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Böll – Grass nahegelegt

Zwei deutsche Literaturnobelpreisträger, zwei unverwechselbare Charaktere, zwei Individuen, die trotz manch gemeinsamer Ideale und Ziele in ihrer Beurteilung Israels und dessen Politik unterschiedlicher nicht hätten sein können: Heinrich Böll und Günter Grass…

Von Robert Schlickewitz

Beide kannten sich, beide engagierten sich zeitweise als Wahlkämpfer für die deutschen Sozialdemokraten und beide besuchten sie den Staat Israel – unabhängig voneinander. Auf weitere Gemeinsamkeiten soll hier nicht näher eingegangen werden, denn aus aktuellem Anlass interessieren mehr die Gegensätzlichkeiten.

Das politische Gedicht Grassens „Was gesagt werden muss“ hat national wie international für heftige Kontroversen und für keineswegs ausschließlich fruchtbare Diskussionen gesorgt. Es hat ferner zu diplomatischen Verwicklungen geführt und alte Gräben innerhalb Deutschlands ebenso wie zwischen Deutschen und Israelis neu aufgerissen.

Wie war so etwas möglich?

Günter Grass wird kurz reflektiert, seine Feder gewetzt und losgelegt haben. Er schrieb sich seinen deutschen Frust über Israel von der Seele, ganz genau so wie fast fünf Jahrhunderte vor ihm Luther sich seinen deutschen Frust angesichts der so bekehrungsunwilligen Juden von der Seele geschrieben hat.

Beiden deutschen Dickköpfen wollte nicht in den Sinn, warum „diese verstockten Juden“ sich nicht ihren, im ersten Falle scheinbar so ‚gottgefälligen‘, im zweiten Falle (ebenso) scheinbar ‚einzig richtigen‘ Argumenten beugen wollten. Beider Deutscher Fehler war es, dass sie sich selbst zum Maßstab aller Dinge gemacht hatten oder, mit anderen Worten, dass sie so typisch deutsch vorgegangen waren – mit jenem altbekannten, berüchtigten, erhobenen Zeigefinger.

Glücklicherweise hat unser Deutschland jedoch nicht nur Luther und Grass, sondern auch einen Heinrich Böll hervorgebracht und der war deutlich anders als die beiden Vorgenannten.

Zehn Jahre älter als sein in der Kritik stehender Kollege von der schreibenden Zunft, kam Böll gleichfalls aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, nur meldete er sich nicht wie Grass freiwillig zu den Waffen – er wurde vielmehr bereits im Sommer 1939 zur Wehrmacht eingezogen. Sechs lange Jahre stand er als Soldat an verschiedenen Fronten, wurde mehrfach verwundet und verlor bei einem Luftangriff seine Mutter. Ab 1947 veröffentlichte er zunächst Kurzgeschichten, Hörspiele, Erzählungen, dann 1951 seinen ersten Roman „Wo warst Du, Adam?“, in dem er u.a. auf das Los von KZ-Häftlingen einging. Seine spätere Laufbahn wies ihn als Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft, des katholischen Konformismus‘ und antidemokratischer Entwicklungen in der BRD sowie als Anwalt von politisch Verfolgten, von Minderheiten und von Andersdenkenden aus.

1978 erschien ein Essay von Böll mit dem schlichten Titel „Shalom“. Darin hielt der Nobelpreisträger des Jahres 1972 einige Dinge fest, die auch heute, vierunddreißig Jahre später, nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben und die besonders Zeitgenossen wie Günter Grass zur Lektüre dringend anempfohlen seien.

Böll war, so seine einleitenden Worte in „Shalom“, bis dahin dreimal in Israel gewesen, 1969, 1972 und 1974:

„… ich habe mich nur stunden-, manchmal minutenlang, kaum einmal  tageweise unbetroffen gefühlt. Ich beneide die Deutschen, die unbetroffen sein können. Ich konnte es nur selten sein, das muß vorausgesetzt sein, wenn ich hier ein paar Eindrücke wiederzugeben versuche. Es ist nicht die Frage meiner Schuld (manchmal beneide ich die eindeutig Schuldigen) oder Unschuld, es ist nicht die Frage der Kollektiv- oder Einzelschuld, es ist das Bewußtsein, nicht nur Zeitgenosse der „Endlösung“, sondern deutscher Zeitgenosse gewesen zu sein, Zeitgenosse dieser mit unfaßbarer Gründlichkeit vorbereiteten Ausrottung, wie ich sie bisher am eindringlichsten in H. G. Adlers großer Studie Der verwaltete Mensch dargestellt fand.“

Böll fährt fort, israelische Freunde wie Emanuel Ben Gorion, Ernst Simon, Werner Krafft und andere hätten versucht ihn „als Einzelperson freizusprechen“ – jedoch sei der Freispruch nicht zu ihm durchgedrungen.

„…es ist nicht das Problem von Anklage, Untersuchung, Freispruch, für ‚schuldig‘ oder ‚nicht schuldig‘ befunden zu werden, es ist eben nicht nur ein moralisches Problem, nicht einmal nur ein menschliches, es ist nicht einmal das Problem der Zeugenschaft, sondern der Zeitgenossenschaft, und vielleicht sind viele Deutsche, zu sehr darauf bedacht, sich freizusprechen oder freigesprochen zu werden, sich bis heute nicht klar darüber, welcher Zeit Genossen sie waren, Zeitgenossenschaft ist nicht Schuld, und so gibt es keine Absolution, es gibt kein Bekenntnis. Aufgefordert, anläßlich eines internationalen Kongresses in Yad Va Shem, der Gedenkstätte für die ermordeten europäischen Juden, eine Rede zu halten, konnte ich kein Wort herausbringen. Ich war zu sehr betroffen, und mir schien, Sprache sei sinnlos geworden.“

Na, Herr Grass, können Sie das nachvollziehen? Falls nein, lesen Sie es noch einmal und lassen Sie es auf sich einwirken. Wir folgen Böll:

„Nicht nur, was in Yad Va Shem dokumentiert ist, bringt deutsche Geschichte nach Israel, auch die Probleme des Staates Israel hängen mit dieser Geschichte zusammen. Israel, so schien mir, ist ein Land, in das man freiwillig gehen soll, in dem man arbeiten, siedeln, mitarbeiten muß. Zu viele europäische Juden mußten, um ihr nacktes Leben zu retten, nach Israel gehen, sie sind Vertriebene, und ich denke, ich fürchte, ihnen ist das Arabische, das Palästinensische fremd, sie sind Fremde geblieben, und manche Probleme Israels haben wahrscheinlich in dieser Fremdheit ihre Ursache. Die Ruhe und die Sicherheit, die Israel braucht, mit sich selbst, in sich selbst, um sich herum, kann es sich selbst nicht garantieren. Wer garantiert beides? Es gibt israelische Kritik an Israels Politik genug. Es gibt so wenig arabische Kritik an und in den arabischen Staaten an deren Politik gegenüber Israel.“

Alles klar, Herr Grass? – Böll:

„Es fällt mir schwer, über Israel zu schreiben. Seine Geschichte, seine Entstehung, seine Probleme sind bekannt, die Lösungen umstritten, in Israel und außerhalb. Ich fühle mich weder berechtigt noch mit den notwendigen Kenntnissen der Zusammenhänge ausgestattet, um Lösungen – gar mit erhobenem Zeigefinger – vorzuschlagen. Es bleibt vorausgesetzt: meine Betroffenheit, meine Befangenheit.“

Sie, Herr Grass, haben doch auch keine Lösungen anzubieten, oder? Was kann da Ihr erhobener Zeigefinger noch bewirken? Wenn Sie ehrlich sind, doch nur Ablehnung und Zurückweisung, oder?

Böll ist in der Lage die Grenzen seiner Möglichkeiten als Schriftsteller zu erkennen:

„In den wenigen Stunden der Unbetroffenheit und Unbefangenheit dachte ich, während ich durchs Land fuhr oder gefahren wurde: Vielleicht wäre ich kein schlechter Jude gewesen (oder geworden), gewiß aber wäre ich nicht geworden, was ein amtierender Staatsmann oder Politiker sich unter einem ‚guten Israeli‘ vorstellt, ganz sicher keiner von der demonstrativen Sorte – eine Eigenschaft – das haben Künstler und Schriftsteller international gemeinsam -, die es unter unseresgleichen kaum gibt. Ich habe einen Film über Dostojewski geschrieben, den ich – immer noch – für eine große Hommage an den russischen Geist und die russische Literatur halte: in der Sowjetunion hat er offiziell tiefe Gekränktheit bewirkt; ich habe einen Film über Irland gemacht, der – wie mir schien und immer noch scheint – ziemlich nah an Schmeichelei grenzte. In Irland gab es wüste Beschimpfungen, und als ich mal wieder dort war, sagte mir eine Nachbarin: ‚Haben Sie nicht Angst, daß Sie gesteinigt werden?‘ In einem Film über Israel (den ich nie machen werde, ich werde nie mehr einen Film über irgendein Land machen) müßte ich auch die (gelegentlich: fürchterlichen) häßlichen Tankstellen filmen; die man manchmal am Wüstenrand findet; nicht – wie mir schien – zufällig und notwendigerweise häßlich, sondern fast demonstrativ, aus einer Pionier-Mentalität heraus, von alten Ölbüchsen und Kanistern umsäumt, die obligatorische Imbißstube unter leeren Flaschen, Büchsen, Papptellern fast begraben, ganz im Gegensatz zu den wohlgeordneten Kibbuzim. Und in den Kibbuzim, als Gast, bei Gesprächen, in Diskussionen, tief in Betroffenheit und Befangenheit, die Schwierigkeit, mich vom Stigma des guten Deutschen zu befreien. Die Last des guten Deutschen möchte ich nicht tragen: das wäre zu schwer für mich, zu leicht für alle Nichtdeutschen, die vielleicht die Schuld loswerden möchten, Genosse der Zeit und Überlebender zu sein…“

Ist es denn so schwer, Herr Grass, der Sie doch auch jener Generation angehören, diese Betroffenheit und Befangenheit gleichfalls zu empfinden? Dann daraus die Grenzen Ihrer eigenen Möglichkeiten zu erkennen? Sich schließlich demgemäß zu verhalten?

Böll weiter:

„… es gibt keine Flucht vor dem Stigma des guten Deutschen, das das Stigma vom bösen Deutschen voraussetzt. Unter Autoren ist das anders, fällt das nicht schwer, sich vorzustellen, was aus einem geworden wäre, was mit einem geschehen wäre, wäre der eine jüdisch, der andere nichtjüdisch gewesen, den Städter in den Bauern (und umgekehrt) zu versetzen, und ich denke dabei an einen, der weinte, weil er nicht in der Hitlerjugend mitmarschieren konnte, erinnere mich an den Jungen, der ich war, der wahrscheinlich krank geworden wäre, hätte er mit der Hitlerjugend marschieren müssen. Dieses literarische Spiel ist mit etwas Phantasie leicht gespielt, es entspannt ein wenig (nicht lange!), es ist ein Spiel, nostalgisch verbrämt, hilft nicht, nützt nicht, weil einer ja weiß: es war nicht so, es ist nicht so gewesen – und, vor allem: es ist anders gekommen. Man kann das spielen, um den einen oder anderen besser zu verstehen, den einen in des anderen Lage versetzen: es bleibt ein schlechter Geschmack, weil verstehen einfach ein dummes Wort ist und ich nicht vertrieben bin, nicht aus meiner Heimat. Nicht aus einem Land Israel in einen Staat Israel, der sich allein nicht schützen kann; der da in den Sinai hinein – und um ihn herum – so viele Straßen baut, die nicht den Auftrag ‚Bauet dem Herren eine Straße durch die Wüste‘ erfüllen.

Die Zweifel mancher israelischer Autoren, Denker, Mahner sind stärker als meine, der ich mich eben nur versetze, nicht wirklich damit befaßt bin, und es wäre ein Wunder, würde wirklich eine Wende bedeuten, wenn arabische Kollegen so viel Zweifel an Politik und Propaganda ihrer Staaten äußern würden wie israelische Autoren an ihrem.“

Mit seinem Schlusswort, in dem er auf die „endlosen“ Gespräche mit seinen israelischen Freunden Jenny und Ezra zu sprechen kommt, „bei denen wir auch gemeinsam das Warum und Wieso nicht ergründeten“, weist Böll den Weg zum Ziel – miteinander zu reden. In diesem Sinne kann er sein Essay auch überzeugend und ohne Peinlichkeit mit dem Wort „Shalom“ ausklingen lassen. –

Sie, Herr Grass, haben hingegen mit Ihrem Gedicht die Türe hinter sich zugeschlagen, haben dafür gesorgt, dass man Sie als glaubwürdigen Mittler nicht, nicht mal mehr als Gesprächspartner  akzeptieren wird. Gespräche mit Ihnen wird in Israel so schnell niemand mehr führen wollen.

Gehen Sie daher, Herr Grass, in sich, bereuen Sie öffentlich und entschuldigen Sie sich in aller Form. Machen Sie Frieden mit sich und der Welt, ehe es zu spät ist. „Shalom“, Herr Grass, Shalom.

Quelle:

Shalom. Ein Essay. Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt vom 5.3.1978 und vom 12.3.1978. Zugleich Vorwort zu Hilla und Max Jacoby. „Shalom“. Hamburg 1978. Zugleich Heinrich Böll. Essayistische Schriften und Reden III. 1973-1978. Werke 9. (Hg.) Bernd Balzer. Köln. S. 508-517.