Israel und die Holocaustkultur

Der Holocaust-Gedenktag wird in Israel nicht am 27. Januar begangen, sondern gemäß dem Hebräischen Kalender am Tag des Falls des Warschauer Ghettos 1944, dem einzigen großen jüdischen Aufstand gegen die Todeswut der Nazis…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 18. April 2012

Von 198.000 in Israel noch lebenden „Zeitzeugen“, wie man in Deutschland die Opfer der Konzentrations- und Vernichtungslager nennt, lebt die Hälfte in peinlicher Armut, vereinsamt, auf psychologische Hilfe angewiesen und kaum fähig, Strom- und Wasserrechnungen zu zahlen.

Zeremonien in der zentralen Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem Yad Vaschem, 48 Stunden ununterbrochene Berieselung des Fernsehpublikums mit Dokumentarfilmen, Interviews und herzzerbrechender Schilderung von Einzelschicksalen, sind auch Anstoß für kontroverse Diskussionen über das Verhältnis zur Schoah.

Die israelische Regierung beschließt populistisch eine Erhöhung der Zuwendungen an 8.500 Überlebende um 110,- Euro pro Person und Monat. Das ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein, denn die Überlebenden sind allesamt über siebzig Jahre alt, gebrechlich und oft nur mit einer minimalen Rente ausgestattet. Viele sind nicht anerkannt, weil sie sich irgendwie retten konnten, den Krieg in Sibirien überlebten, anstatt den Gang durch Theresienstadt, Mauthausen, Auschwitz und Neuengamme mit entsprechenden psychischen Schäden überstanden zu haben. Eti Polak wurde auf der Flucht vor den Nazis als Baby in die eisige Wolga geworfen. Dabei erfroren ihre Füße. Heute kann sie nicht mehr laufen, ist aber als „Holocaustüberlebende“ nicht anerkannt.

Während Ministerpräsident Netanjahu Pluspunkte erntet, kürzte die 2007 gegründete „Gesellschaft zur Erstattung von Eigentum“ mangels Geldern ihre jährlichen (!) Zuwendungen an Tausende Überlebende um 20 Prozent von 1100,- Euro auf 800,- Euro. „Viele dieser Menschen, denen der Staat Israel seine Existenz zu verdanken hat, nagen heute am Hungertuch“, empörte sich die ehemalige Oberrichterin  Dalia Dorner.

Die Erinnerungskultur wird in Israel hoch gehalten. Schulklassen und Militäreinheiten reisen nach Auschwitz. Aber es kommen auch Fragen zu dem „vergessenen Holocaust“ in Nordafrika auf. Auch dort errichteten die Nazis Lager für Juden. Doch die Vergangenheit der nordafrikanischen Juden ist kaum aufgearbeitet. Kaum beachtet wird das Schicksal jüdischer Gemeinden in der arabischen Welt, von Algerien über Libyen, Jemen und bis nach Irak. Hunderttausende Juden haben in diesen Ländern 2500 Jahre lang gelebt. Teilweise infolge der Nazipropaganda wurden sie schon in den 1940ziger Jahren Opfer blutiger Pogrome. Spätestens in den 1960ziger Jahren war die „ethnische Säuberung“ der Juden in den arabischen Länder fast perfekt. Libyen ist komplett „judenrein“, im Irak gibt es noch 13 Juden, in Afghanistan 2 und im Jemen bestenfalls 300.

Aber auch andere jüdische Gemeinschaften haben in jüngster Zeit Tod und Verfolgung erlebt. Die äthiopischen Juden flohen in den 1990ziger Jahren zu Fuß durch die Wüste des Sudan nach „Zion“. Tausende kamen ums Leben. 1990 wurden fast alle zurückgebliebenen 13.000 äthiopischen Juden in einer gewagten Aktion an einem einzigen Wochenende von Israels kompletter Luftflotte heimlich ausgeflogen. Äthiopische Jugendliche können sich bei einem Besuch in Yad Vaschem mit ihrem eigenen Schicksal identifizieren, aber die offizielle Gedenkkultur hat weder die Iraker noch die Jemeniten oder die Äthiopier integriert in das Gedenken an die „größte Katastrophe der Menschheit, die jemals einem Volk widerfahren ist, nämlich dem Versuch, es wegen seiner Identität auszulöschen“, so Rachel Elior, Professorin für Judaistik. Abraham Burg, ehemaliger Knessetvorsitzender, fragte in einer Fernsehdiskussion, ob Politiker sich heute noch bei tagesaktuellen Themen auf den Holocaust berufen dürften. Burg beklagte dadurch eine Entwertung der Einzigartigkeit des Holocaust, während Elior konterte, dass heute einzig der jüdische Staat Israel mit physischer Auslöschung bedroht werde, etwa durch Iran, die Hisbollah oder Hamas. „Es ist undenkbar, dem jüdischen Volk zu versagen, ein konstituierendes Trauma seiner Geschichte zu verbieten.“ Kein anderes Volk auf Erden sei derart bis heute mit Existenzangst konfrontiert.

Ministerpräsident Netanjahu, und Jahre zuvor Menachem Begin, wurde vorgeworfen, mit Blick auf eine atomare Bedrohung des Staates Israel „keinen zweiten Holocaust“ zulassen zu wollen. Israel, etwa so groß wie Hessen, könnte durch eine einzige Atombombe ausgelöscht werden und wird deshalb auch „ein-Bomben-Staat“ genannt.

Im Rahmen der Schoah wurden sechs Millionen Juden vernichtet. Im Staat Israel leben heute fast 6 Millionen Juden, von denen die Hälfte aus islamischen und arabischen Staaten stammt. Eine einzige Atombombe auf Tel Aviv würde das Ende des jüdischen Staates bedeuten. Der bietet jedoch den Juden erstmals seit 2000 Jahren die Fähigkeit, nicht mehr der Willkür fremder Völker ausgeliefert zu sein. Netanjahus Vorwurf an die Amerikaner, nicht einmal die Eisenbahnschienen nach Auschwitz bombardiert zu haben, und seine zweideutige Aussage, eine iranische Atombombe „nicht akzeptieren“ zu wollen, ist für fast jeden Israeli angesichts des kollektiven Volksempfindens eine durchaus reale Analogie.  „Wir Juden können immer noch nicht sicher und in Frieden leben. Wir müssen weiterhin unsere Jugend zum Kampf für das pure Überleben erziehen“, sagte Jehuda Baumel, Holocaustüberlebender und Vater eines gefallenen Soldaten.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com

5 Kommentare zu “Israel und die Holocaustkultur

  1. Ohne grossartige Verrenkungen – Jordanien hat bis zum Jordan sein Staatsterritorium – von da ab Israel bis zum Mittelmeer – zugegeben – etwas schmaler als das Hashi-Kingdom …dennoch – so ist’s halt übriggeblieben!  Beide STAATEN sog. „Palästina“ haben damit umzugehen gelernt – trotz dessen, dass TerrorGanoven von PA u. Co. es nicht zur Kenntnis zu nehmen in der Lage sein wollen! …so what …dat wiiird scho

  2. @ Sebaldius: „Ein klar umrissener territorialer Bereich der eigenen staatlichen Souveränität und definierte international anerkannte Staatsgrenzen sind aber nun mal die unabdingbaren Minimalvoraussetzungen für das Existenzrecht eines Staates. Israel hat das alles nicht, erwartet aber trotzdem Anerkennung, und dann auch noch als “Judenstaat”. Das ist natürlich hirnrissig und kann natürlich nicht funktionieren.“
    Sagen wir mal so Herr Weltpolitiker: Wann hat z.B. die BRD die Oder- Neiße Grenze anerkannt (um mal heimisch zu bleiben)?  Sind die Warschauer Verträge von 1970 auch hirnrissig, da es diese Ostgrenze gar nicht gab, oder entspricht dies eher dem verfälschten Bild eines SebaldiusDeutschlands? Hat Jordanien einen Friedensvertrag mit dem nicht klar umrissenen staatlichen Souverän Israel abgeschlossen, ebenso wie Ägypten?
    Wie geht das denn?
    Wenn die gar keine Grenzen haben und anscheinend auch gar kein Staat sind?
    Sind die doof?

  3. @ Sebaldius

    Aus Ihren Worten sprüht vorauseilende Vorfreude für solch „prophetischen“ Fall, dass „Wenn Israel untergeht …Als “Judenstaat” hat Israel jedenfalls keine Zukunft und wird untergehen, und Schuld daran haben sie selber.

    GENAU deshalb wird Israel um sein Überleben ringen, ungeachtet dessen, was unbedrohte europäische …deutsche „Wohlstandsfutzis“ gegen die Existenz Israels alles labern!

  4. An einem Tag, wo in Israel alle schweigen, will ich auch schweigen und nur eines tun, meinen G´tt loben und danken, dass damals 1941-42 meine Mutter und und meine Großmutter zwar auf der Liste standen nicht anerkannt zu werden als normale Menschen, sondern, dass sie zu einer anderen Rasse gehörten mit Verdacht auf Judentum. Dass aber die Situation dann aber doch so gelenkt wurde, da keine Beweise da waren und dass sich Menschen eingesetzt haben meine Leute zu verteidigen, die nackt ausgezogen, auf irgendwelchen Ämtern,  wie Tiere vermessen wurden auch mit Proportionen in den Gesichtswinkeln und mit jüdischen Merkmalen eingelistet wurden. 
    In dieser Stunde sind Menschen eingetreten und haben geholfen, dass der Weg nicht ins KZ ging. Die Herzen dieser Menschen und den Mut hat mein G´tt ihnen gegeben, den Schutz und das Wunder, hat Jahweh gegeben, weil er vieles auch damals nicht zugelassen hat, auch wenn es nicht weltberühmt ist.

    Wäre es anders gelaufen, dann hätte es mich sehr wahrscheinlich auch nicht gegeben und ich bin aufgewachsen auf einer Erfahrung, die kostbar ist und die ich wünsche, dass unser G´tt es in die Generation einpflanzt, die in eine Konfrontation kommen, in der ich wünsche dass es nur die eine Erfahrung gibt, die mein Geschenkt ist: Unser G´tt lässt nicht alles zu! Er rettet unser Leben mit seinen Flügeln und macht Israel zu seinem Engel, zu seinem Boten, „damit alle Welt erfährt “ es ist nur ein G´tt und sonst keiner!“
     
    EHRE IHM ALLEIN FÜR ALL DAS GUTE, DAS ER ISRAEL GETAN HAT UND FÜR DAS WUNDER DASS WIR ALLE NOCH LEBEN!

    Jahweh ist Sieger! Er ist ein lebendiger G´tt, der handelt und siegt! Möge er eine reiche Ernte seiner Liebe in der Menschheit finden, an dem Tag, den er uns zum Erbe gegeben hat.

    ER IST WAHRHAFT GOTT! Und ALLER Ehre wert und würdig der tiefsten Hingabe und Überzeugung.

    ER LIEBT ISRAEL! ER LIEBT ALLE, DIE IHN LIEBEN AUF ERDEN! 

    Welch ein Geschenk, dass wir leben dürfen vor der Nase der Feinde, die uns hassen und immer siegen in Gerechtigkeit!

    Amen! 

  5. Sahm schrieb:
    „Eine einzige Atombombe auf Tel Aviv würde das Ende des jüdischen Staates bedeuten.“
     
    Wenn Israel als selbsternannter „Judenstaat“ untergeht, dann sicherlich nicht durch Atombomben oder einen „Zweiten Holokaust“, sondern durch eigene Dummheit, Anmassung, Ignoranz und rassisch motiviertem Überlegenheitswahn.
     
    Israel ist paranoid und schizophren und somit unfähig zum Frieden. Israel ist in seinem Allmachtsanspruch und Grössenwahn nicht einmal in der Lage, die Grenzen des eigenen staatlichen Hoheitsgebietes anzuerkennen. Israel steht z.B. allein durch die Annektion von Ost-Jerusalem im Widerspruch zum gesamten Rest der Welt. Und – sind die Judensiedlungen in den besetzten Gebieten nun integraler Bestandteil des „Judenstaates“ Israel, oder sind sie es nicht? Die dort lebenden Juden sollen es angeblich sein, unterliegen sie doch der israelischen Jurisdiktion und Staatsangehörigkeit, aber die rechtmässigen Eigentümer des Landes gleich daneben sollen es nicht sein – woraus logischerweise folgen müsste, dass der Gartenzaun eines jeglichen illegalen Outpost Israels Staatsgrenze wäre. Eine absurde Vorstellung, nicht wahr?
     
    Ein klar umrissener territorialer Bereich der eigenen staatlichen Souveränität und definierte international anerkannte Staatsgrenzen sind aber nun mal die unabdingbaren Minimalvoraussetzungen für das Existenzrecht eines Staates. Israel hat das alles nicht, erwartet aber trotzdem Anerkennung, und dann auch noch als „Judenstaat“. Das ist natürlich hirnrissig und kann natürlich nicht funktionieren.
     
    Israel kolonisiert und judaisiert die besetzten Gebiete. Israel betreibt in den besetzten Gebieten eine Apartheids-Politik der Rassentrennung zwischen Juden und Nichtjuden. Nichtjüdische Palästinenser werden allein aufgrund ihrer vorgeblich „falschen“ Volks- oder Religionszugehörigkeit diskrminiert, weil sie keine Juden sind, sie werden entrechtet, ghettoisiert und bantustanisiert, enteignet, unterdrückt, verfolgt und vertrieben. Und wer das alles leugnet oder nicht sehen will, der ist ein Lügner oder ein Dummkopf.
     
    Mit der fortgesetzten jüdischen Besiedelung der besetzten Gebiete hat Israel die Zwei-Staaten-Lösung unmöglich gemacht. Keine israelische Regierung kann jemals die halbe Millon fanatischen jüdischen Siedler wieder rausholen aus den besetzten Gebieten, heim ins Reich hinter die Grüne Linie. Nicht ohne Bürgerkrieg und Zerfall und Untergang des „Judenstaates“ Israel. Wer glaubt, dass das, was mit den 6.000 Siedlern aus Gaza und den 6.000 Siedlern aus Sinai möglich war, auch mit den hundertmal so vielen Siedlern aus den besetzten Gebieten möglich wäre, ist ein ahnungsloser Dummkopf. (Z.B. wurde jeder einzelne der heimgeholten Siedler aus Gaza und Sinai mit jeweils 250.000 Dollar „entschädigt“. Auf die halbe Million Siedler in den besetzten Gebieten umgerechnet wären das satte 125 Milliarden Dollar „Entschädigung“. Wer soll das bezahlen, vielleicht die 5 Millionen Juden in Israel proper?)
     
    Wenn aber die Zwei-Staaten-Lösung tot ist (durch Israels Siedlungs- und Kolonisierungspolitik), dann bleibt entweder nur die Fortsetzung der jetzigen Apartheidspolitik in alle Ewigkeit (an der Israel unweigerlich untergehen würde), oder Völkermord bzw. Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Form einer gross angelegten ethnischen Säuberung und Vertreibung bzw. Deportation der einheimischen nichtjüdischen palästinensischen Bevölkerung nach Jordanien oder Ägypten (an der Israel ebenso unweigerlich untergehen würde).
     
    Oder es bleibt die Ein-Staaten-Lösung, vom Meer bis zum Jordan, mit allen Juden und Nicht-Juden als vollkommen gleichberechtigten Bürgern eines demokratischen und säkularen Staates mit einer Verfassung basierend auf dem Prinzip ‚one man one vote‘. Das wäre aber natürlich kein jüdischer Staat mehr.
     
    Es ist bezeichnend, dass Israel allein schon in der Anerkennung der Menschen- und Völkerrechte für die Palästinenser seinen Untergang als „Judenstaat“ sieht. Aber wenn das so ist, dann begründet Israel sein Existenzrecht als Judenstaat eben ausserhalb des Menschen- und Völkerrechts, und muss sich logischerweise gefallen lassen, dass es hinterfragt und angezweifelt wird.
     
    Als „Judenstaat“ hat Israel jedenfalls keine Zukunft und  wird untergehen, und Schuld daran haben sie selber. Bislang konnte noch kein einziger israelischer Politiker eine Vorstellung entwickeln, wie der Krieg zu beenden wäre. Die haben da Atombomben und US-amerikanische High Tech waffen und können in anderen Staaten Atomkraftwerke bombardieren und deren Wissenschaftler zum Tode verurteilen und hinrichten – sind dabei aber trotzdem unfähig, ihr eigenes Siedlerproblem damit zu lösen. Die haben politische Unterstützung und Loyalitätsbekundungen aller europäischen Regierungen  – und wollen trotzdem immer wieder neue Kriege anzetteln. Die ganze welt zeigt auf die unhaltbaren Zustände der Apartheid und Rassentrennung in den besetzten Gebieten – aber die da unten blenden das aus wie die kleinen Kinder, die die Wahrheit nicht sehen wollen.
     
    Was denken die sich eigentlich da unten in Israel, wie lange das noch so weitergehen soll und wohin das alles führen soll? Wenn Israel untergeht, dann nicht durch iranische Atombomben, sondern durch eigene Inkompetenz, durch eigenen Rassenwahn, durch eigene unersättliche Raffgier, durch eigenen Herrschaftsanspruch über die ganze Region, durch eigenes Unvermögen, durch eigenes moralisch ethisches versagen.
     
     

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