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Die Stimme der Frauen an Pessach

„Nur der frommen und mutigen Frauen wegen wurden die Hebräer aus Ägypten befreit“, steht im Babylonischen Talmud, Sota 11b und im Midrasch Numeri / Bamidbar 9,13. Doch in der häuslichen Liturgie, der Pessach-Haggada, werden die  Frauen nicht erwähnt…

Von Tanja Kröni

Diese „mutigen und frommen“ Frauen haben in der Tora Namen, die Hebammen Schifra und Pua, die sich weigerten die hebräischen Knaben gleich nach der Geburt zu töten; Mirjam, die den Vater überredete zu seiner Frau zurückzukehren und die über Mosche im Binsenkörbchen wachte. Ohne diese Frauen und ohne Jochebad, Mirjams und Mosches Mutter und ohne Bitja, die Tochter des Pharaos, die Mosche wie ihren Sohn erzog, hätte es, obigem Zitat nach,  weder Mosche noch einen Auszug aus Ägypten, noch die Übergabe der Tora am Sinai und auch keine Volkwerdung der Hebräer gegeben. Und trotzdem erinnert keine Zeile in der traditionellen Haggada an sie.

Jüdische Frauen begannen – zuerst in den USA – im letzten Jahrhundert reine Frauenseder zu feiern. Sie nahmen die Frauen in ihre Haggadot auf und liessen nicht nur die vier Söhne sondern auch vier Töchter zu Wort kommen:

Die vier Töchter

Die kluge Tochter fragt: „Warum versammeln sich heute Abend nur Frauen hier?“

Zu ihr sagen wir: „Die ganze jüdische Volk zog zusammen aus Ägypten aus, alle, Frauen und Männer. Aber die Stimmen unsere Mütter fehlen in der Haggada. Wir bemühen uns, sie wieder zu finden, wie geschrieben steht: “ Dann nahm Miriam die Prophetin eine Pauke in ihre Hand, und alle Frauen folgten ihr tanzend nach.“ Deshalb feiern wir in dieser  Nacht zwei Feste, die Befreiung der Frauen aus Ägypten und unsere eigene.

Die respektlose Tochter fragt: „Warum sind heute Abend nur Frauen zu diesem Seder eingeladen?“

Zu ihr sagen wir: „Es geht nicht um Ausgrenzung. Wir sind heute ohne Männer zusammen gekommen, um unsere Geschichten miteinander zu teilen. Wir Frauen sind nicht alle gleich, aber wir haben eine gemeinsame Geschichte. Heute Abend ist die Zeit, um uns auf die Fragen zu konzentrieren, wie wir uns gegenseitig helfen, stärken und unterstützen können, damit wir zu einer Frauengemeinschaft finden.

Die assimilierte Tochter fragt: „Warum müssen wir unseren Feminismus in einem jüdischen Kontext feiern?“

Zu ihr sagen wir: „Weil wir unsere Geschichte verleugnen, wenn wir unser Jüdischsein vergessen. Es wäre eine Beleidigung unserer Matriarchinnen und Vorfahrinnen, wenn wir unser Jüdischsein vergessen. Und wir würden unsere Kinder ihrer Identität berauben, wenn wir unser Jüdischsein vergessen.“

Und in Gedanken an die Tochter, die nicht fragt, weil sie nicht dabei ist, sagen wir: „Ich muss noch sehr viel lernen, damit ich euch lehren kann.“

Aus Dancing with Miriam Haggada: Eine Pessachfeier für  Frauen, von Elaine Moise und Rebecca Schwartz, 1996

Die Prophetin Mirjam

Spielt eine wichtige Rolle in der Geschichte des Auszugs aus Ägypten. Doch auch sie wird in der Pessach Haggada nicht erwähnt. Sie ist aktiv, auf eine sehr ruhige Weise, die Schlüsselfigur in der Geschichte des Exodus. In der Tora wird sie nur selten und kurz erwähnt, wirkt dadurch etwas passiv und blass. Ihre Führungsrolle bestätigt der Prophet Micha: „Ja, ich habe dich (die Hebräer) heraufgeführt aus dem Lande Mizrajim (Ägypten) und aus dem Haus der Sklaven dich erlöst, und vor dir her habe ich Mosche gesandt, Aharon und Mirjam“ (Micha 6,4). In Legenden und Mythen wird sie mit Wasser in Verbindung gebracht, dem Mirjambrunnen. Beim Auszug aus Ägypten spielt sie beim Durchzug durch das Rote Meer eine Rolle.

Zwiespältig, zum Teil widersprüchlich sind die Überlieferungen bezüglich Mirjams Lied am Schilfmeer (Schmot/Exodus 15,20): „Da nahm Mirjam das Tamburin in die Hand, und alle Frauen zogen aus, ihr nach mit Tamburins und in Reigen. Und Mirjam stimmte ihnen an: ‚singet dem Ewigen; denn mit Hoheit hat er sich erhoben, Ross und Reiter hat er geschleudert ins Meer.“ Nicht nur für Rabbinerin Pauline Bebe (Isha Seite 220) ist nicht deutlich, wie das Singen von Mosche und Mirjam ablief: Stimmte Mosche das Lied mit den Kindern Israels an und Mirjam übernahm die Aufgabe der Chorleiterin für die Frauen oder ob Mosche nur mit den Männern singt und die Frauen nur den Refrain übernehmen, oder ob Männer und Frauen gemeinsam singen, und dann der Gesang nur von den Frauen mit Instrumentalbegleitung wiederholt wird.

Hat Mirjam das Lied gemeinsam mit Mosche oder allein gedichtet? Es gibt Beispiele in der Tora, dass Frauen die siegreichen Krieger mit eigens gedichteten Liedern empfingen: Richter/Schoftim 5,29-30; I Samuel/Schemuel 18,7; 21,12; 28,5. Also könnte das Shirat Hayam, das ganze Lied vom Schilfmeer, durchaus auch von Mirjam stammen. Auf Websites von Chabad und meaningfulllife zu „Mirjams Song“ heisst es, dass das ganze Lied eine männliche und eine weibliche Version habe. Jüdische und christliche Feministinnen haben neue Lieder über Mirjam geschrieben und sie in Rituale einbezogen.

In Pessach-Haggadot für Frauen spielt Mirjam eine wichtige Rolle. Ein Mirjamkelch wird neben den des Propheten Elijahu gestellt und ihre Geschichte und Gedichte zu ihrer Person gelesen. Auch bei Rosh Chodesh-Feiern und am Schabbat hat der Mirjamskelch und der dazu kreierte Segensspruch bei vielen Frauen seinen festen Platz. Auch bei mir steht schon seit Jahren ein Kristallglas für Mirjam auf dem Sedertisch, ein Kos Mirjam. Bei Frauensedern liegt in den USA häufig eine Orange auf dem Sederteller. Warum? Frauen fragten bei einem Rabbiner, was für eine Frucht, vielleicht eine Orange, sie bei diesen Anlässen auf den Sederteller legen könnten. Die Antwort war: „Eine Orange gehört genau so wenig auf den Sederteller wie eine Frau an die Bima!“ Da heute viele Frauen der Meinung sind, dass sie an die Bima gehören, wurde die Orange zum Symbol für Frauenseder.

Veröffentlicht in Luchot, Mitteilungsblatt der liberalen Gemeinde Or Chadasch, Zürich, Juni 2011