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Shanghai, Prag, Israel und Köln

Seit 50 Jahren lebt der deutsch-jüdische Journalist und Schriftsteller Peter Finkelgruen in Köln – am 9. März feiert er seinen 70. Geburtstag…

Von Roland Kaufhold

Geboren wurde er am 9.3.1942 als Flüchtlingskind im Ghetto von Shanghai. Dorthin waren seine Eltern vor den Nazis geflohen. Sein Vater starb kurz nach seiner Geburt, seine Mutter acht Jahre später in Prag in Folge der im KZ erlittenen Schädigungen. Peter lebte bei seiner kranken Mutter, Ende 1946 reiste er mit ihr nach Prag, wo er mit seiner Großmutter zusammen traf, die aus einem KZ kam. Nach dem Tode seiner Mutter vermochten sie es nicht mehr lange im kommunistischen Prag auszuhalten – in den meisten kommunistischen Staaten hatten Juden keine Lebensperspektive.  Seine Tante Dora war als überzeugte Zionistin rechtzeitig in das damalige Palästina emigriert, Peter und Anna folgten ihr 1951 nach Israel. Sie lebten kurzzeitig bei ihren Verwandten im Kibbutz Kfar Hammakabi.

Seine Großmutter Anna fühlte sich im Kibbuz nicht wohl. Die Stacheldrähte, als Schutz vor Terroranschlägen überlebensnotwendig, erinnerten sie an ihre Jahre in den deutschen Konzentrationslagern. Nach wenigen Monaten ließen sie sich in der winzige Gemeinde Kfar Samir bei Haifa nieder. Die Überlebende der Shoah war voller Tatkraft: Sie baute, mit Hilfe eines befreundeten Arabers, ein winziges Haus. Sieben Jahre leben sie dort. Endlich ein Zuhause.

Dort besuchte Peter eine Schule, die von französischen Patres geleitet wurde, 1959 machte er an der in Jaffa gelegenen Tabeetha School sein englisches Abitur.

Er wollte studieren, was ihm in Israel nicht möglich war. Sein Studienwunsch verschlug ihn 1959 in ein Land, welches ihm vollständig fremd war: Ausgerechnet nach Deutschland, ins Land der Mörder. Gemeinsam mit seiner Großmutter ging er nach Freiburg, wo er Geschichte und Politologie studierte.

Über seine verwirrende jüdische Identitätssuche hat Peter Finkelgruen verschiedentlich geschrieben. In seinem dieser Tage erscheinenden Beitrag „Israel – freiwillige Geisel?“ hat Finkelgruen (2012) hierzu formuliert:

„In Shanghai im Jahre 1942 geboren, habe ich dort im Getto meine ersten Lebensjahre durchlebt. Danach, als Kind in Prag, habe ich die Grundschule besucht und meine ersten Erfahrungen mit dem Kommunismus gemacht. Anschließend habe ich in Israel gelebt. In diesem Jahrzehnt, es waren die fünfziger Jahre, bin ich dem damals real existierenden Zionismus begegnet. Ich erlebte am eigenen Leib sozusagen, wie schwer es der Gründergeneration Israels fiel, mit den Holocaustüberlebenden einen passenden Umgang zu finden. Eine Folge davon war zweifellos, dass meine Identifikation mit Israel eher unterkühlt war. (…)

Erst in Deutschland bin ich mir meines Judentums bewusst geworden. In der Begegnung mit dem realen deutschen Nachkriegsantisemitismus und den ehemaligen Nazis und ihren Kollaborateuren, die die deutsche Gesellschaft beherrschten, habe ich schrittweise die Geschichte meiner nicht mehr existierenden Familie erfahren, ebenso wie die Geschichte derer, die für dieses Schicksal verantwortlich waren.

Wer als Jude lange nach 1945 geboren und zum Beispiel in der Sowjetunion sozialisiert wurde, mag keine großen Ängste beim Anblick deutscher Uniformen gehabt haben, als er in die Bundesrepublik kam. Ich hatte Herzklopfen und Ängste, als ich im Sommer 1959 nach Deutschland kam. Ich musste Techniken entwickeln, mich gegen diese Angst zu wappnen. Dazu gehörte, dass ich erst lernen musste, in welchem Land, in welcher Gesellschaft ich mich befand: Deutschland war das Land, das mich ausgestoßen hatte, noch ehe ich überhaupt auf der Welt war. Deutschland hat mich nicht willkommen geheißen. Keine deutsche Regierung, seit Gründung der Bundesrepublik, hat je die Juden, die vertrieben und jene, die überlebt haben, für willkommen erklärt, sie gar gebeten, wenn sie es denn für möglich hielten, wieder nach Deutschland zu kommen. Im Gegenteil (…).

Dieser Prozess hat mein Leben in den Jahrzehnten seit 1959, dem Jahr, in dem ich erstmals nach Deutschland kam, mehr oder weniger beherrscht. In all den Jahrzehnten habe ich Israel zunehmend als Zuflucht für Juden in aller Welt begriffen, obgleich es das Land war, das im Umgang mit den Überlebenden des Holocaust ebenso große Schwierigkeiten hatten wie ich, als ich mich als Jugendlicher in die Gesellschaft dort zu integrieren versuchte. Israel, das Land, das Schutz garantieren sollte vor Antisemitismus und Verfolgung. Ein Land aber, das auch die Gewähr für Freiheit bieten sollte. Der israelische Personalausweis und der israelische Reisepass waren ebenso Teil meines Selbstverständnisses, meiner Biographie, wie der deutsche Pass ein Beleg für die Geschichte meiner Herkunft war. Auf eins war ich stolz: Auf die Tatsache, dass der Staat Israel ein halbes Jahrhundert lang eine Demokratie geblieben ist. Ich glaube, kaum ein anderes Land hätte fünf Jahrzehnte Krieg, Bedrohung, wirtschaftliche Schwierigkeiten einen kontinuierlichen Zustrom von Einwanderern unterschiedlichster Prägung ausgehalten, ohne dass es einen Freiheit und Demokratie einschränkenden Militär- oder sonstigen Putsch gegeben hätte.“ (Finkelgruen, 2012, S. 43f).

Seit Anfang der 60er Jahre arbeitete Peter Finkelgruen in Köln als Redakteur bei der Deutschen Welle, 1964 – 1966 war er Leiter des Bonner Büros der Zeitschrift Jewish Observer and Middle East Review. 1981 – 1988 kehrte er als Israelkorrespondent nach Jerusalem zurück. In dieser Zeit war er an zahlreichen jüdisch-palästinensischen Treffen beteiligt. In Israel war es eine Aera der Hoffnungen auf eine Annäherung, eine Verständigung mit „den“ Palästinensern. Von den Hoffnungen ist nicht mehr viel geblieben. Insbesondere der brutale palästinensische Terror der Hamas-Gruppierungen hat diese zerstört.

1988, während seiner Rückreise nach Deutschland, hörte Peter Finkelgruen durch Zufall den Namen des Mörders seines Großvaters: Anton Malloth. Über zehn Jahre verbrachte er damit, vor deutschen Gerichten für die Verurteilung des Mörders zu kämpfen. Aus diesem Engagement erwuchsen seine Bücher Haus Deutschland. oder Die Geschichte eines ungesühnten Mordes (1991) und Erlkönigs Reich. Die Geschichte einer Täuschung (1997). Vor drei Jahren publizierte er gemeinsam mit seiner Ehefrau Gertrud Seehaus sein autobiografisches Kinderbuch Opa und Oma hatten kein Fahrrad – welches sie häufig in Schulen vorgestellt haben – und er engagiert sich seit vielen Jahren beim P.E.N-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland, ehemals Exil-P.E.N. (www.exilpen.net).

Ein abschließender Hinweis: Am kommenden Fr. 9.3. ab 15 Uhr findet am Sülzgürtel, Nähe Berrenrather Straße eine Baumpflanzung und eine Gedenksteinenthüllung anlässlich seines 70. Geburtstages statt, in Erinnerung an seinen ermordeten Großvater Martin Finkelgrün.

 

Zum haGalil – Themenschwerpunkt über Peter Finkelgruen

An seinem Geburtstag erscheint hiermit auf haGalil ein umfangreicher Themenschwerpunkt zu seinem Leben – zugleich ein Archiv zum Nachlesen.

Ganz am Anfang steht der Beitrag des in Köln lebenden großen deutsch-jüdischen Schriftstellers Ralph Giordano. Ralph Giordano, dieser nimmermüde journalistische Aufklärer und Journalist, dessen autobiografischer Familienroman Die Bertinis zu den bedeutendsten hiesigen autobiografischen jüdischen Dokumenten seit Ende des 2. Weltkrieges gehört, zeichnet in Für Peter Finkelgruen in persönlichen Worten wesentliche Lebensstationen seines 18 Jahre jüngeren Freundes und Kollegen nach. Immer wieder hat Giordano Peter Finkelgruen journalistisch unterstützt, insbesondere in dessen über zehnjährigem, einsamen Kampf gegen den Mörder seines Großvaters – zugleich ein Kampf gegen eine Einfühlung und historische Verantwortlichkeiten verleugnende Justiz. Giordano bemerkt: „…Zur Ruhe kommt dieses Leben nicht, das Trauma bleibt. Aber es hat Dich nicht überwältigt, die große Gefahr für die Traumatisierten des Holocaust und ihrer Nachkommen, mit namentlichen Warnungen…“ Diese Rede wird auch auf der literarisch-musikalischen Feier im Anschluss an die Kölner Baumpflanzung (9.3. ab 16 Uhr) verlesen.

In einer umfangreichen biografischen Studie stellt Roland Kaufhold in Keine Heimat. Nirgends. Von Shanghai über Prag und Israel nach Köln die verwirrend-vielfältige Biografie Finkelgruens vor und verknüpft diese Spurensuche mit einer Dokumentation von dessen journalistischen und literarischen Werken.

Fred Viebahn, der „ganz früher“ wie Finkelgruen in Köln als Schriftsteller gewirkt hat aber nun seit 1976 in den USA lebt, Vorstandsmitglied des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, hat zu dessen 70. Geburtstag einen Kurzfilm mit selbst gemachten Fotos aus Shanghai erstellt und diesen mit ruhiger Musik unterlegt – eine berührende Annäherung an Finkelgruens Geburtsort.

Es folgt ein umfangreicheres Kapitel, in dem zahlreichen literarische und journalistische Beiträgen Peter Finkelgruens aus dessen letzten 34 Jahren auf haGalil publiziert werden. Sie sind für diesen Themenschwerpunkt größtenteils wieder neu digitalisiert worden.

In seiner autobiografisch getönten Erzählung Der Bus war halb leer erzählt Peter Finkelgruen von der Sprachlosigkeit und den damit einhergehenden tiefen Ängsten eines Jungen in einem Bus im Israel der 1950er Jahre. Ein kurzer Auszug hieraus:

„Die Sonne, am Himmel schnell hochgestiegen, hatte die Herrschaft übernommen. Schwüle Hitze breitete sich im Bus aus. Die meisten Fahrgäste wirkten wie in leichtem Dämmerschlaf. Der Junge auf einem der Fenstersitze gleich hinter dem Ausstieg des Busses saß neben einer älteren Frau, die, unpassend für Ort, Jahres- und Tageszeit, eine Pelzjacke trug. Ein farbloser Schleier, mit dem Fahrtwind durch die geöffneten Fenster hereinwehend, senkte sich zwischen den Jungen und die anderen Insassen des Busses. Die Aufmerksamkeit des Jungen war aber nicht auf sie gerichtet. Aufgeregt blickte er auf die fremden Straßen und Häuser.“

Es folgen drei erinnernde Beiträge, in denen Peter Finkelgruen das Schicksal einiger Protagonisten der lange zu Unrecht in Köln verfemten Edelweißpiraten nacherzählt. Seine journalistischen Recherchen seit Ende der 1970er Jahre haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die Edelweißpiraten vor wenigen Jahren von den Verantwortlichen der Bezirksregierung Köln endlich als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus anerkannt worden sind.

In Freunde von gestern – und Feinde von heute (oder was mich ein jüdischer Edelweißpirat lehrte) – in dem Band von Broder/Lang 1978 herausgegebenen Band Fremd in der Bundesrepublik erstmals publiziert –  sowie in Köln und die Edelweißpiraten (1980) erinnert Finkelgruen in exemplarischer Weise an das Leben einiger Edelweißpiraten. Es folgen die Erinnerungen an Jean Jülich – seine wenige Monate zurück liegende erinnernde Gedenkrede vor 800 Besuchern an den verstorbenen Edelweißpiraten Jean Jülich. Während seiner journalistischen Tätigkeit als Israelkorrespondent (1981–1988) hatte Finkelgruen entscheidend dazu beigetragen, dass Jean Juelich – sowie Michael Lovy – von der Shoagedenkstätte Yad Vashem 1984 als Gerechter unter den Völkern geehrt wurden.

Abschließend hebt Peter Finkelgruen hervor: „…All das verdanke ich Jean Jülich, diesem wahrhaftigen Bürger der Stadt Köln, der sich in all den Jahren nicht unterkriegen hat lassen und den zum Ehrenbürger zu erklären dieser Stadt sehr wohl und sehr gut angestanden hätte.“

Finkelgruens nüchtern-dokumentierender, von existentieller Bitterkeit nicht freier Aufsatz Kleine Festung Theresienstadt oder wie man Geisel der Verhältnisse bleibt (2002) ist seine resümierender Kommentar zu seinen mehr als zehn Jahre überdauernden Prozessen gegen den Mörder seiner Großvaters; einen Mörder, den die bundesdeutsche Justiz über zehn Jahre lang friedlich in einem Altersheim leben ließ. Hierin bemerkt er in einem Vorspann:

„Es ist immer problematisch, in einem Vortrag über sich selbst zu sprechen. Man begibt sich der Sicherheit eines Referats über ein Thema, zu dem man sozusagen als Experte etwas zu sagen hat. Bei dem man höchstens auf dem dünnen Eis von nicht ausreichendem Faktenwissen ausrutschen oder mit nicht ausreichend fundierten Spekulationen einbrechen kann“. Im Mai 2001 ist der Mörder seines Großvaters dann doch vom Landgericht München zu lebenslanger Haft verurteilt worden – jedoch nicht wegen des Mordes an Martin Finkelgrün.

Der Beitrag Damals – heute (1993), im Kontext der rassistischen Morde in Solingen und Mölln jener Jahre verfasst, behandelt die lebenslang bohrende Frage der Kinder vieler Überlebender der Shoa, ob es richtig war, in der Bundesrepublik zu leben. „Vor wenigen Wochen führte ich ein Gespräch im Kreis jüdischer Freunde und Bekannter. Alle gehörten der sogenannten zweiten Generation an. Sie waren nach 1945 geboren und sind von Eltern erzogen worden, die ein Konzentrationslager, ein Getto oder im Versteck überlebten, danach in Deutschland blieben oder später nach Deutschland kamen. Gesprochen wurde über Empfindungen und Wahrnehmungen im deutschen Herbst des Jahres 1992“ formuliert der Autor.

In dem Essay Wenn Religion zum Fluch wird. Mitteleuropa und der Nahost-Konflikt behandelt Finkelgruen in kritischer Weise den verhängnisvollen Einfluss einer sich totalitär zeigenden Religion auf die Politik des Staates Israels, aber auch auf die Politik der arabischen Staaten – ein leider unvermindert aktuelles Thema.

Der Essay Mein Israel enthält Finkelgruens Erinnerung an prägende Kindheits- und Jugendjahre in der Ortschaft Kfar Samir im Israel der 1950er Jahre. „Damals, als Großmutter und ich im Jahre 1952 nach Kfar Samir zogen und sie, mit Hilfe eines älteren Arabers, dort ein kleines, etwa vier mal fünf Meter großes Haus baute, in unmittelbarer Nähe von den zwei Brunnen, in denen sich stets frisches Wasser befand, wußte ich nicht, daß diese schon fünfzig Jahre zuvor gebohrt worden waren“ bemerkt er einleitend.

Ein Hinterzimmer in Shanghai“ ist ein langer Auszug aus einem noch unveröffentlichten Roman Peter Finkelgruens. Angeregt durch historische Forschungen erzählt der Autor in literarischer Weise ein Leben, welches sein eigenes hätte sein können, aber doch nicht seines war. Und doch hatte es den gleichen „sozialen Ort“ (Siegfried Bernfeld): Shanghai. Die Erzählung beginnt so:

„Dies ist die Geschichte eines Menschen, den es vielleicht nie gegeben hat. Er hat Spuren hinterlassen, dieser Mensch, aber kein Grab. Zahlreiche Dokumente bezeugen seine Existenz in drei Kontinenten. Es hat ihn also doch gegeben. Eine noch nicht zu Ende erzählte Geschichte bestätigt eine Wirklichkeit, die sich durch die Legende wieder aufzuheben scheint. Die Herkunft des Menschen reicht weit zurück, in biblische Zeiten und Umstände. Dieser Mensch ist immer wieder gescheitert, nicht zuletzt an sich selbst. Er hat immer wieder neu angesetzt.“

Abschließend wird Finkelgruens am 26.2.2012 vor der Wuppertaler Else Lasker-Schüler – Gesellschaft vorgetragenes Plädoyer für ein Zentrum für verfolgte Künste dokumentiert.

Nun folgt ein Kapitel mit Beiträgen von Freunden und Weggefährten Peter Finkelgruens:

Der deutsch-israelische Journalist Ulrich W. Sahm, wie Finkelgruen Mitglied des Exil-P.E.N.s, erinnert an einen kleinen Skandal während Finkelgruens Korrespondententätigkeit im Israel der 1980er Jahre.

Horst Dahlhaus, früher u.a. Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung, hat sich  außergewöhnliche Verdienste bei der Pflege der deutsch-israelischen Beziehungen erworben. In seinem anlässlich Finkelgruens 70. Geburtstages verfassten, persönlich gehaltenen Brief dokumentiert er seine viele Jahre überspannende Zusammenarbeit mit diesem.

Die Kölner Schriftstellerin Gertrud Seehaus, Ehefrau Peter Finkelgruens, steuert die humorvolle Erzählung Zwei Kontaktlinsen oder Was auf den Ramblas in Barcelona geschah bei. Es folgen zwei Gedichte von Gertrud Seehaus, die sie während ihrer gemeinsamen Zeit in Israel sowie während des Malloth-Prozesses verfasst hat: Damals noch sowie Ir atika sind sie betitelt.

Nadine Englhart, Schriftstellerin und Geschäftsführerin des Exil-PENs, findet in ihrer kleinen und feinen Rede „Ein Baum ist was Feines… Eine Ansprache zu Peter Finkelgruens 70. Geburtstag“ – die sie anlässlich seines 70. Geburtstages auf dem Kölner Sülzgürtel im Namen des Exil-PENS vortragen wird – die passenden Worte: Ein Baum wird gepflanzt, ihm und seinem ermordeten Großvater zu Ehren. Ein Baum ein Symbol der Hoffnung, er ist Träger des Lebens, in dem Vögel inmitten der Großstadt Zuflucht suchen. Er lädt zum Innehalten ein, auf seinem und Gertruds täglichem Weg in den wunderschönen Kölner Beethovenpark – der vor 15 Jahre noch Lebensmittelpunkt seines Schriftstellerkollegen Lew Kopelew war. Er erinnert mittels des Peter Finkelgruen ebenfalls gewidmeten beachtlichen Gedenksteins an seine Familiengeschichte – wie auch an eine bessere, menschlichere Zukunft.

Die Schweizer Schriftstellerin Gabrielle Alioth, Vorstandsmitglied des Exil-P.E.N.s, wirft in Peter Finkelgruen – Eine Stimme einen Blick auf Finkelgruens außergewöhnliche, zu Versöhnung aufrufende Persönlichkeit. Opa und Oma hatten kein Fahrrad wiederum ist der Titel des Kinderbuches von Gertrud Seehaus und Peter Finkelgruen. Dieses wird von Kaufhold rezensiert; ergänzt wird diese Besprechung durch die Dokumentation einiger Schülerbriefe – nach einem Besuch der beiden Autoren in einer Schulklasse.

Es folgt, in dokumentarischer Perspektive, die Presseerklärung des Exil-P.E.Ns zum Hungerstreik Finkelgruens gegen die Berliner Entschädigungsbehörde im Jahre 2009. Die haGalil-Redaktion knüpft an Finkelgruens Analyse zur Kleinen Festung Theresienstadt an und beschreibt in Mitleid mit einem alten Greis? die Gefühle bei der Neuaufnahme des Malloth-Prozesses vor dem Landgericht München im April 2001.

2008 erschien der Kinofilm „Die Hetzjagd“. In diesem spannenden Film wird die authentische Geschichte der zwölf Jahre langen Jagd von Beate und Serge Klarsfeld nach Klaus Barbie, dem „Schlächter von Lyon“, erzählt. Hajo Leib führte hierzu mit Peter Finkelgruen ein Interview zum Film.

Unterwegs als sicherer Ort lautet der berührende Dokumentarfilm des Kölner Filmemachers Dietrich Schubertwir stellen ihn noch einmal hier auf haGalil vor.

Abgeschlossen wird dieser Themenschwerpunkt durch den autobiografischen Beitrag des 2003 verstorbenen Frankfurter Psychoanalytikers Sammy Speier: Von der Pubertät zum Erwachsenendasein. Bericht einer Bewusstwerdung. Speier erzählt hierin seine eigene, traumatische Geschichte eines jüdischen Rückkehrerkind, welches als Jugendlicher aus Israel nach Deutschland übersiedelte (vgl. Kaufhold, 2012b). Vom Erleben her ähnelt sie Peter Finkelgruens Vita – Anlass genug, diese autobiografische Studie in diesem Kontext zu publizieren.

Literatur

Broder, H. M. (1997): Bewegte Familienbande. Die Chronik eines Lebens zwischen Deutschen und Juden – über drei Generationen, Der Spiegel 42/1997.
Finkelgruen, P. (1978/2005): Freunde von gestern – und Feinde von heute (oder was mich ein jüdischer Edelweißpirat lehrte). In: Broder, H.-M./M. Lang: Fremd im eigenen Land. Frankfurt/M. (Fischer).
Finkelgruen, P. (1979): Warum ich gegen die Anerkennung der PLO bin – zum jetzigen Zeitpunkt durch die Bundesrepublik.“ In: Freie Jüdische Stimme, August 1979.
Finkelgruen, P. (1980): Köln und die Edelweißpiraten. In: Gröhler/Hoffmann/Tümmers (Hrsg.) (1980): Beispielsweise Köln. Ein Lesebuch. Lamuv Verlag, TB 4.
Finkelgruen, P. (1989) (Mithg.): Salman Rushdie:
Die Satanischen Verse, Artikel 19 Verlag.
Finkelgruen, P. (1992): Haus Deutschland. oder Die Geschichte eines ungesühnten Mordes. Hamburg (Rowohlt TB).
Finkelgruen, P. (1997): Erlkönigs Reich. Die Geschichte einer Täuschung. Hamburg (Rowohlt TB).
Finkelgruen, P. (2002): Kleine Festung Theresienstadt. Oder wie man Geisel der Verhältnisse bleibt. Protokoll einer Scheidung. In: Behrens, K. (Hg.) (2002): Ich bin geblieben – warum? Juden in Deutschland – heute. Gießen (Psychosozial Verlag).
Finkelgruen, P. (2002a): Die Mutter der Mutter als Mutter. In: Roggenkamp, V. (2002): Tu mir eine Liebe. Meine Mamme. Berlin (Verlag Jüdische Presse), S. 206-213.
Finkelgruen, P. (2002b): Europa im Nahen Osten. In: Kafka, H. 5/2002 Internet: http://www.exilpen.de/Texte/Finkelgruen_essay_060501.html
Finkelgruen, P. (2005a) Das Volk, die Parteien, ihre Lieblinge und Stiefkinder. Internet: http://www.exilpen.de/Texte/Finkelgruen_essay.html
Finkelgruen, P. (2005b): Die Bilder. Eine Erzählung. Internet: http://www.exilpen.de/Texte/Finkelgruen_bilder.html
Finkelgruen, P./G. Seehaus (2007): Opa und Oma hatten kein Fahrrad. Norderstedt (Books on Demand).
Finkelgruen, P. (2009): Der Bus war halb leer. In: Alioth, G./H.-C. Oeser (Hg.): Nachgetragenes. 75 Jahre PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland, Heidelberg 2009 (Synchron Publishers).
Finkelgruen, P. (2011): Shanghai – Hotel Ozean, Roman (unveröffentlicht).
Finkelgruen, P. (2011a): Das Volk, die Parteien, ihre Lieblinge und Stiefkinder
http://www.exilpen.de/Texte/finkelgruen_essay.html
Finkelgruen, P. (2011c): Erinnerungen an Jean Jülich, haGalil
Finkelgruen, P. (2012): Israel – freiwillige Geisel?. In: Kaufhold, R. & B. Nitzschke (Hg.) (2012): Jüdische Identitäten. Nach dem Holocaust in Deutschland. Themenschwerpunktheft der Zeitschrift Psychoanalyse – Texte zur Sozialforschung, Heft 1/2012.
Kaufhold, R. (2008): Geschichten von Oma und Opa. Deutsch-jüdische Vergangenheit im Kinderbuch von Peter Finkelgruen und Gertrud Seehaus, in: Tribüne H. 187 (3/2008), S. 184.
Kaufhold, R. (2009a): Peter Finkelgruens Protest, in: Tribüne H. 192 (4/2009), S. 144.
Kaufhold, R. (2009b): Nachgetragenes. Der Exil–Pen erinnert sich seines 75. Geburtstages. Internet: http://www.exilpen.de/Documents/anthologie_kaufhold_rez_090715.html
Kaufhold, R. (2012): Keine Ort. Nirgends. Von Shanghai über Prag und Israel nach Köln, Tribüne H. 1/2012.
Kaufhold, R. (2012a): Der Psychoanalytiker Sammy Speier (2.5.1944 – 19.6.2003): Ein Leben mit dem Verlust. Oder: „Kehrt erst einmal vor der eigenen Tür!. In: Kaufhold, R. & B. Nitzschke (Hg.) (2012): Jüdische Identitäten. Nach dem Holocaust in Deutschland. Themenschwerpunktheft der Zeitschrift Psychoanalyse – Texte zur Sozialforschung, Heft 1/2012.
Kaufhold, R. & B. Nitzschke (Hg.) (2012): Jüdische Identitäten. Nach dem Holocaust in Deutschland. Themenschwerpunktheft der Zeitschrift Psychoanalyse – Texte zur Sozialforschung, Heft 1/2012.
Sahm, U. W. (2010): Alltag im gelobten Land (Vandenhoeck & Ruprecht).
Schröm, Oliver/Andrea Röpke (2002): Stille Hilfe für braune Kameraden. Berlin (Christoph Links Verlag).
Schubert, Dietrich (1997): Unterwegs als sicherer Ort, Dokumentarfilm, Deutschland. (Zu erwerben über: www.schubertfilm.de).
Sobol, Joshua (1994): Schöner Toni, Theaterstück, Uraufführung im Düsseldorfer Schauspielhaus.

Lesehinweis, soeben erschienen:
Roland Kaufhold & Bernd Nitzschke (Hg.) (2012): Jüdische Identitäten nach dem Holocaust in Deutschland. Schwerpunktband der Zeitschrift Psychoanalyse – Texte zur Sozialforschung (16. Jg.), H. 1/2012.