Des Teufels General in Regensburg

Ernst Udet inspirierte Carl Zuckmayer zu seinem antifaschistischem Bühnenstück „Des Teufels General“. In Regensburg wurde 1953 eine Straße nach dem Generalluftzeugmeister Udet benannt. Wer war der Namensgeber?…

Von Robert Werner
Erschienen bei: regensburg-digital, 25.05.2012

Der Luftwaffengeneral Harras in Carl Zuckmayers Drama „Des Teufels General“ betrachtet sich als Gegner der Nationalsozialisten, trotzdem arbeitet er für sie. Er ist der Fliegerei verfallen und von seiner Machtfülle als General berauscht. Als er eine Reihe von dubiosen Flugzeugabstürzen aufklären soll, muss er erkennen, dass ein befreundeter Ingenieur Sabotage an einem neuentwickelten Flugzeugtyp betreibt, um Europas Unterwerfung durch den Teufel Adolf Hitler zu verhindern. Der Fliegergeneral folgt jedoch seinem Gewissen, deckt den Saboteur und fliegt mit einem manipulierten Flugzeug bewusst in den Tod.

Ein antifaschistisch motiviertes Bühnenstück, das Zuckmayer im amerikanischen Exil schrieb und das 1946 zum ersten Mal inszeniert wurde. Das Schicksal des Generalluftzeugmeisters Ernst Udet, mit dem der Autor Zuckmayer bis zu seiner Ausreise in persönlicher Beziehung stand, inspirierte ihn zu diesem Stück. Udet war ein drogenabhängiger Generaloberst, der sich im November 1941 mit einer Kugel selbst tötete, ohne sich je vom NS-Regime zu distanzieren. Acht Jahre nach Kriegsende haben in Regensburg ehemalige Parteigenossen Udets eine Straße nach ihm benannt. Wer war dieser namensgebende General?


Ernst Udet im Flamingo-Doppeldecker, 1931, Foto: Deutsches Bundesarchiv

Udet – Jagdpilot, Filmstar und Unternehmer

Ernst Udet, geboren 1896 in Frankfurt am Main als Sohn eines Ingenieurs, wuchs in München auf, besuchte das dortige Theresien-Gymnasium und begeisterte sich schon als Jugendlicher fürs Fliegen. Anfang des Ersten Weltkriegs erwarb er die Fluglizenz für Zivilflugzeuge und wurde bald darauf als Feldpilot für Aufklärungsflüge eingesetzt. Als 20jähriger Jagdflieger erhielt Udet erste Auszeichnungen, bald darauf Führungsaufgaben.

Seine zahlreichen Siege in Luftkämpfen machten ihn zu einem der prominentesten Jagdflieger seiner Zeit. Nach dem Krieg trat er als Kunst- und Schauflieger auf und erreichte mit seinen Rollen in Filmen wie „Die weiße Hölle von Piz Palü“ (von Arnold Fanck, mit Leni Riefenstahl) oder „Stürme über dem Mont Blanc“ jeweils als Retter in der Not enorme Berühmtheit. Darüber hinaus versuchte er sich im gewerblichen Flugzeugbau. Nach wirtschaftlichen Problemen fusionierte die Udet Flugzeugbau GmbH im Jahr 1926 mit den Bayerischen Flugzeugwerken (BFW), die später von Willy Messerschmitt übernommen bzw. nach diesem benannt wurden. Udet, wie übrigens auch der etwa gleich alte Willy Messerschmitt, machte seinerzeit weniger wegen einer besonders ausgeprägten Nazi-Ideologie Karriere, sondern weil er dort seine Vorstellungen von Flugzeugbau und Fliegerei in machtvoller Position und mit gesellschaftlichem Ansehen im rassistischen NS-Regime umsetzen konnte.
Udets Aufstieg zum Generaloberst

Bereits im April 1933 wurde Udet zum „Fliegervizekommodore“ des „Deutschen Luftsportverbands“, der die Pilotenausbildung für den noch geheim gehaltenen Aufbau der Luftwaffe vornahm, ernannt. Im Gegenzug trat er der NSDAP bei und betrieb als weithin bekannter Kunst- und Jagdpilot NS-Propaganda. Wie etwa im Film „Wunder des Fliegens“, wo Udet Udet spielen durfte. Im Juni 1935 wechselte er im Rang eines Obersts in die neugegründete Luftwaffe, stieg zum „Inspekteur der Jagd- und Sturzkampfflieger“ auf und übernahm ein Jahr später im Reichsluftfahrtministerium die Leitung des dort angesiedelten „Technischen Amtes“. Dieses Amt mit rund 4.000 Mitarbeitern war zuständig für die Forschung, Entwicklung und Flugzeug-Beschaffung in der Luftwaffe. Der in bürokratischen Dingen ungeübte Pilot galt später als eine krasse Fehlbesetzung für diese Kriegsbehörde.

Da, nicht zuletzt wegen struktureller Defizite in der Aufrüstung der Luftwaffe, der Krieg gegen die Sowjetunion nicht gewonnen und England nicht besiegt werden konnte, wurde Generalluftzeugmeister Udet von Hitler und Göring zum personifizierten Hauptschuldigen für den negativen Kriegsverlauf erklärt. Ernst Udet, mittlerweile zum Generaloberst aufgestiegen, erschoss sich daraufhin am 17. November 1941, was jedoch geheim gehalten wurde.

Der offiziellen Version zufolge ist er bei der Erprobung eines neuen Flugzeugs verunglückt. Das Fliegeridol Udet hat das NS-Regime aber nicht demontiert, sondern ihm vielmehr ein pompöses Staatsbegräbnis gestattet. Dass sich Udet bis zuletzt nicht von der nationalsozialistischen Ideologie distanzierte, wird an einem überlieferten Statement von ihm deutlich: Er könne mit „dem Juden“ Erhard Milch nicht zusammenarbeiten. Milch, Staatssekretär im Reichsluftfahrtministeriums, war Udet von Beginn an übergeordnet und zeitgenössischen Gerüchten zufolge jüdischer Herkunft. Hier stimmte Udet ein ins antisemitische Geheul der Wölfe, die meinten, Erhard Milch damit denunzieren und schaden zu müssen.

Was von alledem könnte Udet nach dem Krieg als Namenspatron für eine Straße in Regensburg ausgezeichnet haben? Eine Spurensuche.

Ernst Udet – Regensburgs Nazi-Generaloberst

Die Udetstraße befindet sich im Westen der Stadt, im Zentrum des ehemaligen Geländes der Messerschmitt-Werke. Diese geographische Auswahl hat eine gewisse Berechtigung, da die Ansiedlung von Messerschmitt in Regensburg in Abstimmung mit dem Reichsluftfahrtministeriums bzw. Udet geschah.

Unter Generalmajor Udet bekam der Messerschmitt-Konzern zudem eine essentielle Bedeutung in der Luftrüstung zugewiesen, da im Frühjahr 1937 dessen einmotoriges Kampfflugzeug Bf 109 zum Standardjäger der Luftwaffe und Regensburg als weiterer Produktionsstandort auserwählt wurde. Soll die Straßenbezeichnung etwa an die große Bedeutung Udets für die Ansiedlung der Flugzeugwerke erinnern? Ein Blick ins öffentlich-amtliche Straßenverzeichnis hilft weiter, bestätigt diesen Zugang zunächst aber nicht.

„Udetstraße: Ernst Udet (1896-1941), General. Einer der erfolgreichsten Jagdflieger des 1. Weltkrieges, später hervorragender Kunstflieger.“

Also doch die Jagd- und Kunstfliegerei. Was aber bedeutet die Nennung des Rangs „General“ an dieser Stelle? General(major) wurde Udet erst unter den Nazis im Jahr 1937, das NS-Regime wird hierbei aber gar nicht erwähnt. Der Datensatz eines anderen städtischen Straßenverzeichnisses hingegen will von einem „General“ gar nichts wissen. Dort heißt es:

„Udetstraße: Benannt nach Ernst Udet, verdienstvoller Flieger im 1. und 2. Weltkrieg … Straßenname festgesetzt am 04.11.1953.“

„Verdienstvoller Flieger“ also. Abgesehen davon, dass der Generalluftzeugmeister Udet im Zweiten Weltkrieg z.T. gar nicht fliegen durfte, fragt man sich, was, außer viele Gegner getötet zu haben, könnte dieses schwülstige „verdienstvoll“ in diesem Zusammenhang bedeuten. Und warum verzichtet man auf die Nennung von Udets militärischen Rang, Generaloberst, dem zweithöchsten aller möglichen?

Erkenntnisversprechend scheint der Zeitpunkt der Straßenwidmung zu sein, der November 1953, der in die Amtszeit von Oberbürgermeister Hans Herrmann fällt.

Hans Herrmann – der einstige Förderer der SS betreibt Nazi-Gedenkpolitik

Da Herrmann bekanntlich 2. Bürgermeister in der Nazi-Zeit und Mitglied in rund 40 NS-Organisationen gewesen war, wurde er folgerichtig kurz nach dem Kriegsende von der US-Militärregierung aus dem Rathaus verbannt und angeklagt. Im August 1946 wurde er in der ersten Instanz von der sogenannten Entnazifizierungsspruchkammer als „Belasteter“ zu einem halben Jahr Zwangsarbeit und einem Verbot weiterer politischer Betätigung verurteilt. Spätere Instanzen der Spruchkammer stuften ihn zum „Mitläufer“ herab. Die Voraussetzung für eine Rückkehr in politische Ämter.


Im Stadtwesten von Regensburg: die Udetstraße. Foto: Werner

Ende März 1952 wurde das CSU-Mitglied Herrmann zum Oberbürgermeister gewählt und 1956 erneut im Amt bestätigt. In dieser Zeit hat sich Herrmann, so Helmut Halter, der Autor des Standardwerks „Regensburg unterm Hakenkreuz“ (1994), ungewöhnlich stark für „einige der ehemals führenden Nationalsozialisten der Stadt“ eingesetzt (so z.B. gegen den Willen des Stadtrats für eine Pension des SS-Mitglieds und NS-Oberbürgermeisters Otto Schottenheim). Gleich nach seinem Tod benannte man im Jahre 1959 eine Regensburger Grundschule nach ihm.

Da Herrmann in der Nazizeit als rechtskundiger Bürgermeister mit allen Grundstücksfragen befasst war, leitete er 1936 auch die Verhandlungen zwischen der Stadt und dem Reichsluftfahrtministerium, die zur ersehnten Ansiedlung der Flugzeugwerke führen sollten. In diesem Zusammenhang dürfte er auch mit dem verdienstvollen Flieger Udet zu tun gehabt haben. Mit der Ansiedlung der Messerschmitt-Werke stieg Regensburg als wichtiger Standort der Nazi-Kriegsindustrie zur Großstadt auf – auch daran erinnern die Udet- und die nahegelegene bzw. zeitgleich gewidmete Messerschmittstraße.

Oberbürgermeister Hans Schaidinger zufolge soll sich Hans Herrmann vom Nationalsozialismus distanziert haben. Davon kann keine Rede sein. Im Gegenteil: Mit den Straßenbenennungen hat Hans Herrmann sowohl sich selbst als auch seinen vormaligen Parteigenossen ein Denkmal gesetzt.

5 Kommentare zu “Des Teufels General in Regensburg

  1. Lieber Robert Werner:

    Guckst Du unter Aces of Aces findest Du ihn auch. (R.S. : „Pervers geradezu, dass das Töten von Menschen immer noch im, sich für so aufgeklärt haltenden, Deutschland des 21. Jahrhundert, als “Erfolg” verbucht werden kann.“)

    Unter Kriegsverbrecher nicht!

    So what? Was ist dies denn für ein Beitrag?

    Mir ist nichts bekannt, welches gegen eine Udetstraße spricht. Lasse mich gerne eines besseren belehren!

     

  2. Noch mehr vom gegenwärtigen OB Hans Schaidinger und ‚problematischen‘ Straßennamen in Regensburg:
     
    Straßennamen: Knapp an Skandal vorbei
     
    Auf dem Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik sollen die Gasometer- und die Edith-Stein-Straße aufeinandertreffen.
     

     
    von cLAUDIA bÖKEN, mz

    Regensburg. Nicht viele der Mitglieder des Stadtplanungsausschusses fiel es so richtig auf, dass Oberbürgermeister Hans Schaidinger am Dienstagabend kurzerhand den Punkt vier von der Tagesordnung nahm. „Es gibt noch Diskussionsbedarf“, so die Begründung. Es ging um die Benennung der vier Erschließungsstraßen, die auf dem früheren Südzucker-Gelände gebaut werden sollen. Gasometer-, Zuckerfabrik-, Georg-Aichinger- und Edith-Stein-Straße sollten sie heißen, so der Verwaltungsvorschlag. Problematisch: Die Gasometerstraße, die ausgerechnet die Edith-Stein-Straße kreuzt. Die 1998 heiliggesprochene Nonne, deren Büste seit 2009 in der Walhalla steht, ist 1942 im KZ Auschwitz umgebracht worden. Und da lässt sich die Assoziation zu Gas nicht von der Hand weisen.
     
    OB Hans Schaidinger versteht allerdings nicht, dass jemand Bedenken haben könne wegen des Zusammentreffens des Gasometers und der im KZ Auschwitz ermordeten Nonne will ihm nicht eingehen. „Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun. Ein Gasometer ist ein technisches Gerät, das die Haushalte mit Gas versorgt hat. Das Gebäude ist ein Industriedenkmal und die Straße führt direkt darauf zu.“ In der Vernichtungsmaschinerie der Nazis sei Zyklon B verwendet worden.
     
    „Ich habe in unserer Fraktion gesagt“, dass ich die beiden Straßennamen auf so engem Raum entsetzlich finde“, sagte SPD-Stadträtin Margot Neuner, die damit möglicherweise zum Auslöser für eine Diskussion wurde. „Da stellen sich mir ja direkt die Haare auf“, entsetzte sich CSU-Stadträtin Bernadette Dechant.
     

  3. Eine wahrhaft ‚beschmutzte‘ Biografie, die des Regensburger Ex-Bürgermeisters Hans Herrmann:
     
    „Am 1. Mai 1935 trat er als Mitglied Nummer 3613732 der NSDAP bei, im Jahr 1936 wurde er außerdem förderndes Mitglied der SS. Daneben war Herrmann Mitglied in etwa 40 NS-Vereinen und –Organisationen, so übte er z.B. die Funktion des „Kreishauptstellenleiter“ aus. Im Juli 1942 bekam er das „Kriegsverdienstkreuz“ verliehen.“
    http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Herrmann_%28Politiker%29
     
    Eine Affenschande:
    …beteiligte sich Herrmann noch im Jahr 1945 an der Gründung der CSU in Regensburg.
     
    Und noch ein erheblicher Makel:
    Die Stadt Regensburg zeichnete Hans Herrmann in seinem Todesjahr 1959 mit der Ehrenbürgerschaft aus…
     
    Wie schon gesagt, ein seltsames Land, in dem wir leben.

  4. Der Blick in die neueste, 30bändige Brockhausenzyklopädie von 2006 zu Udet hält interessante Aufschlüsse bereit:
     
    …im Ersten Weltkrieg einer der erfolgreichsten dt. Jagdflieger (62 Abschüsse)
    Pervers geradezu, dass das Töten von Menschen immer noch im, sich für so aufgeklärt haltenden, Deutschland des 21. Jahrhundert, als „Erfolg“ verbucht werden kann.
     
    nach 1918 u.a. Leiter einer Flugzeugbaufirma und Kunstflieger
    Dass der „Kunstflieger“ zum international beachteten Aushängeschild eines menschenverachtenden Terrorregimes wurde und die Akzeptanz Nazideutschlands weltweit mit förderte, spielt wohl eher eine untergeordnete Rolle.
     
    1935 als Oberst ins Reichsluftfahrtministerium berufen, wurde 1936 Chef des Techn. Amtes der Luftwaffe, 1938 Generalluftzeugmeister. Von H. Göring für die Schwächen der dt. Luftrüstung und den Misserfolg der Luftschlacht um England verantwortlich gemacht, nahm es sich das Leben.
    An seinem ‚heiligen‘ Ruhm wird nicht gekratzt.
    Er gehörte zweifellos zu den wenigen Guten, in schlechten Zeiten.
    Einmal mehr wird im Vorzeigenachschlagewerk der mehrheitlich immer noch christlichen Deutschen das Töten mit Erfolg („Misserfolg der Luftschlacht“) in Verbindung gebracht, gleichzeitig (an anderem Ort) der Zweite Weltkrieg als barbarisch und als „Unrecht“ bezeichnet.
     
    Welch seltsames Land, in dem wir leben!
     
     

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