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Wer ist ein „Antisemit“?

Wegen Günter Grass ist in Deutschland erneut eine Antisemitismusdebatte entbrannt. Jüdische Kronzeugen von Henryk Broder bis Avi Primor wurden befragt, ob Grass ein „Antisemit“ sei. Deren Ansichten fielen so unterschiedlich aus wie die Interpretationen des Grass-Gedichts, von Iran, Linken und Rechten hoch gelobt und von anderen als Hasspamphlet verurteilt…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 8. April 2012

Der deutsche Journalist Wilhelm Marr gilt als Erfinder des Begriffs „Antisemitismus“. Er wollte seine rassistische Judenablehnung von religiösem Judenhass unterscheiden. Im Februar 1879 warf seine Schrift „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum“ dieses Schlagwort in die politische Debatte. Es richtete sich gezielt nur gegen Juden zumal es zwar eine semitische Sprachfamilie gibt, aber keine „semitische Rasse“.

Der moderne Antisemitismus löste seit der Aufklärung die alte religiös motivierte Judenfeindlichkeit ab. Nachdem Gott für „tot“ erklärt worden war, zog nicht mehr der vom Christentum propagierte Vorwurf des Gottesmordes, um hier nur ein Element des alten Judenhasses zu erwähnen.

Der Judenhass ist fast so alt wie das jüdische Volk. Er existierte schon vor 2500 Jahren bei griechischen wie römischen Autoren. Den besten Titel für dieses einzigartige Phänomen hat der Judaist Peter Schäfer geschaffen: Judäophobie. Dieses Wort impliziert eine irrationale Abneigung gegen alles was jüdisch ist und heute gegen den Staat Israel. Phobie ist eine intuitive krankhafte Furcht vor Situationen, Gegenständen oder Personen.  In der Wissenschaft gibt es zahllose Fachbegriffe für Phobien gegen das Fliegen, Insekten, Mundgeruch, Frauen, Ärzte oder Menschenansammlungen. Nicht zufällig wählten die Nazis Begriffe aus der Tierwelt, „ausrotten“ oder „Ungeziefer“, um damit das „Auslöschen“ der Juden zu rechtfertigen.

Die beste Definition für Antisemitismus heute könnte vom amerikanischen Richter Potter Stewart übernommen werden. Als der gefragt wurde, was Pornographie sei, sagte er: „Wenn ich es vor mir sehe, weiß ich, dass es das ist.“ Da Antisemitismus wie Pornographie auch strafverfolgt oder bei Umfragen ermittelt wird, war es notwendig, eine genauere Definition zu formulieren. Die EU benötigte 2006 eine klare Definition für einen europaweiten Untersuchungsbericht zu antisemitischen Auswüchsen. Um den Forschern von Portugal bis Norwegen einheitliches Werkzeug in die Hände zu geben, hatte die EUMC (heute ECRI) in Wien eine zunächst streng geheim gehaltene „Arbeitsdefinition“ ausformuliert. Die wurde inzwischen von der Antisemitismus-Kommission des Bundestags für Deutschland übernommen.

In dem teilweise schwammig formulierten Papier heißt es: „Dabei kann der Staat Israel, der als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein. Oft enthalten antisemitische Äußerungen die Anschuldigung, die Juden betrieben eine gegen die Menschheit gerichtete Verschwörung und seien dafür verantwortlich, dass die Dinge nicht richtig laufen.“ Ein weiterer Punkt ist: „Falsche, entmenschlichende, dämonisierende oder stereotype Anschuldigungen gegen Juden oder die Macht der Juden als Kollektiv – insbesondere die Mythen über eine jüdische Weltverschwörung oder über die Kontrolle der Medien, Wirtschaft, Regierung oder anderer gesellschaftlicher Institutionen durch die Juden.“ Oder auch: „Der Vorwurf gegenüber dem jüdischen Volk oder dem Staat Israel, den Holocaust übertrieben darzustellen oder erfunden zu haben.“ Ebenso heißt es da: „Die Anwendung doppelter Standards, indem man von Israel ein Verhalten fordert, das von keinem anderen demokratischen Staat erwartet und verlangt wird.“ Dem jüdischen Volk das Recht auf Selbstbestimmung (und Selbstverteidigung) abzusprechen, sei ebenso antisemitisch, wie ein Vergleich der Politik Israels mit dem Vorgehen der Nazis. Klargestellt wurde, dass Kritik an Israel oder seiner Politik legitim sei, solange sie mit Kritik an anderen Ländern vergleichbar ist und nicht einer Delegitimierung oder Dämonisierung des jüdischen Staates dient.

Ob Günter Grass mit seiner Unterstellung, dass Israel das iranische Volk „auslöschen“ wolle, „antisemitisch“ ist, muss jeder selber entscheiden. Grass verwendet allerdings einen Nazibegriff und unterstellt dem jüdischen Staat genozidale Absichten, die bisher noch kein Israelis jemals ausgesprochen hat. Das entspricht einem Vergleich mit den Nazis und einer Verschwörung, was in dem EUMC-Papier beides als „Antisemitismus“ definiert wird. Auch andere Verse in dem „Gedicht“ brachten Grass in eine bedenkliche Nähe der offiziellen, in Deutschland geltenden Antisemitismusdefinition. Da es keine Straftat ist, „Antisemit“ zu sein, hat Grass bestenfalls eine Rufschädigung zu befürchten.

Nun gibt es noch jene, die weit von sich weisen, „Antisemiten“ zu sein, gleichwohl aber im „Antizionismus“ eine berechtigte Ideologie sehen, den Staat Israel zu kritisieren und ihm wegen Rassismus, Apartheid oder Kriegsverbrechen sogar die Existenzberechtigung abzusprechen. Hierzu hat der französische Forscher Emanuel Sarfati ermittelt, dass „Antizionismus“ eine in den siebziger Jahren von den Sowjets „erfundene“ Ideologie sei, um als Ersatz für den in Westeuropa verpönten „Antisemitismus“ zu dienen. Bei genauem Hinschauen dienen viele der Argumente der „Antizionisten“, nun auf den Staat Israel übertragen, ähnlichen Zielen und Methoden, wie die Ideologie der Nazis gegen das jüdische Volk. Dazu gehört das Abstreiten des Existenzrechts Israels oder das Recht der Juden auf Selbstbestimmung und Verteidigung.  Der berühmte Spruch, „die Juden sind unser Unglück“ klingt identisch mit dem Grass-Vers, Israel werde einen dritten Weltkrieg auslösen, „an deren Ende als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind“.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com