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Rabbinerausbildung heute: Auch in Deutschland

Als Max Grünewald 1957 über „The Modern Rabbi“ schrieb, wurde dies zu einem Rückblick auf eine Entwicklung, der die Schoah ein jähes Ende gemacht hatte: „The ,modern rabbi’, one of the more representative features of Central European Jewry, appears on the scene rather late. Not until the years following the First World War were all the features assembled which allow us to deal with them as a specific entitiy. His appearance, therefore, was brief.“1…

Inzwischen wissen wir, dass jüdisches Leben in Deutschland wieder eine Zukunft hat, mit ihm auch die Rabbinerausbildung. Die Fragestellungen, die die Diskussionen um die Stellung des Rabbiners in der Gemeinde zu Beginn des 20. Jahrhundert ausmachten, sind dabei nach wie vor aktuell, wenn es darum geht, Modelle für das Gemeindeleben für die kommenden Generationen zu entwickeln.

Die Rabbinerausbildung leistet dazu einen entscheidenden Beitrag. Die Aufgaben des modernen Rabbinats umfassen Predigt und Seelsorge, Religionsunterricht, Jugendarbeit und Erwachsenenbildung, die Klärung religionsgesetzlicher Statusfragen und die Begleitung von Gemeindemitgliedern bei life cycle events sowie auch die Teilnahme am interreligiösen Gespräch und repräsentative Tätigkeiten.

1979 wurde auf Initiative des badischen Landesrabbiners der Juden in Deutschland, Werner Nachmann (1925–1988) die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg gegründet, auf Beschluss der bundesdeutschen Kultusministerkonferenz und in der Trägerschaft des Zentralrates. Levinson hatte bereits 1971 die Einrichtung einer Ausbildungsstätte für jüdische Religionslehrer, Kantoren und Rabbiner angeregt.

Ein erstes Memorandum über die Einrich – tung eines jüdisch-theologischen Instituts stammt vom 4. Mai 1972. Der Oberrat der Israe – liten Badens forderte damals für die jüdischen Gemeinden in Deutschland, für die 25.000 hier lebenden Juden ein akademisches Institut, um Rabbiner, Religionslehrer und Vorbeter für sie nicht länger im Ausland bei deutschsprachigen Fachleuten in der Emigration oder bei ausländischen Lehrkräften ausbilden zu lassen, die die deutsche Sprache nicht sonderlich beherrschen.

Für ein solches Institut in der Nachfolge der von den Nationalsozialisten zerstörten Rabbiner – seminare wie der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin oder des Jüdisch- Theologischen Seminars in Breslau schlug der Oberrat in seinem Memorandum als Sitz Heidelberg vor, und zwar in Verbindung zur Ruprecht-Karls-Universität. Ausschlaggebend dafür war der internationale Ruf der Heidelberger theologischen Fakultät. Neben Levinson selbst dürfte auch dessen zweite Ehefrau, die ebenfalls in Berlin gebürtige Pnina Navé (1921–1998) zur Durchsetzung der Pläne beigetragen haben; von ihr stammt unter anderem ein Aufsatz „Zur Einrichtung der Wissenschaften vom Judentum in Heidelberg“2.

Im Errichtungsbeschluss des Zentralrats der Juden vom Mai 1979 war die Rede vom »festen Willen zur Errichtung eines Zentrums jüdischer und judentumskundlicher Ausbildung in Deutschland, das an die großen Traditionen der Zeit vor der Katastrophe anknüpft; aus dem Wunsch heraus, auf deutschem Boden die Möglichkeit der Weiterreichung und Weiterbildung jüdischen Wissens und jüdischen Forschens zu fördern“3.

Und Landesrabbiner Levinson sagte schließlich zur Eröffnung der Hochschule für Jüdische Studien im Oktober 1979: „Dem Ungeist kann nur der Geist entgegengesetzt werden, der Entfremdung die Nähe, der Entzweiung die Zwiesprache.“4

Die Hochschule sollte sich in der Folge zu einem bedeutenden Zentrum judaistischer Forschung und Lehre entwickeln, das durch seine Ausbildung von Religionslehrern auch positiv in die jüdischen Gemeinden hineinwirkt. Die Idee zur erneuten Gründung eines Rabbinerseminars in Deutschland entstand jedoch erst in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre. Die Hintergründe dazu waren vielfältig; sie hingen wesentlich mit der rapide wachsenden Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinschaft von kaum 23.000 Mitgliedern deutschlandweit im Jahr 1989 auf nunmehr gut 106.000 Gemeindemitglieder in Folge der Zuwanderung aus den Staaten der früheren Sowjetunion zusammen. Die Zuwanderer brachten nach 90-jähriger Diktatur und vehementem Antisemitismus eine geringe religiöse Ausbildung mit. Ihr Bedürfnis nach Sozialberatung und Kontakten war jedoch groß – viele von ihnen wandten sich daher an die mit der Aufgabe der Integration überforderten und allein gelassenen jüdischen Gemeinden vor Ort. Nur die allerwenigsten dieser Kultusgemeinden verfügten über einen eigenen Rabbiner. Da nach der Schoah das religiöse Gemeindeleben nie wieder die Qualität der Zeit bis 1933 hatte gewinnen können und viele Gemeindemitglieder überdies bis in die 1980er Jahre hinein auf den viel zitierten gepackten Koffern saßen, war die Einsicht in die Notwendigkeit einer geistlichen Führung nicht sehr ausgeprägt. Die wenigen vorhandenen Rabbiner kamen zumeist auch nicht aus Deutschland; sie waren sprachlich und kulturell anders geprägt als ihre Gemeindemitglieder, was weitere Probleme bereitete.5

Diejenigen, die Rabbiner werden wollten, mussten sich ins Ausland begeben. Sie konnten zwar an der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien seit 1979 eine Grundqualifikation erhalten, doch diese wurde in London, Cincinnati oder New York nur als Studieneingangsvoraussetzung anerkannt; ein fünfjähriges MA-Studium schloss sich daran an. Stipendien des Zentralrats der Juden in Deutschland wurden vergeben, allerdings nur für Männer. Die Tatsache, dass das jüdische Leben in Deutschland brach lag, die Gemeinden klein und mittellos waren und weder Synagogen noch Gehälter finanzieren konnten, schuf für die im Ausland studierenden Kandidaten keine Motivation, nach diesem aufwändigen Auslandsstudium zurückzukehren. Sie zogen oft die gute Struktur der amerikanischen Gemeinden den Problemen in Deutschland vor.

Ausschlaggebend für die Gründung eines Rabbinerseminars waren also:

Warum nun Potsdam als Standort für dieses neue Rabbinerseminar? Das wissenschaftliche Umfeld der Judaistik und Jüdischen Studien ist in Deutschland ausgeprägt, es gibt Lehrstühle und Institute an beinahe allen großen Universitäten. Die Wahl des Abraham Geiger Kollegs fiel 1999 auf Potsdam, da hier die Jüdischen Studien mit Schwerpunkt in den Bereichen Religion und Philosophie, Geschichte und Literatur / Kultur gelehrt werden und somit bereits ein breit gefächertes Lehrangebot vorhanden war, das über die stark säkular und christlich geprägte Judaistik deutlich hinausging. Das Abraham Geiger Kolleg wurde als ein An-Institut der Universität Potsdam eingerichtet. Auf internationaler Ebene ist das Abraham Geiger Kolleg Mitglied der Weltunion für progressives Judentum, den von Leo Baeck 1926 mitgegründeten internationalen Dachverband der liberalen Juden. 2007 wurde überdies ein Kooperationsvertrag mit dem Hebrew Union College – Institute of Jewish Religion abgeschlossen. Gastdozenten vom Hebrew Union College in Cincinnati bzw. New York unterrichten als Fellows am Abraham Geiger Kolleg und ergänzen so das Studium am Seminar. Seit 2008 bildet das Kolleg in einer eigenen Abteilung zudem Kantoren und Kantorinnen aus. 2011 erfolgte die endgültige Akkreditierung durch die Central Conference of American Rabbis, die seit 2006 die Absolventen des Abraham Geiger Kollegs als Mitglieder aufnimmt.

Im September 2006 waren in Dresden die ersten drei Absolventen des Abraham Geiger Kollegs als erste Rabbiner in Deutschland seit der Schoah ordiniert worden. 2009 wurden außerdem in München die ersten Zöglinge des orthodoxen Rabbinerseminars der Ronald S. Lauder Foundation Berlin in das Rabbineramt eingeführt worden. Die Lauder Yeschiwa sieht sich mit diesem Ausbildungszweig in der Tradition des Hildesheimerschen Seminars von 1873, bietet jedoch kein akademisches Studium an.

Das Studium am 1999 gegründeten Abraham Geiger Kolleg ist dual organisiert: Die akademische Ausbildung in jüdischer Theologie findet an der Universität Potsdam statt, die praktische Ausbildung leistet das Abraham Geiger Kolleg. Mit seiner Arbeit setzt das Abraham Geiger Kolleg das geistige Erbe des liberalen deutschen Judentums in aktuelle Bezüge; sein Curriculum umfasst Module, die schon in der Weimarer Republik Bestandteil des Lehrplans waren und den akademischen und praktischen Lehrinhalten vergleichbarer internationaler Rabbinerausbildungsstätten entsprechen. Zusätzlich wird in Potsdam eine Kooperation mit der konservativen Ziegler School of Rabbinic Studies der American Jewish University Los Angeles auf gleichwertiger akademischer Grundlage angestrebt. Dabei lassen wir uns vom Wahlspruch Abraham Geigers für das Studium der jüdischen Theologie und das moderne Rabbinat leiten:
„Durch Erforschung des Einzelnen zur Erkenntnis des Allgemeinen, durch Kenntnis der Vergangenheit zum Verständnis der Gegenwart, durch Wissen zum Glauben.“

Rabbinerausbildung
 „Der moderne Rabbiner“.
Band 124 der Jüdischen Miniaturen wurde dem Vizepräsidenten der Universität Potsdam zum Abschied gewidmet. Dr. Thomas Grünewald hat sich um die Institutionalisierung jüdischer Theologie verdient gemacht und wurde dafür 2011 mit der Abraham-Geiger- Plakette gewürdigt.

Quelle: Kescher | Ausgabe 05-2012