensität bereits viele Jahre vor 1915 nach Deutschland durchgedrungen und wurden in Kreisen der politisch Interessierten bzw. der Intellektuellen privat wie öffentlich diskutiert. Wohl mancher Deutsche wird sich dabei vor die Gewissensfrage gestellt gesehen haben, wem er denn nun seine Sympathien schenken solle. Dem christlichen Vettervolk soundsovielten Grades, von ‚christlichem Brudervolk‘ zu sprechen, kam für viele brave deutsche Protestanten und Katholiken in Bezug auf die Armenier nicht in Frage – oder dem Osmanischen Reich, dem Wunschwirtschaftspartner und ‚natürlichen‘ Verbündeten, zugleich jedoch dem mit dem Makel der ‚anderen‘ Religion Behafteten. Am Ende obsiegten, wie wir heute wissen, die nationalen Befindlichkeiten über die religionsbezogene Solidarität. So manchen Publizisten des kaiserlichen Deutschen Reiches wird just dieser Umstand veranlasst haben sich plausible Beweggründe zurecht zu legen, um auch weiterhin glaubwürdig erscheinen zu können.

Einer von den Autoren, die sich dazu berufen fühlten über das Osmanische Reich und dessen Ethnizitäten zu berichten, war der königlich bayerische höhere Offizier Franz Carl Endres B).

Um es gleich vorweg zu nehmen – Endres verkörperte nicht den in seiner Weltsicht üblicherweise arg eingeschränkten, bayerischen Durchschnittsmilitär seiner Epoche, oder gar den christkatholisch geprägten, ebenso konform denkenden wie handelnden, jedwedem echten Individualismus abholden, Bayern ‚von der Stange‘. Vielmehr stand er besonders dem Christentum erfreulich kritisch gegenüber C), hegte er ein für seine Zeit überraschend vorurteilsfreies Judenbild und vertrat er bewusst eigene Ansichten. Natürlich galt es auch für ihn, gewisse Rücksichten zu nehmen auf die Befindlichkeiten seiner christlich konfessionell gebundenen Mehrheitsumgebung. Dennoch vermochte er sich in seiner Berichterstattung einen erfrischend wirkenden Freiraum zu bewahren, wie man ihn zu Beginn des 20. Jh., und noch dazu in Bayern, nicht allzu häufig antraf. Entsprechend dieser ihm zu eigenen Besonderheiten wurde Endres von einigen deutschen Nachschlagewerken berücksichtigt, von anderen hingegen, wohl ganz bewusst, schlicht übergangen D).

Gegenwärtig erlebt dieser, in seiner Generation also keinesfalls allgemein anerkannte, bayerische Denker und Schriftsteller eine Art Wiederentdeckung. Zwei seiner Werke werden im Buchhandel angeboten, darunter eines, bei dem die Orientalistin Annemarie Schimmel gemeinsam mit ihm als Autorin genannt wird E); zudem nimmt sich zumindest eine Webseite Endres‘ und seinem Weltbild an F).

Franz Carl Endres, dessen Biografie noch zahlreiche Fragen aufwirft, wurde am 17. Dezember 1878 in München G) als Sohn eines königlich bayerischen Generalleutnants geboren und schlug ebenfalls eine militärische Laufbahn ein. 1906 bis 1909 lehrte er Kriegsgeschichte an der Münchener Kriegsakademie, die er zuvor selbst absolviert hatte. Daran schloss sich eine ähnliche Tätigkeit als Professor an der Generalsstabsschule in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, an. Gleichzeitig verfasste Endres Artikel zu militärischen und politischen Themen für deutsche Zeitungen. Noch vor dem Ersten Weltkrieg, erkrankte der Bayer schwer an Malaria, ein Umstand, der ihn später vor der aktiven Teilnahme an Kampfhandlungen bewahren sollte H). Allem Anschein nach hatte Endres eine ganze Reihe von Jahren im Orient verbracht – teils in Konstantinopel, teils im, heute syrischen, Aleppo und sich, dies geht aus verschiedenen Andeutungen und Bekenntnissen in seinen Werken hervor, dabei dem Islam genähert bzw. sich diesem geöffnet. Überliefert ist ferner seine Mitgliedschaft bei der Deutschen Liga für Menschenrechte, in der er eine führende Rolle bekleidete und, ab 1920, bei den Freimaurern in München sowie später noch bei Logen in der Schweiz und in Frankreich. Mit seinen pazifistischen und antinationalistischen Tendenzen befand sich Endres zu Beginn der 1920er Jahre in seiner Heimat Bayern und im Deutschen Reich in einer gesellschaftlich isolierten Minderheitenposition, die sich, besonders nach Veröffentlichung seines Buches „Die Tragödie Deutschlands“, wohl nicht mehr länger, ohne erhebliche Einbußen an Lebensqualität hinnehmen zu müssen, ertragen ließ. Bösartige Kritik und Anfeindungen werden geradezu bedrohliche Ausmaße erreicht haben, jedenfalls sah sich der zum Zivilisten gewordene ehemalige Offizier schließlich zur Auswanderung in die Schweiz genötigt. Als freier Publizist und Verfasser zahlreicher Bücher, als Vortragender im Rundfunk und an Universitäten sowie als Kolumnist schweizerischer Tageszeitungen verbrachte Endres ausgesprochen fruchtbare Jahre in seiner eidgenössischen, nach dem ausgedehnten Aufenthalt im Orient nun dritten, Heimat. Am 10 März 1954 ist er in Muttenz bei Basel I) verstorben.

Die lange Liste der Veröffentlichungen von Endres belegt, dass der Orient J) neben Deutschland K) und der Philosophie zu seinen Spezialgebieten gehört hat.

Den Armeniern nähert sich der hier untersuchte Autor in seinem Buch „Die Türkei“ B) im Kapitel „Innere Wirren und griechischer Krieg“ sowie in einem weiteren, das dem „Charakter“ der Angehörigen dieses Volkes gewidmet ist. Während ersteres nur auszugsweise, soweit es die Armenier betrifft, wird zweites unten vollständig wiedergegeben. Einige weitere interessante Angaben mit Bezug finden in einer Fußnote L) meines Beitrags gleichfalls Berücksichtigung. Auf den Originaltext folgt mein Kommentar sowie ein Glossar.

„Neuere Geschichte der Türkei: Innere Wirren und griechischer Krieg

… Noch (Ende Mai 1915 – so a.a.O. angegeben; R.S.) sind wir nicht am Ende des qualvollen Trubels innerer Erregungen, die den Staatskörper der Türkei durchtobten.

Auch die  ‚a r m e n i s c h e  F r a g e‘, die schon in den sechziger Jahren zu Klagen, Tumulten und Metzeleien einerseits, zu praktisch nicht durchführbaren Privilegien und reformierenden Dekreten andererseits geführt hatte, erwachte dank den Bestimmungen des Berliner Kongresses zu neuem Leben.

Der Artikel 61 des Vertrages hatte den Schutz der in der Türkei lebenden Armenier gegen Kurden und Tscherkessen durch die türkische Regierung zum Gegenstand 1).

Die Armenier selbst hofften wohl eine Regelung der Angelegenheit im Sinne von Ostrumelien und vergaßen dabei, daß das selbst beim besten Willen der türkischen Regierung nicht möglich war, da das armenische Volk fast zu gleichen Teilen dem türkischen, persischen und russischen Staat angehört.

Man ist versucht zu glauben, daß eine Autonomie des türkischen Armeniens in erster Linie auf Widerspruch von seiten Rußlands gestoßen wäre, dem in  s e i n e m  Armenien mit einem etwaigen Erwachen freiheitlicher Gelüste gewiß am allerwenigsten gedient wäre. In der Tat befürchteten die Russen 1895 den Ausbruch einer von den Engländern verursachten  a l l g e m e i n e n  armenischen Revolution und traten nicht mehr für die Armenier ein.

Das Drängen der Armenier, besonders auch der im Ausland (England) lebenden, rief halbe Reformen hervor und Versicherungen der Pforte, daß ‚alles geschehen werde‘. Namentlich England erwärmte sich sehr für die Armenier, wie es sich für alles erwärmt, woraus es politischen Nutzen ziehen kann. Aber die englischen Vorschläge zur Besserung der Lage rechneten zu wenig mit den bestehenden Verhältnissen. Die Armenier selbst waren sich nicht durchwegs klar über den Weg, den sie zur Erreichung ihres Zieles einschlagen wollten. Teilweise wurden Komitees zur politischen Befreiung gebildet, teilweise hoffte man auf dem Wege der Verhandlungen zu einer erträglichen Zukunft zu gelangen.

Man wünschte, um der Ausbeutung durch türkische Beamte zu entgehen, christliche Beamte und kirchliche und kulturelle größere Freiheiten. Zudem bestand in türkischen, namentlich kurdischen Kreisen, ein erbitterter Haß, der seinen Ursprung in der Erkenntnis der geistigen Überlegenheit und eines ausgesprochenen, manchmal unangenehme Formen annehmenden Geschäftssinnes der Armenier hatte.

1890 begannen heftige Kämpfe der Christen und Muhammedaner in Erzerum, veranlaßt durch eine Denunziation des Inhalts, daß in der armenischen Kirche Waffen verborgen seien, und durch eine dieser Denunziation folgenden Untersuchung der Kirche durch muhammedanische Beamte. Ein Fünkchen war es, das sich just auf einem Pulverfaß niederließ.

Die Erzerumer Krawalle riefen gleiche Krawalle in Konstantinopel hervor. Hier hatten die Rädelsführer wohl wieder die beliebte Absicht, Europas Menschlichkeitsgefühl zu erwecken, das sich in England so heuchlerisch mit politischem ‚die Nase hineinstecken‘ verband. Daher verfehlte die Absicht, Europa zu interessieren, so selten ihren Zweck. Bei dieser Gelegenheit aber kam die türkische Regierung einer Verschwörung auf die Spur, deren Wurzeln bis nach Russland sich erstreckten.

Der Türke ist mißtrauisch, die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts hat ihn so machen müssen. Wenn er Verdacht geschöpft hat, bleibt er in diesem, oft auch ohne Grund. Nirgendwo auf Erden gilt so wie dort der Satz: ‚Semper aliquid haeret‘. 2)

1893 fanden wirkliche Kämpfe in Anatolien statt, wo man einem armenischen Komplott in Kaisarié und Mersiwan auf die Spur gekommen war. Steuerverweigerungen der Armenier erbosten die türkischen Beamten, Mordritte kurdischer Baschybozuks 3) erbitterten die Armenier.

1894 kam der Aufstand im großen Stil im eigentlichen Armenien (Wilajet Bitlis) zum Ausbruche. 4) Der Anlaß war wiederum ganz geringfügig: Streitigkeiten wegen der Weideplätze eines nomadisierenden Kurdenstammes.

Im Jahre 1895 vereinigten sich zu großer Hoffnung der Armenier die Gesandten Englands, Frankreichs und Rußlands, um den armenischen Provinzen eine Art Reglement zu geben. Es wurden Reformvorschläge vorgelegt. Eine europäische Kontrolle sollte die Reformen überwachen, die namentlich in der Besetzung von fünfzig Prozent Beamtenstellen mit Christen bestanden. Der Sultan war in großer Verlegenheit, weil er befürchtete, mit diesem Zugeständnis die muhammedanischen Elemente der Bevölkerung, die selbst im eigentlichen Armenien den Christen der Zahl nach überlegen waren, zu verletzen.

Die unentschlossenen Maßnahmen der Regierung riefen im September erneute Krawalle in Konstantinopel hervor. Die Armenier forderten nunmehr lärmend die Auflösung der irregulären Reiterei, die sich allmählich zu einer Landplage in Armenien entwickelt hatte, und die Durchführung der von den Großmächten vorgeschlagenen Reformen. Schon gerieten sie hiebei in Kampf mit der Polizei und auf beiden Seiten floß Blut. Einer erneuten Vorstellung der Mächte gab der Sultan endlich nach und erließ am 20. Oktober 1895 ein Reformdekret, das weitgehende Wünsche der Armenier und der Mächte erfüllte.

Aber bevor diese zu spät erlassene Verfügung wirksam werden konnte, erfolgten furchtbare Metzeleien im Osten und Südosten von Anatolien, wo an die 30 000 Armenier hingeschlachtet wurden. Die türkischen Regierungsbehörden legten die Hände in den Schoß. Im Grunde genommen war ihnen dieser blutige Prozeß gar nicht unangenehm.

Die Nachrichten von diesen Mordtaten erweckten rasende Wut bei den in Konstantinopel lebenden Armeniern. Aber die Maßnahmen, die nun ein kleiner Teil von ihnen ergriff, waren politisch unklug. Am 26. August 1896 besetzte nämlich eine Anzahl Armenier das Gebäude der Ottomanischen Bank und warf Bomben auf die Straße, in der reger Verkehr herrschte. Anrückendes Militär wurde beschossen und konnte sich nicht entschließen, das Gebäude zu stürmen, denn die Besatzung versicherte, in diesem Fall die ganze Bank in die Luft sprengen zu wollen. So ließ man sich auf Unterhandlungen ein. Der armenischen Schar wurde freier Abzug auf ein englisches Schiff zugesichert. Sie erreichte dieses Schiff auch, aber nun nahm der empörte Sultan Abdul Hamid, der nicht umsonst den Beinamen ‚der Blutige‘ besaß, furchtbare Rache an der Masse der in Konstantinopel lebenden Armenier. 10 000 von ihnen sind an diesem einen Tag von besonders hiezu gemieteten Kurden erschlagen worden. In die Häuser drang man ein, aus den Pferdebahnen und Wagen wurden die Unglücklichen gerissen und mit hölzernen dicken Stäben, an deren vorderem Ende ein eiserner Knopf saß, zerschmettert.

Heute noch lebt das Entsetzen über jene Stunden in den christlichen Häusern der Stadt und Erzählungen die schon im Begriffe sind, legendenhafte Formen anzunehmen, erhalten sich in den Kinderstuben und beim abendlichen Plaudern.

Auf solche Weise bewies Abdul Hamid den Engländern das Unnütze ihrer Armenierprotektion.

Mit diesem Armeniermord in Konstantinopel flog die Losung durch Anatolien: ‚Der Armenier ist vogelfrei.‘

Adana, die Hauptstadt Ciliciens, wurde ein Raub der Flammen, alle Armenier fielen dem wütenden Morden zum Opfer. Jeder Mensch, der irgendwie in Verbindung mit Armeniern trat, war verdächtig und riskierte sein Leben. Mißgriffe der Regierung gegen Europäer veranlaßten sogar das Erscheinen zweier österreichischer Kriegsschiffe.

Nur der politisch kluge Kurdenchef Ibrahim Pascha, der im Südwesten von Kurdistan eine ziemlich unbeschränkte Herrschaft ausübte, schützte die in seiner Machtsphäre wohnenden Armenier und rettet so seinen Orten die heute noch deutlich erkennbare Wohlhabenheit.

Bis 1900 dauerten an einzelnen Stellen des Reiches die Armenierverfolgungen an. Ganz allmählich kam die ‚armenische Frage‘ in ein ruhigeres Fahrwasser. Die Armenier sind wohl auch der heutigen Regierung in vieler Hinsicht verdächtig und das Volk haßt sie noch wie früher, aber doch haben zwei Faktoren günstig auf die Verhältnisse eingewirkt. Das ist erstens das ernste Bestreben der jungtürkischen Regierung, auch die Armenier mit den nationalen Zielen des Komitees ‚Einheit  und Fortschritt‘, das die radikal-nationalistische Partei umschließt, zu verknüpfen und ihre Intelligenz und Bildung dem nationalen Zweck nutzbar zu machen, und zweitens der ehrliche Versuch einer stattlichen Anzahl hochgebildeter Armenier, am Wiederaufbau des osmanischen Vaterlandes mitzuwirken.

Je mehr beide Teile in diesem Bestreben, das ihre besten Elemente einander näher bringt, fortarbeiten, desto rascher wird eine durchgreifende Verständigung, von der wir die größten Vorteile für das türkische Reich erwarten, zustande kommen.

Die national empfindenden Armenier müssen allerdings mit schärfster Energie die Elemente aus ihren Kreisen entfernen, die auch heute noch einem ganz unzeitgemäßen Kosmopolitismus huldigen oder gar, dem englisch-russischen Gelde zugänglich, antinationale Propaganda treiben. Solche Leute sind vom türkischen, das heißt in diesem Falle vom Staatsstandpunkt aus betrachtet, nichts anderes als hochverräterische Verbrecher. Aus armenischen Kreisen heraus muß der Kampf gegen diese Elemente geführt werden. Erst dann ist die Möglichkeit gegeben, das so leicht erregbare Mißtrauen der türkischen Bevölkerung endgültig zu beseitigen und gleichzeitig damit den Grund für die unerquicklichen und dem Staatswohl so gefährlichen Reibungen aus der Welt zu schaffen.

Auf eine Trennung der Armenier von der Türkei, ebenso wie auf eine Trennung der kleinasiatischen Griechen folgt rettungslos der Untergang des Reiches. Der Verlust dieser kleinasiatischen Volksteile ist gar nicht mit dem Verlust europäischer Provinzen zu vergleichen, die, ein kümmerlicher Rest aus großer Zeit, in ihrer organischen Zugehörigkeit zum Reich schon lange nicht mehr ernst zu nehmen waren. Sie waren ein Anachronismus auf der Karte des Balkans; sie kosteten dem Staat viel, ohne ihm etwas einzubringen, und zehrten an dem Kern des Osmanentums, an Anatolien, indem sie ihm Geld und Soldaten ohne Unterlaß entzogen.

Die Armenier und die kleinasiatischen Griechen immer wieder aufzureizen, ist des heuchlerischen Albions kluge Politik. Damit halten sie die Türken schwach, bewahren sich ein scheinbares Recht, im Namen der Menschenliebe oder gar des Christentums ihren Geldbeutel zu füllen – eine Haupttätigkeit englischer Weltpolitik, und verhindern durch die Gegensätze die sie wecken, am besten das Wiedererstarken einer nationalen Idee im Osmanentum. Wenn die Türken englische und amerikanische Missionäre, die unter den Armeniern wirken, am liebsten aufhängen würden, so ist das eine Regung, die voll zu verstehen ist.

Wenn unüberwachtes orientalisches Christentum in der Türkei entsteht, wird es unfehlbar politisch und schädigt dann, nicht durch den religiösen sondern durch den politischen Gegensatz, den türkischen Staatsgedanken…

2. Die Armenier

Eine streng wissenschaftliche Abgrenzung des Landes Armenien würde uns sehr viel Worte kosten, ohne recht viel positiven Gewinn zu bringen. Es ist zudem der südlichste Teil von Türkisch Westarmenien, der Armenische Taurus, so wenig erforscht, die Landkarten dieser Gegend sind so grundfalsch, daß wir hier nicht ohne Beibringung eines großen wissenschaftlichen Apparates Behauptungen aufstellen oder widerlegen könnten.

In wenigen Jahren werden wir aber durch die photogrammetrischen Aufnahmen des trefflichen Dr. Pietschmann vom Wiener Museum, der mir durch Gemeinsamkeit naturwissenschaftlicher und geographischer Interessen ein lieber Freund wurde, gründlich orientiert sein.

Dr. Pietschmann gehört zu jenen unerschrockenen Forschern, die mit wenigen Landeseinwohnern allein durch die wildesten kulturlosen Gegenden dringen, wochenlang verschollen bleiben und uns dann mit der größten Bescheidenheit Ergebnisse vorlegen, die manche anderen mit dem Posaunenton der Eitelkeit in die Welt geschmettert hätten. Augenblicklich leistet er wohl in der Türkei vaterländischen Dienst. Ich möchte den liebenswürdigen Gelehrten, der sich besonders um die Erforschung Südarmeniens so große Verdienste erworben hat, in dankbarer Erinnerung in diesem Buche nicht übergehen.

Für unsere Zwecke genügt die Feststellung, daß das türkische Armenien östlich von der russischen, südöstlich von der persischen Grenze, im Süden vom Südhang der zahlreichen Ketten 5), die den Armenischen Taurus bilden, und im Westen etwa von der Wasserscheide des Euphrat gegen die westlicher gelegenen Flüsse eingeschlossen wird. Im Norden liegt Pontus und Lasistan zwischen Armenien und dem Meere, die geographische Grenze läuft in dem der Küste parallelen Tal des bei Batum mündenden Djoroch.

Im Nordosten benachbart, dehnt sich Russisch-Armenien, etwa den vierten Teil Gesamtarmeniens darstellend, bis über die Linie Karabagh–Göktscha-See–Alexandropol–Achalzich aus, während Persisch-Armenien, gleichfalls etwa ein Viertel der Gesamtgröße umfassend, im allgemeinen zusammenfällt mit dem Stück Nordpersiens, das nördlich des 38. Breitengrades liegt.

Wir beschäftigen uns im folgenden nur mit Türkisch-Armenien.

Wer Armenien betritt, dem fällt das auf, was der russische Minister des Äußeren Lobanow im Jahre 1895 sagte: ‚Les Arméniens, en somme, sont répandus dans tout le pays, ou plutôt dans tout le monde entier; mais il n’existe pas á vrai dire, un coin, que l’on puisse appeler Arménie.‘6)

Im Norden sind Lasen und Griechen vorherrschend, in Zentralarmenien ist ein unentwirrbares Gemisch aller nur denkbaren Volksstämme vorhanden, im Süden überwiegen die Kurden, im Westen die Anatolier.

Man hat nie die Empfindung, in Armenien zu sein.

Tatsächlich haben die Armenier auch in ihrer Heimat nicht die zahlenmäßige Majorität. In Erzerum leben unter 50 000 Einwohnern nur etwa 12 000 Armenier.

Ein kräftiger Zweig Armeniertums ist in Cilicien vorhanden. Hier ist der armenische Bauer fleißig, tüchtig und wirtschaftlich fortschrittlich gesinnt. Im eigentlichen Armenien kommt er nicht recht auf einen ‚grünen‘ Zweig.

Türkisch-Armenien, bestehend aus den Wilajets Erzerum, Charput, Bitlis, Diarbekir und Wan, bedeckt eine Bodenfläche von 186 500 qkm (ist also ungefähr zehnmal so groß als das Königreich Württemberg) und hat bei einer Dichte von etwa 13 auf den qkm rund nur zweieinhalb Millionen Einwohner.

Wildes Bergland wechselt mit fruchtbaren Ebenen, die von reichlichem Wasser durchströmt sind. Gerste, Hanf, Weizen, Kartoffeln, Bohnen, Mais werden mit großem Vorteil gepflanzt. Trotz primitiver Ackerwirtschaft trägt die Saat fünfzehn- bis zwanzigfache Ernte.

Noch fehlt es aber an billigen Transportmöglichkeiten. Keine Eisenbahn durchzieht das Land, die Wege, die in den Tälern leidlich sind, werden in den Pässen schwierig. Man kann streng genommen nur von einer Chausee Trapezunt–Erzerum und von zwei Handelsstraßen Erzerum–Wan–Täbris und Palu–Wan–Täbris sprechen. Sonst gibt es nur ‚Wege‘. Ein eisiger Winter lastet monatelang auf dem holzarmen Lande. Kahl stehen die Berge, furchtbare Stürme fegen über die Kuppen.

Die Schwierigkeiten der Transporte und die Mißwirtschaft der Abdul Hamidischen Beamten führen dahin, daß von dem  sicher ein Fünftel des Gesamtareals betragenden anbaufähigen Boden kaum ein Zehntel bebaut ist, das ist also zwei Prozent des Gesamtterritoriums.

In den armenischen Bergdörfern herrscht große Armut. Die Bauart der Häuser, in die Berglehne hineingeschoben mit flachem Dach über den einzigen, nur durch eine halbhohe Lehm- oder Strohwand vom Stall getrennten Wohn-, Eß- und Schlafraum der Familie, deutet schon auf das Schutzbedürfnis dieser Menschen hin. Über dem Dach des einen Hauses beginnt der Flur des höher liegenden nächsten. Auf kleinem Raum zusammengedrängt, Haus an Haus, grau in grau, fensterlos, von nächster Entfernung aus noch kaum zu erkennen, sind diese Dörfer Abbilder der Armut und des Elends.

Die Kirchen oder besser gesagt Kapellen dieser Orte sind häufig unterirdisch, um gegen Plünderung und Raub geschützt zu sein.

Wenn die jungtürkische Regierung ihr liberales Programm auf guten Straßen und möglichst bald auf einer Bahn in dieses Land trägt, wird sie große Erfolge erzielen.

In diesen weltentlegenen Gegenden läuft das Rad der Geschichte nicht so schnell wie in den Mittelpunkten der Welt. Hier im finstersten Armenien lebt man noch immer in der Furcht Abdul Hamids. Die Umwandlung von solcher Angst in Vertrauen, von Starrsinn in Loyalität geht nicht von heute auf morgen vor sich, sie will ihre Weile haben. Sie erfordert auch Geduld bei jenen Idealisten, die ihr Land, ihre Beamten und alle Einrichtungen in ihrem aufrichtigen und patriotischen Wunsch rasch ändern wollen.

Das Gesetz der Trägheit zeigt sich sehr deutlich in Staaten, die für eine neue Zukunft bereitet werden sollen.

Und vielleicht sind Widerstände für eben diese Neuorientierung sehr heilsam. Im Kampfe mit ihnen erweist sich manche theoretisch prächtige Idee als praktisch zu schwach und führt die Organisatoren von selbst auf den richtigen Weg.

Soviel die jungtürkische Regierung auch helfend eingreift, die Schäden des alten Regimes sind zu groß gewesen. Armenien war lange Zeit, wie Grothe 7) sehr richtig bemerkt, ‚türkisch Sibirien‘. Türkische Beamte wurden dorthin strafversetzt, gerade dorthin, wo besonderes politisches und verwaltungstechnisches Geschick notwendig war, um ein durchaus gesundes und im bäuerlichen Teil seiner Bevölkerung harmloses Volkstum den Interessen des osmanischen Reiches zu erhalten oder wiederzugewinnen.  Wo es galt durch Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Ehrlichkeit gegenüber den eigenen Untertanen den Kampf gegen die fortgesetzte intrigante Wühlarbeit russischer und englischer Agenten siegreich zu bestehen! Das Armeniertum ist eine staatliche und völkische Ruine aus ältester Zeit.

Aus grauester Vergangenheit wird uns Kunde regen Verkehrs der Armenier mit Babylon. Es waren hethitische Bergstämme, die wohl keine politische Einheit bildeten. Erst um 1000 v. Christi Geburt wird sich ein armenisches Königreich gebildet haben, als dessen Namen uns Urarthu überliefert ist. Vielleicht haben Kämpfe mit indogermanischen wandernden Stämmen, etwa den Kimmeriern, den politischen Zusammenschluß notwendig gemacht.

Jedenfalls finden sich im armenischen Volke indogermanische, hethitische und relativ autochthone Elemente, letztere unbekannten Ursprungs.

Am Anfang des sechsten Jahrhunderts vor Christus unterwarfen sich die Meder das Gebiet. Unter den Persern, die sie in der Herrschaft ablösten, war für Armenien eine Zeit nationaler Entwicklung gekommen.

Als dann die Seleukiden gegen die Parther fochten, war die Möglichkeit großen Aufschwungs für die Armenier gegeben, aber infolge politischer Fehler, namentlich auch im Verkehr mit Rom, gingen diese Zeiten ungenützt vorüber.

Mit Beginn des vierten Jahrhunderts nach Christi Geburt vereinigte das Christentum, das die Armenier annahmen, wieder mehr die auseinander gefallenen Feudalstaaten. Im Jahre 651 drangen die Wellen des Islams bis in die wilden Berglande Armeniens, konnten aber nur geringe Teile des Volkes von der christlichen Religion ablösen.

Nun begann die über ein Jahrtausend währende Leidenszeit Armeniens. Mongolen, Seldschuken, Kurden, Türken durchfluteten die armenischen Gebiete, ließen sich teilweise dort nieder und zehrten von der Kraft und dem Wohlstand des Landes.

Aber die Armenier glichen dem Weidenbaume, der sich im wildesten Sturme bis zu Boden beugt und deshalb nicht entwurzelt wird wie die starke Eiche, die hart und unnachgiebig sich dem Sturm entgegenstellt.

Dieser weibliche Zug im Armeniertum hat diesem die Existenz gerettet. Er hat aber auch eine Zerstreuung der Volksgenossen zur Folge gehabt, wie sie ähnlich nur bei den Juden sich findet. Der Typus des Armeniers ist unverkennbar. Im allgemeinen kleiner Körperbau, aber grobknochig. Ganz auffallend sind die großen Füße und breiten Gelenke der meist häßlichen Mädchen und Frauen. Die Nase ist sehr oft eingesattelt, der Körper der Männer stark behaart, die Augen sind bei beiden Geschlechtern meist groß, langbewimpert und von starken Brauen überschattet. Häufig findet man jenen feuchten Glanz in ihnen, der sie besonders anziehend macht.

Die Sprache der Armenier gehört zum großen indogermanischen Sprachstamm.

Indogermanischer Stamm: indoiranischer Zweig, armenischer Zweig, griechischer Zweig, albanischer Zweig, italischer Zweig, keltischer Zweig, germanischer Zweig, baltisch-slawischer Zweig.

Die Armenier besitzen eine alte Schriftsprache (das ‚Grabar‘), die hauptsächlich als Kirchensprache Verwendung findet, wogegen als Umgangssprache das seit dem fünfzehnten Jahrhundert übliche Neuarmenisch gebraucht wird.

Die Sprache ist schwer, namentlich wegen ihrer unzähligen Lautverschiedenheiten. Wohl darum ist der Armenier weitaus der sprachgewandteste und musikalischste Mensch des Orients. Gebildete und halbgebildete Armenier, die englisch, französisch, türkisch, kurdisch, griechisch, dazu noch persisch oder arabisch, deutsch oder russisch fließend sprechen, sind ganz normale Erscheinungen. Wenn im Orient jemand 7-9 Sprachen beherrscht, dann kann man 100 gegen 1 wetten, daß der betreffende Armenier ist.

Eine verhältnismäßig reiche ältere (Kirchenarmenisch) und neue Literatur hat sich entwickelt, auf die wir hier nicht näher eingehen können. Das Volkslied ist durchaus reizvoll in der Ursprünglichkeit des Empfindens und dem Sinn für Vokalschönheit.

Die Tagesliteratur wird durch eine Reihe sehr gut redigierter und viel Bildungsstoff enthaltender Zeitungen vermittelt. Der Bildungsdrang des jungen Armeniers aus guter Familie oder auch aus emporstrebenden einfacheren Kreisen ist ganz erstaunlich.

Leider werden diese jungen Leute sowohl durch die französische und englische Kultur, die sie auf ihren Studienreisen gierig in sich aufnehmen, als auch von den politischen Hetzern dieser Völker ungünstig beeinflußt. Vielleicht würde die türkische Regierung Vorteile daraus ziehen, wenn sie diesen jungen Armeniern Erleichterungen für Studien in Deutschland und Erschwerungen für das Studium in Frankreich und England bereiten würde. In Deutschland würde ihnen politikfreie Kultur dargeboten werden können.

Groß ist das musikalische Verständnis der Armenier. Herrliche Frauenstimmen und eine meisterhafte Beherrschung des a capella-Gesanges zeichnet die Musik der Armenier aus.

Stundenlang kann man den schwermütigen, die ganze historisch begründete Melancholie des Volkes wiedergebenden Weisen lauschen. Ein hochbegabter Geistlicher, Pater Gomidas, beschäftigt sich in Konstantinopel mit ihrer Sammlung und Harmonisierung. Manch hochinteressantes Musikgespräch mit ihm, der selbst ein eigenartiger Komponist ist, ist mir erinnerlich, namentlich über Rhythmus, der im Orient, man kann wohl sagen, Orgien feiert. Verzweifelt war ich oft, wenn ich orientalische Kompositionen im 7/8- oder 11/8-Takt spielen sollte und mein deutsches symmetrisch entwickeltes Rhythmusgefühl sich gegen solche wilde Asymmetrie empörte. Man gewöhnt sich aber auch daran.

Ein armenisches Vokalkonzert in Deutschland würde von der Masse abgelehnt, von den musikalischen Menschen mit Entzücken angehört werden.

Wir müssen es uns des Raumes wegen leider versagen, näher in die reizvollen Fragen armenischer Musik einzugehen, die, namentlich was geistliche Lieder und Choräle betrifft, wohl auf ältester griechischer Musik aufbaut.

Die Urteile über den Charakter des Armeniers sind einander völlig widersprechend.

Paul Rohrbach sagt: ‚Die armenische Nation ist das politisch begabteste, arbeitsamste und energischste unter den christlichen Völkern des Orients.‘

Andere halten die Armenier für ein nichtsnutziges, intrigantes, beutelschneiderisches, betrügerisches, habgieriges, unmoralisches Gesindel. Sie sollen ihre Weiber und unreifen Töchter verkaufen und ihre eigenen Familienmitglieder bestehlen. Konstantinopel sei von ihnen verpestet. Auch in den Dörfern trieben sie nur Wucher. Die unierten Armenier werden hierbei noch besser beurteilt als die orthodoxen.

Ich möchte hier auf Grund mehrjähriger Erfahrung meiner persönlichen Anschauung Raum geben.

Der Armenier als Charakter stellt keinen einheitlichen Typus dar, ebensowenig wie der Jude.

Betrachten wir zunächst den gebildeten und den halbgebildeten, aber wegen seines Reichtums in den oberen Kreisen der internationalen Gesellschaft des Orients verkehrenden Armenier, so erkennen wir in diesen beiden Repräsentanten schon solche Gegensätze, daß man sie kaum in einem Satz zusammen nennen möchte. Ich habe unter den gebildeten Armeniern prachtvolle Menschen gesehen. Ihre Leistungen als Ärzte sind hervorragend. Das armenische Krankenhaus in Konstantinopel (Pankaldi) kann sich trotz seiner Einfachheit und Kleinheit, was Modernität der Behandlung, Sauberkeit und Aufmerksamkeit der Ärzte und Schwestern anlangt, mit jedem europäischen Krankenhause messen. Dabei nehmen die Leute nicht mehr Honorar an, als für ihr bescheidenes Leben wirklich nötig ist. Auch ausgezeichnete Chirurgen und Spezialisten weist die armenische Ärzteschar auf.

Bedeutende armenische Gelehrte, Künstler und Beamte sind zu nennen. Ich erinnere hier an den hervorragenden ehemaligen Postminister Oskian Efendi, der vom jungtürkischen Regime zu einer Zeit an die Spitze des Postwesens gesetzt wurde, wo man glaubte, daß durch Ablösung der ausländischen Posten ein grenzenloses Tohuwabohu entstehen würde. Mit fester Hand hat er zugegriffen und trotz der unsagbaren Schwierigkeiten, die durch das Sprachengewirr und durch die Ungeschicklichkeit vieler seiner Unterbeamten verursacht wurden, hat er es dahin gebracht, daß man dem türkischen Telegraphendienst das Prädikat ‚sehr gut‘, dem Postdienst mindestens ‚gut‘ einräumen muß.

Bei all den vielen vornehmen und gebildeten Armeniern habe ich die oben erwähnten schlechten Eigenschaften nie entdecken können. Auch das Familienleben in diesen Kreisen ist über allen Zweifel erhaben.

Jene Armenier allerdings, die nur reich sind und im gesellschaftlichen Gebiet des Levantinertums, von dem wir schon gesprochen haben, sich bewegen, sind durchaus unsympathischer Natur. Bei ihnen hat sich ein im Volke weit verbreiteter Erwerbssinn unangenehm ausgebreitet. Sie sind skrupellos berechnend und bemessen den Wert des Menschen nach der Masse der seidenen Kleider, die die aufgedonnerte Ehegattin durch den Schmutz der Perastraße schleift.

Wollen wir aber auch über diese Armenier nicht allzu stolz das Haupt erheben. Sie gleichen jenen auch in Europa vorhandenen Emporkömmlingen, die brillantengeschmückt in den ersten Rängen der Theater sich langweilen, deren Frauen in protzigen Toiletten nicht Schönheitssinn, sondern das ausgegebene Geld zeigen wollen. Nur sind unsere Parvenüs harmloser als jene levantinischen Armenier.

Der armenische Kaufmann genießt weitreichendes Mißtrauen. Je tiefer man in das Volk heruntersteigt, desto kleinlicher wird der Erwerbssinn, der moralische Tiefstand durch die Not freilich auch eher entschuldbar.

Der armenische Kleinhändler, Börsenjobber, Kommissionär hat zweifellos nichts an sich, was dem germanischen Empfinden sympathisch wäre. Im notgedrungenen Verkehr mit diesen Leuten und mit armenischen Wirten, Kutschern und Dragomanen wird der Türke wie der Fremde übervorteilt, betrogen und hintergangen. Das ist mit einer der Hauptgründe des Hasses, unter dem der Armenier zu leiden hat und der sich dann auf isolierte armenische Ansiedlungen und auf die Leute in Armenien selbst erstreckt, obwohl er da weit weniger Grund zur Betätigung hat.

Der in der Diaspora lebende Armenier, der seinen höheren Intellekt gegenüber dem Türken und Kurden skrupellos zur Geltung bringt und dadurch wohlhabend wird, während seine Opfer verarmen – das ist der Typus, der Haß erzeugt und Haß verdient.

Es ist eine allgemeine Erscheinung, daß der Geldgeber in rein agrarischen Gebieten leicht zum Wucherer wird, jedenfalls das Odium des Wuchers, auch wenn er persönlich frei davon ist, auf sich und seinesgleichen lädt.

Dazu kommt, daß der Armenier häufig die dem Volke verhaßte Tätigkeit eines Steuerpächters ausübt und natürlich ohne jede Rücksicht zu  s e i n e m  Vorteil ausübt.

Über die innerpolitische ‚armenische Frage‘ haben wir im historischen Teil dieses Buches schon hinreichend berichtet. Wir wollen nur kurz feststellen, daß die in Armenien wohnenden Armenier mehr als ihnen lieb ist durch die außertürkischen Armenierkomitees in Paris und namentlich in London leiden. Die Armenier sind zu politischen Puppen Englands geworden. Mit welchen Mitteln das ‚edle England‘ arbeitet, geht daraus hervor, daß man einmal, um einen armenischen Aufstand zu erregen, den unwissenden Bauern erzählte, eine englische Armee würde in Luftschiffen angefahren kommen, um die Armenier zu befreien, nur müßten diese natürlich zuerst einmal mit Revolten anfangen.

Das nennt sich christliche Politik im Orient.

Die historische Feindschaft des Armeniers und Kurden endlich rührt einfach von der Verschiedenartigkeit der Lebensweise bei enger Nachbarschaft her. Der Kurdennomade treibt seine Herden in die vom Bauernarmenier mit großer Mühe angepflanzten Gebiete. Grund genug für Jahrhunderte währende Streitigkeiten.

Fußnoten F.C. Endres:

1)      Auch während des Weltkrieges spielte die armenische Frage eine gewisse Rolle, insofern als törichterweise sich gewisse armenische Kreise dazu verleiten ließen, russisch-englische Interessen durch Spionage und Verschwörung zu unterstützen. Vergl. dazu meine Aufsätze in den ‚Münchner Neuesten Nachrichten‘ Nr. 814 vom 23. Juni 1915 und in der ‚Frankfurter Zeitung‘ Nr. 280/1915.

2)      ‚Es bleibt immer etwas hängen‘ (Übs.: R.S.).

3)      Baschy-bozuk wörtlich ‚sein Kopf ist zerbrochen = verrückt‘. Name der irregulären Kavallerie, der sich dann auf jeden nicht uniformierten Kriegsfreiwilligen ausgedehnt hat, scherzweise auch für einen Offizier gebraucht wird, der verbotenerweise in Zivil geht.

4)      Zum vorläufigen Verständnis sei mitgeteilt, daß die Armenier ähnlich wie die Juden in der ganzen Türkei zerstreut leben; ihre Masse wohnt im eigentlich türkischen Armenien, ist aber auch da dem muhammedanischen Element zahlenmäßig unterlegen.

5)      Geologisch interessant ist die Tatsache, daß das Gebiet Gesamtarmeniens etwa zusammenfällt mit einer riesigen Decke jungeruptiven Gesteins, die sich über jenen Winkel Vorderasiens ausgegossen hat.

6)      ‚Die Armenier, mit einem Wort, leben verstreut über alle Länder, oder eher noch, über die ganze Welt; aber es existiert, offen gestanden, nicht ein Winkel, den man Armenien nennen könnte.‘ (Übs.: R.S.).

7)      Hugo Grothe, Auf türkischer Erde. Reisebilder und Studien. Berlin 1903. Ein Buch, das feine Beobachtung der Verhältnisse aufweist, wie sie unter Abdul Hamid bestanden. Die Lage hat sich heute allerdings in mancher Hinsicht verändert, was dem wissenschaftlichen und literarischen Wert des Buches jedoch keinerlei Abbruch tut.“

Anmerkung:

Der Text wurde wortgetreu aus „Die Türkei“ (S. 154-164 und 104-110) übertragen. Hervorhebungen entsprechen dem Original.

 

Kommentar:

Wer aufmerksam gelesen hat, wird an sog. „charakteristische“ Eigenschaften und Äußerlichkeiten aber auch an Vorwürfe, Beschuldigungen sowie Begleitumstände, erinnert worden sein, die ihm ganz ähnlich bei der deutschen Judengeschichte von vor 1945, aber auch in der antisemitischen Propaganda häufig begegnet sind. Gewiss muss unterschieden werden zwischen der Wahrnehmung der Armenier durch ihre türkischen und kurdischen Nachbarn bzw. Landsleute und der  Wahrnehmung durch Ausländer wie Diplomaten, Geistliche, Pressemitarbeiter, Reiseschriftsteller etc. Jedoch wird man wohl Franz Carl Endres aufgrund seiner langen Türkeierfahrung und seiner intensiven Beschäftigung mit Land und Leuten Glauben schenken dürfen, denn seine Ausführungen stimmen mit denen anderer Zeitzeugen, wie noch zu zeigen sein wird, im Grundsätzlichen überein.

Abgesehen von den Passagen, in denen der Autor selbst Armenier neben Juden stellt („hat aber auch eine Zerstreuung der Volksgenossen zur Folge gehabt, wie sie ähnlich nur bei den Juden sich findet“; „Der Türke hat keine Neigung zum Handel und überläßt das den Fremden, namentlich den Griechen, Juden und Armeniern“; „Diese Würde und Bedächtigkeit läßt den Türken im geschäftlichen Konkurrenzkampf mit dem Armenier, Juden und Griechen stets unterliegen“), sind es folgende Aspekte, die zu Vergleichen herausfordern:

a)      Als positiv erachtete, vermeintlich ‚typische‘ Fähigkeiten und Begabungen, die mit dem Bild vom Armenier verbunden werden: „das Familienleben … ist über alle Zweifel erhaben“ (ältere deutsche Nachschlagewerke lobten häufig das jüdische Familienleben als ganz besonders intakt), „geistige Überlegenheit“, „höherer Intellekt gegenüber dem Türken“, „Intelligenz und Bildung“, „Bildungsdrang der jungen Armenier“, „gebildete Armenier“, „der sprachgewandteste und musikalischste Mensch des Orients“, „Groß ist das musikalische Verständnis“, im Besitz einer „reichen älteren und neueren Literatur“, „sehr gut redigierte und viel Bildungsstoff enthaltende Zeitungen“ (das jüdische Pressewesen kam im 17. Jh. auf und entwickelte sich zu einem der reichhaltigsten überhaupt) , „Ihre Leistungen als Ärzte sind hervorragend“(in z.B. São Paulo ist das anerkannt beste Krankenhaus das jüdische Hospital „Albert Einstein“), „Bedeutende armenische Gelehrte, Künste und Beamte sind zu nennen“, diplomatisches Geschick – Endres nennt Gabriel Effendi Noradunghian (wer dächte hierbei nicht an etwa Oscar Salomon Straus oder Henry Kissinger), „Neigung zum Handel“, „Geschäftssinn“.

b)      Als negativ erachtete, vermeintlich ‚typische‘ Charaktereigenschaften, die mit dem Bild vom Armenier verbunden werden: „Kosmopolitismus“, „hochverräterische Verbrecher“, die mit dem (feindlichen) Ausland im Bunde stehen und „antinationale Propaganda“ betreiben, „Die Armenier sind zu politischen Puppen Englands geworden“, „nichtsnutziges, intrigantes, beutelschneiderisches, betrügerisches, habgieriges … Gesindel“; „in den Dörfern trieben sie nur Wucher“,  „Odium des Wuchers“, „skrupellos und berechnend“,wird der Türke wie der Fremde übervorteilt, betrogen und hintergangen“, „begaunern“, „bereichern“, „unverschämte Übervorteilung“, „Ausbeutung“, „des im Zusammenraffen und Übertölpeln genial zu nennenden Armeniers“,  „Der in der Diaspora lebende Armenier, der seinen höheren Intellekt gegenüber dem Türken und Kurden skrupellos zur Geltung bringt und dadurch wohlhabend wird, während seine Opfer verarmen“„der armenische Kaufmann genießt weitreichendes Mißtrauen“, „Der armenische Kleinhändler, Börsenjobber, Kommissionär hat zweifellos nichts an sich, was dem germanischen Empfinden sympathisch wäre“, „weit verbreiteter Erwerbssinn“, „Geschäftssinn“.

c)       ‚Typische‘ Äußerlichkeiten der Armenier: „Der Typus des Armeniers ist unverkennbar“, „im allgemeinen kleiner Körperbau…“ (ältere deutsche Nachschlagewerke unterscheiden zwei Typen ‚des‘ Juden, einen kleinerwüchsigen und einen größeren), „Die Nase ist sehr oft…“ (Der „Judennase“ als eigenem Stichwort gelang sogar der Einzug in deutschsprachige Lexika).

d)      Wahrnehmung der Armenier durch ihre Umgebung bzw. durch die Bevölkerungsmehrheit: „Der Armenier ist vogelfrei“, ein Verschwörer, „verdächtig“, ein „hochverräterische(r) Verbrecher“, verhasst, ein Wucherer, ein Betrüger, „wohlhabend“ und ausbeuterisch – „während seine Opfer verarmen“; ‚der‘ Armenier als skrupelloser Geschäftsmann, als  Zusammenraffer.

e)      Die Reaktion der Umgebung auf das als typisch angesehene Verhalten der Minderheit: „erbitterter Haß“, „Mordritte“, „furchtbare Metzeleien“, „an die 30 000 Armenier hingeschlachtet“, „Mordtaten“, „Raub der Flammen“, „fielen dem wütenden Morden zum Opfer“, „Das ist mit einer der Hauptgründe des Hasses, unter dem der Armenier zu leiden hat und der sich dann auf isolierte armenische Ansiedlungen und auf die Leute in Armenien selbst erstreckt, obwohl er da weit weniger Grund zur Betätigung hat“, „Armenierverfolgungen“, „das Volk haßt sie noch wie früher“.

f)       Schlagworte der antiarmenischen Propaganda: „armenische Frage“, „Kosmopolitismus“, verstreut lebend, „hochverräterische Verbrecher“, Verschwörer, „antinationale Propaganda“ betreibend, „dem englisch-russischen Gelde zugänglich“, „Die Armenier sind zu politischen Puppen Englands geworden“, „nichtsnutziges, intrigantes, beutelschneiderisches, betrügerisches, habgieriges … Gesindel“, „Wucherer“.

Die oben festgestellten Gemeinsamkeiten zwischen Armeniern und Juden könnten ewiggestrig eingestellte Zeitgenossen dazu verleiten noch weitergehende Vergleiche anzustellen. Es sei derartigen Revisionisten jedoch unmissverständlich mitgeteilt, dass die Parallelen hier enden. Das Schicksal der Armenier ist mit dem der Juden im deutschen Einflussgebiet nicht vergleichbar. So furchtbar die Verfolgungen der Armenier in der Türkei auch gewesen sind – ein Vergleich mit dem deutschen Genozid an sechs Millionen europäischen Juden muss auch weiterhin ausgeschlossen bleiben, wie ganz leicht an einigen rational nachvollziehbaren Argumenten belegt werden kann.

In der gemeinsamen Geschichte von Armeniern und Türken fehlen, im Gegensatz zum jüdisch-deutschen Verhältnis:

 

Fußnoten R.S.:

A)     Webseiten mit berühmten Armeniern http://fr.wikipedia.org/wiki/Liste_de_personnalit%C3%A9s_arm%C3%A9niennes

http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Iraqi_Armenians

http://en.wikipedia.org/wiki/Iranian_Armenians

http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Armenian-Iranians

http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Greek_Armenians

http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Syrian_Armenians

http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Russian_Armenians

http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_French_Armenians

http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Lebanese_Armenians

http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Ottoman_Armenians

http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Turkish_Armenians

http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Armenian_Canadians

http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Azerbaijani_Armenians

http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Armenian_Americans

http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Americans_of_Armenian_descent

http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Armenians_from_Nagorno-Karabakh

http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Romanians_of_Armenian_descent

 

B)      In: Franz Carl Endres, Die Türkei, München 1916.

C)      U.a. in: Die Türkei, 1916, S. 40f: „Dem Christentum, in reiner Milde und ohne jeden politischen Gedanken aus dem Herzen des Gütigsten der Menschen geboren, wurden erst durch Einflüsse, die von dem Grundwesen seines Stifters sich weit entfernten, im Lauf der Zeit politische Motive eingeimpft, so daß es in Wahrheit zur intolerantesten aller Religionen des Erdkreises geworden ist.

D)     Endres fehlt sowohl in „Bosl’s Bayerischer Biographie“ (Hg. Karl Bosl, Regensburg 1983) als auch in der „Neuen Deutschen Biographie“ (Bd. 4, Buchstaben DIT-FAL, Berlin 1959). Auskunftsfreudiger geben sich hingegen u.a. das zehnbändige „Jedermanns Lexikon“ (Berlin-Grunewald 1929), „Der Große Brockhaus“ (20 Bde., 15. Aufl., Leipzig 1930) sowie „Meyers Enzyklopädisches Lexikon“ (25 Bde., 9. Aufl., Mannheim u.a. 1973). Das „Jedermanns Lexikon“ ordnet Endres als „militär. u. polit. Schriftsteller“ ein, zitiert die Titel einiger seiner Werke und hebt dabei eines besonders hervor: „…das durch seine leidenschaftliche, unabhängige militär. und polit. Kritik aufsehenerregende Buch ‚Die Tragödie Deutschlands‘“. Der genannte Brockhaus bezeichnet Endres als „Militärschriftsteller“ und widmet sich knapp dessen soldatischer Laufbahn, ehe er ebenfalls einige Werke aufzählt. Meyers Lexikon schließlich versieht seinen Eintrag zu Endres mit der Berufsbezeichnung „dt. Offizier und Schriftsteller“. Es resümiert: „E. schrieb zahlreiche Bücher über militär., kulturhistor. und religionsphilosoph. Themen“, von denen es vier Titel nennt.

E)      http://www.randomhouse.de/Buch/Das-Mysterium-der-Zahl-Zahlensymbolik-im-Kulturvergleich/Franz-Carl-Endres/e298825.rhd

http://www.buecher.de/shop/buecher/die-tuerkei-bilder-und-skizzen-von-land-und-volk-german-edition/franz-carl-endres/products_products/detail/prod_id/34883111/

F)      http://www.franzcarlendres.de/doku.php/start

G)     Gemäß übereinstimmender Auskunft der unter D) genannten Nachschlagewerke.

H)     Siehe das auf Sommer 1915 datierte Vorwort in: Die Türkei (München 1916). „ … der Verfasser … war fast drei Jahre als Generalstabsoffizier in der Türkei und mußte, an den Folgen einer schweren Malaria erkrankt, seinen Posten als Generalstabschef der ersten Armee aufgeben…“. Die Angabe, die Erkrankung sei erst 1919 aufgetreten, wie sie u.a. Wikipedia verbreitet, ist somit falsch.

I)                 Nach dem unter D) genannten Meyer Lexikon.

J)           „Die Türkei“, „Bosporuswellen“, „Nagileh. Türkische Skizzen und Novellen“, Türkische Frauen“, „Die Ruine des Orients“, „Das Lied von Aleppo“, „Der lachende Philosoph im Orient“), u.a.

K)      „Moltke“ (1913), „Georg Hirth – ein deutscher Publizist“ (1921), „Die Tragödie Deutschlands“ (1923), „Das Gesicht des Krieges“ (1924), „Giftgaskrieg – die große Gefahr“ (1928), „Deutsche Kunst und Wissenschaft des Mittelalters“ (1928), „Symbolik von Goethes Faust“ (1932), „Goethe und die Freimaurer“ (1949), u.a.

L)       Armenier in „Die Türkei“ mit Seitenangaben:

„Heute sind von den 1 250 000 Einwohnern (Konstantinopels) etwa 500 000 Türken, 200 000 Griechen, 180 000 Armenier, 65 000 Juden und 70 000 Europäer aller Staaten.“  (S. 8)

„Stambul wurde eine rein türkische Stadt und ist es bis heute geblieben. Das Element der Fremden tritt hier nur in den Kaufläden zutage. Der Türke hat keine Neigung zum Handel und überläßt das den Fremden, namentlich den Griechen, Juden und Armeniern, die denn auch in dem inmitten der Stadt sich wieder als eine Stadt ausbreitenden Basar die erdrückende Mehrzahl der Kaufleute bilden und den Fremden, namentlich den Engländer und Amerikaner, die wahllos kaufen und ahnungslos zahlen, begaunern und damit zwar den Ruf Konstantinopels nicht heben, sich selber aber ganz wesentlich bereichern.“ (S. 11)

„Diese Würde und Bedächtigkeit läßt den Türken im geschäftlichen Konkurrenzkampf mit dem Armenier, Juden und Griechen stets unterliegen, so daß es nur ganz wenige türkische Kaufleute von größerer Bedeutung gibt. Diese wenigen türkischen Kaufleute sind aber dann auch wesentlich besser, als alle nicht türkischen Kaufleute des Orients.“ (S. 23f)

„Die Reisenden, die an den üblichen Routen kleben und vor allem durch Mangel an Sprachkenntnis den Türken nicht vom türkisch sprechenden Armenier oder Griechen unterscheiden können, klagen mit Recht über die unverschämte Übervorteilung und Ausbeutung, über Diebstahl und Betrug, denen sie andauernd zum Opfer fallen…

Es (gemeint ist ‚der‘ Türke; R.S.) ist kein Handelsmann, weiß mit dem Geld nicht umzugehen, gibt aus, was er hat, und darbt ebenso relativ vergnügt, wenn er nichts hat, und ist auf Grund dieser Eigenschaften nur allzu häufig das Opfer des schlauen, geizigen kleinasiatischen Griechen und des im Zusammenraffen und Übertölpeln genial zu nennenden Armeniers.“ (S. 29f)

„Die Türkei sandte (zum Berliner Kongress, Juni 1878; R.S.), da trotz des Wohlwollens des Deutschen Reiches mit starken Gebietsverlusten zu rechnen war, keinen Muhammedaner als Bevollmächtigten zum Kongreß, sondern den geistvollen Griechen Karatheodori, der das Peinliche seiner Tätigkeit eher auf sich nehmen konnte. Ein Rechtgläubiger hätte keinerlei Verträge unterzeichnen können, durch die Teile des dem Khalifen gehörigen Landes an Ungläubige abgetreten wurden. Ganz ähnlich lagen die Verhältnisse nach dem Balkankriege 1913, wo die mißliche Mission einem Armenier, Gabriel Effendi Noradunghian, übertragen wurde.“ (S. 86)

 „Die erste Kammer (i. d. Revolutionszeit 1908; R.S.) bestand aus 107 osmanischen Türken, 27 Griechen, 22 Albanern, 10 Armeniern, 5 Bulgaren, 4 Serben, 3 Juden, 2 Kurden, 1 Rumänen, 1 Drusen, 1 Maroniten.“ (S. 126f)

„Es lebten vor dem Balkankriege: A. In der europäischen Türkei ungefähr: 2 500 000 Türken, 1 500 000 Griechen, 1 000 000 Albaner, 700 000 Bulgaren, 700 000 Serben, 190 000 Juden, 150 000 Armenier… B. In der asiatischen Türkei: 7 500 000 Türken, 5 000 000 Syrer und Araber, 1 250 000 Kurden, 1 100 000 Armenier, 1 000 000 Griechen, 300 000 Juden…“ (S.151)

„Gabriel Ef(f)endi Noradunghian, der frühere türkische Minister des Auswärtigen, ein Armenier, sagte einmal zu dieser Frage (der Nationalitäten in der Türkei; R.S.): ‚Unter Ottomanisierung verstehe ich die Proklamierung und erweiterte Anwendung des Prinzips, daß zwischen den verschiedenen Rassen des Reiches ein gemeinsames natürliches Band besteht, ein Band der vollständigen Gleichheit und Einheit in allen Fragen des ottomanischen Interesses. In diesen Fragen müssen Türken, Araber, Griechen und Armenier als ottomanische Patrioten handeln, was aber unter keinen Umständen etwa bedeuten soll, daß Griechen, Araber oder Armenier zu Türken gemacht werden sollen. Auf Grund ihres dynastischen und militärischen Wertes ist die türkische Rasse gleichzeitig Basis und Gipfel des Reiches. Alle anderen Rassen haben jedoch ihren Sitz im Reiche und das absolute Recht ihrer freien Entwicklung gemäß ihren nationalen Traditionen.‘ Noradunghian gibt damit ein Programm, das auch in der Zukunft wohl eingehalten werden kann…“ (S.201f)

Glossar:

Abdul Hamid, Abd ül-Hamid II.; Sultan 1876-1909; geb. 1842, gest. 1918; über die Herkunft der Mutter dieses Sultans sind sich die Quellen nicht einig; so gibt das gewöhnlich gut informierte Biograph. Lex. zur Gesch. Südosteuropas, (Hg.) M. Bernath u. F. v. Schroeder, München 1974, an, dass deren Name Tirimüjgan und sie Tscherkessin gewesen sei; unter Abd ül-Hamid wendete sich die Türkei dem Deutschen Reich zu; Truppen des Sultans unterdrückten 1894-96 armen. Aufstände; das Parlament vom Dezember 1908 zählte 280 Mitglieder, darunter 18 Griechen, 4 Bulgaren, 2 Serben, 2 Juden und 2 Armenier; 1909 wurde Abd ül-Hamid, ein überzeugter Panislamist, orthodoxer Sunnit, Mitglied eines Derwischordens und besonders den Arabern mit Sympathie gegenüberstehend von Jungtürken abgesetzt und nach Saloniki verbannt. – Franz Carl Endres über Abdul Hamid (in: Die Türkei, S. 111): „…Die Hoffnung des Volkes begleitete den jungen Sultan. Er war ein schöner, ritterlicher Mann mit großen, schwarzen, melancholischen Augen. Manche wollten in seinem feingeschnittenen, von türkischem Vollbart umrahmten Gesichte armenische Züge entdecken. Seine Mutter soll Armenierin gewesen sein. Nach den Bildern, die mir zur Verfügung standen, ist jedenfalls festzustellen, daß Abdul Hamid  d e u t l i c h e  Rasseneigentümlichkeiten des Armeniers  n i c h t  an sich hat. Er erscheint vielmehr wie der richtige Türke…“

Achalzich, Achalzych (georgisch: „Neuschloss“), Kreis des ehem. russ. Gouvernement Tiflis in Transkaukasien dessen Bewohner um 1900 zur Hälfte Armenier und zu einem Drittel Tataren waren; in der gleichnamigen Hauptstadt lebten Armenier, Georgier, Juden und Russen; die Stadt Achalzych war von 1579 bis 1828 Hauptstadt Türkisch-Armeniens und wurde später russisch.

Adana, türk. Stadt im südöstl. Kleinasien am Seihun (Saros) in der kilikischen Ebene gelegen; war zu Beginn des 20. Jh. Hauptort eines gleichnamigen Wilajets, lebte vom Handel mit Wolle, Baumwolle, Getreide, Wein bzw. Obst und zählte unter ihren ca. 60 000 Einwohner zahlreiche Armenier; Adana war als strategisch wichtiger Ort im 19. Jh. mehrfach zwischen Türken und Ägyptern umkämpft gewesen.

Albion, die keltische, von Deutschen sowohl poetisch als auch polemisch-politisch verwendete Bezeichnung für die großbritann. Insel (England und Schottland), welche seit dem 6. Jh. v.d.Zr. gebraucht wird (erstmals vom röm. Dichter Avienus).

Alexandropol, bis 1924 Bezeichnung für die armen. Stadt Gjumri; siehe dort.

Anatolien, eigtl. „Morgenland“, türk. Anadolu, griech. Anatole; Bezeichnung für Kleinasien einschließlich der früher Armenien und Obermesopotamien bezeichneten Landschaften; um 1900 Bezeichnung allein die Westhälfte Kleinasiens (!).

Armenische Musik:

http://www.youtube.com/watch?v=7w0vBipBs1s&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=u1kbMkoXdRc&feature=relmfu

http://www.youtube.com/watch?v=fur0lnfHU1w&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=NDxhRanfyUc&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=2PnIJszSRbc&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=_Yk_n2sTN44&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=FX07K5XBSdc&feature=relmfu

 

Batum, um 1900 Hauptort des gleichnamigen Bezirks im russ.-kaukas. Gouvernement Kutais am Schwarzen Meer, an der Bahnlinie nach Tiflis; die Stadt hatte damals über 26 000 Einw. und zählte je eine russ., griech. und armenische Kirche sowie 3 Moscheen; bereits zu jener Zeit spielte das von Baku kommende Erdöl eine bedeutende wirtschaftliche Rolle, zahlreiche Ölreservoirs bestimmten das Stadtbild; der Hafen Batums galt als der beste der ganzen Küste und wurde von Schiffen nahezu aller europäischer Seefahrernationen angesteuert; Deutschland war in der Stadt durch einen Vizekonsul vertreten; die Anfänge Batums gehen auf das Altertum und die Griechen zurück; sein Name (und sein Besitz) waren einem mehrfachen Wechsel unterworfen: Bathys, Petra, Wati, Bathumi und heute Batum; der Berliner Kongress sprach Batum den Russen zu und es erhielt vorübergehend den Status eines Freihafens; heute ist Batum die Hauptstadt der Autonomen Republik Adscharien und gehört zu Georgien.

Berliner Kongress, Österreich-Ungarn, das sich nach Beendigung des Russ.-Türk. Krieges von 1877/78 bedroht gefühlt hatte, regte eine Zusammenkunft führender Staatsmänner der europ. Großmächte und des Osman. Reiches an, um Grenzfragen und Einflusssphären  zu klären; als Vermittler und Vorsitzführenden hatte man sich den deutschen Reichskanzler Otto v. Bismarck ausersehen; es gelang die aufstrebende und expandierende Macht Russland zu bedeutenden Zugeständnissen zu veranlassen; so wurde Bulgarien in ein dem Osman. Reich tributpflichtiges Fürstentum und in eine osman. Provinz Ostrumelien geteilt – und nicht zu einem Protektorat Russlands; das Zarenreich wurde dafür mit Teilen Bessarabiens (heute in etwa die Rep. Moldawien) abgefunden, die Rumänien abzutreten hatte; die Rumänen ihrerseits entschädigte man mit der Dobrudscha und der Zusage ihrer Unabhängigkeit; auch Serbien und Montenegro erlangten diesen lange ersehnten Status; Österreich-Ungarn kam in den Genuß des Mandats zur Besetzung von Bosnien und der Herzegovina; seinen Abschluss fand der Berliner Kongress im Berliner Frieden bzw. in der Unterzeichnung der Kongressakte am 13.7.1878; selbstverständlich führten die getroffenen Abmachungen zu neuen Spannungen, die jedoch von einigen Mächten als durchaus erwünscht angesehen wurden (Bismarck: „Offenhalten des orientalischen Geschwürs“).

Bitlis, Provinzhauptstadt in Ostanatolien; seit dem 13. Jh. von Kurden bewohnt.

Charput, Stadt im ehem. türk. Wilajet Ma’amuret ül-Aziz; beherbergte um 1900 ein von amerikan. Missionaren gegründetes armen. Kolleg und war Militärstützpunkt; die Einwohner Charputs waren damals mehrheitlich Türken.

Cilicien, Kilikien; histor. Landschaft in der Türkei; umfasst den Mitteltaurus und die kilikische Ebene (Çukurova); ab 1129 Kern des Fürstenstaates, ab 1198 des Königreichs Kleinarmenien; 1375 von ägypt. Mameluken, 1514 vom Osman. Reich erobert.

Diarbekir, Hauptstadt des gleichnamigen ehem. türk. Wilajets; in der Osttürkei (Kurdistan) am Ufer des Tigris gelegen; um 1900 Sitz eines jakobitischen und eines chaldäischen Patriarchen sowie eines griech. Bischofs.

Dragoman, (arab., eigentl. Terdschumân), der Dolmetscher an den oriental. Höfen, bei der Pforte, bei fremden Gesandtschaften und Konsulaten in der damaligen Türkei.

Drusen, um 1900 in Mitteleuropa als „Völkerschaft“ bzw. als „religiöse Sekte“ eingestuft und im damaligen Syrien, genauer am westl. Abhang des Antilibanon, ab Beirut bis Saida und vom Mittelmeer bis in die Region Damaskus aber auch, seit 1861, im Hauruan zu Hause; als Eigenbezeichnung der Drusen wird „Muwahhidun“ („Unitarier“, Monotheisten) angegeben; in ihren Wohngebieten lebten sie allein oder gemeinsam mit den, mit ihnen verfeindeten, Maroniten; man schätzte ihre Anzahl im Jahre 1883 auf etwa 100 000, davon 50 000 im Hauruan und 28 000 im Libanon; ihre Sprache ist das Arabische, während ihre Abstammung lange als nicht eindeutig geklärt galt; Meyers Großes Konversationslexikon von 1904 bezeichnet die Drusen als „gute Freunde der Engländer“; ihre Religion wird als „mohammedanischer Gnostizismus“ mit mannigfaltigen Anleihen bei anderen Religionen und Denkweisen beschrieben; über das Wesen der Drusen verrät das genannte, deutsche Nachschlagewerk: „Die D. sind mäßig, reinlich und fleißig, tapfer, aber auch treulos (besonders gegen die Türken) und empfindlich. Wie den Beduinen sind ihnen Gastfreundschaft und Blutrache heilig…“; heute (2006) geht man von rund einer Million Angehöriger dieses Volkes in Syrien, im Libanon, in Israel, Jordanien, Nordamerika und Westeuropa aus; im modernen Staat Israel genießen Drusen gegenüber Christen und arab. Muslimen besondere Rechte.

Eriwan, (Name bedeutet: „sichtbar“); um 1900 Hauptstadt des gleichnam. russ.-transkaukas. Gouvernements; 65 km nordöstl. vom Berg Ararat, auf 967 m Höhe in einem fruchtbaren Obstanbaugebiet gelegen; i. J. 1897 zählte es ca. 29 000 Einw. und war Sitz eines armen. Bischofs, es verfügte über 6 armen.-gregorian. Kirchen, 1 russ. Kirche, 5 Moscheen und ein armen. Priesterseminar; Eriwan war abwechselnd von Türken und Persern erobert worden, bis es 1827 die Russen einnahmen und 1828 zuerkannt bekamen; 1878 wurde auch noch der südl. Teil, bis dahin türk., russisches Territorium.

Erzerum, Hauptstadt des gleichnamigen, einen  großen Teil des alten Armeniens umfassenden, Wilajets in der Ost-Türkei; an den Euphratquellen auf 1965 m Höhe gelegen; unterteilt in die Bezirke Erzerum, Erzingjan und Bajesid und seit langer Zeit von militär. wie wirtschaftl. Bedeutung; 1904 waren von den 39 000 Einwohnern jeweils 2/3 Türken und 1/3 Armenier; Erzerum beherbergte damals 65 Moscheen, 15 Derwischklöster, 4 christl. Kirchen und war Sitz eines gregorian. Erzbischofs, eines armen.-kathol. und eines griech.-orthodox. Bischofs; trotz bis dahin Abwanderung zahlreicher Armenier war es um 1900 noch ihr bedeutendster Handelsplatz; Konsulate Russlands, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens, Persiens und der USA belegten seine Wichtigkeit; Erzerum war ursprünglich aus der altarmen. Stadt Karin, später Karana (griech.), die von den Arabern 657 erobert worden war, hervorgegangen; nach 1000 erhielt es die neue Bezeichnung Ardzn Rûm und wurde in der Folge von Seldschuken, Mongolen, Persern, zuletzt Türken (1522) erobert, die es im 19. Jh. zweimal vorübergehend den Russen überlassen mussten.

Gjumri, von 1840 bis 1924 Alexandropol, 1924-1991 Leninakan, 1991-1992 Kumajri; heute zweitgrößte Stadt der Rep. Armenien; liegt im NW des Landes nahe der türk. Grenze auf 1592 m ü. M.; die Ursprünge gehen auf etwa 400 v.d.Zr. zurück und machen Gjumri damit zu einer der ältesten Städte des Landes; im MA eine große und bedeutende Siedlung, wurde Gjumri im 8. Jh. das Zentrum der armen. Erhebung gegen das Kalifat; 1804 wurde die Stadt russisch und zum Zufluchtsort bzw. zur neuen Heimat von Armeniern, die aus anderen Regionen des Osman. Reiches ausgewandert waren; bis dahin waren die Armenier in Gjumri eine Minderheit gewesen; 1853 wurden bei Gjumri (Alexandropol) die Türken von den Russen geschlagen; 1897 war Gjumri Kreisstadt im russ. Gouvernement Eriwan (Transkaukasien) mit 5 Kirchen und florierender Seidenindustrie, außerdem diente es als Festungsstadt und Garnison;  seine Bevölkerung von 30 700 Einwohnern setzte sich zu 71, 1 % aus Armeniern, zu 16,8 % aus Russen und zu 3,6 % aus kaukas. Tataren zusammen; jeweils 1918 und 1920 besetzten türk. Truppen Gjumri kurzfristig, ehe es Teil der Sozialistischen Sowjetrepublik Armenien wurde; möglicherweise noch einige Jahre in die Sowjetzeit hinein existierten in der Stadt Kinderheime des (US-)amerikanischen Hilfswerkes für armen. Waisenkinder; Gjumri ist die Geburtsstadt zahlreicher Prominenter, so des Komponisten Armen Tigranjan, ferner der in Deutschland lange Zeit hochangesehenen Schauspielerin Olga Tschechowa sowie mehrerer Sportler von Weltruf.

Göktscha-See, (Goktschai, „laues Wasser“, armen. Sewanga, altpers. Haosrawagha); größter Binnensee Kaukasiens; nordöstl. von Eriwan in 1931 m Höhe gelegen; im See die Insel Sewan mit armen. Kloster.

Gomidas, Soghomon Gevorski Soghomonian – Komitas Vardapet (Gomidas Vartabed); geb. 1869 in Kütahya im Osman. Reich, gest. 1935 in Paris; armen. Priester, Komponist, Sänger, Chormusiker, Musikpädagoge, Musikethnologe, Musikwissenschaftler; Studium in Tiflis und in Berlin; wurde 1915 verhaftet und deportiert, aber auf Intervention u.a. des US-Botschafters Henry Morgenthau sr. (gemäß Angabe der Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971) wieder freigelassen und lebte ab 1919 in Paris im Exil; Komitas spielte, was sein Wirken für die Musik Armeniens anbelangt, eine vergleichbare Rolle wie Paul Ben Chaim für Israel.

http://www.youtube.com/watch?v=VCZRAQ5KWdw&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=uHX_vkKbG0g&feature=related

Grabar, Altarmenisch, klassisches Armenisch; ab dem 5. Jh. Basis der armen. Schriftsprache; wird im kirchl. Leben bis in die Gegenwart verwendet; in Grabar existiert eine reichhaltige Literatur zu Theologie, Geschichte und Dichtkunst.

Grothe, Albert Louis Hugo Grothe; 1869-1954; war Auslandskorrespondent, Kulturpolitiker, Kulturwissenschaftler, Geograph, Orientalist, Begründer einer Oriental. Gesellschaft (1900, in München), Lutheraner; Grothe, der ab 1896 ausgedehnte Reisen in islam. Länder und Regionen unternommen, der seine Dissertation über die Bagdad-Bahn geschrieben und sich 1916 für Geographie in Stuttgart habilitiert hatte, wurde 1938 der Professorentitel verliehen; was das Schicksals der Armenier in der Türkei anbelangt, ging Grothe in seinen Veröffentlichungen konform mit der im Kaiserreich herrschenden Einstellung – er empfand die „zwangsweise Volksverpflanzung“  der Armenier „nach dem nördlichen Mesopotamien“ als gerechtfertigt; ab 1912 wechselte er in den kulturpolit. Bereich über und widmete sich zunehmend dem „Auslandsdeutschtum“, über das er u.a. in seiner Zeitschrift „Deutsche Kultur in der Welt – Staaten, Völker, Volkstum. Beiträge zur Auslandkunde und Deutschtumsforschung“, die er von 1914 bis 1944 leitete, berichtete.

Hethiter, Bevölkerung Kleinasiens mit der ältesten bisher bekannten indogerman. Sprache; ihr Königreich Hatti bestand ab der 1. Hälfte des 2. Jtd. v. d. Zr. bis ca. 1200 v. d. Zr. in Zentralanatolien; Hauptstadt war Hattusa, heute Boğazkale/Boğazköy.

Ibrahim Pascha, dieser Name kommt in der Geschichte des Osman. Reiches häufig vor und daher kann hier eine Zuordnung nur unter Vorbehalt erfolgen: möglicherweise ist Ibrahim Heski (auch: Ibrahim Pascha Haski Tello, Ibrahim Agha, Ibrahim Pascha, „Heski-Zâde Ibrahim“, „Birho“, „Bro Haski Tello“, „Bro Haski Talu“, Ibrahim Agha Huske Tello; kurd. Biroyê Heskê Têlî), ein Angehöriger des Hesesori-Celali-Stammes, kurdischer Freischärler und Politiker gemeint; zu seinem Geburtsort bzw. -jahr waren keine Angaben erhältlich; bekannt ist, dass Ibrahim im Ersten Weltkrieg an der Kaukasusfront in türkischen Reihen gegen die Russen kämpfte und sich nach 1918 als Händler in Doğubeyazit betätigte; 1925, bei einem Aufstand zunächst loyal, wechselte er zu den Aufständischen über, und löste bald darauf selbst eine Erhebung (Ararat-Aufstand, 1926) aus; als die Kurden die Republik Ararat ausriefen, ernannten sie Ibrahim zu deren Präsidenten; nach Niederschlagung des Aufstands flüchtete er in den Iran, wo es 1931 zu Kämpfen zwischen Kurden und iran. Regierungstruppen kam; hierbei fand er den Tod.

Von einem weiteren Kurden-Anführer des Namens Ibrahim Pascha, der aus Viranschehir stammte, Hamidiye-Kommandant war und ebenfalls in Revolten verwickelt war, berichten andere Quellen.

Jungtürken, (türk. Genç Türkler, Jön Türkler); Bezeichnung für Gruppen, die gegen das Regime von Sultan Abd ül-Hamid II. kämpften; zu ihnen gehörte u.a. die 1889 gegründete „Gesellschaft für osman. Einheit“ in Istanbul, später auch das „Komitee für Einheit u. Fortschritt“; anfangs zählte die Bewegung in ihren Reihen auch alban., armen., und arab. Politiker; aktiv waren die Jungtürken zunächst vornehmlich im Ausland (Europa und Ägypten); das türk. Offizierskorps war ein Herd ihrer Bewegung; ein Punkt des Reformprogramms der Jungtürken sah die Aufhebung aller ethn. u. relgiös. Unterschiede mit dem Ziel einer „einheitl. osman. Nation“ vor; die jungtürk. Revolution von 1908/09 beendete das Regime Abd ül-Hamids II.; nach dem Staatsstreich von 1913 ging die gesamte Macht im Osman. Reich an die Jungtürken über, die sie bis 1918 unter Enver Pascha, Djamal Pascha und Talat Pascha behaupten konnten; am 2.8.1914 schlossen die Jungtürken mit dem Deutschen Reich ein geheim. Militärabkommen – damit war die Türkei ab Oktober des gleichen Jahres Bündnispartner der Deutschen im Ersten Weltkrieg; die Jungtürken gelten als hauptverantwortlich für die Zwangsumsiedlung der Armenier u. anderer Nichtmuslime Anatoliens; der verlorene Weltkrieg beschnitt die Macht der Jungtürken, bzw. führte zum Rücktritt von deren Regierung im Oktober 1918.

Kaisari, war um 1900 Hauptort eines Sandschaks (Verwaltungsbezirk) im türk. Wilajet Angora in Kleinasien, südl. von Kisil Irmak; von seinen damals 72 000 Einwohnern waren 45 000 Türken und der Rest Griechen und Armenier; Kaisari hieß im Altertum Mazaka, dann Eusebeia und zu Zeiten von Kaiser Tiberius Caesarea; eine von Justinian erbaute Burg diente lange als Bollwerk gegen die Byzantiner, ehe sie zur Residenz von Seldschukensultanen wurde.

Kaisarié, auch Kaisârije, Cäsarea; war um 1900 eine ummauerte Ruinenstadt an der Küste Palästinas, zwischen Haifa und Jafa gelegen, die seit 1884 von einigen hundert Bosniaken bewohnt wurde; ihre Ursprünge gehen auf das Jahr 13 v.d.Zr. und Herodes zurück; zunächst Sitz römischer Prokuratoren, war sie später römische Kolonie, Bischofssitz und Ort, an dem bedeutende Konzile abgehalten wurden; in der Zeit der Kreuzzüge wurde sie abwechselnd von Christen und Muslimen erobert, dann1265 zerstört.

Karabagh, Berg Karabach (armen. Lernajin Rarabach, Lernayin Ġarabax, russ. Nagorny Karabach; pers. =„schwarzer Garten“); ein einst unter armen. Fürsten stehender gebirgiger Landstrich, von Persien durch den Araxes getrennt, dessen tatarische Bewohner einmal die Macht an sich rissen; nach der Flucht des letzten Tatarenchans Mechti Kuli nach Persien 1822 übernahmen die Russen Karabach in ihre Verwaltung (russ. Gouvernement Jelissawetpol in Transkaukasien); um 1900 waren die meisten Bewohner entweder Türken oder Armenier, die von Acker- bzw. Obstbau, Viehzucht etc. lebten; 1905-1907 und 1918-1920 war Berg Karabach Zentrum armen.-tatar. Unruhen mit Zehntausenden Toten; 1918-1921 unterstand die Region wechselnder Herrschaft; 1920 ereigneten sich unter dem aserbaidschan. General Chosrow Bek Sultanow Massaker an der armen. Bevölkerung von Schuscha der Hauptstadt von Karabach; ab 1923 wurde Berg Karabach ein sog. „Autonomes Gebiet“ der Sowjet Union; 1989 waren 76,9% der Bevölkerung Berg Karabachs Armenier und 21,5% Aserbaidschaner; letztere wurden im blutigen Krieg von 1990-1994 mehrheitlich vertrieben oder flohen; gegenwärtig trägt Berg Karabach den Status eines international nicht anerkannten Territoriums.

Karatheodori, Aleksandros Karatodori Pascha, Iskender Pascha, Alexander Carathéodory Pascha, auch: Caratheodory, Carathéodori; griechischstämmiger Diplomat in Diensten des Osmanischen Reiches, Staatsmann; einer angesehenen Familie entstammend, wurde er am 20.7.1833 in Konstantinopel geboren und studierte später sowohl dort als auch in Paris; danach zunächst im diplomat. Dienst des Osman. Reiches tätig, berief ihn Ali Pascha in das Ministerium des Äußern; 1876 trat Karatodori als Unterstaatssekretär in das Ministerium ein, um zwei Jahre später, 1878, als erster Bevollmächtigter der Pforte auf dem Berliner Kongress in Erscheinung zu treten; ebenso führte er in Wien die Verhandlungen mit der österr. Regierung über die Besetzung Bosniens; danach bekleidete er die Ämter des Generalgouverneurs von Kreta sowie des Außenministers des Osman. Reiches und er hatte den Rang des Fürsten von Samos inne; nach dem Ausbruch von Unruhen suchte er 1896 um Entlassung aus seinen Ämtern an; Karatodori verstarb am 27.1.1906 in Konstantinopel; selbst beim, als Türkenfeind bekannten, Otto von Bismarck hatte sich Karatodori anlässlich des Berliner Kongresses aufgrund seiner intelligenten Haltung Sympathien erwerben können.

Khalif, Kalif, Chalif (arab. „Stellvertreter – des Propheten Gottes“); Bezeichnung für die Nachfolger Mohammeds in dessen geistlichem und weltlichen Herrscheramt; das durch die Kalifen gegründete Reich ist das Kalifat; der Kalif hatte die Religion zu schützen und die Welt zu regieren; in Fragen des Dogmas oder der Gesetze jedoch hatte er keine Stimme; nachdem als Gesetzesquelle geltenden Hadis muss der Kalif dem arab. Stamm der Korâisch angehören.

Kimmerier, Cimmerii; nomadisches Reitervolk möglicherweise iranischer Herkunft a. d. Nordküste des Schwarzen Meeres; wurden von den Skythen vertrieben und fielen ihrerseits im 9. und 8. Jh. v.d.Zr. plündernd und mordend über die Bewohner Kleinasiens her; um 600 v.d.Zr. besiegte sie der lydische Herrscher Alyattes IV. und beendete damit ihre histor. Existenz.

Lasen, Lazi, Tschanen, Tschani; Volk, das zur kaukas. Familie (kartwelische Sprachen) gerechnet wird, an der SO-Küste des Schwarzen Meeres und im Pontischen Gebirge in der Türkei; in den Provinzen Artvin und Rize leben heute ca. 25 000 Lasen; weitere rund 5000 Lasen in der Republik Adscharien (Georgien); die Lasen nahmen ab dem 6. Jh. das orth. Christentum an und konvertierten mehrheitlich im 16. Jh. zum sunnit. Islam; von den Ethnologen werden sie gemeinsam mit den Mingreliern zu den Georgiern gezählt.

Lasistan, Küstenlandschaft am SO-Ufer des Schwarzen Meeres; gehörte um 1900 zum größten Teil zum türk. Wilajet Trapezunt, zu einem kleineren Teil zum russ. Gouvernement Kutais; die Bewohner des türk. Sandschaks Lasistan, die damals hauptsächl. vom Obstbau lebten, 139 000 an der Zahl, die Lasen, charakterisierte Meyers Großes Konversationslexikon von 1906 (6. Aufl.) als roh in ihren Sitten und als fanatische Moslems, denen allgemein ein schlechter Ruf anhänge; 1878 wurde der Ostteil Lasistans von der Türkei an Russland abgetreten.

Lobanow, Aleksej Borisowitsch Lobanov-Rostovskij; 1824-1896; russischer Adeliger, Diplomat, Staatsmann, Außenminister (1895/96), Herausgeber einer russischen Genealogie sowie weiterer bedeutender geschichtswissenschaftlicher Arbeiten; 1859-1863 als Diplomat in der Türkei, später in gleicher Funktion in Großbritannien, Österreich-Ungarn und Deutschland; erwarb sich für sein Land hohe Verdienste.

Maroniten, arab. Mûrâni; eine nach dem Mönch Johannes Maro (gestorben vor 423) benannte christliche Sekte („Syrisch-maronitische Kirche“); sie wurde bereits im 8. Jh. vom Kalifen als eigene Gemeinschaft anerkannt; nach Vertreibung durch die Araber im Libanon angekommen, bekannten sich die Mar. zur Zeit der Kreuzzüge zur lat. Kirche; der Papst akzeptierte ihr religiöses Oberhaupt offiziell als Patriarchen von Antiochia; um 1900 bezifferte man ihre Gesamtzahl auf 300 000 Personen, von denen 200 000 im Libanon lebten; Meyers Großes Konversationslexikon aus jenen Jahren charakterisierte die Maroniten als „sehr intelligent, fleißig und gewandt, aber von zweifelhafter Moralität.“; als Sprache fast aller Maroniten wird Arabisch genannt, während das Syrische (Assyrische) nur noch als Kirchensprache gepflegt werde; Heute existieren außer in Libanon noch Bistümer in Syrien (3), Israel (1), Ägypten (1), Lateinamerika (3), Nordamerika (3), Australien (1) und Zypern (1); zu Beginn des 21. Jh. geht man von weltweit 2,3 Millionen Maroniten aus, davon 750 000 im Libanon und ca. 46 000 in Syrien; als größte Gemeinde, mit 700 000 Mitgliedern, gilt jene Argentiniens.

Meder, ein westiran. Reitervolk, das zu den Indogermanen gerechnet wird; der Name Medien, die Heimat der Meder, war zugleich im Altertum die Bezeichnung für eine vorwiegend gebirgige Landschaft Vorderasiens zwischen Kaspischem Meer, Armenien, Assyrien, Susiana (Elam), Persis, Parthien, Hyrkanien und NW-Iran; die Meder verschwanden ab dem 2. Jh. v.d.Zr. aus der Geschichte.

Mersiwan, auch Mersifun, Merzifon; um 1900 Stadt im türk. Wilajet Siwas in Kleinasien, die von Weinbau und Baumwollweberei lebte; von den damals 20 000 Einwohnern waren 13 000 Mohammedaner und die restlichen überwiegend Armenier; Meyers Großes Konversationslexikon von 1907 nennt noch ein amerikan. Kollegium in der Stadt und bezeichnet diese als „Zentrum der protestantischen Propaganda in jener Gegend“.

Gabriel Effendi Noradunghian, Gabriel (Kapriel) Efendi Noradunkyan; Armenier; Politiker und Staatsmann im Osman. Reich; geboren 1852 in Konstantinopel, schlug er eine politische Laufbahn ein, wurde 1908 Handelsminister und 1912-13 unter Sultan Mehmed V. Außenminister; 1915 ging er ins westeuropäische Exil, wo er bald in leitender Position als offizieller armen. Repräsentant die Interessen der Armenier, u.a. auf der Konferenz von Lausanne, vertrat; er strebte dabei die Gründung eines unabhängigen armenischen Staates in Anatolien an; seine letzten Jahre verbrachte er in Paris, wo er u.a. als Vorsitzender diverser armen. Hilfsorganisationen fungierte und wo er 1936 verstarb; neben Noradunkyan gab es noch weitere armen. Politiker im einstigen osman. Parlament oder haben Armenier im kommunalen Bereich hohe Ämter inne gehabt: Bedros Kapamajian als Bürgermeister der Stadt Wan (ab 1908) und die Parlamentarier Garegin Pasdermajian, Krikor Zuhrab, Berc Keresteciyan.

Siehe hierzu auch: Turkish Journal 07/04/07; „Five Noteworthy Armenians“ von Sevgi Zübeyde Gürbüz. http://www.turkishjournal.com/i.php?mid=38&yid=4

http://tr.wikipedia.org/wiki/Gabriel_Noradunkyan

Ostrumelien, Teil Bulgariens, von der Maritzaeben bis zu den Höhen des Rhodope- und Rilagebirges und bis zum Golf von Burgas (Schwarzes Meer); beim Berliner Kongress 1878 eigentlich zu einer autonomen Provinz des Osman. Reiches erklärt, wurde es bereits im Sept. 1885 an das damalige Fürstentum Bulgarien angeschlossen.

Parther, ursprüngl. ein iranischer Stamm im Gebiet westl. v. Khorasan; die Parther gewannen ab dem 3. Jh. v.d.Zr. und mit Beginn der Arsakidenherrschaft histor. Bedeutung; sie dehnten ihr Reich solange aus bis sie zu Nachbarn und militär. Gegenspielern der Römer wurden; ihre Hauptresidenz war zunächst Nisa (heute Turkmenistan), dann Ktesiphon am Tigris; das Partherreich bestand bis 224 n.d.Zr. und es setzte sich aus verschiedenen Völkern und Kulturen zusammen.

Pforte, Kurzbezeichnung für die Regierung des Osman. Reiches (eigtl. „Hohe Pforte“).

Dr. Pietschmann vom Wiener Museum, höchstwahrscheinlich der österr. Ichthyologe Victor Pietschmann (1881-1956); der Zoologe, der zahlreiche Fernreisen unternahm, hielt sich 1910 in Mesopotamien auf und befand sich bei Kriegsausbruch 1914 auf einer Expedition durch Armenien; er absolvierte seinen Wehrdienst als Offizier in der Türkei, wobei er in Erzurum eine Alpintruppe aufstellte; auf späteren Reisen erforschte er Kurdistan und Anatolien; der Wissenschaftler Pietschmann stand bereits früh mit Adolf Hitler in Verbindung und war auch überzeugter Nationalsozialist, trat jedoch aus persönlichen Gründen nicht der NSDAP bei.

Pontus, Pontus Euxinus (eigtl: „unwirtliches Meer“), im Altertum Name für das Schwarze Meer; Pontos – Bezeichnung für die nordöstlichsten Landschaften von Kleinasien, die ursprünglich teils zu Kappadokien, teils zum Gebiet unabhängiger Stämme gehörten.

Paul Rohrbach, Karl Albert Paul Rohrbach, geb. 1869 im Baltikum, gest. 1956 in Deutschland/West; ein evangelischer Theologe, Publizist, Kolonialbeamter und Reiseschriftsteller; studierte Geschichte, Geografie, Volkswirtschaft und Theologie; unternahm diverse Reisen ins kaiserl. Russland, in den Kaukasus, in den Nahen Osten und in die deutschen Afrika-Kolonien; orientierte sich zunächst an der Theologie, ehe er den Schwenk zur Politik vollzog; wurde zum Repräsentanten eines protestantisch-deutschen Kulturchauvinismus; vertrat eine antirussische, ukrainophile Haltung und setzte sich für die Germanisierung des Baltikums ein; 1914 war er Mitbegründer der Deutsch-Armenischen Gesellschaft in Berlin, deren Ziel Souveränität und Autonomie Armeniens waren; während des Kaiserreiches und der Rep. von Weimar übte er beträchtlichen Einfluss auf Politik und Meinungsbildung aus; 1920 bis 1926 gehörte er der DDP an, die sich für eine  Revision des Vertrages von Versailles stark machte, die an fast allen Regierungen des Reiches beteiligt war und die u.a. den Außenminister Rathenau stellte; trotz zahlreicher Gemeinsamkeiten in Bezug auf die Außenpolitik wollte Rohrbach später nicht mit dem NS kollaborieren, da er dessen Gewalttaten mit seiner protestantischen Ethik nicht in Einklang zu bringen vermochte; er verbrachte die Jahre 1933 -1945, soweit bekannt, mit der Abfassung unverfänglicher Werke wie etwa von Reiseberichten.

Schuscha, um 1900 Hauptstadt des gleichnamigen Kreises im russ. Gouvernement Jelissawetpol (bzw. von Karabach) in dem damals zumeist Tataren und Armenier lebten; die Stadt hatte zu jener Zeit nahezu 26 000 Einwohner, zumeist Armenier, und lebte vor allem von Baumwoll- und Seidenwebereien sowie von Teppichwirkereien; Schuscha liegt in 1550 m Höhe auf einem steilen Felsen.

Seldschuken, alttürk. Herrschergeschlecht, das im 11.-14. Jh. den mächtigsten Staat im Vorderen Orient bildete, später jedoch ein Dasein als Vasall der Mongolen fristen musste und schließlich aus der Geschichte verschwand.

Seleukiden, eine makedonische Dynastie, begründet von Seleukos I., die von 312-64 v.d.Zr. in Vorderasien herrschte; das Seleukidenreich erstreckte sich zeitweise von Vorderasien bis fast an den Indus und vermittelte die hellenist. Kultur bis weit über die Grenzen dieses Territoriums.

Täbris, Tebriz, Tauris; um 1900 Hauptstadt der persischen Provinz Aserbeidschân, in einer fruchtbaren Ebene, 1500 m ü. M. gelegen; zählte damals zahlreiche Moscheen, 5 armen. Kirchen, Basare, Karawansereien und lebte bes. von der Stoff- und Teppichherstellung; durch seinen lebhaften Durchgangsverkehr zwischen Europa und Persien wurde Täbris zu einem der bedeutendsten Handelsplätze Persiens; die Stadt war 792 an der Stelle einer Sassaniden- Siedlung aus dem 3 Jh. n.d.Zr. gegründet worden und später mehrfach zwischen Persern, Türken und Russen umkämpft gewesen; heute ist sie Hauptstadt der iranischen Provinz Ostaserbaidschan.

Taurus, Tauros (nordsemitisch für „Gebirge“), Bez. Für das südl. Randgebirge des Hochlandes von Kleinasien; erstreckt sich vom Euphrat westwärts bis an das Ägäische Meer; erreicht Höhen von bis zu über 3000 m ü. M.; weitere Bezeichnungen des Gebirgszuges lauten Bulghar Dagh und Ala Dagh.

Tohuwabohu, eigtl. Tohu wabohu (hebr. „wüst und leer“); nach Moses 1,2 Bezeichnung für ein wüstes Durcheinander, Chaos, Unordnung etc.

Trapezunt, auch Trebisonda, Tarabozon, Tirabzon, heute: Trabzon; an der Wende von 19. zum 20. Jh. Hauptstadt eines gleichnamigen türkischen Wilajets in Kleinasien, am Schwarzen Meer, mit im Jahre 1905 – 35 000 Einw.; bedeutender Umschlagplatz für Waren nach und aus Europa; die Bevölkerung der Stadt setzte sich damals aus Türken, Griechen, Armeniern, Persern sowie weiteren kleineren Gruppen zusammen; die Gründung Trapezunts geht auf die Griechen und das Jahr 700 v.d.Zr. zurück; 1461 musste es sich den Osmanen ergeben.

Tscherkessen, Indogermanischer Volksstamm (also entfernt verwandt mit u.a. Kurden, Iranern und Armeniern), der zur westl. Gruppe der Kaukasusvölker gerechnet wird; die Tscherkessen bewohnten einst das Ostufer des Schwarzen Meeres, die Westhälfte des Kaukasus, die Ebenen am Kuban, die Kabardinische Ebene, bis es ab 1858 zu größeren Abwanderungen (bis 1864 – 400 000 Menschen) auf türk. Gebiet (Kleinasien, Syrien, Palästina, Europa) kam; um 1905 lebten auf russ. Gebiet im Kubangebiet 69 000, am Terek 82 000 (dort Kabardiner genannt) und am Schwarzen Meer 1400 Tscherkessen; gemäß einem Nachschlagewerk von 1909 hatten die Tscherkessen zunächst teils dem armenischen, teils dem griechisch-orthodox. Christentum angehört, ehe sie den Islam annahmen; anscheinend hielten sich jedoch bei ihnen auch noch weiterhin Spuren sowohl christlichen wie heidnischen Brauchtums.

Unierte, unierte orientalische Kirchen heißen solche Gemeinden, Bistümer und Patriarchate im Orient, die sich unter Beibehaltung ihrer alten Kirchenverfassung, ihrer im Gottesdienst verwendeten Sprache und ihrer rituellen Gebräuche mit der röm. kath. Kirche vereinigt haben; Bedingung für die Vereinigung war die Anerkennung der Lehre, dass der „Heilige Geist“ auch vom „Gottessohn“ ausgeht, ferner die Anerkennung der Lehren vom „Fegfeuer“ und der Unterordnung unter das päpstliche Primat; fünf Riten werden unterschieden: Der armenische, der koptische, der abessinische, der griechische und der syrische.

Urarthu, Gebiet der Urartäer am Wan-See in Ostanatolien; die Gründung des Reiches Urartu geht auf das 9. Jh. v.d.Zr. zurück; das Armenische bewahrt bis in die Gegenwart Lehnwörter aus der um 600 v.d.Zr. ausgestorbenen urartäischen Sprache.

vogelfrei, im alten deutschen Recht soviel wie ohne Rechtsschutz bzw. geächtet

Wan, Hauptstadt des gleichnamigen, überwiegend von Kurden besiedelten, Wilajets im türkischen Armenien; die Stadt Wan liegt am östl. Ufer des in 1666 m Höhe gelegenen Wan-Sees und lebte damals von Baumwollindustrie, Fischfang und Handel; sie beherbergte zu Beginn des 20. Jh. 12 armenische Kirchen und 11 Moscheen; unter ihren ca. 30 000 Einwohnern stellten die Armenier neben Türken und Kurden die größte Gruppe; als Gründer Wans traten die Hethiter im 9. Jh. v.d.Zr. hervor; bei den Griechen hieß die Stadt Buana, bei den Armeniern Schamiramagerd; angeblich hat der Herrscher Tigranes die Stadt im 1. Jh. v.d.Zr. mit kriegsgefangenen Juden bevölkert; vom 4. bis 11. Jh. n.d.Zr. diente Wan als Residenz der armenischen Ardzuni; später unterstand es Byzantinern, Seldschuken, Turkmenen, Persern und schließlich den Türken.

Wilajet, türk. Bezeichnung der Provinzen, in die das Osman. Reich um 1866 eingeteilt wurde; an der Spitze des Wilajets stand jeweils der Wali oder der Generalgouverneur.

(Quellen des Glossars: Meyers Großes Konversationslexikon in zwanzig Bänden, 6. Aufl., Leipzig und Wien 1903-1909; Meyers Lexikon, 7. Aufl., Leipzig 1924-1930; Der Große Brockhaus in zwanzig Bänden, 15. Aufl., Leipzig 1928-1935; Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971; Meyers Enzyklopädisches Lexikon in 25 Bänden., 9. Aufl., Mannheim u.a. 1971-1979; Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, 21. Aufl., Leipzig und Mannheim 2006; Neue Deutsche Biographie, Berlin ab 1953 sowie i.d.R. verlässliche Webseiten)