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Von der Pubertät zum Erwachsenendasein

Bericht einer Bewusstwerdung. Für meinen Freund und Schwager Stephan Tiedtke, mit dem ich im Dialog gelebt habe, und der zu früh gestorben ist…

Von Sammy Speier

Ich bin in Israel, damals Palästina, als Kind deutscher Zwangsemigranten geboren und wuchs dort bis zu meinem 14. Lebensjahr auf; von dort an – mit einer kurzen Unterbrechung – bis heute bin ich in der BRD geblieben, lebe hier, arbeite hier.

Die Erinnerung an das Weggehen von Israel (1958) ist mit ungeheuren Schamgefühlen verbunden; es war einen Nacht- und Nebelaktion meiner Eltern – selbst mein damals bester Freund durfte nicht wissen, dass meine Eltern auswandern, denn es war Verrat an dem jüdischen, israelischen Volk und Staat, wurde und wird bis heute – wörtlich übersetzt – „Runtergehen“ (Auswandern) genannt. Die Erinnerung an diese Zeit löst bei mir Traurigkeit, ungeheuren Schmerz und eine wahnsinnige Sehnsucht aus, Sehnsucht nach einem damals noch intakten Zuhause, nach Geborgenheit, Familie, hebräischer Sprache, vertrauter Umgebung und Jam = Meer, Sonne, Wärme. Kurz bevor ich Israel verließ, sah ich einen Kriegsfilm – „Hügel 24 antwortet nicht“ -, ein Film, es liegt 27 Jahre zurück, in dem Nazis vorgekommen sind, viel mehr weiß ich nicht.

Ankunft in Frankfurt am Main, der Stadt, in der mein Vater geboren und bis zu seinem 26. Lebensjahr aufwuchs, lebte, leben „durfte“, arbeiten konnte und „durfte“. Meine Großeltern, die ich nie kennen gelernt haben, lebten früher hier: Onkel und Tante meines Vaters leben wieder hier: sie sind unsere erste Anlaufstelle. Gefühle von Neu und Unbekannt, Straßenbahn, Fernsehen, Technik – vieles davon gab es damals noch nicht in Israel – sind die ersten Wahrnehmungen und Gefühle bei der Ankunft. Viel Nebel, kein Bewusstsein von dem, was mich hier erwartet – die Eltern gehen nach Deutschland, um von hier später nach Amerika zu gehen, dort zu leben – eine Vorstellung von Zwischenstation lebte damals in mir.

Ich habe zwar als Kind zu Hause Deutsch sprechen gehört, aber hier ist alles anders, ich verstehe nicht, bin enttäuscht, traurig, vermisse meine Freunde, meine Schule, meine Nachbarn, es ist alles fremd, und vielleicht doch nicht ganz fremd. Ich will zurück in einen Kibbuz, denke ich und spreche es aus, klage meine Eltern an, erlebe sie verzweifelt, voller Schuldgefühle mir gegenüber, schwach; sie wollen mich, meine Brüder bei sich, nicht in Israel, haben; Verzweiflung auf beiden Seiten. Und der Film im Kopf, Nazis, was ist das? Irgendwas hast du darüber gehört, aber nicht viel. Man hat eine gefühlsmäßige Ahnung, aber mehr darf man nicht wissen, alles ist ja so schrecklich. Ein freiwilliger und zugleich aufgezwungener Nebel – in mir und draußen zugleich.

Wir sollen mal später studieren können, sagen meine Eltern, uns zuliebe sind sie hier, damit wir eine bessere Zukunft haben als sie. Und dann die Rückerinnerungen an Israel, wie schwer es mein Vater als Arbeitgeber hatte, persönliche Angriffe auf Leib und Seele seitens der Arbeitnehmer, Brachialgewalt, Radmuttern abgeschraubt, und auch als Kind häufig einer Brachialgewalt der Umgebung ausgesetzt: es ist doch ganz gut hier, besser, ruhiger als in Israel. Dennoch weinte ich monatelang, wollte zurück, erlebte meine Eltern ohnmächtig. Und dann – erster Schultag in der BRD: man ist ein Exot, lebt in der Wüste, Araberkleidung, wer bist du, wo kommst du her? Lehrer: ein ehemaliger SS-Mann mit dem sinnigen Namen Messerschnitt, aber was ist ein SS-Mann? Einer, der versucht, mich sitzen zu lassen. – Tatsächlich mit üblen Methoden, aber wusste ich, durfte ich damals nicht wissen, hätte es nicht ertragen können, hier zu leben. Kölner Schmierereien, man geht ins Kino, Film über KZs, ich bleibe zu Hause, ertrage das nicht, könnte hier nicht weiterleben, meine Klassenkameraden akzeptieren, in deren Elternhäuser einkehren, nein, das gucke ich mir nicht an, habe es nicht nötig, die anderen haben es nötig, ich nicht!

Der Nebel beginnt sich zu lichten, aber immer noch viel Nebel, Anrufe nachts, die Familie erstarrt, hat Angst. Ich gehe, mit vierzehn, ans Telefon, weil meine Eltern Angst haben: „Geht zurück nach Israel, Ihr Judenpack!“ – „Ihr Saujuden“. Nacht für Nacht, und kein Ende in Sicht; man geht nicht zur Polizei, denn man hat einfach kein Vertrauen zur Umgebung, zur Institution. Hilflose Eltern, man muss selbst stark sein, eine Forderung, aber auch eine Überforderung. Der Nebel lichtet sich so zwangsläufig weiter. Und es beginnt allmählich die Phase des hier Seins. Hier sein heißt für mich zweierlei: Ich habe wenige deutsche Freunde, verbringe meine Nachmittage fast immer im Jugendzentrum der Jüdischen Gemeinde, jahrelang gehe ich dahin, suche etwas, finde Israelis, Sprache, Vertrautheit, aber auch viel Unvertrautes, Fremdes. Parallel beginnt das Rausgehen aus dem „Ghetto“, Hingehen zu deutschen Freunden: freundliche Menschen, deren Eltern. Viel später erfuhr ich, dass der Vater meines besten Freundes SS-Mann gewesen war, der Großvater von Juden Häuser in Frankfurt am Main abgekauft hatte und so sich bereicherte, aber sie akzeptierten mich als Freund des Sohnes, des Enkels, ich darf hin. Zugleich: Zionist, die Zukunft heißt Israel! Da gehe ich hin, nach dem Abitur, da gehe ich zum Militär, dort gehöre ich hin. Ich spreche Hebräisch mit meinen Brüdern, um die Sprache ja nicht zu verlieren, zu verlernen. Gleichzeitig lerne ich weiter Deutsch, kann die Artikel nicht, auch heute noch nicht immer.

Ich bewege mich in zwei Welten, eine, die mich nicht so recht will, wo ich ganz sicher weggehe, und eine, wo ich hingehe, zurückgehe, ganz sicher! Ich lerne neue Menschen kennen, junge Menschen und mir ist es ein Muss, sofort zu sagen: „Ich bin aus Israel!“, aber nicht etwa, um etwas Besonderes zu sein, nein, aus Angst, die könnten sich verquatschen, sich versprechen, antisemitisch werden: das könnte ich nicht ertragen, ich will doch lieben und geliebt werden. Urlaube sind schon sehr bald: Ausland; Israel, aber auch europäisches Ausland, und das fast immer mit Juden. Freizeitlager: Juden, mit Freunden bzw. mit deren Eltern: Juden, kein einziger Urlaub mit Deutschen, erst viele Jahre später mit meiner Freundin, heutigen Ehefrau, davor nie.

In dieser Zeit gehe ich auch oft in zionistische Lager, obwohl schon Zweifel bestehen, je wieder nach Israel zurückzugehen. Wir müssen als Zionisten einen Eid ablegen, dass wir nach dem Abitur nach Israel einwandern, zum Militär gehen werden; ich weigere mich. Viele, die diesen Eid geschworen haben, vielleicht auch die meisten, sind hier geblieben. In den Lagern habe ich oft das Gefühl, auch nicht dahin-, dazuzugehören. Intelligenz als Machtmittel steht hier oft im Vordergrund, und es wird Militär gespielt. Ich kann mich gut erinnern, wie eine junge Frau bei einer dieser Übungen eine klaffende Platzwunde am Kopf bekam: Weitermachen, hieß die Moral, sonst bekommen wir alle Angst, das geht nicht! Mut-Spiele, Angst darf nicht sein, geschweige denn Dummheit, es baut sich eine elitäre Gruppe auf, die andere verdammt, unterdrückt, borniert und uneinfühlsam den anderen gegenüber ist. Ich kann mich nicht erinnern, in dieser Zeit – zumindest mit Gefühl nicht erinnern- über die schreckliche Vergangenheit gesprochen zu haben. Die Erinnerung ist jedenfalls immer noch viel Nebel! Abitur, und dann die Universität. Was Neues, Fremdes, aber die Frage „Wer sind meine Professoren?“ wird nicht gestellt. Alleinsein ist schwer, unerträglich: Wo gehöre ich hin?! Es entsteht eine Gruppe „Mazpen“, die Israel in seiner Politik, die zionistisch und selbstzerstörerisch ist, kritisiert: Da gehöre ich hin; es scheint eine Lösung, dort ist es auch nicht gut, ich kann hier bleiben, bei meiner Familie. Ich konnte mir damals gar nicht leisten, Gutes an und in Israel zu finden, es hätte mich noch mehr zerrissen, ich hätte das emotional nicht aushalten können.

Wir bekommen Prügel, von Zuhältern aus dem Bahnhofsviertel, wegen unserer Kritik an Israel, die vor allem die KZ-Überlebenden als einen Angriff auf die eigene Persönlichkeit, Identität, erleben: Damals war ich nur empört, konnte nichts verstehen, sah überhaupt keine tieferliegenden Zusammenhänge. Ich bin ja was Besseres, dachte ich sehr lange, kein armer Diaspora-Jude, nein, ich bin ein Israeli, ein Sabre, habe eine gefestigte Identität, spürte aber auch, dass da viel Schein auch bei mir war.

Ich gehe nach Israel, starte den Versuch, zum Militär zu gehen – ohne Eid – erschrecke aber, als ich erfahre, dass ich nicht – wie von mir erhofft und phantasiert – Bürohengst werden soll, nein, ich bin körperlich so gesund, trotz Brille, dass ich zur kämpfenden Truppe soll: Genau das halte ich nicht aus, will ich nicht, ich will nicht töten müssen, selbst wenn es der Selbstverteidigung dient. Zurück nach Deutschland, aber auch hier keine Erleichterung, keine innere Ruhe. Dennoch – ich studiere weiter und suche ein Zugehörigkeitsgefühl, will nicht ins jüdische „Ghetto“, will frei sein, bewegt und beweglich. Wem, aus meiner nächsten Umgebung, außer den Juden, kannst du vertrauen, frage ich mich? Den Linken natürlich, die sind koscher, keine Faschisten, keine Nazis, vielleicht dachte ich auch damals: keine Kinder von Nazis. Ich trete in den SDS ein, bin aktiv, kämpfe gegen die Hochschullehrer, gegen die Alten, gehöre zu einer Gruppe, bin nicht so allein.

Habe israelische, jüdische Freunde um mich, bin noch weniger allein!

Eine innere Distanz zu der deutschen Umwelt bleibt bestehen. Mal ist sie größer, mal geringer, aber richtig dazugehören tue ich nicht.

Es mag oberflächlich und lächerlich klingen, aber am bewusstesten wird es mir vor allem bei Sportveranstaltungen. Als 1974 bei der Weltmeisterschaft das Endspiel BRD gegen Niederlande lief, saß ein großer Kreis von Genossen zusammen, Juden und Deutsche; die Juden eindeutig für die Niederlande, die Deutschen leicht ambivalent für die BRD; das Spiel hatte eine ungeheure Sprengkraft in sich, machte auf Anhieb vieles bewusst, was sonst nur latent spürbar war.

Ich denke, in dieser Zeit beginnt mein Wachwerden, meine Sensibilisierung für die Umwelt. Meine Suche nach der Vergangenheit, ein differenziertes Beobachten meiner Umwelt. Dieser hier in Gang kommende innere Prozess ist äußerst schmerzvoll. Und ich möchte betonen, dass ich sehr viel meinem Analytiker und meiner Analyse zu verdanken habe, zu verdanken, dass ich allmählich, wie gesagt, schmerzvoll zwar, aus dem mich umhüllenden Nebel herausgetreten, bewusster geworden bin. Es ist die Zeit, die Phase, in der ich zu begreifen beginne, was hier in Deutschland passiert ist. In der ich anfange, mit den dazugehörenden ungeheuer schmerzlichen Gefühlen, die Vernichtungsmaschinerie zu verstehen, in der ich anfange, Filme aus dieser Zeit anzugucken; und sicherlich sehr viel Zeit benötige, zu begreifen, dass das nicht Film ist, sondern Realität, unerträgliche Realität. Es ist eine Phase von Enttäuschungen, Desillusionierung, wie gesagt: Aufwachen. Hier beginnt meine Neugierde zu wachsen. Jetzt erst wage ich, hin zu gucken. Ich fange an zu begreifen, welch ein Zusammenhang zwischen den zwei Ländern, in denen ich aufgewachsen bin, besteht. Wie eng negativ, aber auch positiv, diese beiden Länder miteinander verflochten sind. Wie viel Hass und zum Teil bis heute berechtigtes Misstrauen gegenüber der bundesdeutschen Bevölkerung und Regierung seitens der Juden besteht, mit welch einer Wachsamkeit man ständig die BRD beobachtet, und das nicht nur von jüdischer Seite. Welche Borniertheit, Arroganz hier bis heute noch lebt, und wie viel aus der Zeit des Nationalsozialismus noch in den Menschen lebt, besteht, zum Teil leider auch ausgelebt wird.

Es ist auch eine Zeit, in der ich immer auf der Hut bin, nicht zu pauschalisieren, nicht zu verallgemeinern, nicht – analytisch gesprochen- nur das Böse hier zu sehen, zu entdecken: Dies erfordert von mir bis heute eine ungeheure psychische Kraft, weil die Gefahr anderseits besteht, dass ich aus dem Wunsch, hier zu leben, zu viel übersehe, übersehen will!
Ein kurzer Rückblick im Rückblick.

Ja, es ist sicherlich berechtigt, Israel zu kritisieren, und eigentlich dürfte das jeder, zumindest jeder junge Deutsche auch. Aber, im nach hinein, an die SDS-Zeit denkend, behaupte ich, dass ich von linker Seite missbraucht worden bin, mich aber auch, um zu jemandem zu gehören, habe missbrauchen lassen. Vieles der Kritik, der Attacken gegen Israel diente und dient bis heute auch der Linken, dem Ausweichen vor einer auch für sie unerträglichen Wirklichkeit: Kinder von Tätern zu sein, Zuschauern, Schweigern, Mitläufern der Vernichtung von Millionen Juden, Sinti, Roma u.a., nicht zu vergessen auch die systematische Ausrottung slawischer Bevölkerungsgruppen. Angriff ist die beste Verteidigung, hieß und heißt oft das Motto. Und damals wie heute, wehe, ein Deutscher der älteren Generation, aber auch der jüngeren Generation, zeigt Betroffenheit, Sympathie für Israel, Angst um Israel: Philosemiten ist das selbe wie Antisemitismus, dachte auch ich sehr lange, und ließ damit innerlich Menschen keine Chance, aus der Vergangenheit zu lernen. Die Phantasie vieler Linker, man könne nach „Auschwitz“ Israel gegenüber objektiv sein, ist der Fluchtversuch vor der eigenen Vergangenheit, die Flucht vor der Tatsache, Eltern und Großeltern zu haben, die die Zeit mitgetragen, mitgeprägt haben, und die diese Generation, sprich die 2. und 3. Generation nach Hitler erzogen haben.

Ich glaube, dass ich in dieser Phase, zum ersten mal nach meiner Ankunft in der BRD, wieder begonnen habe, Liebe zu Israel in mir zu entdecken. Erst jetzt die psychische Kraft besaß, mir diese Sehnsucht und Liebe einzugestehen, es wieder genoss Iwrith (Hebräisch) zu sprechen, es mich nicht innerlich zu zerreißen drohte, solche Gefühle zu haben, in mir zu entdecken. Meine überbetonte Kritik an Israel in der Phase davor, sollte mir helfen, dieser drohenden innerlichen Zerreißprobe auszuweichen.
Und ich beobachtete weiter meine Umwelt: sehe Menschen, die weiter wie in Trance leben, die sich nicht freuen können, ein mobiles Volk, das genau wie ich immer ins Ausland fährt, weil man auf der Flucht vor einer unerträglichen Wirklichkeit ist.

Der Holocaust-Film ließ etwas in der BRD aufflackern, manche neue, viel tiefergehende Freundschaften zu Nichtjuden entstanden. Nichtjuden, die begonnen haben, sich für mich, mit meiner Geschichte, meinen Widersprüchen als Ganzes zu interessieren. Menschen, die wissen wollten, wo ich herkomme, und die es mehr oder weniger emotional aushielten, zu erfahren, dass meine Großmutter aus Frankfurt in ein KZ gebracht worden ist und dort umgebracht worden ist. Dass ich auch heute noch auf der Suche nach meiner Vergangenheit bin.

Aber es kommen auch zunehmend Neid- und Wutgefühle in mir auf, die sicherlich schon im oben Beschriebenen zu erspüren sind, und viele Fragen über Menschsein, Menschwerden, Beziehungen, Beziehungslosigkeit unserer technischen Zeit. Neid auf die Umgebung, die Eltern und Großeltern hat, die lebt. Angst, mir eine Leere einzugestehen, wenn ich mich mit meiner persönlichen familiären Vergangenheit beschäftige. Fragen eines denkenden, erwachsen gewordenen Menschen: Warum sind meine Eltern gerade nach Deutschland aus- bzw. zurückgewandert? Existentielle Interessen und wir, die Kinder, sprich unsere Zukunft standen im Vordergrund der rationalen Argumente meiner Eltern für diesen Schritt. Erst allmählich erfahre ich die Sehnsucht meiner Eltern nach der deutschen Kultur, nach der deutschen Sprache, einer Kultur, die es aber nach „Auschwitz“ so nicht mehr gibt. Ich erlebe diese Sehnsucht bis heute, wenn ich im Ausland Frankfurter Juden begegne. Jetzt begreife ich erst, dass mein Vater in Frankfurt am Main geboren und auch aufgewachsen ist, dass er von hier 1936 weggehen musste, sich von seiner Mutter verabschiedete und sie nie mehr wiedersah, nicht einmal ein Grab meiner Großmutter existiert. Das Haus, in dem mein Vater aufgewachsen ist, steht noch, ich besuche es zum ersten Mal, habe aber keine emotionale Beziehung dazu; er selbst hat uns nie dahin geführt, vielleicht wäre es dann anders. Und es braucht noch viele Jahre, bis ich begreife, dass fast die gesamte Familie meiner Mutter in der Nazi-Zeit „verschollen“ ist.

Eine meiner größten Enttäuschungen der letzten Jahre war, fest zu stellen, dass selbst meine Kollegen und Kolleginnen, sprich die deutschen Psychoanalytiker, es bis heute nicht für nötig halten, sich mit diesem unerträglichen Teil ihrer Vergangenheit emotional zu beschäftigen. Ich bin Psychoanalytiker geworden, weil ich glaubte, Analytiker besäßen die „Fähigkeit zu trauern“. Erst in den letzten Jahren wurde mir klar, dass dies eine Illusion ist.

Meine Vorstellung, meine Hoffnung und mein Wunsch, ein Zuhause zu finden, wurden von den deutschen Psychoanalytikern genauso enttäuscht wie damals vom SDS. Nur ist meine Wut jetzt viel größer, weil ich von Erwachsenen mehr erwarte und verlange, vor allem wenn sie Analytiker sind, als von Studenten. Zugleich macht mir das Sorge. Sorge um meine Zukunft, aber vor allem, um die Zukunft meiner Kinder in der BRD.

Ich ging und gehe davon aus, dass es ein gemeinsamer Wunsch von Juden wie Nichtjuden in der BRD ist, zu verhindern, dass hier wieder geschieht, was bereits geschehen ist: die Ermordung von Millionen Menschen. Aber die Borniertheit, Arroganz, der ich noch häufig begegne, macht mich zunehmend misstrauisch, skeptisch, kulturpessimistisch. Geschichte, so höre ich immer wieder, wiederholt sich nicht, aber als Psychoanalytiker weiß ich zu genau, wie stark der Wiederholungszwang bei den Menschen ist, und die Tatsache, dass nur wenige in meiner Umgebung eine innere Bereitschaft haben, diese unerträgliche Wirklichkeit anzuschauen, macht mich traurig, pessimistisch. Es ist kein Aufgeben eines alltäglichen Kampfes, den ich führe, ein Kampf um die Erinnerung, aber dennoch schleichen sich oft Zweifel bei mir ein. Mir persönlich ist es unmöglich geworden, ohne Einbeziehung dieser unerträglichen Wirklichkeit zu leben; ohne das Bewusstsein, wozu der Mensch mit seinen Trieben in der Lage ist, zu welchen Auswüchsen das Ausleben dieser Triebe führen kann. Ich habe oft den Eindruck, dass die Majorität, sprich die deutsche nichtjüdische Majorität um mich herum, im Gegensatz zu mir glaubt, es gar nicht nötig zu haben, sich mit dieser Zeit zu beschäftigen. Dass man es sich leisten kann, „Normalität“ nach Auschwitz zu propagieren, man sich erlaubt, rausnimmt, wie Fellner kürzlich, Ungeheuerlichkeiten auszusprechen und Bundestagsabgeordneter zu bleiben, es sich, wie der Bürgermeister einer westdeutschen Kleinstadt, erlaubt, aufzufordern, ein paar reiche Juden zu erschlagen, sich hinterher entschuldigt und überzeugt ist, im Amt bleiben zu können. Beunruhigend ist, dass von deutscher nichtjüdischer Seite niemand aufschreit, niemand sich aufbäumt, nein, die Anklagen kommen immer wieder nur von jüdischer Seite. Diesen Fellners, Kohls und Bürgermeistern traue ich nicht. Ich möchte gerne mal Mäuschen spielen und hören, was sie wirklich fühlen und denken: Entschuldigungen sind Worte, Konsequenzen, scheint so ein Mensch wie dieser Bürgermeister nicht tragen zu können. Und hier komme ich zu einem sehr wichtigen Punkt: Vertrauen zur Umgebung, auch zur nächsten Umgebung! Trotz vieler Jahre Bewusstheit, vielleicht aber gerade deshalb, habe ich dieses Vertrauen nicht aufbauen können, und ich bin mir sehr sicher, dass dies nicht auf meine frühkindlichen Erlebnisse zurück zu führen ist, sondern, im Gegenteil, auf mein wachsames Beobachten dieser Umgebung. Ich möchte betonen, dass ich überhaupt keine Probleme mit meiner näheren wie weiteren Umgebung habe, wenn ich diese Menschen einschätzen kann, wenn sie nicht, wie Kohl, einfach behaupten, einer neuen Generation, die mit der Vergangenheit nichts zu tun hat, anzugehören, sondern sich klarmachen, dass man zum Teil ein schreckliches Erbe in sich trägt. Hier ist genau der entscheidende Punkt: diese Ignoranz, diese gewünschte Objektivität, sie ist oft der „neue“ Gesundheitsbegriff, auch der meiner Kollegen.

Der Phantasie einer Stunde Null, eines Neubeginns bin auch ich sehr lange gefolgt – bis ich begriffen habe, begreifen musste, dass 1945 die Männer der ersten Stunde auch die Männer der letzten Stunde waren und es noch immer sind. Es ist ein gesundes, berechtigtes Misstrauen meiner Umgebung gegenüber. Es ist ein ständiges Gefühl, wachsam sein zu müssen, ein seismographisches Gefühl für meine Umwelt. Es ist die Verzweiflung und die Wut zugleich, warum, in G’ttes Namen, wir, die Juden, immer wieder in der BRD auf diese Zustände aufmerksam machen müssen. Allein die Tatasche, dass es eine unerträgliche Wirklichkeit ist, was hier geschehen ist, entschuldet und entschuldigt keinen, entlässt keinen aus der Verantwortung.

Manchmal, möglicherweise irrational auf die innere Frage antwortend, warum ich hier lebe, sage ich mir: wenn ich hier weg gehe, hat Hitler gewonnen! Ich schulde es mir selbst, aber auch meinen Eltern, Großeltern, Tanten und Onkeln, diesen Teil der Vergangenheit auch im Bewusstsein anderer Menschen zu halten. Ich weiß, dass das für die Umgebung oft quälend ist, es ist und war auch für mich sehr quälend, mich emotional damit zu beschäftigen. Ich habe erst lernen müssen, diese auszusprechen, obwohl ich Jude bin, weil ich zu oft erlebte, dass ich als Rächer, als Verfolger von meiner Umwelt erfahren werde. Aber dem ist nicht so, es entspringt einzig und allein dem Wunsch, dass dies nie wieder geschieht. Ich gehe weiterhin von der Annahme aus, dass genau dies mich mit dem einfühlsameren, menschlicheren Teil meiner Umwelt verbindet. Ich mache schon lange nicht mehr Flucht- und Entschuldungsversuche mit, wie zum Beispiel: Begin ist ein zweiter Hitler, Sabra und Schatilla sind ein zweites Auschwitz! Das sind, wie gesagt, Flucht- und Entschuldungsversuche vor einer unerträglichen Wirklichkeit, und ich halte zunehmend die Spannung und Traurigkeit aus, nicht zu den anderen, zu einer Majorität zu gehören, ohne dass bei mir ein Gefühl von Verlust entsteht.

Wenn ich darüber nachdenke, vermute ich, dass mein hier Sein und –bleiben auch mit einem unausgesprochenen Auftrag meiner Eltern zu tun hat: den Dialog zu führen und zu leben. Dies geht aber eben nur unter Einschluss der Vergangenheit und nicht ohne, wie viele wünschen, hoffen. Was ich damit vor allem meine, und oben schon angedeutet habe, ist der Wunsch, dass Beziehungen wieder so werden, dass man sich gegenseitig als Mensch anschaut! Die Beziehungsschwierigkeiten, unter denen die Menschen, auch angesichts der Entfremdung durch Technik, leiden, sind in der BRD sicher auch auf die Flucht vor dieser schrecklichen Vergangenheit zurückzuführen. Die Eltern konnten sich einfach nicht mehr auf ihre Kinder beziehen, keine tiefgehenden Beziehungen herstellen. Hatten sie doch, fünf Minuten zuvor, andere Menschen, zum Beispiel Ärzte, die ihnen geholfen haben, zu Ungeziefer gemacht. Sich zu begegnen heißt, auch emotional zuzulassen, was hier in Deutschland geschehen ist. Nur so kann ich und will ich hier leben. Meine Kinder haben eine nichtjüdische Mutter und einen jüdischen Vater, und dessen sind sie sich sehr bewusst! Ich lebe den Dialog und werde es nicht zulassen, dass meine Kinder zu „Halbjuden“ gemacht werden. Dennoch ist es mir beispielsweise bis heute unmöglich, in der BRD Urlaub zu machen, weil bei neuen Bekanntschaften oft eine große Befangenheit aufkommt. Erfahren die Menschen, dass der Vater dieser Kinder Jude ist, wird es häufig bedrückend, befangen. Die Tatsache, mit einer Nichtjüdin verheiratet zu sein, erlebte auch ich lange als Verrat an meinem Volk: nach Auschwitz sind solche Gefühle naheliegend.

Was ich nicht aushalte, ist das Schweigen auf deutscher Seite. Ich muss einfach in meiner nächsten Umgebung wissen, wer die Eltern meiner Freunde sind, und ich will erfahren, wer die Menschen sind, denen ich begegne, dass heißt auch, welche Vergangenheit sie mit sich tragen. Und, was ich bis heute nicht aushalte, aber auch an- und ausspreche, ist die Rede von einem „gesunden“ deutschen oder sonstigen Nationalbewusstsein und auch die Untertöne, die sehr wohl rauszuhören sind, wenn man sich zum Beispiel die Boris-Becker-Manie genauer anhört.

Es mag überzeichnet klingen, aber, wenn ich höre, dass zum Beispiel die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung schon jetzt der zweitgrößte Psychoanalytische Verein der Welt ist, so wird mir unheimlich zumute, wird mir wiederum bewusst, wie tief die nicht verarbeitete Kränkung, einem Nicht-Tausendjährigen Reich anzugehören, bis heute ist. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mit der Darstellung meines hier Seins und der Gründe, warum ich, als jemand, der in Israel geboren ist, hier und nicht in Israel lebe, ausdrücklich die Frage beantwortet habe, warum ich heute nicht in Israel lebe. Teils rational, teils emotional finde ich die Antwort in mir selbst: Das Israel deiner Kindheit, deiner Sehnsucht existiert nicht mehr! Ich glaube auch, dass ich durch die vielen Jahre des hier Seins mich der dortigen Lebensweise entfremdet habe. Und ich bin ehrlich und mutig genug mir einzugestehen, dass es ein Privileg ist, mit 41 Jahren an keinem Krieg teilgenommen zu haben, bin erleichtert, niemals – ob zu Recht oder zu Unrecht – getötet zu haben. Dennoch bin ich emotional mit Israel stark verbunden, verbringe mit meiner Familie jährlich mindestens einmal dort unseren Urlaub. Ich vermittle auch auf diese Weise meinen Kindern einen Teil meiner Identität, ohne wie früher dadurch bedroht zu sein, innerlich auseinander gerissen zu werden.

Ich erlaube mir weiterhin, Israel zu kritisieren, aber zugleich kann ich dieses Land, wie es ist, sehr lieben. Und ich habe Angst um dieses Land, will, dass es weiter existiert, bin auch nicht, wie viele andere linke Juden, der Meinung, dass es nur als multinationaler Staat überleben wird. Ich bin nicht davon überzeugt, dass dies die einzige Existenzberechtigung dieses Landes ist. Nein, ich bin davon überzeugt, dass vierzig Jahre nach „Auschwitz“ das Trauma, das meinem Volk zugefügt worden ist, noch viel zu groß ist, als dass man sich einer andersgläubigen Majorität anschließen, anvertrauen kann. Ich bemühe mich, kosmopolitisch zu sein und zu leben, glaube aber noch nicht so recht daran, dass der Mensch diese Toleranz in sich hat. Ich finde es schön zu sehen, wie sich am Abend des Sabbat in Israel, Juden – frei, ohne Angst – in die Synagoge begeben, ohne dabei das Land derart zu idealisieren, als ob es dort keine Aggressivität, Destruktivität gäbe. Und ich bin davon überzeugt, dass zwischen diesen beiden Ländern, in denen ich aufgewachsen bin, ob man will oder nicht, durch „Auschwitz“ eine einzigartige und eigenartige Verbindung besteht und bestehen bleiben wird, die sicherlich auch in mir lebt und von mir gelebt wird. Die Vorstellung, man könne 40 Jahre danach als Deutscher Israel gegenüber objektiv sein, ist Wunschdenken, ist Traum, ist Illusion.

Literaturhinweis: Roland Kaufhold (2012): Der Psychoanalytiker Sammy Speier (2.5.1944 – 19.6.2003): ein Leben mit dem Verlust. Oder: „Kehrt erst einmal vor der eigenen Tür!“.
In: Kaufhold, R./B. Nitzschke (Hg.) (2012): JÜDISCHE IDENTITÄTEN IN DEUTSCHLAND NACH DEM HOLOCAUST, Psychoanalyse 2012-1 (28).