- haGalil - http://www.hagalil.com -

„Leb’n soll der baliebter Chawer Stalin“

„Jüdischer Bolschewismus“, der Nationalsozialismus und die Folgen…

Von Robert Schlickewitz

Bei einem meiner Streifzüge durch die bundesdeutschen Antiquariate wurde ich auf ein Bändchen mit unverkennbarem NS-Charakter im Titelschriftzug aufmerksam. Nachdem das Thema – Juden in der Sowjetunion – und die Fülle der angegebenen Literatur mein Interesse geweckt hatten, entschloss ich mich zum Kauf.

Neben Bayern, dem Mutterland des Nationalsozialismus‘, gilt das Zarenreich bzw. die spätere Sowjetunion als Inbegriff des Antisemitismus. Aus Russland stammten denn auch jene Legenden, von den „Protokollen der Weisen von Zion“, die bis in die Gegenwart simplen und wirren Hirnen unendlich viel Stoff für ihr zu Vereinfachungen neigendes, verqueres Weltbild liefern.

Noch vor der Revolution von 1917, im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts entstanden, legten diese „Protokolle“ den Grundstock für aberwitzigste Verschwörungstheorien, allesamt mit dem Tenor, dass hinter sämtlichen schwer erklärbaren gesellschaftlichen Phänomenen, sozialen Missständen und Umbrüchen aller Art, wirtschaftlichen Katastrophen ebenso wie Krisen des christlichen oder des muslimischen Glaubenslebens, einzig ‚der‘ Jude als Verursacher stehe. Weltumspannend, weil als Heimatloser „ohne Vaterland“ und somit überall zu Hause, spinne er, der Jude, seine Intrigen, Ränke und Verwirrspiele, alles nur um brave Christen (oder Muslime) um Ihr Hab und Gut, ihre Ersparnisse, ihre Ideale, ihr Weltbild oder ihre religiöse Verwurzelung zu bringen und die Welt in ein heilloses Chaos zu stürzen.

So oder ähnlich lauten die Vorwürfe, die weltweit auch noch im 21. Jahrhundert erhoben werden.

Als die Protokolle erstmals erschienen, war der Kommunismus noch nicht ‚erfunden‘ und konnte somit auch nicht in die klassischen Theorien vom jüdischen Weltverschwörertum mit einfließen. Dies hielt jedoch Judenfeinde nicht davon ab, die nötigen Ergänzungen bzw. Aktualisierungen nachzutragen. Die Tatsache, dass tatsächlich zeitweilig und in gewissen Fällen überproportional viele Juden als Akteure bei der russischen Revolution und danach in Erscheinung traten, wie Leo Trotzki, Grigorij Sinowiew, Moisej Uritzki, Grigorij Sokolnikov, Adolph Joffe und Lew Kamenjew veranlasste böswillige Zeitgenossen dazu, Juden pauschal als verantwortlich für die eingreifenden Umwälzungen die der Kommunismus mit sich brachte, zu machen.

Irgendwann nach der Oktoberrevolution von 1917 erblickte ein Pamphlet das Licht der Öffentlichkeit, sein Titel: „Der jüdische Bolschewismus“, das eine ganz besonders verhängnisvolle Nachwirkung erzielen sollte. Als seine Autoren und/oder Verbreiter gelten die „Weißen“, also die Gegner der Russischen Revolution im eigenen Land. Bereits in den 1920er Jahren waren sowohl dieses Pamphlet als auch die „Protokolle“ auf der ganzen zivilisierten Welt anzutreffen und begannen zu wirken.

Russland war, wie oben schon erwähnt, eine Hochburg des Judenhasses. Allein in den Jahren 1881 bis 1920 haben mehr als zwei Millionen Juden Russland den Rücken gekehrt und sind in nahezu alle Teile der Welt ausgewandert. Andere Juden hatten sich arrangiert und für einen Verbleib im Lande entschieden. Einige von diesen engagierten sich bei russischen Parteien, längst nicht alle jedoch bei den Kommunisten.

In der Partei der Bolschewiken, derjenigen Partei also, die den Kommunismus aufbauen sollte, waren bei Ausbruch der Revolution unter den etwa 10 000 Mitgliedern nur 364 ethnische Juden; von den 23 Volkskommissaren (Narkoms) der Jahre 1923 bis 1930 waren 5 Juden; 1922 waren 5, 21 % der Parteimitglieder der Bolschewiken Juden. Von den Mitgliedern des Zentralen Exekutiv Komitees des Sowjetkongresses von 1929 waren 402 ethnische Russen, 95 Ukrainer, 55 Juden, 26 Letten, 13 Polen und 12 Deutsche.

In den Jahren 1936 bis 1940, im Zuge der großen „Säuberungen“ der sowjetischen KP, hat Stalin fast alle Juden aus höheren Stellen in der Parteispitze, in der Regierung, im diplomatischen Dienst, bei Polizei und im Militär entlassen. 1939, beispielsweise, erhielt Außenminister Molotow von Stalin den Auftrag sein Ministerium „von Juden zu säubern“. Während des Krieges hat sich diese offizielle judenfeindliche Personalpolitik noch verstärkt, obwohl auch jüdische Sowjetsoldaten an allen Fronten für ihr Vaterland kämpften und zu Abertausenden den Soldatentod fanden. Auch noch nach 1945 zeichnete sich keine Änderung ab – im Gegenteil – etwa die „Ärzteangelegenheit“ („Djelo Wratschej“) – eine Hatz auf jüdische und jüdischstämmige Ärzte, die angeblich ein Mordkomplott gegen Stalin vorbereitet hätten, belegte nur zu deutlich das Kontinuum der Judenfeindschaft in der Sowjetunion.

Einige Juden in Russland haben zu den Tätern gehört, zweifellos, aber noch wesentlich mehr russische Juden gehörten ab 1917 zu den Verlierern und Opfern des kommunistischen Regimes: Bei Pogromen vor und während der Revolution sind über 100 000 Juden ums Leben gekommen; die meisten wurden erschlagen, erschossen, erstochen, erwürgt, gehängt oder lebendig verbrannt. In der Aufbauphase der Sowjetunion und auch später genossen Juden keine privilegierte Stellung, eher im Gegenteil, bot doch die im Sowjetpass angegebene Nationalitätenbezeichnung (Jude) häufig Anlass zu Diskriminierung und Schikanen seitens der Behörden oder der Exekutivorgane. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion litten besonders Juden unter den Verfolgungen durch Deutsche, die sich gewöhnlich an den Pässen orientierten, wen sie jeweils vor sich hatten. Sollte zunächst nur die „jüdisch-bolschewistische Intelligenz“ liquidiert werden – gemäß einer Anweisung von Hitler vom März 1941 – so wurde dieser Befehl bereits wenige Monate später auf alle Juden ausgedehnt. Hunderttausende jüdischer Männer, Frauen und Kinder wurden in der Folge, oft bestialisch, von Deutschen und deren osteuropäischen Helfershelfern auf dem Territorium der UdSSR ermordet.

In Deutschland, einem der intolerantesten und judenfeindlichsten Länder Westeuropas seit vielen Jahrhunderten, wurden die Ereignisse in Russland, bzw. später in der Sowjetunion, aufmerksam registriert und von Politikern aller Parteien (außer von den deutschen Kommunisten) das Gespenst eines  jüdischen Bolschewismus polemisch-politisch instrumentalisiert.

Eine besondere Rolle beim Zustandekommen und bei der Propagierung des Mythos eines „Judäo-Bolschewismus“ oder „jüdischen Bolschewismus“ spielte der Chefideologe des deutschen Dritten Reiches Alfred Rosenberg. Ähnlich der frühe Weggefährte Hitlers, zweifelhafte Schriftsteller und Tendenz-Journalist, Dietrich Eckart, der 1924 in seiner Schrift „Der Bolschewismus von Moses bis Lenin“ sowohl die biblische Gestalt als auch den russischen Revolutionär des Kommunismus‘ wie des Jüdischseins überführte. Nicht viel anders der deutsche Führer höchstselbst, der in seinem programmatischen Werk „Mein Kampf“ (1926) nicht an dem Komplex vorbeikam: „Im russischen Bolschewismus haben wir den in zwanzigsten Jahrhundert unternommenen Versuch des Judentums zu erblicken, sich die Weltherrschaft anzueignen.“ Nur wenige Jahre später, 1930, konnte man bei Alfred Rosenberg in dessen „Mythus des 20. Jahrhunderts“ lesen: „Das nordisch-russische Blut gab den Kampf auf, das ostisch-mongolische schlug mächtig empor, berief Chinesen und Wüstenvölker; Juden, Armenier drängten sich an die Führung und der Kalmücko-Tatare Lenin wurde Herr. Die Dämonie des Blutes richtete sich instinktiv gegen alles, was noch äußerlich als aufrecht wirkte, männlich nordisch aussah, gleichsam lebendiger Vorwurf war gegen einen Menschen, den Lothrop Stoddard als ‚Untermenschen‘ bezeichnete.“

In der deutschen Reichswehr der Ära von Weimar gab es die weithin geteilte Ansicht, der Sowjet-Kommunismus sei eine jüdische Verschwörung gewesen, zunächst nur im kleineren Kreis, in vertrauter Umgebung, geäußert, nach 1933 zur offiziellen Lesart erklärt. Zahllose deutsche Publikationen trugen dazu bei, dass breite Kreise der in außenpolitischen Dingen üblicherweise schlecht informierten deutschen Bevölkerung sich diese Auffassung zueigen machten. Die diesbezügliche Propaganda des Dritten Reiches traf daher auf ein durchaus vorbereitetes Feld. Als Hitler 1941 im Reichstag seinen Überfall auf die Sowjetunion rechtfertigte, tat er dies unter mehrfacher Bezugnahme auf „die jüdisch-bolschewistischen Herrscher in Moskau“ und die von diesen angeblich angestrebte Herrschaft über Deutschland und andere europäische Nationen. Deutsche katholische Geistliche, wie etwa der bayerische Kardinal Michael von Faulhaber, konnten später mit dem Argument, dass sie die Bekämpfung des „gottlosen“ Sowjetbolschewismus unterstützten, ihren Nichtwiderstand gegenüber Hitler und dem NS-Regime sowie ihre, üblicherweise, Passivität gegenüber den Judenverfolgungen legitimieren.

Auch außerhalb Deutschlands griffen judenfeindliche Individuen, Institutionen, Organisationen und Presseorgane den Mythos vom jüdischen Bolschewismus auf und benutzten ihn für ihre jeweiligen politischen oder religiösen Ziele. In meiner, neben Bayern, zweiten Heimat, Polen, kam vor dem Zweiten Weltkrieg das Schlagwort „Żydokomuna“ (sprich: Jydokomuna mit J wie in Journal) auf und diente dazu das Schreckensbild eines sich mit der UdSSR verschwört habenden polnischen Judentums, das beabsichtige sich Polens zu bemächtigen, zu zeichnen.

André Gerrit schrieb in „The Myth of Jewish Communism: A Historical Interpretation“ im Jahre 2009 (S. 195):“ The myth of Jewish communism was one of the most popular and widespread political prejudices in the first half of the 20th century, in Eastern Europe in particular.“

In Dutzenden von Artikeln und über Jahrzehnte hinweg geißelte die von Jesuiten herausgegebene Hauszeitschrift des Vatikan „La Civiltá Cattolica“ den „jüdischen Bolschewismus“ als das Grundübel der Menschheit, als das Werk des Leibhaftigen, als das Erzböse schlechthin. Bischöfe, Äbte, Mönche, Geistliche lasen diese Auslassungen und gaben sie, mehr oder weniger differenziert, weiter an das katholische Fußvolk, an die Basis der römisch-katholischen Kirche – europaweit, weltweit. Der alte christliche Hass auf die Juden, da war er wieder, frisch genährt, und in seinem Fortbestand gesichert. Noch heute, zwei Jahrzehnte nach Ende der Sowjetunion, assoziieren unkritische (katholische) Christen den Kommunismus mit Juden, wie man, etwa in Bayern und Polen, immer wieder feststellen kann.

Der iranische Präsidentenberater Mohammad Ali Ramin, um auf einer entsprechenden Ebene bei der anderen (monotheistischen) Religion fortzufahren, hat 2006 in seiner Funktion als Generalsekretär der neuen „Weltstiftung für Holocaust-Studien“ festgestellt, dass „die bolschewistische sowjetische Regierung der Ära Lenins, und später, Stalins, die beide jüdisch waren, obwohl sie sich als Marxisten und Atheisten ausgaben… mit Hitler zusammenarbeiteten, indem sie gemeinsam den Gedanken an die Gründung des Judenstaates förderten.“

Aber als anständiger Deutscher tut man gut daran, nicht zu laut und zu erhaben mit dem Zeigefinger auf das menschenfeindliche Regime im Iran zu weisen, wenn im eigenen Lande die Verhältnisse zu wünschen übrig lassen und von vorbildlich weit entfernt sind.

So hat der, bis heute weithin und keineswegs nur in ultrarechten Kreisen, hoch angesehene Berliner Historiker Ernst Nolte vor wenigen Jahren formuliert, Hitler habe mit dem Holocaust nur auf die wahrgenommene jüdisch-bolschewistische Bedrohung reagiert, daher sei ihm „insoweit ein gewisses historisches Recht zuzuschreiben, als er sich dem umfassenden Anspruch der Sowjetunion mit großer, wenn auch vermutlich weit überschießender Energie widersetzte.“ (Ernst Nolte, Streitpunkte. Heutige und künftige Kontroversen um den Nationalsozialismus, Berlin 1993, S. 19)

Der lange Zeit und von zahlreichen christlich-unkritischen Deutschen bis heute geschätzte, ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann hat vor nicht einmal einem Jahrzehnt (2003) zum Tag der deutschen Einheit proklamiert: Wegen ihres Engagements in der Führung der Bolschewiki und bei „Tscheka-Erschießungskommandos“ könne man die Juden „mit einiger Berechtigung als ‚Tätervolk‘ bezeichnen“. Zwar hat Hohmann in seinen weiteren Ausführungen den Begriff „Tätervolk“ sowohl für Juden als auch für Deutsche zurückgewiesen und „die Gottlosen mit ihren gottlosen Ideologien“ zum wahren Tätervolk des 20. Jahrhunderts erhoben, dennoch bewiesen seine Sätze einmal mehr wie tief gewisse Denkweisen im Tätervolk der Deutschen noch verwurzelt sind.

Zurück zu meinem Zufallsfund im Antiquariat:

Was da vor mir liegt, im Taschenbuchformat, aus angegilbtem, nicht ganz holzfreiem Papier hergestellt, und soft gebunden, war einmal ein Produkt jener Propagandaküche des Dritten Reiches, gedruckt bei der Berliner Verlagsanstalt Otto Stollberg und herausgegeben von Georg Leibbrandt.

Leibbrandt (1899-1982), ein russlanddeutscher Übersetzer, der bei Odessa geboren worden war, galt in der NS-Zeit als Spezialist für Russland und die Sowjetunion. 1933 war er der NSDAP beigetreten und hatte es 1935 zum Reichsamtsleiter gebracht; er war Mitarbeiter Rosenbergs und ab 1938 auch noch Beisitzer am berüchtigten Volksgerichtshof geworden. Über Juden publizierte er bereits in den 1930er Jahren ganz im Sinne des NS-Staates.

1941 befand sich Leibbrandt im Sonderstab Ost, der am Raub “herrenlosen Kulturguts von Juden“ beteiligt war. Nicht genug, man zählt ihn heute “zu den aktivsten und fanatischsten

Tätern, (die) nicht selten zu den Strategen der Besatzungspolitik und der Massenmorde (gehörten)” (Christian Gerlach in: “Kalkulierte Morde”).

Nach dem Kriege einige Jahre interniert, wurden Ermittlungen gegen ihn 1950 nach kurzer Zeit wieder eingestellt und kein Gerichtsverfahren angestrengt. 1966 deckte der SPIEGEL auf, dass Leibbrandt (“der Herr über Leben und Tod”) inzwischen auch in der neuen BRD eine durchaus vorzeigbare Karriere gemacht hatte, er war zum Leiter des Bonner Büros der bundeseigenen Salzgitter AG (vormalige Reichswerke AG für Berg- und Hüttenbetriebe) avanciert. Die Personalchefs werden bei seiner Einstellung weggeguckt haben, oder aber, sie entstammten, wie so häufig, ganz ähnlichen Kreisen.

Als Autoren von “Das Judentum – das wahre Gesicht der Sowjets” werden G.v.Poehl und M. Agthe genannt; ein Erscheinungsjahr ist nicht angegeben. Recherchen im Internet ermöglichten es das Buch auf 1942 zu datieren und die Vornamen der Autoren, in diesem Fall, Autorinnen, zu ermitteln: Gertrud von Poehl und Margaret Agthe. Im patriarchalisch bestimmten Dritten Reich hätte es nicht ‘seriös’ genug gewirkt, wenn zwei Frauen als Autorinnen eines Buches zu einem politisch brisanten Thema aufgetreten wären, also hatte man deren Vornamen auf die jeweiligen Anfangsbuchstaben reduziert.

Weitere Publikationen von Agthe und von von Poehl konnten nicht ermittelt werden. Lediglich als Autorin des Vorwortes zu einem Buch über das Wolga-Gebiet von Alexander Jefimowitsch Kotomkin (1885-1964) konnte Gertrud von Poehl nachgewiesen werden.

Das hier vorgestellte Werk aus der Reihe “Die Bücherei des Ostraumes”, versehen mit Karten und Diagrammen, bemüht sich anhand sehr zahlreicher Stellen aus der sowjetischen Literatur und der sowjetischen Presse (ausgewertet bis Mitte 1941) nachzuweisen, dass Juden nicht nur für den „plutokratischen Kapitalismus“, sondern auch für den Bolschewismus die Hauptverantwortung tragen.

Übrigens haben mehrere Zeitgenossen, gewiss aus sehr unterschiedlichen Motiven, das ganze Buch inzwischen im Internet allgemein zugänglich gemacht.

Als Kostprobe folgt die vollständige Wiedergabe des 9. Kapitels aus “Das Judentum – das wahre Gesicht der Sowjets” einschließlich der Anmerkungen der Autorinnen, S. 81-89; zusätzlich füge ich noch Angaben zu einigen angesprochenen Persönlichkeiten an:

 

Jiddische Volkslieder in der Sowjetunion

Die Verherrlichung des Sowjetregimes und der bolschewistischen Machthaber, besonders Stalins, durch die Juden findet lebhaften Ausdruck in der zeitgenössischen jiddischen Volksdichtung der Sowjetunion. Beliebt sind Schilderungen aus dem für die Juden so glücklichen Leben der Gegenwart und Vergleiche mit der Vergangenheit. Auch die Rote Armee, die aus der UdSSR. eine uneinnehmbare Festung machen soll, wird in zahlreichen Liedern besungen. Und sich selbst betrachten die Juden — es kommt dies häufig zum Ausdruck — als Mitbeschützer ihrer sowjetischen Heimat.

Einige untenstehende Proben dieser Dichtung sind der Sammlung von Dobruschin „Jidische Volkslieder weg’n Stalinen“ (Jüdische Volkslieder über Stalin), Moskau, Emes-Verlag, 1940 (Jiddisch) entnommen. Wir geben sie in Umschrift wieder.

*

Leb’n soll der baliebter Chawer 1) Stalin,

Er is unser bester Freint,

Seine Werter 2) wie lichtike Krischtall’n

Spieglen op dem Morgen mit’n Heint 3).

 

Leb’n soll’n die rojten Fahnen,

Was flattern hojch un breit,

Soll’n wiss’n die varbissene Sunim 4)

As 5) das Sechst’l Welt is greit‘ 6).

 

*

 

Mir leb’n in „Progreß“

 

Mir leb’n in „Progreß

FSSR 7) hat getan mit uns a grojßn Neß 8)

Basunders mir, Jidn,

Meg’n awade 9) sein zufried’n,

Vor Nikolaien hat der Jid in Ergez 10) nit gehat kein Ort

Un nit getort 11) ausreid’n kein hojch Wort.

Itzt liegt Nikolai mit sein Bande in der Erd

Un uns hat ma gegeb’n Traktors un Ferd.

Leb’n soll Woroschilow un die Rojte Armei

Was ma hert nit dem Sojnes 12) Geschrei.

Leb’n soll der Starosta 13) Kalinin der Lieber,

Was macht alle Velker for gute Brieder,

Mir darf’n weg’n ihm sing’n freileche Lieder.

Leb’n soll unser geliebter Chawer Stalin Jahr’n a Sach 14),

Was hat gemacht jed’n Mensch’n varmeglech un reich.

 

*

 

Stalin bam Ruder

 

Stalin bam Ruder — er fihrt unser Schiff

Meßt er die Weitkeit 15), meßt er die Tief’.

Mir lieb’n dem Fihrer, mir treuen 16) ihm an,

Mir hojb’n noch hecher 17) sein lichtike Fahn!

 

Was wojen 18) dort Wintn mit bojs’n Gebrumm?

Sie woll’n 19) nit keinmal varleschen die Sunn!

Schwimm she 20), mein Schiff, zu dem lichtik’n Breg 21)!

A Dank ihm, dem Fihrer, for freileche Täg!

 

*

 

Schein is das Leb’n

 

Schein is das Leb’n,

Freidik is das Leb’n,

Was unser grojßer Stalin

Hat uns gegeb’n.

Er hat die grojße scheine Sunn

Op der Erd‘ arofgebracht,

A bliehendik’n Garten

Fun unser Land gemacht.

In sein Harz’n brennt a Liebe

Sein Harz seit 22) Glick.

Blumen wachsen aus

Unter sein waremer Blick.

Fun Eis’n un fun Stahl

Geschmiedt die Partei.

In Eis’n un in Stahl

Gepanzert die Armei.

Stahlene Adlers

In hojche Himmlen fliehen,

Der Sojne 23) soll nit ster’n

Dem Garten sich zebliehen 24).

Unser schojner Gart’n

Wie schein hat sich zeblieht!

For dem Chaser-Schnuck 25)

A Schwerd is ojsgeschmied’t.

Soll der chaserscher Pisk 26)

A Schmeck 27) tun unser Erd;

Well’n mir ihm ophack’n

Mit der Stalinischer Schwerd.

 

*

 

Unser Leb’n vull mit Glick

 

Unser Leb’n vull mit Glick

Un mit Sunnen-Strahl’n,

Weil es fihrt uns stolz zum Sieg

Unser lieber Stalin.

 

Wunder-schein seinen die Tag‘,

Eins fun zweit’n schener,

Hilch’n 28) um in grinem Feld

Freid’ndike Täger.

 

Un die Sunn sie brat‘ und glieht,

Sie fink’lt in die Ojg’n 29),

Si hat a Jid an alter Schmied

Aso Lied varzeig’n:

 

„Schein, schein, helle Sunn

Deine Bäcklech rojte,

Si is awek 30) mein erschter Suhn

In Armei der Rojter.

 

Lamir 31) tanz’n, Weib mein, kumm,

Glicklech seinen 32) Jahr’n,

Itzter 33) is der zweiter Suhn

Ingenier gewor’n.

 

Un die Sunn sie glieht, wie gut,

Hert nit uf zu gliehen,

Si wet 34) mein jingster, dritter Suhn,

In der Arktis fliehen.“

 

Wunder-schein seinen die Täg‘

Eins fun zweit’n schener,

Hilch’n um in grinem Tal

Freidndike Täger.

 

*

 

Russ’n, Jid’n, Ukrainer

 

Russ’n, Jid’n, Ukrainer

Hent 35) geschloss’n in ein Kahn,

Alle Velker seinen Brieder

Unter Lenin-Stalins Fahn!

 

Das hat Stalin uns derhojb’n 36)

Un gegeb’n Glick un Freid.

Das hat er anstatt die Derner

Blumen op mein Weg verschpreit 37).

 

Unser Land wie a Ganeidn 38)

Hat sich prächtig itzt zeblieht.

Hei, Chaweirim 39), starker, hecher 40)

Soll sie klingen, Stalins Lied.

 

Leb’n lang soll unser Fihrer

For die helle, liebe Täg‘.

Weih wet sein zu alle Sunim 41),

Welche ster’n 42) uns dem Weg.

 

*

 

Werter scheine zunojfgeklieb’n 43)

 

Werter scheine zunojfgeklieb’n

Hab ich, wie Perl‘, eins in eins

Un in a Dicht das angeschrieb’n

Asoj weg’n Stalinen a scheins 44).

 

Zu wemen soll man Dich vargleich’n,

Wer kann a so Macht varmog’n 45) ?

Stalin, nito asojne Sach’n 46)

Was soll’n Dich fun Weg aropschlag’n 47).

 

Zu der Sunn kann man nit vargleich’n Dich,

For Wolk’ns tut sich die Sunn bahalt’n 48),

Un Du, Stalin, bist asoj fest ba sich 49),

Kein‘ Sach kann doch Dich nit afhalt’n.

 

Zu Wolk’ns kann man nit vargleich’n Dich,

Wintn Wolk’ns tuen doch varjag’n,

Un Du, Stalin, bist doch fest ba sich,

Dich kann keiner nit aropschlag’n.

 

Zu Wintn kann man nit vargleich’n Dich,

Wintn — sei nit lang doch gewähr’n,

Un Du, Stalin, bist doch fest ba sich.

Fun Weg wet Dich keiner nit opkehr’n 50).

 

Zum Jam 51) kann man nit vargleich’n Dich,

Der Jam ruht nischt, er tragt, er brojst 52).

Un Du, Stalin, bist fest ba sich

Un fest auf Dein Ort 53) steihst.

 

Zu Feier kann man nit vargleich’n Dich,

Wasser tut Feier doch varlesch’n,

Un Du, Stalin, bist doch stark ba sich,

Keiner kann Dich nit baherrsch’n.

 

Zu Wasser kann man nit vargleich’n Dich,

Wasser werd in der Erd‘ eingesojg’n,

Un Du, Stalin, bist doch stark ba sich.

Keiner kann Dich nit einbojg’n 54).

 

Stalin, zu wemen kann man vargleich’n Dich,

Wer kann sich kegn 55) Dich kliegn 56)?

Du bist doch asoj fest ba sich,

Kein Sach kann Dich nit basieg’n.

 

*

 

Spiel, mein Fiedl, hecher, schener

 

Spiel, mein Fiedl, hecher, schener,

Of die same 57) zart’ste Tener

Weg’n Freiheit, Freid un Glick,

Weg’n unser grojßn Sieg

 

Weg’n unser grojß’n Fihrer —

Weg’n Stalinen mein Lieb’n,

Welcher Freiheit hat gegeb’n

Und geschenkt uns a so Leb’n.

 

*

 

Stalin! Dein Namen dermahnen 58)

 

. . . Fun Felder fun grine in Land in dem rojt’n,

Bam Schmied’n das Eis’n, bam Schneid’n die Breit’n 59)

Fun Birobidshan un bis weit’n Madrid —

Dein Namen der Anhojb 60) fun jedweder Lied!

 

Du hast uns gegeb’n das Leb’n das freie

A Leb’n fun Glick un fun Freid

Varhit’n 61) das scheine un glickleche Leb’n —

Das Volk unsers ständik is greit 62).

 

*

 

Schlaf she, Suhnenin meiner 63)

 

Schlaf she, Suhnenin meiner,

Liebenker un feiner,

Schlaf she, schlaf she ein,

Gesund sollstu mir sein.

 

As Du wet 64) ruhik lieg’n,

Well ich Dein Wiegl wieg’n,

Un Dich mit Vargeniegn

A schein Meisele 65) derzeihl’n.

 

Weg’n unser Stalinen dem Wojl’n 66)

Weg’n Stalinen dem Grojß’n,

Was uns unsere Feind varstojß’n

Fun seier 67) Händ uns arojsgeriss’n,

Uns gegeb’n a Leb’n a siß’n,

Was mir, mein Kind, genieß’n …

 

*

 

Tschastuschkes 68)

 

Chawer Stalin is bei uns

Teirer for a Tat’n 69),

Unser ganzer Land

Kleibt ihm in Deputat’n 70).

 

Ichihab 71) a neiem Pelz,

Mein Suhn a neiem Futter,

Chawer Stalin is unser Fihrer,

Uns a Freind a guter.

 

Arunter mit’n Galech 72),

Arunter mit’n Row 73),

Ich kleib for a Deputat

Dem Chawer Molotow.

 

Mir seinen glicklech

Mir seinen satt,

Der Chawer Kahanowitsch

Is unser Deputat.

 

*

 

Stalins Konstituzie is die beste,

Alle freien sich, ma kwelt 74),

Unser Land is gar das starkste

In der ganzer Welt.

 

Lamir 75) danken unser Vater

Stalinen un die Partei,

Zu dem grojß’n Oktjaber-Jantew 76)

A Matane 77) brengen sei.

 

Op die Bäumer wachs’n Aeppl,

Un in Gart’n Malines 78),

Alle lieb’n wie dem Leben

Unser Chawer Stalinen.

 

Leb’n is gewor’n frei

Steihet Glick for alleman 79),

Weil mir hab’n a so Fihrer

Unser Chawer Stalinen!

 

Mekane i bin das Feigele 80),

Was kann in Himm’l jag’n.

Wenn ich hab Flieglen, wollt ich gleich

Zu Stalinen sich getrag’n.

 

Ach, wie unser Chawer Lenin

Wollt sich stark der freien,

Wenn er wollt‘ nur a Kuck 81) tun,

Wie auf sein‘ Weg mir geihen.

 

Mir seinen itzt Stachanowzes,

Si is unser Glick varsichert.

Mir freien sich un leienen 82)

Dem Chawer Lenins Bicher.

 

Angeschrieb’n ich hab’ a Brief,

Stalinen iwell schick’n.

Unser Land hat er derfiehrt,

Zu Freid’n un zu Glick’n.

 

Ich bin itzt a Rojtarmeier 83)

Un baschitz mein teier Land,

For dem grojßn Fihrer Stalin

I well varnicht’n alle Feind.

 

Unser Armei is stark wie Stahl,

Un schreckt nit of kein Wint, kein Kält’

Weil ’s fihrt an Stalins Kämpfer

Woroschilow, unser Held.

 

Ich bin itzter a Kolwirtnik 84),

Mir leb’n sich frei un gut,

Unser Land ich well varhiet’n

Mit mein ganzer junger Mut.

 

In Schießer-Kreisl ich varnehm sich 85),

Ich hab dem Zeichen „Geteo“ 86),

I well varhiet’n unser Land

Jede Minut‘ un jede Scho 87).

 

Die Stalinische Konstituzie 88)

Muß jeder kennen, wiss’n,

Soll sich weis’n 89) a Burschuj 90), —

Mir woll’n ihm derschieß’n.

 

_____________________

 

1) Genosse, 2) Worte, 3) Heute, 4) Feinde, 5) daß, 6) bereit, 7) UdSSR., 8) Wunder, 9) sicherlich, 10) irgendwo, 11) gedurft, 12) Feind, 13) Ältester <gemeint ist der Verantwortliche in einer Gruppe bzw. deren Sprecher; R.S.>, 14) Menge, 15) Weite, 16) treu sein, 17) wir heben noch höher, 18) heulen, 19) sie werden niemals, 20) schon, 21) Ufer, 22) sät, 23) Feind, 24) blühen, 25) Hasenschnauze, 26) Maul, 27) riechen, 28) schallen, 29) Augen, 30) es ist fort, 31) laß uns, 32) sind die, 33) jetzt, 34) es wird, 35) haben, 36) erhoben, 37) gestreut, 38) Paradies, 39) Genossen, 40) lauter, 41) es wird ein Unglück sein für alle Feinde, 42) stören, 43) Schöne Worte zusammengestellt, 44) schönes, 45) vermögen, 46) es gibt keine solchen Dinge, 47) abbringen, 48) verstecken, 49) Du bist so gefestigt, 50) abkehren, 51) Meer, 52) braust, 53) stehst an Deinem Platz, 54) beugen, 55) gegen, 56) verstandesmäßig messen, 57) aller, 58) mahnen, 59) Bretter, 60) Anfang, 61) beschützen, 62) bereit, 63) mein Söhnchen, 64) Du wirst, 65) Geschichte, 66) dem Guten, 67) uns ihren Händen entrissen, 68) eine jüdische Nachahmung der sog. russischen “Tschastuschki”, einer Art kurzen Volks- und Fabrikliedes, 69) Vater, 70) wählt ihn zum Abgeordneten, 71) ich habe, 72) Priester, 73) Herrn, 74) sich sehr freuen, 75) laßt uns, 76) Oktoberfest (Revolution) <die alljährlichen Revolutionsfeierlickeiten; R.S.>, 77) Geschenk, 78) Himbeeren, 79) Glück ist für alle, 80) Ich möcht‘, ich wär‘ ein Vöglein, 81) einen Blick, 82) lesen, 83) ein Rotarmist, 84) Kollektiv-Bauer, 85) im Schützen-Zirkel, 86) Sowjet-Abzeichen “Bereit zur Arbeit und Verteidigung“, 87) Stunde, 88) Verfassung, 89) zeigen, 90) Bürgerlicher, Bourgeois.

 

Genannte Personen:

Kaganowitsch, Lasar Moissejewitsch (1893-1991), sowjet. Politiker

Kalinin, Michail Iwanowitsch (1875-1946), sowjet. Politiker

Molotov, (eigtl.) Wjatscheslaw Michailowitsch Skrjabin (1890-1986), sowjet. Politiker

Nikolai = Nikolai II. Alexandrowitsch (1868-1918), russ. Zar von 1894-1917

Stachanow, Alexei Grigorjewitsch (1906-1977); nach ihm benannt wurde eine Initiative zur Erreichung höchster Produktivität (Normübererfüllung, Vorzeigeproletarier, “Stachanowisten”)

Woroschilow, Kliment Jefremowitsch (1881-1969), Marschall der Sowjetunion, befehligte ab 1942 den Partisaneneinsatz

Zum Weiterlesen im Internet:

http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Leibbrandt
http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdischer_Bolschewismus
http://www.antisemitismus.net/klassiker/1935/1935-1-03.htm
http://www.hagalil.com/2003/11/merkel.htm
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4073
http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-30300034.html
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/hohmann-affaere-vielleicht-muss-man-das-buch-erst-mal-lesen-1134059.html
http://en.wikipedia.org/wiki/%C5%BBydokomuna
http://en.wikipedia.org/wiki/History_of_the_Jews_in_Poland
http://en.wikipedia.org/wiki/Timeline_of_Jewish_Polish_history
http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Polish_Jews
http://en.wikipedia.org/wiki/History_of_the_Jews_in_Russia#Jews_in_the_revolutionary_movement
http://en.wikipedia.org/wiki/History_of_the_Jews_in_Ukraine
http://en.wikipedia.org/wiki/History_of_the_Jews_in_Belarus
http://en.wikipedia.org/wiki/Galician_Jews
http://en.wikipedia.org/wiki/Jewish-Ukrainian_relations_in_Eastern_Galicia
http://en.wikipedia.org/wiki/Antisemitism_in_Russia
http://en.wikipedia.org/wiki/Antisemitism_in_the_Soviet_Union
http://en.wikipedia.org/wiki/Antisemitism_in_Imperial_Russia
http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Jews_from_Russia,_Ukraine_and_Belarus
http://en.wikipedia.org/wiki/Mohammad_Ali_Ramin
http://www.haaretz.com/news/muslim-brotherhood-backtracks-on-leader-s-remarks-denying-holocaust-1.177369
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,401326,00.html
http://en.wikipedia.org/wiki/International_Conference_to_Review_the_Global_Vision_of_the_Holocaust
http://old.tehrantimes.com/Index_view.asp?code=161953
http://en.wikipedia.org/wiki/Mahmoud_Ahmadinejad_and_Israel
http://en.wikipedia.org/wiki/Historical_Revisionism
http://en.wikipedia.org/wiki/Historical_revisionism_%28negationism%29