„Die Wohnung“ von Arnon Goldfinger

Der israelische Filmemacher beantwortet die Frage, warum Juden und Nazis befreundet sein können. Über eine besondere Beziehung seiner Großeltern …

Von Asta Hemmerlein, suite101

Was tut ein Mensch, der seine Heimat verloren und nur in einem Provisorium lebt, ohne Aussicht auf eine fundierte zweite Heimat? Kurt Tuchler ist ein Jecke, der niemals gelernt hat, Ivrit zu sprechen. In seiner Tel Aviver Wohnung lebt und zelebriert er „Klein-Berlin“, mit an seiner Seite: Ehefrau Gerda.

„Die Wohnung“: Kurt und Gerda Tuchlers bizarre Freundschaft zu den von Mildensteins

Als Kurt und Gerda Nazi-Deutschland verlassen und als Zionisten auf dem Papier nach Palästina einreisen, denn in Fleisch und Blut wird ihnen ihre patriotische Theorie niemals gehen, nehmen sie einen Menschen, inklusive Ehefrau, mit, einen „guten Freund“, der, wie es scheint, beide Deutschlands: „Drittes Reich“ und Nachkriegsdeutschland nahtlos ineinandergefügt begeht und darin lebt, gewissermaßen in einem Atemzug durchschreitet. So wie die Tuchlers.

Die Sache wäre weniger bitter, weniger makaber, wenn es sich bei dem guten deutschen Freund um einen Geringeren als dem katholischen böhmischen Adel entstammenden Leopold Edler von Mildenstein handelte: Vorgänger Adolf Eichmanns, langjähriger Mitarbeiter in Goebbels‘ Propagandaministerium, per „Persilschein“ vom braunen Mief der Vergangenheit reingewaschener nunmehr Ex-Nazi und Manager im Coca-Cola-Konzern.

Jude und Nazi treffen sich, werden Freunde, die Schwiegermutter des Juden wird in einem Wäldchen bei Riga erschossen, aber die Freundschaft der beiden Ungleichen geht weiter, ohne einen Hauch gegenseitiger Entfremdung. Zwei Ehepaare, die Martensteins und die Tuchlers, bereisen zusammen Europa, trinken Kaffee und essen Apfelstrudel nach dem Krieg und sind vor dem Krieg sogar in Palästina gemeinsam unterwegs. Denn Martenstein nennt sich an der Seite Tuchlers Zionist, beschreibt im Nazi-Blatt „Der Angriff“ einen Weg, wie der NS-Staat bei der Immigration deutscher Juden als waschechte Zionisten in Palästina behilflich sein könne.

Die Reise des Hakenkreuz-Gutmenschen trägt tatsächlich zum Ha’avara-Abkommen bei, einer zionistisch-nationalsozialistischen, gerne von Antisemiten missbräuchlich propagandistisch verwendeten, Vereinbarung, um die Auswanderung wohlbegüteter deutscher Juden nach Palästina und den Export deutscher Waren in selbiges Land zu fördern. Und sogar Hitler, „Antisemiten, seid gegrüßt!“, tritt persönlich für diesen Weg ein. Denn noch ist ihm nicht klar, wie er das „Judenproblem“ genau lösen will.

Die Tuchlers selbst machen von diesem Ausreiseangebot Gebrauch und damit wissen wir wenigstens, warum Mildenstein die Freundschaft der Tuchlers gesucht hat. In seiner oben genannten Artikelserie lobt er die Zionisten Palästinas als die Sorte von Juden, die sich durch Direktkontakt mit der heimatlichen Scholle für die wahrhaftige Selbstheilung und -läuterung entschieden habe. Kein hungriger Warschauer Ghettojude mit dem Rundrücken eines chronisch Depressiven (vielleicht hat er ja immer noch Hunger?) könne es laut Mildenstein mit einem Zionisten aufnehmen.

Die Tuchlers in Israel haben einen Enkel, und der ist Filmemacher, und der beantwortet die Frage, was in Kurt Tuchler vor sich gegangen sein muss, um ein Freund eines Nazis mit SS-Nummer geworden und vor allem geblieben zu sein.

Die Antwort auf die Frage, was ein Mensch tut, der seine Heimat nicht loslassen kann, weil er eine neue nicht gefunden hat, lautet: Er baut sich ein menschliches Konstrukt, das ihm mitteilen soll, dass die Botschaft nicht so grausam ist, wie sie tatsächlich war. Dass trotz jahrhundertealter Symbiose von deutschen Juden und Nichtjuden, trotz Eisernen Kreuzes im Ersten Weltkrieg für Kurt, dieses Land ihn und seine Frau nicht mehr haben wollte. Die Martensteins sind ihnen Freunde aus Deutschland geblieben, und deshalb ist die Geschichte nicht ganz so „wahr“-brutal? …

Was war der Anlass für Arnon Goldfingers „Die Wohnung“?

Arnon Goldfinger legt seinen Film als Detektivspiel an. Zunächst stirbt die Ehefrau des „ewigen Deutschen“, die Großmutter Gerda. Während der Wohnungsauflösung finden Tochter und Enkel Mosaiksteine über jene paradoxe Freundschaft zwischen Nazi und Jude, woraus wiederum Trittsteine entstehen, die eine Reise in das Deutschland ebnen, wo beide jüdischen Angehörigen der letzten Angehörigen, Tochter, des Nazi-Freundes gegenübertreten, die selbst vor laufender Kamera die politische Karriere des Vaters in Goebbels‘ Ministerium leugnet.

„Schlussstrich“-Mentalität und Antisemitismus heute so verbreitet wie nie

Damit wird der Film ein Dokument nicht nur einer kuriosen Vergangenheit, sondern auch der anhaltenden und gegenwärtigen „Schlussstrich“-Mentalität der Deutschen, selbst des Jahres 2011; jene hat mit der fortschreitenden geschichtlichen Distanz zu Auschwitz an tragischer Größe hinzugewonnen. Ein bisschen Salon-Antisemitismus zu Champagner, Erdbeeren und Toffees gehört zu den besten Kreisen der Berliner Republik. Wer auf Glatzköpfe mit Null-HIrnen und hartem Schuhwerk stiert, hat schon verloren. Ist blind vor laufender Kamera.

„Die Juden … ha, ha, ha … das … auserw…, auserwählte Volk? … Wer so viel Aufhebens um sich macht, hat nichts Besseres … Das Gute spricht dem Deutschen niemand mehr ab. Und jetzt ist Zeit für ein neues Spiel. Runen-Tarot. Ich lege schon mal die Karten auf den Tisch … schmeckt ganz ausgezeichnet. Welcher Jahrgang, Maximilian?“

Ein Kommentar zu “„Die Wohnung“ von Arnon Goldfinger

  1. ich habe lang nicht mehr so eine dumme rezension gelesen. danke dafür. mal davon abgesehen, dass die rezensentin sich nicht mal dafür entscheiden kann ob der nazi mildenstein oder martenstein heisst, bietet der film eine komplexität die in ihrem text aufs dümmlichste verkürzt wird. zudem wirft „die wohnung“ mehr fragen auf, als er beantworten kann und goldfinger ist auch klug genug sie eben auch offen zu lassen.
    ich habe den film zuerst in der jerusalemer cinematheque angeschaut, die vorstellung vor ausverkauft obwohl der film schon monate lief. den es geht nicht nur um Mildenstein- Tuchler, es geht um die Erbschaften, um Erinnerung und familiengeheimnisse 

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