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Hartnäckige innere Bilder

Antisemitismus – Zur Psychologie eines Vorurteils…

Von Paul Parin

Kürzlich hat man mich aufgefordert, über die Psychologie des Antisemitismus zu sprechen; «ganz unpolitisch» sollte ich mich nur über die psychoanalytische Deutung des Phänomens äussern. Ich habe erwidert, dass das nicht möglich sei. Der Antisemitismus ist, wie jedes rassistische Vorurteil, immer ein politisches Phänomen. Auch wenn man das bewusste und unbewusste Seelenleben einer einzigen Person, die antisemitische Meinungen oder Gefühle hat, ins Auge fasst, ist immer die Einstellung gegenüber einer Gruppe von Menschen gemeint, die einem Volk, einer Rasse, einer Religion angehören.

Wenn ich einen Juden, Araber oder Neger hasse, weil er mir etwas Schlimmes angetan hat, bin ich noch kein Rassist. Sobald ich jedoch meine, dass ein Jude, Araber oder Neger, wegen der für diese Gruppe typischen Eigenschaften und Taten meine Abneigung oder Aggression verdient, ist mein Urteil – oder Vorurteil – eine politische Einstellung. Wer dies öffentlich kundtut und oder andere auffordert, sich seiner Meinung anzuschliessen, macht sich des Rassismus schuldig. Rassismus gilt als unmoralisch, ist gesetzlich verboten und ist gänzlich irrational, widerspricht allen vernünftigen Überlegungen. Antisemiten können nur schwer oder gar nicht von der Unvernunft ihrer Einstellung überzeugt werden. Ich will versuchen zu erklären, wie es dazu kommt, dass normale und geistig gesunde Menschen derart irrationale Meinungen und Überzeugungen haben. Die psychologische Deutung kann die politische und moralische Kritik keinesfalls ersetzen oder beeinträchtigen, soll sie vielmehr ergänzen.

Vorerst möchte ich ein Missverständnis aufklären, das es vielen Schweizern und Schweizerinnen erschwert, in der politischen Auseinandersetzung nicht nur mit dem Ausland, sondern auch unter Bürgerinnen und Bürgern der Schweiz, genügend klar zu denken: Es ist die Unterscheidung von persönlicher Schuld und historischer Verantwortung.

Wenn eine Person ein schweres Verbrechen begeht oder Beihilfe zu einem solchen leistet, ist vorgesehen, dass sie gerichtlich belangt wird. Kommt es aus irgendwelchen Gründen innerhalb einer bestimmten Frist nicht zu einem gerichtlichen Verfahren, gilt die Tat als verjährt und kann nicht mehr gerichtlich verfolgt werden. Dies gilt in jedem demokratischen Staatswesen und natürlich auch in der Schweiz. Es bleibt der Person überlassen, sich mit der Schuld, die sie auf sich geladen hat, auseinanderzusetzen. Ethische und die Grundsätze der meisten Religionen verlangen Reue und eine Wiedergutmachung des Schadens, soweit dies möglich ist. Was der Person weiter anhaftet, ist die Schmach, ein verabscheuungswürdiges Verbrechen begangen zu haben, die sich seelisch als Schamgefühl äussern mag.

Hat sich ein Staat – unter welchen Umständen auch immer – schuldig gemacht, gelten andere Regeln. Eine Verjährung gibt es nicht. Von einem demokratisch konstituierten, souveränen Staat wird erwartet, dass er sein schuldhaftes Tun später, wenn die Umstände es erlauben, aufklärt, selber anerkennt und alles unternimmt, um die Folgen soweit als möglich rückgängig zu machen und den angerichteten Schaden zu kompensieren.

Die «Judenfrage», die sich der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs dramatisch und tragisch gestellt hat, und die Politik der Eidgenossenschaft seit 1945, die sich davon ableitet, haben zu den gegenwärtigen Auseinandersetzungen geführt. Die heftigen Gefühle bei dieser Diskussion sind ein untrügliches Zeichen dafür, dass unsere Politik nicht genügend diskutiert und geklärt worden ist.

Es ist heute nicht die Rede davon, dass und wieweit sich einzelne Schweizer und Schweizerinnen schuldig gemacht und andere sich der Flüchtlingspolitik der Schweiz widersetzt haben (wie unter anderen der Polizeihauptmann Grüninger, der Konsulatsbeamte Lutz). In der gegenwärtigen Auseinandersetzung geht es nicht um persönliche Schuld, sondern um die historische Verantwortung der Schweiz. «Kollektivschuld» ist ein irreführender Ausdruck. Die Forderungen nach finanzieller Wiedergutmachung von der Schweizer Politik mitverursachter Schäden richten sich weder an das Schweizer Volk noch an einzelne Personen. Das ist vom Ausland (zum Beispiel vom Jewish World Congress oder vom israelischen Aussenminister) ausdrücklich betont worden. Es ist eine Politik gemeint, die von Stimmbürgern und Stimmbürgerinnen zwar mitgetragen, aber von Bundesrat, Parlament und Parteien verantwortet wird. Die anstössige Äusserung des (damaligen) Präsidenten der Eidgenossenschaft, Jean-Pascal Delamuraz, wird – vom Ausland jedenfalls – nicht wegen der persönlichen Einstellung des Bürgers Delamuraz zurückgewiesen, sondern weil er als höchster gewählter Magistrat, also als Stimme der eidgenössischen Politik, gesprochen hat. Die Begleichung materieller Schulden, die verlangt wird, ist von der Anerkennung einer moralischen Schuld zu unterscheiden.

Es ist eine allgemeine menschliche Fähigkeit, irgendwelchen Dingen eine symbolische Bedeutung zu verleihen. Ein Stück Stoff kann als Fahne eine Nation bedeuten, die Tradition, die Ehre, die Souveränität der Nation. Bedeutungen, die hochgehalten werden müssen, für die es sich lohnt zu kämpfen, unter Umständen zu sterben. Auch immaterielle Dinge, Ideen, Glaubensartikel und -rituale können eine symbolische Bedeutung bekommen, ebenso wie Monarchen oder Führer. Ist die Bedeutung des Symbols einmal etabliert, wirkt es wie eine Naturtatsache, die nicht in Frage gestellt werden kann. Jeder «weiss», was das Symbol bedeutet. Dem Symbol wird in der Gruppe allgemein geglaubt. Es wird als Tradition den nächsten Generationen vermittelt und weitergegeben.

Das Symbol «der Jude», «die Juden», das jüdische Volk, die Menschen hebräischer Konfession sind durch Projektion entstanden und durch weitere Bedeutungen angereichert worden. Einfache Projektionen von Gefühlen, Ängsten, Aggressionen oder auch Wünschen und Hoffnungen können korrigiert und zurückgenommen werden, wenn erkannt wird, dass sie der Wirklichkeit nicht entsprechen. Projektionen, die nicht auf eine unbeschriebene blanke Projektionsfläche, sondern auf eine gesellschaftlich bereits stigmatisierte Gruppe (hier: auf «die Juden») gerichtet sind, nehmen einen anderen Verlauf. Sie sind dauerhafter, können durch Realerfahrungen nicht korrigiert werden. Sie werden als innere Bilder (Introjekte) festgehalten und weitervermittelt. Die Geschichte des Antisemitismus ist so bekannt, dass ich sie hier nicht wiederholen muss. Als die Aufklärung zur Zeit der Französischen Revolution vor etwa zweihundert Jahren die Gleichheit und Würde aller Menschen zum Prinzip erhoben hatte, war die Diskriminierung der Juden längst in der Verfassung und in den Gesetzen der meisten Staaten festgeschrieben. Bekanntlich war die Eidgenossenschaft eine der letzten Staaten, die eine rechtlich und zivile Gleichstellung der Juden und zuletzt 1874 die Religionsfreiheit aller Bürger und Bürgerinnen in der Verfassung festgelegt hat.

Die Haltbarkeit des Negativsymbols «Juden sind gefährliche, mächtige heimliche Volksfeinde» hat sich auch dort erwiesen, wo die Gleichstellung längst erfolgt war. So konnte Hitler mit dem widersprüchlichen Vorwurf einer plutokratisch (gleich kapitalistisch)-bolschewistischen jüdischen Weltverschwörung grosse Teile des deutschen Volkes gegen die Juden aufbringen, was zur geplanten Vernichtung eines grossen Teils der Juden Deutschlands, Österreichs und Europas geführt hat.

Dass es nicht leicht ist, das negative Bild (die projektive Identifikation) «des Juden» zu korrigieren, kann bereits bei einzelnen Personen beobachtet werden. Wenn sie allzu deutliche gute Erfahrungen mit Juden gemacht haben, so sind dies Ausnahmen. Das negative Bild oder Symbol «des Juden» wird davon nicht berührt. Hingegen haben negative Erfahrungen mit irgendwelchen Juden, ihr Stolz, Hochmut oder auch ihre Anpassungsneigung oder Unterwürfigkeit sich als Verstärker des Negativsymbols erwiesen. Als Fazit: antisemitische Vorurteile entstehen und erhalten sich völlig unabhängig von wirklichen Erfahrungen mit Juden; und: Juden können weder vermeiden, dass sich Antisemitismus bildet, noch können sie irgendwie dazu beitragen, die Vorurteile der Antisemiten abzubauen.

Gerät ein Staat oder eine soziale Schicht in irgendeinem Gesellschaftsgefüge in Bedrängnis, können antisemitische Haltungen offen zum Ausdruck kommen. Bereits Ängste und Befürchtungen einer Gruppe, wirtschaftliche Not oder politische Gefahren können diese Folge haben.

Es hat darum keinen Sinn, danach zu fragen, wie viele Prozent einer Bevölkerungsgruppe Antisemiten sind. Es hängt davon ab, unter welchen wirtschaftlichen, politischen, kulturellen Umständen sich die Frage stellt.

Als Theodor Adorno und seine MitarbeiterInnen versucht haben, die psychologische Haltung der Deutschen zu ergründen, die sie dem Nationalsozialismus gegenüber verführbar gemacht hat, führten sie die Untersuchung in verschiedenen Regionen der USA durch. So sehr war Adorno davon überzeugt, dass die gleiche antisemitische Grundeinstellung in jedem Land, auch in den demokratisch verfassten Vereinigten Staaten zu finden sein müsste.

Dieser Meinung schliesse ich mich an. Die Schweiz macht keine Ausnahme: Antisemitismus gibt es in sehr unterschiedlicher Häufigkeit in verschiedenen Regionen, sozialen Schichten und Generationen, und sie ist von jenen «Umständen» abhängig, die einen Rückgriff auf das Negativsymbol des Juden nahelegen.

Eine solche überlieferte und unter Umständen zum Ausdruck kommende Einstellung, eine projektive Phantasie kann leicht erzeugt werden, auch wenn sie unseren Grundwerten und liberalen Idealen widerspricht. Der Mythos von den verbrecherischen und gefährlichen muslimischen Kosovo- Albanern, die als Flüchtlinge in die Schweiz gekommen sind, hat sich vor unseren Augen etabliert. Wir wissen nicht, wie verbreitet er ist und wie haltbar er sein wird. Die Tatsache, dass es nur wenige Juden bei uns gibt, wirkt nicht entlastend. Es wird eben phantasiert, dass es viel mehr sind, als es tatsächlich der Fall ist. Die relative Machtlosigkeit der negativ besetzten Gruppe wird durch die Phantasie ihrer heimlichen Macht oder verfolgungswahnartig durch die Vorstellung einer Verschwörung ergänzt. Wegen der durch viele Generationen angereicherten Bedeutungen des verinnerlichten Negativsymbols dürfte Antisemitismus sehr haltbar sein; gegen eine einfache Aufklärung ist das Vorurteil ohnehin immun. Andererseits gibt es auch aus jüngster Zeit Beispiele, dass ein ganz analoges Negativsymbol im Verlauf von ein bis zwei Generationen verblassen oder beinahe ganz verschwinden kann. Frankreich war als «Erzfeind der Deutschen» seit dem vorigen Jahrhundert bis nach dem Zweiten Weltkrieg festgeschrieben. Das stereotype Vorurteil ist obsolet geworden. Eine entsprechende Realpolitik, die Wertsetzung durch anerkannte Symbolfiguren, Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, und die gleichzeitig wirtschaftliche und politische Entlastung haben eine emotionelle Entspannung ermöglicht, die erst den Boden für die Aufklärung irrationaler Ängste und Hassgefühle bereitet hat.

Die Schweiz ist in der günstigen Lage, weder einer existentiellen Not ausgesetzt zu sein, noch eine wirkliche Bedrohung von aussen befürchten zu müssen. Hier wäre eine weitreichende Aufklärung möglich. Antisemiten könnten erkennen, dass «ihre» Juden gewöhnliche Menschen sind, weder böser und gefährlicher noch irgendwie anders als irgendwelche andere Mitmenschen.

Quelle: Paul Parin, Hartnäckige innere Bilder. Antisemitismus: zur Psychologie eines Vorurteils. In: WoZ, Die Wochenzeitung (Zürich), Nr. 5, 31. Januar 1997.
Paul Parin (2005): Psychoanalyse, Ethnopsychoanalyse, Kulturkritik. Paul Parins Schriften auf CD, herausgegeben von Johannes Reichmayr, 19,90 Euro, Psychosozial-Verlag, Gießen, Bestellen?