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Kritik der deutschen Erinnerungskultur: Ritualisiertes Gedenken

Die deutsche Erinnerungskultur beanstanden Dana Giesecke und Harald Welzer in ihrem gemeinsamen Buch: „Das Menschenmögliche. Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur.“ Henryk M. Broder geht noch weiter: Eine ritualisierte Erinnerung ist oft nicht mehr als eine Ablenkung von der Gegenwart, meint er. Er hat ein Buch vorgelegt mit dem provozierenden Titel: „Vergesst Auschwitz“…

Von Michael Köhler, deutschlandradio

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Die NS-Zeit und der Holocaust liegen mehr als 60 Jahre zurück. Die Zeitzeugen und die Erlebnisgeneration werden weniger. Aus der heißen Geschichte mit emotionaler Tiefenwirkung wird kalte Geschichte mit aufklärungsarmer Oberfläche. Hier nimmt das Buch von Harald Welzer und Dana Giesecke seinen Ausgang. Die gängige Rede vom „Nie wieder“ sei nach Jahrzehnten gelungener Aufarbeitung zu wenig.

Harald Welzer: „Ja eben, weil sich aufgrund dieser Durchsetzungsgeschichte, die Vorstellung gehalten hat, es sei wichtig darauf zu dringen, dass man das unbedingt erinnern müsse, während doch alle gar nichts dagegen haben, dass man sich dieser Dinge erinnert.“

Gedenktage seien zu liturgischen Formeln verkommen, die keinen Raum für eigenes Denken und Reflexion lassen. Das Haus der „historischen Bildung gehört entrümpelt.“

Das klingt ungerecht: „Für welche Zukunft wollen wir eigentlich erinnern. Die Zukunft des 21. Jahrhunderts ist ja etwas anderes als die der 70er-Jahre des 20.Jahrhunderts, insofern würden wir sagen, und so argumentieren wir auch in dem Buch, dass es sinnvoll ist, die Kategorie Zukunft in die Erinnerungskultur wieder einzuführen.“

Ihre Kritik einer geradezu fetischisierten Vergangenheit in der deutschen Erinnerungskultur verschieben sie zugunsten einer fetischisierten Zukunftsliebe. So wie man aber eine Geschichte der Opfer nicht ohne eine Geschichte der Täter haben kann, lässt sich nicht ohne Weiteres von Vergangenheitsfixierung auf Zukunftsfixierung umstellen:
„Jetzt können wir doch mal die Perspektive verändern und gehen vom Ende des Prozesses, von diesem millionenfachen Mord, an den Anfang des Prozesses und gucken uns an, wie entstehen eigentlich Ausgrenzungsgesellschaften, welche Potenziale werden innerhalb von scheinbarer Normalität entwickelt, die in einer irrsinnigen Geschwindigkeit hin zur Gewalttätigkeit führen, zu Beraubung führen und schließlich in die Vernichtung führen.“

Den Autoren ist zuzustimmen, wenn sie sagen, schematisiertes Gedenken ist untauglich für die Zukunft des Erinnerns. Aber noch immer gibt es reichlich unaufgearbeitetes deutsches Unrecht. Das Wissen Berliner Schüler etwa über die DDR ist katastrophal.

Und dann hält der utopische Essay noch einen Vorschlag für Museen oder Gedenkstätten der Zukunft bereit. Ein „Haus der menschlichen Möglichkeiten“, eine lernende Institution: „Das wäre ein Ausstellungsort, der sich damit beschäftigt, was menschliche Möglichkeiten sind. Also welche Potenziale, welche Fähigkeiten Gesellschaften und Individuen haben und wie sie sich unter unterschiedlichen Bedingungen zeigen und realisieren.“

Die Stärke des Buches liegt weniger in den erinnerungspolitischen Analysen der Vergangenheit, als im utopischen Geist das Menschenmögliche von gestern für das Menschenmögliche von heute auszuleuchten. In dieser Absicht ist es mindestens selber so moralisch, wie es die Autoren der vergangenen Erinnerungskultur vorhalten. Hier schreiben Sozialpsychologen und keine NS-Historiker oder Zeithistoriker:
„Und wir wollten mal weg von der Vorstellung, dass sobald Historiker, Sozialwissenschaftler, über Menschen sprechen, dass dann immer das Negative im Vordergrund steht. Und überhaupt nicht die ganzen anderen Möglichkeiten, die uns ja im eigenen Leben durchaus beschäftigen und antreiben.“

Das gleiche Unbehagen an einer „bis zur Erstarrung stabilen Gedenk- und Erinnerungslandschaft“ teilt der Berliner Publizist Henryk M. Broder. Er sorgt sich um Israel, hält es für gefährdet. Der 66-jährige Polemiker ist Nachkomme polnischer Holocaust-Überlebender und hat eine schneidende Entrüstung verfasst, eine polemische Intervention, die die feuilletonistischen Spitzen des Jungen Deutschland geradezu stumpf aussehen lassen. Auf Seite 157 seiner Streitschrift „Vergesst Auschwitz. Der deutsche Erinnerungswahn und die Endlösung der Israel Frage„, schreibt er:

Das Kainsmal, das die Deutschen tragen, hört auf den Namen Auschwitz. Ich würde sagen: Das Kainsmal, das die Deutschen nachhaltig pflegen, hört auf den Namen Auschwitz. Man kann ja den Deutschen vieles zum Vorwurf machen, nur nicht, dass Sie sich nicht mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt hätten. Das haben sie gemacht.

Broder bleibt nicht bei der Kritik am ritualisierten Gedenken stehen. Er betätigt sich als Kollektiv-Psychoanalytiker und Gralssucher deutscher Seelen-Abgründe. Die Solidarität der Deutschen mit den Palästinensern sei der „therapeutische Umweg zur Selbstheilung.“ Die Deutschen hätten einen Judenknacks, ein obsessives Interesse an Israel. Broder findet es absurd, dass jedes Jahr Abertausende unschuldiger junge Deutsche durch KZs geschleust werden. Was sollen sie da, was lernen sie da?

Henryk M. Broder: „Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, sie haben keine Verantwortung, aber weil ihnen immer zu Verantwortung eingeredet wird, suchen sie nach Auswegen. Und einer dieser Auswege ist jener, den ich beschreibe, nämlich diese absolut hysterische Israelkritik, die wirklich die Form einer Entlastungsoffensive angenommen hat, mit der junge Leute, vor allem junge Leute, aus der eigenen Geschichte zu entkommen versuchen. Ich kann es nachvollziehen, aber ich kann es nicht gut finden und deshalb habe ich das Buch geschrieben.“

Als Beleg druckt er in seiner Streitschrift Transparente und Plakate von Demonstranten ab, die die Gazabesatzung mit dem Warschauer Getto vergleichen. Israel, schreibt der Publizist, sei „im Wellness-Bewusstsein der Deutschen ein Störfaktor?“ Mehr noch, glaubt Henryk Broder in einem vielfach anzutreffenden Antizionismus, einer Kritik an der israelischen Palästina-Politik einen versteckten Antisemitismus zu erblicken. Man könne Israel wegen der Besetzung Gazas jetzt endlich hemmungslos faschistische Politik vorwerfen:

„Die Empörung über Auschwitz, diese nachträgliche Verpflichtung ein zweites Auschwitz zu verhindern, geht zusammen mit einem modernen politischen Antisemitismus, der sich Anti-Zionismus nennt. Das ist, wenn Sie so wollen, das ganze Buch in einer Minute.“

Henryk Broders neuer Essay wird in den Augen mancher Leser eine geschmacklose Entrüstung sein, die mit deutschen Reizvokabeln ihr gruseliges Erregungsspiel treibt. Für andere ist er ein draufgängerischer Stilizist von Rang, der sich um Israel sorgt und fürchtet, eine erinnerungspolitische Nervensäge und Krawallschachtel. Er geht auf die Nerven, weil es einer ja tun muss, damit man sagen kann: Spinnt der?

Broder: „Die deutsche Liebe zu den Palästinensern kommt aus einer offenen Rechnung den Juden gegenüber. Und je schlechter sich die Juden, in dem Fall die Israelis den Palästinensern gegenüber benehmen, um so besser fühlen sich die Deutschen dabei, weil dann nehmen die Schuldgefühle der Deutschen den Juden gegenüber ab.“

Vor lauter Vergangenheitsfixierung verlieren die Deutschen die Gegenwart aus den Augen, sagt er. Beim Lesen von Broders Essay wird der ein oder andere die Fassung verlieren.

Broder: „Den Holocaust soll uns erst mal einer nachmachen.“

Aber was ist solche Fassungslosigkeit gegen jene der Historie. Vergesst Broder! – Denkt an Auschwitz.

Michael Köhler über zwei Neuerscheinungen zur Erinnerungskultur in Deutschland: Henryk M. Broder: „Vergesst Auschwitz. Der Deutsche Erinnerungswahn und die Endlösung der Israel-Frage“. Erschienen im Knaus-Verlag, 176 Seiten für Euro 16.99 – ISBN: 978-3-896-84089-9. Und: Dana Giesecke und Harald Welzer: „Das Menschenmögliche. Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur“. Edition Körber-Stiftung, 190 Seiten, Euro 15,00 – ISBN: 978-3-813-50452-1.