Günter Grass mochte keine roten Rosen

Er mochte auch keine faulen Tomaten. Heinrich Böll hingegen schon…

Von Uri Degania

„Kein Mensch ist heute mehr Antisemit, man versteht nur die Araber.“
Friedrich Dürrenmatt, 1976

 »Man kann alles übertreiben/auch das Schreiben.«
Robert Gernhardt über Günter Grass´ Roman Butt

Mit dem Erinnern ist es so eine Sache. Mit dem Erinnern wollen steht es auch nicht viel besser – insbesondere für eine Generation, die unmittelbar beteiligt war an der Ermordung von sechs Millionen wehrlosen Juden, Sinti und Roma.

Nur Wenige der Beteiligten waren – und sind – bereit, zu ihren Verbrechen gegen die Menschheit zu stehen. Sie sind die Ausnahme. Die meisten haben geschwiegen. Nun gut. Das ist nicht außergewöhnlich. Mit demokratischen Traditionen, Aufklärung ist dies hingegen nicht vereinbar. Aber: Was soll man von einem Volk, welches sich zwölf Jahre lang an einer historisch singulären Mordmaschine beteiligt hat, auch erwarten. Dies ist, von der Formulierung her, starker Tobak? Mag sein. Aber: Die Torheiten und senil anmutenden grotesken Wirklichkeitsverzerrungen des selbsternannten Moralapostels Günter Grass legen eine solche Diktion nahe. Zumindest könnte man zu dieser skeptisch anmutenden Einschätzung gelangen, wenn man das ehemalige SS-Mitglied Grass ernst nimmt.

Von Schriftstellern mag man mehr erwarten: mehr Reflektion, Introspektion, angeeignetes historisch-familiäres Wissen, Zurückhaltung, Einfühlungsvermögen. Vor allem: Eine Angemessenheit der Sprache, wenn man glaubt, über die komplexe, tragische Lebenssituation in Israel schreiben zu müssen. Von Trägern des Literaturnobelpreises sollte man dies wirklich erwarten.

Über Grass´ und sein geschichtsrevisionistisches, an seine SS-Vergangenheit gemahnendes „politisches Gedicht“ braucht man nichts mehr zu sagen.

Offenkundig versucht er zu demonstrieren, dass seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS, als junger Mann, eine richtige, eine wohl abgewogene Entscheidung war. Ja, wenn ER, der Trommler, wenn er und Seinesgleichen früher wirklich gesiegt hätten, dann hätten wir, so möchte uns der senil anmutende Schulmeister Grass offenkundig verdeutlichen, heute kein Problem mehr mit der größten Gefahr für den Weltfrieden: Mit Israel.  Mit den Juden.

Ja, wenn Grass gesiegt hätte, seinerzeit, dann hätten wir heute keine Probleme mehr: Dann könnte Günter Grass heute Museen zur Erinnerung an die jüdische Kultur eröffnen. Dann wäre der Iran endlich ein friedliches, paradiesisches Land, in dem Milch und Honig fließen, in dem die Frauen gleiche Rechte haben, in dem die Bürger ihre Meinung sagen dürfen. Wenn der winzige, arme Iran nicht mehr durch das übermächtige, riesige Israel bedroht wäre wären die Weltprobleme endlich gelöst. Dann hätten wir ein Paradies auf Erden.

Günter Grass in Israel: Mit Tomaten beworfen

Die israelische Regierung hat soeben, wohl auch aus innenpolitischen Gründen, ein Einreiseverbot gegen Grass verhängt. Dies mag als nicht sonderlich klug erscheinen – immerhin durften jüngst sogar bekannte Rechtsradikale der FPÖ sowie aus weiteren europäischen Länder nach Israel reisen.

Vor allem jedoch: Das Unschuldslamm Grass liebt es, sich als Opfer zu stilisieren. „Der Jude“ tut ihm Unrecht, so lautet seine Botschaft. Darüber schwadroniert er gerne, darüber schreibt er gerne „Gedichte“. Man hätte ihn zu Diskussionen nach Israel einladen sollen – ich würde eine Wette darauf eingehen: Er hätte zu viel Schiss gehabt, diese Einladung anzunehmen…

Günter Grass – der den Holocaust bis zu den Nürnberger Prozessen für eine Erfindung der Alliierten gehalten haben soll – ist sich nicht zu schade, die simpelsten, bei Antisemiten beliebten Klischees und Argumentationsketten zu verwenden. Gern verweist er auf seine Sorge für Israel – um dies gleich mit oberlehrerhaften Attitüden und Erwartungen zu verknüpfen.

Und: Selbstverständlich ist er ein „Freund Israels“. Klar doch, wer wäre das nicht! Selbst die „modernen Rechtsradikalen“ der „Pro-Gruppierung“ sind Freunde Israels. Und laden rechtsradikale Siedler zu Deutschlandbesuchen ein.

Grass´ verschwülste Auslassungen legen nahe, dass er Israel gerne und häufig besucht hat. Dem ist jedoch nicht so: Er war insgesamt wohl nur zwei mal in Israel, sein letzter Besuch liegt 41 Jahre zurück: 1971 hatte er anlässlich der „Deutschen Kulturwoche“ Israel besucht und dort an Lesungen und Diskussionen teilgenommen. In Israel hatte er, der seinerzeit seelisch sehr mit der Verleugnung seiner SS-Zeit beschäftigt war, sich gleich von seiner besten Seite gezeigt: Er betätigte sich in dem ihm völlig unbekannten Israel gleich als deutscher Volkserzieher des jungen, vielfältig bedrohten jüdischen Staates. Grass wusste, was ein „guter Mensch“ ist, was „die Juden“ zu tun haben – damit endlich Frieden einkehre in Nahost. Er, der frühere SS-Jüngling, warnte vor der „jüdischen Rachsucht“. Vor allem wusste er, dass Israel an seinem Unglück selbst Schuld sei – mit „Schuld“ hat es der Grass besonders. Überliefert sind seine seinerzeitigen Äußerungen:

„Es ist für mich auch ein Freundschaftsbeweis Israel gegenüber, dass ich es mir erlaube, das Land zu kritisieren – weil ich ihm helfen will … Solche Kritik aber zu kritisieren – damit muss man aufhören… (…) Aber dieses Auge um Auge, Zahn um Zahn der gegenwärtigen Politik schaukelt allen Zorn nur noch weiter hoch.“ Und: So hat Israel durch die schleichende Annexion der besetzten Gebiete den arabischen Staaten einen Vorwand für deren Angriff geliefert.“[01]

Grass bemühte sich also bereits 1971, die arabischen Angriffe auf Israel zu rechtfertigen – seine geistigen Brüder, die ihren antisemitischen Furor heute auf einer Unzahl von „israelkritischen“ Websites publizieren, vermochten schon früh von Grass zu lernen.

Im Israel des Jahre 1971 – seinerzeit wusste man noch nichts von Grass SS-Vergangenheit! – kamen seine Umkehrungen der Verantwortlichkeiten nicht gut an. Grass wurde – im nahen Osten werden die Emotionen verschiedentlich tatkräftig ausgelebt, wir mögen uns an die fliegenden Schuhe beim Besuch Bushs in Bagdad erinnern – mit Tomaten beworfen. Sahm kommentiert: „In diesem Fall muss man sagen: Die Israelis waren so freundlich, ihn nur mit Tomaten zu bewerfen!“

Grass, der ewige „Freund Israels“, schwor, niemals mehr den jüdischen Staat zu besuchen. Er hielt sich daran.

Sein seelischer Wiederholungszwang jedoch, dies bleibt noch nachzutragen, blieb virulent: 20 Jahre später, während des 1991er Golf-Krieges, als Israels Bürger, mit Gasmasken ausgerüstet, in Bunkern Schutz suchen mussten, sah sich Günter Grass veranlasst, auch den um Verständigung mit den arabischen Nachbarstaaten engagierten israelischen Schriftsteller Yoram Kaniuk politisch-moralisch zu belehren – ein Lehrstück Grass’scher Selbstgerechtigkeit. Israels sehr konkrete, tägliche Bedrohung durch den Friedensfreund Saddam Hussein war ihm keine Zeile wert…[02]

Nun, 41 Jahre später, hatte er endlich „mit letzter Tinte“, verbal zurück geschossen, international – und zugleich einen „geschickten“ Marketing-Trick für sein verquastes Werk geliefert…

Beate Klarsfeld: „Hitler-Analogie“

Beate Klarsfeld hat Grass soeben in deutlichen Worten angegriffen. Sie wirft ihm in seinem „Gedicht“ eine „Hitler-Analogie“ vor. Die ZEIT bemerkt hierzu: „In einer Mitteilung zitierte Klarsfeld aus einer Drohrede, die Hitler 1939 gegen „das internationale Finanzjudentum“ gehalten habe. Wenn man den Ausdruck „das internationale Finanzjudentum“ durch „Israel“ ersetze, „dann werden wir von dem Blechtrommelspieler (Anm. der Red.: gemeint ist Grass) die gleiche antisemitische Musik hören“, schreibt Klarsfeld.[03]

Beate Klarsfeld[04] weiß, wovon sie spricht. Als sie Kiesinger wegen seiner Nazi-Vergangenheit vor 44 Jahren, am 7. November 1968, eine Ohrfeige verabreichte hatte dies höchst unterschiedliche Reaktionen zur Folge. In Frankreich wurde sie für ihre symbolische Tat in den letzten 30 Jahren immer wieder mit höchsten Ehren ausgezeichnet. In Deutschland hingegen wurde ihr das Bundesverdienstkreuz immer wieder verweigert. Bis heute. Dies steht einer „Nazijägerin“ hierzulande offenkundig nicht zu.

Warum ich an diese Geschichte erinnere: Günter Grass ist sich immer treu geblieben. Unsere, seine Nazi-Vergangenheit ist ihm wohl nie als sonderlich arg erschienen. Der Träger der grausamen Botschaft war für ihn schon immer der Täter. In dieser Grundhaltung ist er seiner SS-Mitgliedschaft immer treu geblieben.

Heinrich Böll hingegen, dieser große, bescheidene Literaturnobelpreisträger, war da sehr anders – auch Yoram Kaniuk hat hierfür treffende Formulierungen gefunden (s.o.). Als er von Klarsfelds symbolischer Ohrfeige erfuhr, als er die Anfeindungen erlebte, die Klarsfeld daraufhin aus „seinem“ Deutschland entgegen schlugen, schickte er ihr spontan 50 Rosen. Und die ebenfalls – wie Klarsfeld – in Paris lebende Marlene Dietrich bedankte sich bei ihr in einem Telefonanruf.

Günter Grass hingegen war tief empört über Beate Klarsfeld. Und ließ es sich nicht nehmen, dies auch öffentlich zu bekunden, seinem befreundeten Kollegen Heinrich Böll in den Rücken zu fallen.

„Da kam eine junge Frau aus Paris gereist“, meldete sich Grass sogleich voller Empörung zu Wort, „und ohrfeigte den Bundeskanzler öffentlich.“ Nein, es bestehe kein Anlass „Beate Klarsfeld rote Rosen zu schicken.“

Heinrich Böll hingegen, Anfeindungen gewohnt (wenn er diese wohl auch nicht von befreundeten Schriftstellerkollegen erwartet haben dürfte), konterte: Er frage sich mit der ihm „zustehenden Bescheidenheit, ob es Günter Grass zusteht, festzustellen, ob und wann ich Anlass habe, einer Dame Blumen zu schicken“.

Er habe „Anlass“ gehabt und sei „bereit, den Anlass allen Schulmeistern unter meinen Kollegen öffentlich kundzutun. Ich war diese Blumen Beate Klarsfeld schuldig“, berichtete der SPIEGEL vor sechs Jahren[05]

Und schickte Beate Klarsfeld daraufhin noch einmal 50 rote Rosen.

Ein Epilog

Ein Epilog zum armen, hilflosen Günter Grass, diesem ewigen Opfer – der nur noch „mit letzter Tinte“ über sein autobiografisch weit zurückliegendes Lebensthema zu schreiben vermag: Die Juden, Israel bedroht den Weltfrieden:

„Warum sage ich jetzt erst,/gealtert und mit letzter Tinte:/Die Atommacht Israel gefährdet/den ohnehin brüchigen Weltfrieden…“

Grass, seelisch schwer belastet – nicht ob seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS, nee, das nicht, das war schon o.k. – belastet als biologisch-mythischer Teil des „deutschen Opfervolkes“ (im Gegensatz zum „Tätervolk“, wir erinnern uns an den großen MdB Martin Hohmann) – oder in seiner verquirlten „Dichter“-Sprache:

„Weil gesagt werden muß, /was schon morgen zu spät sein könnte; / auch weil wir – als Deutsche belastet genug“

Micha Brumlik hat in der taz eine treffende Replik verfasst, über Grass´ geschichtsblinden Verdrehungen, seine Verwechslungen zwischen dem von der iranischen Führung, der „klerikalfaschistische(n) Diktatur der Mullahs“ mehrfach vor der Weltöffentlichkeit mit Auslöschung bedrohten Staat Israel und dem „friedlichen“ Iran.[06]

Ist Grass ein Antisemit? Ich weiß es nicht, vermutlich nicht, es interessiert mich jedoch auch nicht sonderlich ( –  man vermag sich angesichts seines Sendungsbewusstseins jedoch nicht des Eindrucks zu erwehren, als wenn Grass eben dies zu demonstrieren trachte…). Micha Brumlik konstatiert in der taz nüchtern: „Der Grass von 2012 ist schlimmer als ein Antisemit, da er mit sich, seiner und der deutschen Geschichte in einer Weise unaufrichtig umgeht, die nicht nur traurig stimmt, sondern auch politisch verhängnisvoll  ist“ (s.o.).

Der Kreis schließt sich. Das ehemalige SS-Mitglied Grass inszeniert sich mal wieder selbst. Er ist der Nabel der Welt. Er ist die verfolgte Unschuld. Ja, selbst das bei Rechtsextremisten gängige Vokabular der gezielten (jüdisch gesteuerten) Medienkampagne ist ihm nicht peinlich. Und Israel ist ein Schurkenstaat. Selbst aus seiner Mitgliedschaft in der SS hatte Grass – als er diese nicht mehr zu verheimlichen vermochte – vor einigen Jahren einen narzisstischen, medialen Triumph gezogen – er das arme, arme, arme Opfer – statt einfach mal den Mund zu halten. Statt einfach mal zu sagen: Ja, ich war Mitglied der SS, als junger Mann, ich war verblendet, war aufgehetzt, es tut mir aufrichtig leid. Und Schluss.

Grass sollte schweigen. Er sollte endlich schweigen. Ich nehme ihm nicht übel, dass er als junger Mann in der SS war, aber seine Art, damit umzugehen, und seine deutsche Selbstgerechtigkeit, sein oberlehrerhafter Gestus, in dem sich das SS-Mitglied treu bleibt, die Uneinfühlbarkeit seiner Sprache – dies alles ist nur noch abstoßend.

Ich habe Grass´ „Gedicht“ noch einmal gelesen: Selten hat sich ein Ressentiment so deutlich geäußert wie bei Grass. Walser erscheint mir im Vergleich zu ihm schon geradezu als harmlos, „zivilisiert“.

Ein Ausblick: Ich sehe die gruselige Szene schon vor mir, wie unser deutscher „Nationaldichter“ Günter Grass nun ganz eilig nach Frankfurt stürmt, in der Frankfurter Paulskirche eine „Lesung“ hält über das, „was gesagt werden muss“ (aber in Deutschland „wegen der Juden“, der „jüdischen Lobby“ nicht gesagt werden darf…) – und wie das gesamte Publikum tosend aufsteht und dieses ehemalige SS-Mitglied hymnisch feiert… (Man möchte dem neuen Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann wünschen, dass er einer solchen grotesken Szene nicht „beiwohnt“!).

Was bleibt? Erinnern wir uns an Heinrich Böll, an seine aufrichtige, wahrhaftige, bescheidene Menschlichkeit, an die 50 Rosen, die er Beate Klarsfeld schickte – und wie er dann noch einmal 50 Rosen schickte.

Und, wenn wir an die Paulskirche denken: Erinnern wir uns an die Tomaten, mit denen Grass vor 41 Jahren in Israel beworfen wurde….

  1. Sahm: Der Fall Günter Grass:  www.n-tv.de/politik/dossier/Der-Fall-Guenter-Grass-article194966.html Vgl. auch Klaus Bittermann, 2007: http://jungle-world.com/artikel/2007/37/20348.html []
  2. Siehe diese beiden ZEIT-Beiträge über Yoram Kaniuk: http://www.zeit.de/1991/26/dreieinhalb-stunden-und-fuenfzig-jahre-mit-guenter-grass-in-berlin, www.zeit.de/online/2008/19/interview-yoram-kaniuk []
  3. http://www.zeit.de/politik/deutschland/2012-04/grass-klarsfeld-kritik []
  4. buecher.hagalil.com/2013/05/lischka-prozess/‎ []
  5. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-48753412.html []
  6. Micha Brumlik: Der an der Schuld würgt, taz: http://www.taz.de/!90951/; Micha Brumlik: Interview mit der SZ über Grass: http://www.sueddeutsche.de/kultur/micha-brumlik-zum-guenter-grass-grass-ist-kein-antisemit-bedient-sich-aber-antisemitischer-deutungsmuster-1.1328656-2 []

12 Kommentare zu “Günter Grass mochte keine roten Rosen

  1. Jetzt macht mal einen Punkt. Psychoanalyse und Grass. So wichtig ist der Grass auch nicht, dass man das jetzt auch noch breit tretet!

    Bitte!

    Apropos Psycho….

    Wenn Ihr diesen Psychoanalytiker diese Seiten von Hagalil-Kommentaren  lesen lässt, dann ergreift der die Flucht. 

  2. Wie immer: schwer Behandlungsbedürftig – aber schwere Pathologien weigern sich, zum Arzt zu gehen. Ist für antisemitische Autisten ja auch schwer, zum Thema zu schreiben 😉 Fein, wenn Grass solche Fans hat…

    In der WELT ist soeben ein weiteres gutes Interview mit Yoram Kaniuk erschienen, es ergänzt das sehr feine jungle world-Interview mit Kaniuk, welches haGalil soeben veröffentlicht hat.
    Und mit mehr Distanz, dafür von profundem psychoanalytischen Wissen geprägt ist die Analyse des Psychoanalytikers Hans-Jürgend Wirth zu Grass´ Uneinsichtigkeit, soeben erschienen im „Tagesspiegel“: http://www.tagesspiegel.de/kultur/guenter-grass-und-martin-walser-ueber-die-narzisstische-gekraenktheit-alter-maenner/6497934.html

  3. Einer der offenkundig ähnlich denkt wie Grass – Meir Dagan, bis vor eineinhalb Jahren Mossad-Chef und damit der oberste Beauftragte zur Abwehr einer iranischen Atombombe:
     
    Er hat lange seine Pflicht getan, in der gebotenen Stille natürlich. Mehr als acht Jahre stand Meir Dagan an der Spitze des Auslandsgeheimdienstes Mossad, das ist israelischer Rekord – und seine Regierung hat sich stets darauf verlassen, dass er sich auskennt mit der Abwehr von Gefahren. Doch nun, nicht einmal fünf Monate nach seiner Pensionierung, sitzt der alte Held der Heimlichkeit plötzlich auf einem Podium der Tel Aviver Universität und fährt der politischen Führung in die Parade. Frank und frei attestiert er ihr einen Mangel an Visionen und fordert eindringlich eine neue Friedensinitiative mit den Palästinensern.


    Vor allem aber verschärft Dagan seine Warnung vor einem Iran-Abenteuer. Erstens, sagt er, habe Israel ohnehin keine Möglichkeit, das iranische Atomprogramm zu stoppen. Und zweitens würde ein Präventivschlag einen regionalen Krieg auslösen, dessen Folgen untragbar wären.


    In Sachen Sicherheit und Bedrohung dürfte kaum jemand über mehr Expertise verfügen als der frühere Armeegeneral und langjährige Mossad-Chef. Obendrein gilt der 66-Jährige, der wie Netanjahu der Likud-Partei angehört, sonst keinesfalls als Zauderer. In Jahrzehnten des Dienstes fürs Vaterland hat er sich vielmehr den Ruf eines äußerst risikofreudigen Haudegen erworben.
    ..
    Im Mai legte Dagan zum Ärger der Regierung nach und nannte einen möglichen Angriff auf Iran „den dümmsten Einfall“, von dem er je gehört habe.



    Und nun breitete er vor dem Konferenz-Auditorium in Tel Aviv die möglichen Alternativen dazu aus und erklärte, warum ein Militärschlag geradewegs in den Abgrund führen könnte. Angesichts der weit verzweigten und gut versteckten Atomanlagen gilt deren komplette Ausschaltung durch die israelische Luftwaffe ohnehin als unmöglich. „Wir haben nicht die Fähigkeit, das iranische Nuklearprogramm zu stoppen“, bilanziert Dagan. „Im besten Fall können wir es ein wenig verzögern.“ Er empfiehlt dazu Sanktionen, internationalen Druck und die Unterbindung der Materialzufuhr. Alle Optionen müssten ausgeschöpft werden vor einem Angriff, denn dessen Folgen seien kaum kontrollierbar. „Es ist wichtig zu wissen, dass dieser Krieg nicht nur gegen Iran geführt würde“, warnt Dagan. Die libanesische Hisbollah würde Israel attackieren, und auch mit einem Eingreifen Syriens sei zu rechnen….


    http://www.sueddeutsche.de/politik/israel-meir-dagan-widerworte-vom-helden-der-heimlichkeit-1.1104516


    But his statement on whether or not a strike is prudent is old news compared to his other statements last night in which he said that the Iranian regime is “very rational.” Even more interesting is that Dagan believes that there is no imminent threat of an Iranian nuclear weapon, and that the time table is much longer than some think: three years longer in fact. 


    Dagan’s statements are prudent. No one is better situated or has a better idea of this issue than he does, which makes it ironic that so many in the U.S. and even Israel think that they know better than him. Given that Dagan was charged with making sure Iranians don’t get the bomb – and the evidence we have seen proves he was hard at work doing so – we should trust his assessment of the situation…


    http://www.policymic.com/articles/5375/former-mossad-director-meir-dagan-says-an-israel-strike-on-iran-is-stupidest-thing-i-have-ever-heard


    Plant Israel einen Angriff auf Irans Atomanlagen? Seit Monaten warnt der ehemalige Mossad-Chef Meïr Dagan öffentlich davor und hofft, damit eine Katastrophe zu verhindern. Die Regierung von Premier Netanjahu ist empört.


    Soll Israel iranische Nuklearanlagen angreifen? Meïr Dagan, 66, bis Anfang des Jahres Chef des Mossad, des israelischen Auslandsgeheimdienstes, meint: Nein.


    Wieder warnt er, wieder sagt er diesen Satz: Man müsse daran denken, was am Tag danach geschehe. Er hat schon oft gesagt, dass ein Angriff schrecklich sei für Israel, eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes.


    Die Debatte über einen Angriff führt Israel derzeit so öffentlich wie noch nie…


    Gut acht Jahre war Dagan der verschwiegenste Mann Israels, so lange war er Chef des Mossad. Der Mann mit dem Messer zwischen den Zähnen, so nannten sie ihn dort…


    Bis Iran einen nuklearen Sprengkopf entwickelt habe, würden noch einmal drei Jahre vergehen. Das wäre 2018. Es ist eine Zahl, die jeden Angriff derzeit als unsinnig erscheinen lässt.



    Selbst wenn Israel sofort angriffe, fuhr Dagan fort, würde sich das iranische Nuklearprogramm nicht aufhalten lassen. Im Gegenteil, die Iraner würden erst recht aufrüsten und einen militärischen Kurs einschlagen, Israel aber würde auf jeden Fall „einen schrecklichen, unerträglichen Preis zahlen“….


    Die oberste Militärzensorin Israels sitzt bei diesen Worten neben Dagan. Am Ende sagt sie zu den Journalisten: Nichts von dem, was Sie gehört haben, darf veröffentlicht werden. Nicht der Mossad-Chef soll diesmal vor der Öffentlichkeit geschützt werden. Sondern die Öffentlichkeit vor dem Mossad-Chef….


    Das hat es in Israel noch nie gegeben: einen Geheimdienstchef, der sich mit einer Warnung an die Öffentlichkeit wendet, weil er der Regierung misstraut.


    Seitdem ist er für die einen ein Held und für die anderen ein Staatsfeind. Die Regierung sieht ihn als Verräter, als Verrückten, Leute aus dem Umfeld des Premiers werfen ihm Sabotage vor…


    Dani Jatom und Efraim Halevi, beide einst selbst Mossad-Chefs, meinen, Dagan habe das Recht, sich zu äußern, und offenbar gute Gründe dafür. „Die Öffentlichkeit sollte seine Meinung zu Iran hören“, so Jatom. Wer Dagan kennt, frühere Generäle und Kollegen vor allem, der bestätigt, der Ex-Mossad-Chef meine, was er sagt. Er wolle nicht in die Politik, und er suche keinen Vorteil.


    „Verzeiht mir“, sagt Dagan, „aber ich werde weiter bei jeder Gelegenheit reden.“ Man solle nicht versuchen, ihn zu stoppen. Er habe einen guten Anwalt. Und ein gutes Gedächtnis…


    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-81562363.html

     
     

  4.  
    Danke, Uri, für diesen Hinweis!
    Das Interview sollte man, bei Interesse an der Diskussion rund um Antisemitismus und Günter Grass, gehört/gelesen haben!
     
    Habe Lust mit wenig Aufwand ein paar Passagen dieses Interviews zwecks Einblick hervorzuheben. Im Folgenden sind alle nicht näher gekennzeichneten Wort (ohne Klammern) von Frau Schwarz-Friesel, die Worte des Interviewers Herrn Pokatzky sind entsprechend markiert. Anmerkungen von mir sind entsprechend (in Klammern) gekennzeichnet.
    Trennstriche (~~~) zwischen den Passagen deuten auf meine Auslassungen hin.
    [Anmerkung.
    Ich zitiere wortwörtlich, weshalb es ein wenig abgehakt erscheinen mag. Der Inhalt zählt!]
     
    Interview vom 10.April 2012, Deutschlandradio Kultur. (Auszüge)
    Antisemitismusforscherin über das Israel-Gedicht von Günter Grass.
    Monika Schwarz-Friesel im Gespräch mit Klaus Pokatzky.
     
    ~~~
    Pokatzky: Welche Klischees, welche antisemitischen Klischees bedient er denn da genau?
    Schwarz-Friesel: Also ein uraltes Klischee, was vor allem im 19. Jahrhundert, aber auch in der Zeit der Nationalsozialisten immer wieder bedient wurde, war die bedrohende Gefahr. Also Juden und Judentum sind eine Gefahr für die Welt, für Deutschland…
    ~~~
    …Günter Grass. Und er scheint hier also [Anmerkung. Bei seinem Schreibstück.] nicht zu wissen, dass das fast im Wortlaut die Legitimierungsstrategien sind, die Antisemiten seit über 200 Jahren benutzen.*
    ~~~
    wenn wir diesen vielzitierten Satz nehmen: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“ Das ist natürlich eine groteske Übertreibung.

    Pokatzky: Oder die Auslöschung des iranischen Volkes.

    Schwarz-Friesel: Genau. Genau. Das ist nicht nur eine Übertreibung, es ist ganz einfach falsch. Es ist falsch, und wir haben hier die klassische Täter/Opfer-Umkehr. Das ist eine Strategie, die wir seit vielen Jahrzehnten im antisemitischen Diskurs sehen…
    ~~~
    …sie [Anmerkung. Antisemiten] behaupten ein angebliches Meinungsdiktat. Das findet sich in dem Text von Grass auch. Allein der Titel: „Was gesagt werden muss“ – da ist die Implikatur, das hätte vorher noch niemand gesagt, und es würde ein moralischer Anspruch bestehen…
    ~~~
    *Pokatzky: Aber Frau Schwarz-Friesel. Wenn Sie jetzt darauf hinweisen, dass es sich hier sozusagen um sprachliche Defizite handelt, also dass er mit der Sprache nicht sensibel genug umgegangen ist – der Mann ist Literaturnobelpreisträger.
     
    Schwarz-Friesel: Genau. Das ist eine eigentlich für ihn sehr peinliche und beschämende Komponente. Denn er ist ja nicht irgendwer, der diesen Text geschrieben hat. Er hat einen Nobelpreis für Literatur bekommen. Und man müsste doch zumindest von jemandem, der sich sein Leben lang mit Literatur beschäftigt hat, erwarten, dass eine gewisse Sensibilität bei einem so heiklen Thema und bei einer noch heikleren Vergangenheit sollte doch eigentlich eine gewisse Sensibilität im Umgang mit Sprache vorhanden sein. Die vermisse ich eklatant. Und das Traurige ist, dass selbst wenn er das nicht intentional verwendet hat, er bedient aber eben die alten Ressentiments und Stereotype durch diese Täter/Opfer-Umkehr, durch die Stilisierung, es gebe ein angebliches Meinungsdiktat – das stimmt nicht. Man muss sich ja vor Augen halten, dass Israel nachweislich, aufgrund aller Statistiken dasjenige Land ist, was am meisten und am heftigsten in den Medien in den letzten zehn Jahren kritisiert worden ist. Und auch seine Atompolitik ist schon des Öfteren kritisiert worden. Also alles, was er eigentlich geschrieben hat, ist falsch oder dumm.
     
    [Anmerkung. Frage.
    Kann es sein, daß Frau Schwarz-Friesel es vermeidet zu benennen, was sie selbst glasklar herausstellt, so sachlich, wie es eben möglich ist?]
    ~~~
    (Thema: was ist Antisemitismus/was ist Antisemitismus bei Israelkritik?
    → Aspekt: „Verbalantisemitismus“.)
     
    Aber jemand, der nur so tut, als ob er Israel kritisiert, tatsächlich aber alte Klischees und Ressentiments bedient, benutzt, und jetzt kommt die Sprache ins Spiel, automatisch auch eine sehr verräterische Sprache. Er dämonisiert, er delegitimiert, er stellt Realitäten falsch dar. Und diese Komponenten finden wir in dem Gedicht von Günter Grass.
    ~~~
    [Anmerkung.
    Bemerkung zu Uri Avnery und weitere, schließende Bemerkung zum Antisemitismus.]
     
    Pokatzky: Der israelische Autor Uri Avneri hat dazu gesagt: Es ist antisemitisch, darauf zu bestehen, dass Israel in Deutschland nicht kritisiert werden darf.

    Schwarz-Friesel: Ja, wissen Sie, ich habe Probleme mit Herrn Uri Avneri. Er schreibt so Einiges, wo man sich als Wissenschaftler an den Kopf greift. Also es gibt in Israel – nochmal: es gibt nachweislich kein Kritik-Tabu an Israel, an seinen Aktionen, an seiner Politik. Schauen Sie sich die Presse an, schauen Sie sich das Internet an, wir erleben tagtäglich sehr scharfe, sehr harsche Kritik an Israel, und wenn sie nicht in diese alten Strategien des Antisemitismus verfällt, dann kommt auch niemand, auch nicht aus der Antisemitismusforschung auf die Idee, dies antisemitisch zu nennen. Aber es gibt eben Menschen, die obsessiv sich auf Israel fixieren. Und das sind leider nicht nur Rechts- und Linksextremisten, sondern, wie wir in unserer Forschung gezeigt haben, Antisemitismus war und ist immer auch ein Phänomen der Mitte.
    [Anmerkung. Hervorhebung/fett von mir]
    Also Bildung schützt nicht vor Antisemitismus. Das ist ein altes Vorurteil.
    ~~~ Ende des Interview-Auszugs.
     
    PS/
    Dem Günter: Erwachet!
     
    PPS/ …und nochmal Uri, Deine Abhandlung, mit Bedacht von mir als „Abriß“ bezeichnet, ist wirklich gut gelungen! Blumen, bitt’schön!
     
     
     
     

  5.  
    Uri, vielen Dank für diesen Abriß!
    Auch ronits Kommentar stimme ich gerne zu.
     
    Und seltsam seltsam, Uri, gerade heute erst kündigte ich einer entzückenden Frau an, daß ich ihr bald einen riesigen Strauß der schönsten Blumen mitbringen möchte…
     
    Wenn das nicht ein gutes Omen ist!
    Du und Heinrich, ihr habt es getan!
     
     

  6. Recht herzlichen Dank für diesen wohl überlegten und argumentativ treffend gefassten Artikel. Im Chorus der ewig selben vermeintlichen „Tabu-Brecher“ ist es eine Wohltat vernünftige Stimmen zu hören.

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