Kopfbedeckung: Schleier oder Baseballkappe

„Deine Augen glänzen wie Tauben hinter deinem Schleier hervor. Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die vom Gebirge Gilead herabwallt.“ Schir Haschirim, Hohes Lied Solomos, 4,1…

Von Tanja Kröni

So werden im Hohen Lied Salomos die Lockenpracht Shulamits und ihr Schleier beschrieben. Jesaja 3,16-25 macht deutlich, dass Schleier und Kopfschmuck, Turbane und Stirnbänder, zur Zierde und nicht zur Verhüllung des Haares getragen wurden. Auch die Männer trugen in dieser Zeit keine Kopfbedeckung. Nach 2 Samuel 14,26, schnitten oder schoren sie aber bei Bedarf ihre Kopfhaare. Deuteronomium 22,5 „das Gerät, Werkzeug, eines Mannes soll nicht auf einer Frau sein und ein Mann soll nicht anlegen das Gewand einer Frau“ wird dahin gehend interpretiert, dass es einer Frau auch verboten ist, sich den Kopf kahl zu scheren. In Jesaja 3,17 und 3,24 wird das Abscheren der Haupthaare als Strafe für Frauen erwähnt.

In der Bibel findet sich kein Gebot der Kopfbedeckung für die Frau  – und auch nicht für den Mann – und trotzdem sind Kopfbedeckungen für die jüdische Frau und den jüdischen Mann weltweit üblich. Bei den Frauen ist der Trend zur Kopfbedeckung, jedenfalls in der Synagoge, sogar zunehmend. Dabei hatten sich die Frauen von Tuch, Hut oder Perücke in den letzten 20 Jahren vielfach verabschiedet. Sogar in traditionellen Einheitsgemeinden wurde es möglich ohne eine solche auf dem Frauenbalkon zu sitzen. Und da, wo strikte darauf bestanden wurde, legten sich die meisten Frauen pro forma nur ein Mini-Spitzenkopftuch auf die Haare.

Als religiöse Feministin einer Reformgemeinde angehörend, trage ich seit 1985 – wie die Männer – eine Kippa.[01]) Die Kippa ist ein kleines rundes Käppchen, aus Stoff, Leder oder gehäkelt, das sonst nur die Männer beim Gottesdienst aus Respekt vor Gott, manche auch zu Hause und auf der Strasse tragen. Das darf ich sogar in der kleinen traditionellen Einheitsgemeinde, die näher an meinem Wohnort liegt und in der ich ebenfalls Mitglied bin. Dort sitzen bereits seit 30 Jahren die meisten Frauen ohne Kopfbedeckung auf dem Balkon. In den letzten zwei Jahren jedoch kommen immer mehr junge Frauen mit schönen breiten Schals, meist indischer Herkunft, und drapieren diese sehr dekorativ um ihren Kopf. Nun, ich liebe diese Schals gleichfalls und trage sie privat, zum Schutz vor Sonne oder Kälte, sehr gerne…Es lockt mich… Aber trotzdem nein!, denn das Kippa tragen mussten die Frauen sich sogar in der noch ziemlich jungen deutschschweizerischen liberalen Gemeinde hart erkämpfen.

In der Zeit der Mischna, 200 g.Z., mussten laut Mischna Ketubot 7,6, die Haare einer Frau in der Öffentlichkeit (aufgrund hellenistischer Einflüsse?) bereits bedeckt sein. Etwas „an den Haaren herbeigezogen“ ist die Bezugnahme der damaligen Autoritäten auf die Bibel, Numeri 5,18: Die Rabbinen interpretierten diese Stelle über die des Ehebruchs verdächtige Frau so, dass deren Haare nicht „gelöst“ sondern „entblösst“ wurden. Seither gelten die entblössten Haare einer Frau als eine Art beschämender Blösse, Erwa, nach Deuteronomium 24,1, und als sexuelle Provokation, Talmud Berachot 24a. Dies betrifft aber nur verheiratete Frauen. Denn es finden sich ebenfalls in Mischna Ketuboth 2,1,und Talmud, Ketubuth 66b, Texte, die die sichtbar offenen Haare von nicht verheirateten Frauen erwähnen.

Die religiöse Praxis änderte sich ständig im Laufe der Zeit, gleichfalls die Meinung der Autoritäten zum Thema „Kopfbedeckung“. In den westlichen Ländern trugen die Frauen, bis auf die streng Orthodoxen, ihre Haare mehrheitlich offen. Es lag und liegt bis heute in der Entscheidung des Mannes, ob seine Frau ihre Haare öffentlich zeigen darf oder nicht, da nach dem Gesetzeskodex Schulchan Aruch nur der Ehemann, die Kinder und andere Frauen die Haare der verheirateten Frau sehen dürfen. Die Kopfbedeckung der Frau hat somit nichts mit Religion oder Respekt vor Gott zu tun, sondern ist eigentlich eine Einschränkung der körperlichen Freiheit für die verheiratete Frau, auch wenn die wenigsten diese als Einschränkung empfinden.  In streng orthodoxen Gemeinden ist für Frauen das Tragen einer Kopfbedeckung Pflicht, was wieder die Entscheidungsfreiheit des Mannes einschränkt.

Die Kopfbedeckungen, Tücher oder Hüte, entsprachen und entsprechen der jeweiligen Mode eines Landes oder einer Region. Bereits im Talmud, um 500 g.Z., wird das Tragen von Perücken mehrfach erwähnt. Doch galt sie lange nicht als Ersatz für Hut oder Tuch. Im 16. Jahrhundert trat die Perücke in Italien anstelle des Kopftuchs. Rabbiner Joschua Boas gestattete dies mit der Begründung, dass nur die eigenen Haare der Frau eine sexuelle Provokation seien. Er steht im Gegensatz zu Josef Karo (1488-1575), der in seiner Responsen- und Gesetzessammlung Bet Josef 182,5, mit Hinweis auf die bereits angeführte Bibelstelle, die Perücke ausdrücklich verbot.

Auch heute wird bei sehr strengen Strömungen das Tragen eines Tuches oder einer Haube über der Perücke verlangt. Die Perücke ist aber nicht abzuschaffen und in aller Welt sehen viele aus Osteuropa stammende Chassidinnen mit ihren prächtigen Perücken einfach hinreissend aus. Was sich darunter verbirgt geht ja nur den Mann, die Familie und einen weiblichen Besuch etwas an. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass dann meistens die eigenen Haare überhaupt nichts mit „sexueller Provokation“ zu tun haben, während die Perücke ihre Trägerin sehr attraktiv macht. Also bezweckt die Perücke genau das Gegenteil von dem was sie sollte und ist auch meines Erachtens keine Kopfbedeckung nach Talmud Berachot 24a. Also sollte Frau doch einfach dazu stehen, dass sie die Perücke zwecks Verschönerung trägt.

Im 18. Jahrhundert gab es dann noch einmal grosse Kontroversen zwischen den Autoritäten. Da kam regional in Osteuropa die Mode auf, dass allgemein Frauen sich den Kopf kahl schoren und darüber eine Perücke oder ein Kopftuch trugen, natürlich auch Jüdinnen. Die meisten Autoritäten jener Zeit, zu denen ebenfalls Akiva Jeseph Schlesinger gehörte, lehnten das Kahlscheren aber strikte ab. Sie setzten sich mit ihrer Ablehnung durch und so gehört auch diese Mode schon geraume Zeit der Vergangenheit an.

Die Männer passten sich bezüglich Kopfbedeckung ebenfalls der zeitgenössischen regionalen Mode an. Dann kam im Mittelalter die Zeit, in der im deutschen und osteuropäischen Raum ein so genannter „Judenhut“ zur Pflicht wurde. Dieser hatte den Zweck seinen Träger sichtbar als Juden zu kennzeichnen. In islamischen Gebieten war aus demselben Grund ein gelber Turban zu tragen. Obwohl nirgendwo vorgeschrieben, ist es seit dem Mittelalter bei Frauen und Männer üblich, beim Gebet in der Synagoge eine Kopfbedeckung zu tragen.

Mit dem Entstehen der Reformbewegungen im 19. Jahrhundert wurde in den konservativen und liberalen Gemeinden Mann und Frau das Tragen einer Kopfbedeckung frei gestellt. Dies führte dazu, dass die traditionellen und orthodoxen Juden wenigstens eine Kippa auch auf der Strasse und zu Hause tragen. Da die Kippa nicht als männliches Kleidungsstück betrachtet wird, sondern als Mittel der Erinnerung an die Allgegenwart Gottes, dürfen auch Frauen in den egalitären Gemeinden eine Kippa tragen. Die Kopfbedeckung der Männer bedeutet Respekt vor Gott, ist Zeichen, dass sie seine Diener, Knechte sind.

Bis heute ist das Tragen einer Kopfbedeckung und wie diese aussieht, abhängig von den regionalen Gepflogenheiten und wie es in der jeweiligen Strömung üblich ist. Verschiedene Strömungen, wie die Chassidim, tragen auch hier, in Israel und in den USA, die Kleider und Kopfbedeckungen ihrer osteuropäischen Heimat. Die Orientalinnen tragen nur schleierartige Kopftücher, keine Hüte und Perücken. Modern orthodoxe Frauen sieht man oft mit schicken Berrets und ihre Männer mit Baseballkappen.

Erschienen in: Judith Stofer/Rifa’at Lenzin (Hg.), Körperlichkeit – Ein interreligiös-feministischer Dialog, Religion & Kultur Verlag 2007, Bestellen?

  1. Der Brauch des Kippatragens kann vermutlich auf das 17./18. Jahrhundert in Polen zurückgeführt werden, da die Kippa im Jiddischen mit „Jarmulke“, also einem polnischen Namen bezeichnet und in dieser Zeit dort erstmals erwähnt wird. (Brockhaus Lexikon []