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Israel und Deutschland: Technologiepartnerschaft der Extraklasse

Wissenschaft: Seit den 1950er-Jahre haben Israel und Deutschland eine intensive und leistungsstarke Technologiepartnerschaft aufgebaut. Einblicke in aktuelle deutsch-israelische Forschungsprojekte…

Von Terry Swartzberg

Wer sich in den umfangreichen deutsch-israelischen Forschungskooperationen zurechtfinden will, sieht sich mit einer Vielzahl von Begrifflichkeiten konfrontiert. Mit „DIRAFE“ ist 2011 ein weiteres wichtiges Kürzel dazugekommen: Es steht für „Deutsch-Israelisches Regierungsabkommen zur Forschung und Entwicklung“. Das am 19. Juni 2011 unterzeichnete Abkommen dient der Zusammenarbeit in industriegeführter Forschung und Entwicklung sowie in der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Es soll zudem die Kooperation zwischen dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem israelischen Ministerium für Industrie, Handel und Arbeit (MOITAL) stärken. Unmittelbar nach Abschluss des Abkommens fand Ende Juli 2011 in Aachen das erste deutsch-israelische Forum zur Forschungskooperation statt.

Gespickt mit Abkürzungen wie „DIP“, „GIF“ oder „ARCHES“ waren die Diskussionen unter den Teilnehmern aus Wissenschaft, Forschung, Politik und Gesellschaft für Außenstehende schwer verständlich. Für Eingeweihte sind diese Kürzel wohlbekannte und geschätzte Bausteine und Meilensteine einer Partnerschaft, die am 1. Dezember 1959 offiziell ihren Anfang nahm: Damals reiste eine Delegation der Max-Planck-Gesellschaft auf Einladung des Weizmann-Instituts nach Israel. Der Besuch war eine Folge der guten Kontakte, die sich zwischen Wissenschaftlern der beiden Länder auf internationalen Konferenzen angebahnt hatten.

„Diese Einladung – gerade einmal 15 Jahre nach dem Holocaust – war alles andere als selbstverständlich“, bemerkt Bildungsministerin Annette Schavan: „Doch wurde Schritt für Schritt eine Diplomatie des Vertrauens zwischen Deutschland und Israel aufgebaut. Zudem entstand aus diesem ersten Kontakt eine starke und dynamische Partnerschaft in der Wissenschaft und Forschung, die eine Vielzahl hochkarätiger Projekte mit großem Erfolg bearbeitet hat“.

Auszeichnung für das beste Team

Für die Exzellenz und Produktivität dieser Beziehungen stehen die Preisträger des 2008 ins Leben gerufenen ARCHES („Award for Research Cooperation and Highest Excellence in Science“). Der mit insgesamt 200000 Euro dotierte Preis wird jährlich vom BMBF für wegweisende deutsch-israelische Forschung vergeben. Das wissenschaftliche Interesse der vier ARCHES-Preisträger 2011 gilt der Astrophysik. Das Team von Professor Achim Schenk von der TU Darmstadt und Dr. Doron Gazit von der Hebrew University of Jerusalem, erforscht beispielsweise das Neutrino, das leichteste der Elementarteilchen. Die äußert schwierig nachzuweisenden Neutrinos spielen aufgrund ihrer geringen Reaktionsfreudigkeit eine Schlüsselrolle in der physikalischen Forschung. Sie sollen dabei helfen, herauszufinden, was bei einer Supernova-Explosion passiert. Dank der Forschung der beiden Wissenschaftler ist nun bekannt, „dass bei einer Supernova 99 Prozent der Energie in einem enormen Neutrinoblitz freigesetzt wird“, erklärt Schwenk. Das Physikerduo untersucht nun, wie Neutrinos diese Energie transportieren und wieder an die Materie abgeben. Diese Forschung wird wiederum zur Klärung der Frage beitragen, ob eine schnellere Bewegung als mit Lichtgeschwindigkeit möglich ist.

Forschungsschwerpunkt Sicherheit

Die Physik ist bei weitem nicht das einzige Feld, auf dem die Zusammenarbeit deutscher und israelischer Forscher exzellente Ergebnisse hervorbringt. Ein zentraler Schwerpunkt liegt in der zivilen Sicherheitsforschung. Dem Aufspüren von Gefahrstoffen in Frachtgut kommt dabei eine wachsende Bedeutung zu. Der enorme Umsatz von Transportgütern treibt den Aufwand an Zeit und Kosten für gründliche Kontrollmaßnahmen in die Höhe. Um dieser Entwicklung zu begegnen, sucht das Verbundprojekt ACCIS („Automatisches Cargo-Container Inspektions-System“) nach innovativen Lösungsansätzen. Das Forschungskonsortium, an dem fünf deutsche und drei israelische Projektpartner beteiligt sind, will ein System entwickeln, mit dem sich Sprengstoffe und nukleares Material in Frachtgut mittlerer Größe, beispielsweise in Luftfrachtcontainern, aufspüren lassen.

Elektromagnetische Felder stellen eine große Gefahrenquelle für Flughäfen oder andere Verkehrs-Infrastrukturen dar, da bereits Störungen einzelner Elemente zum Ausfall des gesamten Kommunikations- oder IT-Netzes führen können und schlimmstenfalls katastrophale Unfälle auslösen. Eine vollständige Abschirmung gegenüber elektromagnetischen Strahlungen ist insbesondere dann schwierig, wenn diese ganz bewusst zur Störung eingesetzt werden. Im Projekt EMSIN („Elektromagnetischer Schutz von Verkehrsinfrastrukturen“) suchen sechs deutsche und zwei israelische Forschungsgruppen nach neuen Strategien für einen verbesserten elektromagnetischen Schutz sensibler Einrichtungen.

Jeweils sieben deutsche und israelische Forschungsgruppen arbeiten an dem Projekt LiveDetect3D („Detektion verborgener Bedrohungen durch Echtzeit-3D-Bildgebung“). Ziel ist es, eine Person auch aus Abstand auf verborgene, gefährliche Gegenstände untersuchen zu können, ohne dass detaillierte Körperdarstellungen entstehen. Damit könnte LiveDetect die technologische Basis für einen verbesserten Personenscanner bereitstellen.

Die schlimmsten Gefahren für die Gesundheit breiter Bevölkerungskreise bildet eine Kombination von hoch ansteckenden Krankheiten und internationalen Transportmitteln. Ein einziger infizierter Flugreisender oder von Terroristen eingeschleuste tödliche Viren könnten ganze Städte oder gar Kontinente mit einer verheerenden Seuche überziehen. Um eine Epidemie zu verhindern, müssen Krankenhäuser, Gemeinden und Länder auf den Ernstfall bestmöglich vorbereitet sein. Dazu gehört die gezielte Behandlung von hoch ansteckenden Patienten ebenso wie die Vermeidung einer weiteren Verbreitung der Erreger. Auf die Erfassung und Optimierung dieser Einsatzbereitschaft zielt ein Projekt namens BEPE („Webbasiertes Instrumentarium zur Evaluierung des Vorbereitungsstandes von Krankenhäusern“). Es wird von einem Forschungskonsortium aus vier deutschen und zwei israelischen Partnern umgesetzt. Im Rahmen des Projekts soll ein umfassendes und zuverlässiges webbasiertes Softwaretool entwickelt werden, mit dem der Vorbereitungsstand von Gesundheitseinrichtungen und ihrer Mitarbeiter auf einen biologischen oder bio-terroristischen Krisenfall verbessert werden kann.

Know-how-Bündelung in der Medizin

Ein weiterer Schwerpunkt der deutsch-israelische Forschung ist die Medizin. Beide Länder gehören seit langem zu den führenden Zentren der Neurowissenschaften. Gemeinsam stellen sie sich einer großen Herausforderung: Wissenschaftler beider Nationen suchen nach einer neuen Generation von Prothesen. Sie sollen gelähmten, amputierten oder an Parkinson erkrankten Patienten zu mehr Kontrolle über ihre Gliedmaßen verhelfen, damit sie ihr Leben unabhängiger gestalten können. Einen der vielversprechendsten Ansätze verfolgte METACOMP („Modelle und Experimente zur Adaptiven Kontrolle von Motor-Prothesen”), ein Forschungsverbund im Rahmen der Deutsch-Israelischen Projektkooperation (DIP). Durch METACOMP wurde der Grundstock für die Entwicklung einer „intelligenten“ Prothese gelegt, die über eine stabile Schnittstelle direkt mit dem Gehirn ihres Trägers verbunden ist und sich von diesem ansteuern lässt.

Alles im Leben hat zwei Seiten – das gilt auch für unser Immunsystem. Seine gute Seite als erste und stärkste Abwehrfront gegen diverse Krankheitserreger ist wohlbekannt und unbestritten. In den letzten 10 bis 15 Jahren entdeckten Wissenschaftler jedoch auch die Kehrseite dieses Systems: Seine chronische Aktivierung bei Infektionen und Entzündungen kann die Entstehung und das Wachstum von Tumoren fördern. Was diesen fatalen Nebeneffekt verursacht und wie er sich umgehen lässt, untersucht ein Kooperationsprojekt an der Tel Aviv Universität und am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg (DKFZ). Erkenntnisse eröffnen neue Strategien zur Behandlung des Leberzellkarzinoms und anderer entzündungsabhängigen Krebsformen.

Engagierte Zusammenarbeit für die Umwelt

Deutschland ist führend auf dem Gebiet der Umwelttechnologien. Israel hat aufgrund des semi-ariden Klimas, seiner stark wachsenden Bevölkerung und florierender Wirtschaft einen ständig steigenden Bedarf an Wasser – und an Technologien und Systemen, die der Effizienz des Verbrauches und der Verwendung dieses immer knappen Gutes steigern. Deutsche Experten setzen ihr Fachwissen zum Beispiel beim SMART-Projekt zum Integrierten Management der Wasser-Ressourcen (IWRM) im unteren Jordantal (2006-2013) ein. Das Vorhaben wird von Wissenschaftlern des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) koordiniert, insgesamt sind 21 Partnerinstitutionen in Israel, Palästina und Jordanien darin verbunden. Wichtige Elemente der Zusammenarbeit sind der Bau dezentraler Abwasseranlagen, die Entwicklung von innovativen Entsalzungsanlagen und grenzüberschreitenden Grundwassermodelle sowie die Ausweisung von Grundwasserschutzgebieten.

Auch auf die Geistes- und Sozialwissenschaften legen die deutsch-israelischen Forschungskooperationen großen Wert. Die jüngste Säule der Zusammenarbeit ist der 2009 geschaffene Stiftungsfonds Martin-Buber-Gesellschaft der Forschungsstipendiaten – eine gemeinschaftliche Initiative der Hebräischen Universität Jerusalem und des BMBF. Er fördert den interdisziplinären und interkulturellen akademischen Diskurs auf höchstem Niveau. Zielgruppe sind herausragende Jungakademiker und Post-Docs aus Israel und Deutschland. Jedes Jahr wählt der Akademische Ausschuss des Stiftungsfonds Martin-Buber-Gesellschaft bis zu zehn Nachwuchswissenschaftler – fünf aus jedem Land – aus, die in allen Fachbereichen der Geistes- und Sozialwissenschaften arbeiten und die Möglichkeit bekommen, auf dem Campus der Hebräischen Universität Jerusalem zu forschen.

Quelle: http://www.magazin-deutschland.de