Mein Israel

Damals, als Großmutter und ich im Jahre 1952 nach Kfar Samir zogen und sie, mit Hilfe eines älteren Arabers, dort ein kleines, etwa vier mal fünf Meter großes Haus baute, in unmittelbarer Nähe von den zwei Brunnen, in denen sich stets frisches Wasser befand, wußte ich nicht, daß diese schon fünfzig Jahre zuvor gebohrt worden waren…

Von Peter Finkelgruen

Vor mir liegt eine Dissertation aus dem Jahre 1937. Geschrieben wurde sie von einem Mann namens Karl Imberger, geboren am Tag vor Weihnachten des Jahres 1911 im Ort Wilhelma in Palästina. In seiner Doktorarbeit über Die deutschen landwirtschaftlichen Kolonien in Palästina entdecke ich die beiden Brunnen. Jenen, in den ich hinabgestiegen, und jenen anderen, in den ich nie hinabgestiegen bin, den wir nie benutzt, aus dem wir kein erfrischendes Wasser geschöpft haben. Aus dieser Dissertation erfahre ich, daß die ersten Häuser an diesem Ort im Jahre 1900 erbaut worden sind. Ich erfahre, daß der Ort damals Neuhardthof hieß und eine deutsche Siedlung war. Die Gründer dieser Siedlung hatten dort diese Brunnen gebohrt. Ich weiß nicht, seit wann der Ort, bestehend aus einem Dutzend kleiner Häuser, Kfar Samir genannt wurde. Wahrscheinlich erst, so denke ich heute, nachdem die deutschen Siedler Palästina verlassen mußten, spätestens als im Unabhängigkeitskrieg 1947/1948 Israel, der Staat der Juden, gegründet wurde.

Die Geschichte der deutschen Siedler in Palästina begann in der Mitte des letzten Jahrhunderts. Eine Gruppe von Württembergern verließ 1868 die Heimat, um im Heiligen Land zu siedeln. Bereits seit 200 Jahren gab es in Württemberg pietistische Bestrebungen, die protestantische Kirche zu verändern. Erwartungen eines nahen Weltendes, Hungersnöte und politische Verwerfungen, wie die gescheiterten Reformbemühungen rund um die Paulskirchenversammlung in Frankfurt, waren Hintergründe für die Auswanderung ins Heilige Land. Waren sie Emigranten? Sicher nicht wie jene, die Deutschland sechzig Jahre später verlassen mußten. Wie meine Eltern, die nach Shanghai gingen.

Die Württemberger ließen sich in Palästina nieder und errichteten dort in erster Linie landwirtschaftliche Siedlungen. Eine Siedlung in der Nähe von Nazareth hieß Bethlehem, eine andere Waldheim. Sarona war der Name einer Siedlung nördlich des heutigen Tel Aviv, Wilhelma der der fünftgrößten Siedlung der Templer, wie diese deutschen Siedler genannt wurden. Die drei größten Siedlungen der Templer waren in Haifa, Jerusalem und Jaffa. Sie alle wurden in den Jahren zwischen 1869 und 1873 gegründet.

Es war die Zeit, als Sir Moses Montefiori, Sheriff der Stadt London und Präsident des Board of Deputies of British Jews, als erster englischer Jude der Neuzeit in den Adelsstand eines Baronet versetzt wurde. Er förderte die Ansiedlung von Juden in Palästina, hauptsächlich armer Juden aus Osteuropa und Rußland. Sie waren Vorläufer jener Pioniere, die später die ersten Kibbuzim gründen sollten.

Mishkenot Shea’ananim in Jerusalem ist eine auch heute noch malerische Ansammlung von ebenerdigen, ziegelgedeckten Häusern, über denen sich eine Windmühle erhebt, direkt gegenüber der Altstadtmauer. Windmühle und Siedlung wurden aus Mitteln erbaut, die Sir Moses Montefiori zur Verfügung gestellt hatte. Im Erdgeschoß der Windmühle steht heute, hinter Glas, eine Kutsche. In dieser Kutsche kam Sir Moses Montefiori auf einer seiner Reisen nach Palästina, um den Fortgang der von ihm geförderten jüdischen Siedlungen zu inspizieren. Unweit von Mishkenot Shea’ananim liegt Emek Refaim, die Ebene Refaim. 1874 wurde auch dort eine Kolonie der deutschen Templer gegründet. Die von ihnen gebauten Steinhäuser erinnern an die Bauweise im Deutschland jener Zeit.

Ob es die Bauweise der wenigen Häuser in Kfar Samir war, die Großmutters Aufmerksamkeit auf sich zog, als sie auf ihren Ausflügen aus dem Kibbuz Kfar Hammakabi nach einer neuen Bleibe für uns Ausschau hielt? Ich weiß es nicht. Ich wußte damals ebensowenig wie sie von der Geschichte des Ortes. Während der ganzen Jahre, in denen ich in Israel gelebt habe, habe ich nie etwas von Neuhardthof und den anderen Siedlungen erfahren. Neuhardthof war sozusagen ein Patendorf der deutschen Templersiedlung in Haifa. Die Templer aus Haifa hatten etwa neun Kilometer südlich der Stadt von den Arabern aus Tirah Boden gekauft, den sie von ihren Wohnorten aus bestellen wollten. Sie stellten aber bald fest, daß die Araber aus Tirah das Getreide von den Feldern stahlen, und beschlossen daher, die Siedlung Neuhardthof zu errichten.

Doch auch nach der Gründung von Neuhardthof gingen die Diebstähle durch Araber aus Tirah weiter. So stellten die Templer bewaffnete Wachen auf. Beinahe wäre es deswegen zu internationalen Verwicklungen gekommen. Aus einem Hinterhalt erschossen sie einen Araber aus Tirah. Am folgenden Tag wurden in Anwesenheit des deutschen Vizekonsuls und Vertretern der türkischen Behörden Untersuchungen vor Ort durchgeführt. Einer der Siedler, ein Mann namens Fritz Unger, wurde während dieser Untersuchung von Bewohnern des Dorfes Tirah ermordet.

In einer Veröffentlichung der Hebräischen Universität in Jerusalem aus dem Jahre 1970 über die Templersiedlungen der Württemberger in Palästina schrieb Professor Alex Carmel:

Einige Jahre zuvor hatte der deutsche Kaiser Wilhelm II. Schiffe seiner Kriegsflotte an die Küste Palästinas geschickt, um die Bereitschaft zu demonstrieren, deutsche Bürger im Orient zu beschützen. Jetzt erwarteten die Siedler zumindest ähnliches. In Deutschland berichteten die Zeitungen in großer Aufmachung über den Mord, und die württembergische Regierung verlangte von Berlin strengste Maßnahmen. Diesmal aber war man in Berlin eher zurückhaltend. Als die türkischen Justizbehörden die Angelegenheit zunehmend lasch handhabten und aus Deutschland noch immer keine Reaktion kam, mußten die Siedler erkennen, daß ihre Sorgen nicht in das Konzept weltpolitischer Ambitionen des deutschen Kaiserreichs paßten.

Von alldem wußte ich damals an dem Brunnen in Kfar Samir nichts. Das Häuschen, in dem Großmutter und ich lebten, lag nah am Sandstrand. Näher am Wasser lagen der Hof einer arabischen Töpferfamilie an einem Ende des Dorfes und ein kleines graues Haus an seinem anderen Ende. Diese Tatsache erschien mir damals sehr wichtig. Als ginge es dabei nicht nur um die Frage, ob man ein paar Schritte mehr oder weniger bräuchte bis zum Wasser, sondern als markiere das Ufer eine imaginäre Sicherheitslinie, jenseits derer nichts Schlimmes geschehen könne.

In dem kleinen grauen Haus am südlichen Ende von Kfar Samir lebte ein hagerer älterer Mann, den ich gelegentlich im kleinen Lebensmittelladen des Ortes sah und ihn dort einmal Rumänisch, dann wieder Ungarisch sprechen hörte. Auch Großmutter sprach Rumänisch. Ich erinnere mich meiner Überraschung, als ich merkte, daß Großmutter noch eine andere Sprache kannte außer der deutschen. Ich, der ich gerade dabei war, eine neue Sprache, Hebräisch, zu lernen, bemühte mich von da an, von Großmutter möglichst viele rumänische Wörter zu lernen. Ich wollte wissen, was sie mit anderen Leuten im Dorf sprach.

Eines Morgens wachte ich auf und hörte von draußen laute Stimmen und Schreie. Ich erkannte Großmutters Stimme, sprang auf und rannte vor das Haus. Etwa auf der Mitte des Weges zwischen unserem und dem Haus jenes Rumänisch sprechenden Mannes sah ich Großmutter auf dem Boden liegen. Der Mann stützte sich mit einem Knie auf und schlug mit weit ausholenden Armbewegungen auf ihren Kopf und Rücken ein. Dabei schrie er mir unverständliche Sätze auf rumänisch. Großmutter versuchte sich zu erheben und wegzulaufen, aber der Mann stieß sie immer wieder zurück und suchte zwischen den Schlägen nach einem Stein. Großmutter stieß Schmerzensschreie aus, rief nach mir. Auch ich begann zu schreien und rannte auf die beiden los. Der Mann blickte auf und schaute in meine Richtung.

Ein Ruck ging durch seinen Körper, als erwache er aus tiefem Schlaf. Er ließ von Großmutter ab, erhob sich, sein gebeugter Rücken wurde gerade, ganz langsam wandte er sich ab und ging zu seinem Häuschen, während Großmutter vom Boden aufstand und sich zu unserem schleppte. Mein Herz schlug bis zum Hals, während ich Großmutter die wenigen Schritte bis in unser Zimmer stützte. Sie atmete heftig, schien aber mit den Gedanken ganz woanders zu sein. Zuerst reagierte sie gar nicht auf meine Fragen, was denn los gewesen sei, weshalb der Mann auf sie eingeschlagen habe. Auch nachdem sich ihr Atem ein wenig beruhigt hatte, erklärte sie mir wenig. Nur soviel habe ich von ihr erfahren: der Mann habe sie geschlagen, weil er gemerkt hatte, daß sie deutsch mit mir sprach. Er sei auch im Lager gewesen. Verstanden habe ich damals nicht, was sie gesagt hat.

Samir ist ein arabischer Vorname, dessen Bedeutung etwas mit Fröhlichkeit zu tun hat. Die ganzen Jahre habe ich geglaubt, wir hätten auf dem Boden eines früheren palästinensischen Dorfes gebaut und gelebt. Den Namen Kfar Samir erhielt es aber wohl nach dem Unabhängigkeitskrieg, von einer arabischen Familie, die sich damals dort ansiedelte. Es war eine palästinensisch–arabische Familie, die eine Töpferei betrieb. Mit dem ältesten Sohn des arabischen Töpfers ging ich ein Jahr lang in eine Schule, die in Haifa von französischen Patres betrieben wurde.

Manchmal, wenn wir schulfreie Tage hatten, wurden die Kinder der Familie Attalah angestellt, um mit nackten Füßen den feuchten Lehm zu treten, aus dem Wasserbehälter, Spardosen und Blumentöpfe geformt wurden. Ich durfte dabei mitmachen. Mit Freude sprangen wir alle in den großen Behälter, in dem der Lehm angerührt wurde. Unsere Füße glitten in die feuchte glitschige Masse, sie wurden immer schwerer, je fester der Lehm wurde, wir aber zogen unsere Kreise weiter. Mit jedem Schritt schmierte sich der Lehm an unseren Waden hoch in die Kniekehlen. Der feuchte Lehm kitzelte die Poren der Haut und schob sich, wie etwas eigenständig Lebendiges, immer höher bis an die Innenseite unserer Schenkel. Wo sich nur eine dünne Schicht des Lehms gebildet hatte, entstand unter Sonneneinwirkung eine rasch härter werdende Kruste. Das Gefühl des Kitzels veränderte sich, und wenn der Vater von Rajah und Boulous das Zeichen gab, nun sei es genug, hatten wir die Wahl, rasch ins Meer zu laufen, um die Schmiere im salzigen Wasser abzuwaschen, oder sie, wenn sie von der Sonne an unserer Haut festgepappt war, stückchenweise abzuschälen.

Boulous war, nachdem ich ja mit meinem Vetter Michael nicht mehr zur Schule ging, mein neuer Klassenkamerad. Inzwischen ist er Besitzer des Strandrestaurants von Kfar Samir. Die Töpferei existiert nicht mehr, obwohl ein aufmerksamer Blick Spuren entdecken kann. Das Anwesen der Familie Attalah ist das einzige, das heute vom Dorf Kfar Samir, wie ich es kannte, übriggeblieben ist. Der Ort wird jetzt Zamirstrand genannt, auf hebräisch: Strand des Sängers. Wieviel ein einziger Buchstabe ausmacht. Dort ist ein sogenanntes Naherholungsgebiet. Ein gepflegter Strand, Lokale, eine Promenade und ein neues Hotel, das der Gegend das Aussehen eines adriatischen Urlaubsortes gibt. So werden Spuren verwischt.

Die Templer sind lange nicht mehr in Neuhardthof. Ein Abgeordneter der Knesset, des Parlamentes in Jerusalem, erzählte mir einmal folgende Begebenheit aus dem Unabhängigkeitskrieg: Damals hatten er und seine militärische Einheit eine der Templersiedlungen überrannt. Die deutschen Siedler waren geflohen, aber in dem Büro des Ortes fand man eine Kartei und andere Papiere, aus denen sich ergab, daß die NSDAPAO, die Auslandsorganisation der NSDAP, dort noch im Jahre 1947 existierte. Nachdem das in der Bibel vorhergesagte Ende der Welt nicht, wie von den Templern erwartet, eingetreten war, müssen etliche von ihnen beschlossen haben, auf ein anderes Ende hinzuarbeiten.

In Kfar Samir, dem ehemaligen Neuhardthof, einer Ansammlung von wenigen kleinen Häusern, deren Bewohner sich auf unterschiedlichste Art und Weise bemühten, die Not der frühen fünfziger Jahre zu überstehen, hörte ich erstmals, seit ich mit Großmutter Anna aus Prag weggegangen war, in einem Radio bewußt klassische Musik. Der Ort war während all der Jahre, in denen ich mit Großmutter dort lebte, nicht an das elektrische Netz angeschlossen. Ein Junge, der älter war als ich und in einem der Häuser des Dorfes lebte, hatte sich aber ein Radio gebastelt, das er mit einer Autobatterie betrieb.

Es war ein kleiner Holzkasten, an dem ein Paar Kopfhörer angebracht war, und er erlaubte mir, an einem der beiden ein wenig mitzuhören. Unsere Köpfe seitlich aneinandergelehnt hielt jeder von uns einen Kopfhörer an das rechte beziehungsweise linke Ohr gepreßt. Mit der freien Hand bewegte der Junge einen Drehknopf an dem kleinen, konisch geformten Kasten. Dabei drangen unverständliche Sprachfetzen an mein Ohr. Plötzlich hörte ich Musik. Eine Musik, die ich erkannte. Eine Musik, die eine Erinnerung an einen noch nicht so lange zurückliegenden Besuch im Prager Nationaltheater auslöste.

Mit meinen Augen versuchte ich den Blick des neben mir sitzenden Jungen einzufangen, wollte ihn bitten, den Sender bloß nicht zu verstellen. Da merkte ich, daß er auch innehielt, das Drehen am Knopf unterbrach und so wie ich aufmerksam der Musik lauschte. Ob auch er sich an etwas erinnerte? Er begann die Melodie mitzusummen. Ich sah mich aus dem Prager Nationaltheater hinausgehen, hin zu dem dort vorbeifließenden Strom. Unzählige Male war ich dort gegangen, von Podolí zur Innenstadt. In diesem Strom hatte ich in einem Sommer schwimmen gelernt, auf ihm war ich, als er zugefroren war, Schlittschuh gelaufen.

Der neben mir sitzende Junge begann lautlos Wörter zu formen und zur Melodie zu singen. Er sang von Zion, einen Text, aus dem Hoffnung und Zuversicht sprachen, es war die israelische Nationalhymne. Ich aber hörte eine Melodie, die bei mir andere Erinnerungen und Gefühle wachrief.

Mit der Melodie, zuerst langsam und einschmeichelnd, dann wehmütig, sich immer weiter steigernd, bis sie sich in einem ruhigen befreiten Gefühl auflöste, drangen Erinnerungen in mein Bewußtsein.

Ich hörte Die Moldau aus dem Zyklus Meine Heimat von Bedrich Smetana. Ich dachte an Prag.

Dieser Text ist ein Auszug aus Peter Finkelgruens Buch „Erlkönigs Reich – Die Geschichte einer Täuschung“.