Arafats unruhiges Nachleben

Jassir Arafats Kufjeh (Kopftuch) war das nationale und internationale Symbol Palästinas. So steht es in einer Darstellung der palästinensischen Entwicklungsbehörde PECDAR, die mit dem Bau eines Mausoleums für den am 11. November 2004 in Paris verstorbenen Jassir Arafat, dem „längsten Kapitel in unserer Geschichte“…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 7. Juli 2012

Seine letzten Jahre hat Arafat vor allem in der Mukata (Hauptquartier) in Ramallah verbracht. Ab April 2002 und bis zu seinem Tod war die zum Teil zerstörte Mukata von den Israelis belagert und umzingelt. Nur mit Genehmigung von Ministerpräsident Ariel Scharon durfte der schon todkranke Arafat nach Paris ausgeflogen werden. Ein palästinensischer Beamter hatte den Israelis gedroht: „Arafat hat nur noch wenige Wochen zu leben. Falls er in der Mukata stirbt, werden Sie (die Israelis) dafür verantwortlich gemacht, und sein Tod wird Sie verfolgen, so wie die Christen Sie 2000 Jahre lang für das Töten von Jesus beschuldigt haben.“

In der Mukata empfing Arafat regelmäßig ausländische Besucher und Journalisten. Legendär war der Konferenztisch, der Arafat auch als Schreibtisch diente. Vor ihm waren Mitbringsel ausgelegt, darunter in Zellofan eingepackte Osterhasen und anderer Kitsch. Neben einer Mineralwasserflasche (mit abgelaufenem Gültigkeitsdatum) standen Teller mit Nüssen, ein noch versiegeltes Glas mit Honig (aus Israel) und Feuchttücher „für den empfindlichen Baby-Po“ (so die hebräische Aufschrift). Arafat las offenbar keine Zeitung, sondern ließ sich alle Texte auf DIN-4 Papiere kopieren. Sie stapelten sich neben einem Lesepult aus schwarzem Leder. Als Briefbeschwerer diente ihm das Modell einer Lufthansa-Boeing. Auf dem Bild ist auch seine berühmte Hornbrille zu sehen.

Der Konferenzsaal mit diesen denkwürdigen Reliquien ist verschlossen und wird auch Staatsgästen nicht gezeigt. So ist im Augenblick unbekannt, wo die Orden aufgehoben werden, die er an seiner Fantasieuniform trug. Bei genauem Hinschauen stellt sich heraus, dass es sich um Pfadfinderabzeichen und überkreuzte Fähnchen handelte, wie sie als Anstecknadeln verteilt werden.

Bei einem Besuch in der Mukata vor einigen Jahren ergab sich die seltene Gelegenheit, sein ehemaliges Schlafzimmer und Bad zu besichtigen. In einer Ecke stand noch sein Trimmrad.
Bei seinem wilden Begräbnis war es wegen der Menschenmassen nicht einmal möglich, ihn wie ursprünglich geplant aufzubahren. Sein Sarg wurde senkrecht in das vorbereitete Erdloch herabgesenkt.

Zunächst wurde ein einfacher Glaskasten über seine Grabstelle am südlichen Rand der Mukata errichtet. Kränze, Fußballpokale und andere „Mitbringsel“ lagen vor seinem Grabstein. An dem darüber gestülpten legendären Kopftuch hatte jemand eine ausgestopfte weiße Taube befestigt hatte. Doch ein Vogelexperte stellte fasst, dass die Flügel und Schwanzfedern jener „Taube“ von einem Hühnchen stammten.

Um ein anständiges Mausoleum mitsamt Moschee und Museum zu errichten, wurde der Glaskasten nach zwei Jahren wieder abgerissen um an seiner Stelle ein Kubus mit Fensterscheiben errichten. In seiner Mitte steht nun ein Grabstein mit arabischer Inschrift, ständig von zwei Ehrengarden in Paradeuniform bewacht. Hinter diesem 11 mal 11 Meter großen Grabmal, symbolhaft für seinen Tod am 11. 11. 2004 (gemäß dem christlichen Kalender!) war ein Wasserbecken von 184 Quadratmetern angelegt worden. Bei Pecdar heißt es: „Für das Becken wurden 44.267 Kacheln verwendet. In das Becken wird Wasser mit Farbkristallen gepumpt, die Nachts in Regenbogenfarben leuchten. In das Becken wurden auch Glasfaser-Bänder eingebaut, die ebenfalls das Wasser färben.“ Das Wasserbecken symbolisiert laut Pedcar, dass Arafats Mausoleum nur provisorisch in Ramallah steht, bis zu dessen Umbettung nach Jerusalem.

Neben einer Moschee für 250 Männer und Frauen wurde ein 30 Meter hohes Minarett errichtet, das laut Pecdar „von jedem Punkt in Ramallah“ gesehen werden könne. Vom Minarett ist ein Laserstrahl nach Jerusalem gerichtet.

„Das Mausoleum ist einfach und nicht teuer. Präsident Arafat war ein einfacher und stoischer Mann. Würde er noch leben, hätte er nichts gegen die Form, die wir ihm (dem Mausoleum) gegeben haben“, heißt es in der Pecdar Beschreibung.

Im Laufe der letzten acht Jahre seit Arafats Tod haben wir die Mukata regelmäßig besucht, etwa um offizielle ausländische Gäste zu begleiten. Zu jedem Besuch gehörte selbstverständlich eine Kranzniederlegung vor Arafats Grab. So kam es zu einer Sammlung von Archivbildern, die den ständigen Wandel der wichtigsten nationalen Pilgerstätte der Palästinenser dokumentieren.

Zur Zeit ist das Grab Arafats nicht zugänglich, weil es schon wieder umgebaut wird. Wegen neuem Verdacht, dass Arafat vergiftet worden sei, sollen seine Überreste zwecks Autopsie exhuminiert werden.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com