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„Ich bin’s, der Rudi aus Los Angeles“

Zum 100. Geburtstag von Rudolf Ekstein (9.2.1912 – 18.3.2005)…

Von Roland Kaufhold

„Ich bin´s, der Rudi aus Los Angeles.“ Ein typische Bemerkung für Rudolf Ekstein, diesen liebenswert-optimistischen Pionier der Psychoanalytischen Pädagogik. Mit diesen Worten stellte sich Rudolf Ekstein dem damaligen österreichischen Bundeskanzler Franz Vranizky vor, als er 1992 anlässlich des Wien-Ottokringer 1. Mai-Zugs auf der Ehrentribüne Platz nahm. Damals war der ehemalige jüdische Flüchtling bereits 80 Jahre alt, und immer noch reiste er regelmäßig, für gut zwei Monate, als Gastprofessor und Supervisor von Los Angeles nach Wien und Salzburg, gelegentlich auch in die Bundesrepublik. Ein Brückenschlag, biografisch, historisch. Er verband, was für ihn zusammengehörig war, trotz aller gegenteiligen Erfahrungen.

1961 war der 1938 aus Wien vertriebene psychoanalytische Pädagoge und Sozialist erstmals wieder in seine ehemalige Heimatstadt gereist, 1970 wurde er offiziell als Gastredner der Freud-Vorlesung von der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung eingeladen. Seitdem ist er, gemeinsam mit seiner griechischstämmigen Frau Ruth, nahezu jährlich nach Wien gereist, solange seiner Gesundheit dies zuließ. Im Oktober 1995 erhielt er 83-jährig von der Wiener Universität ein Ehrendoktorat – im Vorfeld der Preisverleihung waren deutlich antisemitische Äußerungen eines medizinischen Professors der Universität Wien zu vernehmen.

Jeweils rechtzeitig zum 1. Mai kam Rudi Ekstein in Wien an, und kehrte dann wieder vor dem 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, nach Los Angeles zurück. Diesen Festtag verbrachte er im Kreis seiner amerikanischen Freunde, darunter zahlreiche jüdischen Emigranten aus Österreich, in seinem Haus in Los Angeles, Santa Monica. In der 10-Millionen-Stadt leben etwa 400.000 Juden.

Geboren wurde Rudolf Ekstein am 9. Februar 1912 als Kind jüdischer Eltern im Wien Sigmund Freuds, das ihn prägte. Der Vater war Buchhalter, die Mutter starb bald nach seiner Geburt. In einem Gespräch mit Herlinde Koelbl (1989, S. 57) kennzeichnete Ekstein seine Einstellung zum Judentum so: „Mein Vater hatte eine gewisse Beziehung zum Judentum. Er hat als kleiner Bub im Tempel im Chor gesungen. Meine eigene Beziehung zum Judentum war schon recht abstrakt. (…) In der Schule hatten wir dann jüdischen Religionsunterricht. Als Siebzehnjähriger habe ich eine Matura-Arbeit über „Soziale Probleme bei den Propheten“ geschrieben. Dabei habe ich versucht, eine marxistische Erklärung des Wirkens der Propheten zu geben. In Wien waren wir damals alle Sozialisten und haben uns nicht um die Religion des einen oder anderen gekümmert.“

60 Jahre nach dieser Abiturarbeit fügte er hinzu: „Ich glaube, die Sorgen, die wir heute haben, werden auch die Sorgen der nächsten jüdischen Generation sein. In dieser Hinsicht sehe ich keine wirkliche Veränderung. (…) Jeder Tag belehrt uns, dass immer noch Aggression und Gewalt regieren. Daran wird sich noch lange Zeit nichts ändern. (…) Als ich sechzehn Jahre alt und Sozialist war, hatte ich einen zionistischen Freund. Wir beide stritten uns unaufhörlich. In einem Schulaufsatz schrieb ich, dass sich weder Zionismus noch Sozialismus in ihrer reinen Form jemals verwirklichen lassen werden. Aber ich fügte hinzu, dass etwas anderes viel wichtiger sei. Wenn man ein anständiger Mensch ist, müsse man eine Utopie haben. Man brauche Zielvorstellungen, auch wenn in der Zeitung nur Schreckensnachrichten stünden. In diesem Sinne bin ich Utopist geblieben. Alles, was Sie in meinem Haus sehen, sind aufgelesene Bruchstücke von Utopie.“

Rudolf Ekstein, dieser unverbesserliche, liebenswerte Utopist und Nostalgiker, der sich bereits früh mit Sigmund Freud sowie dem kühnen zionistisch-sozialistischen Theoretiker Siegfried Bernfeld identifizierte, begeisterte sich für eine Verbindung zwischen Pädagogik und Psychoanalyse. Zeitgleich engagierte er sich in der sozialdemokratischen Falken-, Mittelschüler- und Studentenbewegung. Wie für viele jüdische Reformpädagogen, von denen einige in das damalige Palästina emigrierten, blieb  Bernfeld auch für Ekstein ein Vorbild, an dem er sich zeitlebens orientierte und an dessen Wirken er in zahlreichen englisch- und deutschsprachigen Publikationen erinnerte.

Ekstein hatte in Wien Psychologie studiert und begeistert die Schriften von Freud, Bernfeld, August Aichhorn, Wilhelm Hoffer und Anna Freud gelesen. Er besuchte den neugegründeten Ausbildungskurs für Psychoanalytische Pädagogik in der Berggasse 9 und begann seine psychoanalytische Ausbildung. Zugleich nahm er Kontakt zu pädagogisch-psychoanalytischen Projekten auf, machte dort erste pädagogische Erfahrungen – eine frühe Prägung.

Als Zweiundzwanzigjähriger trat er aus Protest gegen die zögerlich-unentschlossene Haltung der Sozialdemokraten gegenüber der faschistischen Gefahr nach den Februarkämpfen des Jahres 1934 und dem Verbot der Arbeiterpartei dem Kommunistischen Jugendverband bei, welcher in der Illegalität operierte. Einer seiner engen Freunde war Christian Broda, der spätere österreichische Justizminister. Dieser bat ihn in den 1960er Jahren vergeblich, er möge nach Wien zurückkehren. Eksteins Familie war nicht zu diesem Schritt bereit. Aus dem Kreis der Wiener Psychoanalytischen Pädagogik ist später einzig Ernst Federn nach Wien remigriert.

1937 verfasste Ekstein, angeregt durch die Schriften Wilhelm Reichs, der Psychoanalyse und Politik im Kampf gegen Hitler zu verbinden verstand, ein Flugblatt mit dem Titel „Sexualpolitik des Faschismus.“ „Man hat mit der Phantasie gelebt, man müßte siegen und dann die andere Partei vernichten. (…) Wir glaubten an volle Macht“ (Oberläuter 1985, S. 25) – so beschrieb Ekstein 50 Jahre später die damalige Situation. Und: „Wir sind langsam linker und linker geworden. (…) Was zuerst politische Unterschiede waren, ist dann politischer Streit und Kampf geworden“ (Oberläuter 1985, S. 32, vgl. Kaufhold 2001, S. 96-138).

1937 vermochte Ekstein noch seine Promotion – Thema „Zur Philosophie der Psychologie“ – abschließen. Nach mehrmaligen Festnahmen wegen seiner Untergrundaktivitäten floh der 26-jährige im Oktober 1938 über England in die USA, die seine zweite Heimat werden sollten. Er nahm zwei Koffer voller Bücher mit, darunter elf Bände der „Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik“, Bernfelds „Sisyphos“ und Thomas Manns „Über den kommenden Sieg der Demokratie“, ein „kleines, aber unvergeßliches Büchlein“ (Ekstein). Diese Bücher hat Ekstein zeitlebens aufbewahrt. Er zeigte sie voller Stolz seinen zahlreichen europäischen Besuchern, denn sie waren für ihn der geistige Besitz seiner ersten Heimat, ein Symbol des Widerstands, der inneren Ungebrochenheit und der psychischen Kontinuität.

Auf dem österreichischen Kongress „Vertriebene Vernunft“, zu dem er 1987 – gemeinsam mit seinen engen Freunden und Kollegen Bruno Bettelheim, Ernst Federn und Else Pappenheim nach Wien gereist war –, erinnerte Ekstein in eindrücklicher Weise an seine Flucht: „Als es mir im Sommer 1938 gelang zu flüchten und ein neues Leben im Ausland zu beginnen, war ich voller Angst und Wut. Aller Widerstand war vergebens gewesen. Der Kampf gegen den Faschismus, seit 1934 sogenannter illegaler Widerstand, war verloren. Ich mußte weg, aber nicht nur als Jude, sondern auch als Illegaler, als Widerstandskämpfer. Ich war ein junger Mann und versprach mir, ich würde nie wieder zurückkommen, ich würde nie wieder Deutsch sprechen. Deutsch war für mich die Sprache der Unterdrücker, der Hakenkreuzler“ (Ekstein 1987, S. 472).

Das Glück seiner Emigration sollte die Tiefe seines (auch privaten) Verlustes jedoch nicht verdecken: „Die einzige Person, die ich retten konnte, war mein Vater. Mein Onkel und seine katholische Frau sind in Wien krank und ohne Verpflegung zugrunde gegangen. Alle anderen mir bekannten Verwandten – mit Ausnahme von zwei älteren Damen, die ich noch getroffen habe – sind umgekommen. Ich weiß nicht, wo.“

Eksteins weiterer beruflicher Weg in den USA sei hier nur kurz skizziert – in den weiteren Beiträgen dieses Themenschwerpunktes wird dieser ausführlich dargeboten: Er ließ sich zunächst in New York nieder und erlangte dort, durch Vermittlung einer Flüchtlingshilfeorganisation, eine Stelle als Lehrer. Wenige Wochen nach seiner Ankunft veröffentlichte er seinen ersten englischsprachigen Aufsatz, in welchem sich sein ungebrochenes pädagogisch-politisches Engagement sowie seine Hoffnung auf das demokratische Amerika widerspiegelte: „A refugee Teacher Looks on Democratic and Fascist Education“.

Der Beitrag beginnt mit den Worten: „So sehr wir uns auch bemühten, in meinem kleinen Land in Mitteleuropa den Faschismus zu verhindern und die Demokratie wiederherzustellen – wir hatten keinen Erfolg. (…) Wir wenigen Glücklichen aus einer unüberschaubaren Anzahl von Flüchtlingen und Gefangenen müssen unser Versagen eingestehen. Es ist uns nicht gelungen, in unserer Heimat die Kultur, die Glaubensfreiheit, die Freiheit der politischen Meinung (…) zu verteidigen“ (Ekstein 1994, S. 138). Und er endet so: „Ich bin sehr glücklich darüber, an einer amerikanischen Schule zu arbeiten, und ich bin besonders froh darüber, dass diese Schule ein Interesse an fortschrittlicher Erziehung hat. (…) Meine Hoffnung ist Amerika!“

Ekstein absolvierte in Boston eine Ausbildung als social worker und beendete bei dem Wiener Emigranten Hitschmann seine Lehranalyse. Von 1947 bis 1957 leitete er an der psychoanalytischen Menninger Foundation ein Forschungsprojekt für psychotische und Grenzfallkinder. Durch diese wissenschaftliche und pädagogisch-therapeutische Tätigkeit erlangte er in der internationalen Fachöffentlichkeit hohes Ansehen. Als seine zehnjährige Tätigkeit bei der Menninger Foundation beendet war, berichtete sogar die lokale Tageszeitung darüber: „Ekstein to Leave Menningers Soon“. Von 1958-1978 setzte Ekstein an der Reiss-Davis Klinik in Los Angeles seine psychoanalytisch-pädagogische Tätigkeit, seine Zusammenarbeit mit Lehrern und Sozialarbeitern fort.

Eksteins aus der klinischen Praxis erwachsene Produktivität war enorm. Sie umfasst ca. 500 Studien und Rezensionen. 1963 erschien der Beitrag „Psychoanalyse und Erziehung – Vergangenheit und Zukunft“, die Publikation, in welcher erstmals nach dem Krieg in deutscher Sprache an die Vernichtung der Psychoanalytischen Pädagogik durch den Nationalsozialismus erinnert wurde. 1966 publizierte Ekstein die Studie „Children of Time and Space, of Action and Impulse“; 1969 erschien der psychoanalytisch-pädagogische Sammelband „From Learning for Love to Love of Learning“; 1973 kam das Buch „Grenzfallkinder“ heraus, eine Sammlung seiner Arbeiten zur Milieutherapie mit psychisch schwerkranken Kindern. 1976 folgte „In Search of Love and Competence“, 1994 erschien auf deutsch eine Auswahl seiner Schriften (Wiesse 1994). Erst danach wurden umfangreiche Studien über Eksteins Leben und Wirken publiziert (Oberläuter, 1995; Kaufhold, 2001); die Autoren dieser Forschungen sind in diesem haGalil – Themenschwerpunkt versammelt.

In jenen Jahren wurde Bruno Bettelheim der engste Freund und Kollege Eksteins. Ihre klinischen Interessen, ihre gemeinsamen Wurzeln und ihr sehr unterschiedlicher Charakter verband sie. Diese Freundschaft wird in mehreren Beiträgen entfaltet.

Rudolf Ekstein war sich seiner jüdischen Abstammung zeitlebens sehr bewusst. Die antisemitischen Anfeindungen und Angriffe der 1930er Jahre haben ihn geprägt. Und er musste aus drei Gründen emigrieren: „Als Jude, als Sozia­list und als Psychoanalytiker“ (Kaufhold, 2001, S. 105).

Die Entwicklung in Israel, Israels Jahrzehnte langen Kampf um sein Überleben, nahm er zeitlebens mit Besorgnis wahr. Ab Mitte der 1960er Jahre beschäftigte er sich intensiv mit der Kibbutz-Erziehung. Als Reaktion auf Bettelheims kontroverse Kibbuz-Studie „The Children of the Dream“ (dt.: „Die Kinder der Zukunft“) (1969) hatte er 1969 hierzu einen ausführlichen, mit »The Full Fortress« betitelten Diskussionsbeitrag publiziert (vgl. Kaufhold, 2001, S. 185-192).

Unmittelbar nach Bettelheims siebenwöchigem Studienaufenthalt in Israel (1964) reiste Ekstein erstmals wieder zurück nach Österreich – und anschließend nach Israel. Er traf dort, nach 25 Jahren, alte Wiener Freunde wieder, die nach Israel emigriert waren. Und er besuchte den gleichen Kibbutz, Ramat Yohanan, in der Nähe von Haifa gelegen, in dem Bettelheim seinerzeit geforscht hatte. Seine israelischen Freunde machten ihm in ihren im vertrauten Wiener Dialekt geführten Gesprächen die außerordentlichen Pionierleistungen dieser ersten Kibbutzim bewusst, die mit schwerster Arbeit, unter der unmittelbaren existentiellen Bedrohung durch arabische Feinde, aufgebaut wurden.

Ekstein hebt hervor: “The kibbutz is not a society of wild Stone Age tribesmen somewhere in inner Africa. On the contrary, it is a highly sophisticated society, the roots of which go back in European history to the struggle of the youth movements, the rise of Marxism, the rise of the democratic republics, and the rise of Fascism. (…) Moreover, I could so readily identify with the life and struggle of the people in the kibbutz that when another shooting incident occured – the Arabs shooting from the Syrian heights – I was quite ready to join the comrades taking the children to safety in the shelters and defending the border. It was difficult simply to be an objective observer; the pull to identify, to become part of it, was very strong” (in: Kaufhold, 2001, S. 190).

Ekstein wurde erneut zu einem Brückenbauer, einem Wanderer zwischen verschiedenen Welten. Weder die kulturell-geographische noch die zeitliche Distanz von 25 Jahren hatten ihn von seinen nach Israel geflohenen Wiener Freunden getrennt.

Am 18. März 2005 ist Rudi Ekstein von uns gegangen. Zehn Tage später verstarb seine Ehefrau Ruth, mit der er seit 1942 verheiratet war. Sie hinterließen zwei Kinder, Jean und Rudolf, die beide in den USA als Lehrer arbeiten. In der Los Angeles Times erschien am 23.3.2005 ein Nachruf, in welchem eine Aussage Eksteins über die enge Freundschaft mit Bettelheim zitiert wird: „We always had a wonderful time together. I treasure every hour. (…) Neither of us was a ‘yes’ man. If you have a friend who always agrees, for what do you have the friendship?“

Nach seinem Tod wurde der gesamte wissenschaftliche Nachlass sowie Eksteins umfangreiche Privatbibliothek nach Wien gebracht und der Universitätsbibliothek Wien im Februar 2006 als Geschenk übergeben; heute firmiert sie als Rudolf Ekstein Sammlung.


Bildarchiv Ernst Berger, Ekstein mit seiner Frau am Strand von Los Angeles, 1995. Copyright: Ernst Berger

Zu den einzelnen Beiträgen dieses Themenschwerpunktes

Eingeleitet wird dieser durch die bereits 2008 auf haGalil publizierte Skizze „`Wiener mit amerikanischem Pass´ Vor 70 Jahren floh der Psychoanalytiker und Pädagoge Rudolf Ekstein in die USA“. Es folgt die erinnernde biografisch-werktheoretische Studie Rudolf Ekstein  (1912 – 2005): Psychoanalytischer Pädagoge, Autismusforscher, Philosoph der österreichischen Ekstein-Biografin Dorothea Steinlechner – Oberläuter. Die Autorin hatte Ekstein als Studentin in Wien kennengelernt und 1985 die Studie „Rudolf Ekstein – Leben und Werk. Kontinuität und Wandel in der Lebensgeschichte eines Psychoanalytikers“ publiziert. Eine bleibende Erinnerung der Autorin: „Viele von uns verließen seine Vorlesung tief beeindruckt und mit viel Stoff zum Nachdenken und Nachlesen.“

Hierauf folgt die umfangreiche Studie Leben und Wirken Rudolf Eksteins, Pionier der Psychoanalytischen Pädagogik (9.2.1912 – 18.3.2005) von Roland Kaufhold. Die Studie – eine gekürzte Version aus dem Buch „Bettelheim, Ekstein, Federn: Impulse für die psychoanalytisch-pädagogische Bewegung“(2001) – trifft sich in ergänzender Weise mit dem vorhergehenden Beitrag. Eksteins Entscheidung im Jahr 1938, in die USA zu fliehen, sein Heimatland zu verlassen, wird so beschrieben und analysiert:

„Diese Emigration vollzog er nur unter Schuldgefühlen: Er erwog, sich noch von einigen Freunden zu verabschieden, unterließ dies wegen der damit verbundenen zeitlichen Verzögerung jedoch. Am nächsten Morgen erschien die Gestapo bei seiner Mutter, um ihn abzuholen. Er wäre vermut¬lich un¬verzüglich in ein Konzentrationslager gekommen, wie viele andere seiner Familienangehörigen und Freunde. Auf seinem letzten Spaziergang mit seinem Lehrer August Aich¬horn erzählte ihm dieser von einem Traum: `Er habe geträumt, auch Jude zu sein, und wäre glücklich darüber gewesen, fliehen zu können, da er so die Freuds wiedersehen könne´. Dieser Traum stellte für den jungen Rudolf Ekstein eine Ermutigung dar, nahm er ihm doch einen Teil der Angst vor dem Neuen und den Schmerz wegen der Vertreibung.“

Rudolf Ekstein hat, bedingt durch seine Vertreibung aus Wien, den größten Teil seines Lebens in den USA verbracht. Hier wurde er zu dem international geachteten Psychoanalytiker und Forscher. Demgemäß folgen zwei umfangreiche englischsprachige Beiträge. Der amerikanische Psychoanalytiker und Psychoanalysehistoriker Daniel Benveniste (Bellevue, Washington) war ein befreundeter Kollege Eksteins. Benveniste, der elf Jahre lang in Venezuela lebte und dieses vor zwei Jahren aus politischen Gründen wieder verlassen musste, hat sich intensiv mit Biografien aus Europa in die USA vertriebener jüdischer Psychoanalytiker beschäftigt. Eines seiner Vorbilder ist der jüdische Psychoanalytiker Siegfried Bernfeld, über den auf haGalil mehrere Studien erschienen sind. Daniel Benvenistes Interesse für Bernfeld bewegtes Leben traf sich mit Eksteins Interessen und Forschungen. „A Bridge Between Psychoanalytic Worlds: A Dialogue with Rudolf Ekstein” ist sein gehaltvolles Tiefeninterview mit Rudi Ekstein aus dem Jahr 1998 betitelt. Gegenüber seinem jüngeren Kollegen gibt Rudi Ekstein folgende Erinnerung an seine Jugend im nationalsozialistischen Wien wieder:

“I was between 22 and 23 years of age but in 1935 there was already a fascist government. As a socialist, who was Jewish as well, it would be impossible to ever to get a professorship at one of the high schools but I resolved to do anything and I passed all the examinations. I went to the University for philosophy, went to Bergasse for psychoanalysis, and a few blocks away I went to where socialist students had their headquarters. And between these three points was the life of this young man.”

Zu der Idee einer Erinnerung an Rudi Ekstein anlässlich seines 100. Geburtstages schrieb mir Daniel Benveniste vor wenigen Tagen: „I would be delighted if you republished my Rudolf Ekstein interview.” Und “It looks like you are going to be able to make a very nice centennial salute to Rudolf Ekstein and I am pleased that you have enabled me to be a part of it.”

Wie bereits erwähnt war Ekstein eng mit seinem neun Jahre älteren Kollegen Bruno Bettelheim befreundet. Der in Los Angeles lebende Psychoanalytiker David James Fisher – von dem ich mehrere Studien auf haGalil publiziert habe – war in Bettelheims letzten Lebensjahren mit diesem eng befreundet. Zugleich war er ein Analysand Rudolf Eksteins. Beide Erfahrungen prägten ihn. Vor neun Jahren sind D. J. Fishers Studien unter dem Titel „Psychoanalytische Kulturkritik und die Seele des Menschen.  Essays über Bruno Bettelheim erstmals auf deutsch erschienen. Die umfangreiche Studie The Relationship and Debates Between Bruno Bettelheim and Rudolf Ekstein von David James Fisher dokumentiert und analysiert den Briefwechsel zwischen diesen beiden jüdischen Emigranten. Auf die Dokumentation der Originalbriefe dieses Briefwechsels wurde bewusst verzichtet. Dieser ist in der englischsprachigen Version des Buches von Fisher: Living and Dying (Contemporary Psychoanalytic Studies) publiziert worden. Teile dieses Briefwechsels sind auf deutsch auch in dem Buch „Annäherung an Bruno Bettelheim“ von Kaufhold (1994) dokumentiert und analysiert worden.

Es folgen einige Originalbeiträge von Rudolf Ekstein; diese sind bereits in dem haGalil-Themenschwerpunkt zu Bruno Bettelheim dokumentiert und in dem Buch „Annäherung an Bruno Bettelheim“ publiziert worden. In Eksteins Nachruf Mein Freund Bruno (1903-1990): Wie ich mich an ihn erinnere reflektiert Ekstein in sehr persönlicher Weise seine jahrzehntelange Freundschaft und Zusammenarbeit mit Bettelheim (vgl. Kaufhold, 1994).

Ende der 1980er Jahre, kurz vor Bettelheims Tod, hatte Ekstein noch einmal ein langes Gespräch mit Bettelheim geführt. Dieses Gespräch wurde mit einer Videokamera aufgezeichnet. Bei einem Besuch in Los Angeles im Frühjahr 1992 übergab mir Ekstein dieses Videoband mit der Bitte, dieses zu transkribieren, zu übersetzen und auf deutsch zu publizieren. Es ist mit Grenzgänge zwischen den Kulturen. Das letzte Gespräch zwischen Bruno Bettelheim und Rudolf Ekstein überschrieben. Der Freitod Bettelheims hat viele erschüttert. Seine Erfolge, sein pädagogisch-therapeutisches Engagement, so glaubte man, hätten doch die Wunden der Shoa mildern müssen (vgl. Ignatieff, 1994).

Nun folgt ein Interview mit Ekstein und Ernst Federn, welches Kaufhold 1993 geführt und publiziert hat: Zur Geschichte und Aktualität der Psychoanalytischen Pädagogik – Fragen an Rudolf Ekstein und Ernst Federn ist es betitelt. Hierin wird in dichter Weise an die durch den Nationalsozialismus zerstörte Tradition der Psychoanalytischen Pädagogik erinnert. Ohne eine Erinnerung an diese antisemitische Zerstörung, an die Ermordeten ist ein Neubeginn nicht möglich.

Rudi Ekstein betont in diesem Interview: „In meinem Leben konnte ich sehen, dass die eigene Analyse einem hilft, die Schwierig¬keiten zu überwinden; langsam zu lernen, dass ein Unterschied besteht zwischen Agieren und wirklicher Aktion. Damals, in den 1930er Jahren, wurde mir klar, dass ich das Ziel, ein Analytiker zu werden, nie aufgeben würde. Es gelang mir dann, die unterbrochene Analyse – unterbrochen durch die Okkupation der Hitlerbanden – in Amerika fortzusetzen. In der anderen Kultur aber gab es damals keinen Platz für die Psychoanalytische Pädagogik. Ich wandte mich der Sozialarbeit, der Psychotherapie und der Psychoanalyse zu. Es war mir dann klar, wie Ernst Federn es ausdrückte: einmal Psychoanalytiker – immer Psychoanalytiker.“

Abgerundet wird dieser Themenkomplex durch zwei Buchbesprechungen – von Bernd Nitzschke sowie von Elfriede Freiberger.

Es folgen zwei pädagogische Beiträge aus dem Wiener Rudolf Ekstein Zentrum: Eva Posch-Bleyer, Sonderschuldirektorin des Wiener Rudolf Ekstein Zentrums entfaltet in ihrem Beitrag „Grundsätze des „Brückenbauers“ in lebendiger Erinnerung und gelebtem Vermächtnis“, wie Eksteins psychoanalytisch-pädagogisches Wirken heute in Wien konkret handelnd umgesetzt wird. Die ebenfalls am Rudolf Ekstein Zentrum tätige Sonderschullehrerin Christine Kratochvil verknüpft in ihrem Beitrag die Prinzipien ihrer psychoanalytisch-pädagogischen Grundhaltung mit ihrer täglichen Arbeit als Lehrerin: „Ekstein – Ein Ekstein des Mosaiks“ ist ihr Aufsatz betitelt. Abgeschlossen wird dieser haGalil-Themenschwerpunkt über Rudolf Ekstein mit einem zehn Jahre zurück liegenden Interview des Essener Freinet-Pädagogen Rolf Wagner (s. Glück/Wagner, 2006) mit Kaufhold, in dem dieser sich in persönlicher Weise an die Anfänge seiner biografischen Forschungen über Ekstein, Federn und Bettelheim erinnert: „Psychoanalytische Pädagogik – ein Gespräch zwischen Roland Kaufhold und Rolf Wagner“ ist es überschrieben.

Rudolf Ekstein, dieser aus Wien vertriebene Jude und Psychoanalytische Pädagogen, dieser liebenswert-nostalgische Menschenfreund, hat vielen schwer beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen geholfen, ihnen Lebensmut und Selbstvertrauen geschenkt. In diesen Tagen, wo sich sein 100. Geburtstag jährt, erfahren wir von den bürokratischen Versuchen in Frankreich, die wegweisende, von der französischen Psychoanalytikerin Maud Mannoni geprägte psychoanalytisch-antipsychiatrische Ecole Expérimentale de Bonneuil bei Paris in ihrer Substanz zu zerstören – ein höchst außergewöhnliches Modellprojekt am gesellschaftlichen Rande, welches Eksteins klinischem Wirken sehr entsprecht. Die Experimentalschule Bonneuil braucht unsere Unterstützung  – Rudi Ekstein würde sich freuen.
Heute, wenige Jahre nach seinem Tod, ist Rudolf Ekstein im deutschsprachigen Raum weitgehend vergessen. Die Ermordeten bleiben tot, die Vertriebenen bleiben vergessen. Viel hat sich nicht geändert. Ich und wir möchten ein wenig an diesen Rudi aus Los Angeles erinnern – von den USA, von Österreich und von Deutschland aus. Wir verneigen uns vor einem jugendlich-enthusiastischen Menschen und kulturell-politischen Brückenbauer, der der Welt mehr geschenkt hat, als sie offenkundig verdient.

Foto: (c) R. Kaufhold

Literatur

Bettelheim, B. & Ekstein, R. (1994): Grenzgänge zwischen den Kulturen. Das letzte Gespräch zwischen Bruno Bettelheim und Rudolf Ekstein. In: Kaufhold, R. (Hg.) (1994), S. 49-60.

Ekstein, R. (1966): Children of Time and Space, of Action and Impulse: Clinical Studies on the Psychoanalytic Treatment of Severely Disturbed Children. N. Y.

Ekstein, R., & Motto, R. L. (1969): From learning of love to love of learning. New York.

Ekstein, R. (1973): Grenzfallkinder. München.

Ekstein, R. (1976): In Search of Love and Competence. New York.

Ekstein, R. (1987): Die Vertreibung der Vernunft und ihre Rückkehr. In: Stadler, F. (Hg.) (1987): Vertriebene Vernunft I. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaft 1930-40. München-Wien, S. 472-477.

Ekstein, R. (1994): Mein Freund Bruno (1903-1990). Wie ich mich an ihn erinnere. In: Kaufhold (Hg.) (1994): Annäherung an Bruno Bettelheim, S. 87-94.

Fisher, D. J. (2003): Psychoanalytische Kulturkritik und die Seele des Menschen.
Essays über Bruno Bettelheim, unter Mitarbeit von Roland Kaufhold et. al. Gießen (Psychosozial-Verlag).

Glück, G./R. Wagner, (Hrsg.): Lieber Célestin Freinet. Was ich Dir schon immer sagen wollte… Hohengehren 2006 (Schneider Verlag).

Kaufhold, R. (1994): Material zur Geschichte der Psychoanalytischen Pädagogik: Zum Briefwechsel zwischen Bruno Bettelheim und Rudolf Ekstein. In: Kaufhold (Hg.) (1994): Annäherung an Bruno Bettelheim. Mainz. (nur noch beim Autor für 12 Euro plus Porto erhältlich: roland.Kaufhold (at) netcologne.de).

Kaufhold, R. (Hg.) (1999): Ernst Federn: Versuche zur Psychologie des Terrors. Material zum Leben und Werk von Ernst Federn, Gießen (Psychosozial-Verlag)

Kaufhold, R. (2001): Bettelheim, Ekstein, Federn: Impulse für die psychoanalytisch-pädagogische Bewegung, Gießen (Psychosozial-Verlag).

Kaufhold, R. /Lieberz-Groß, T. (Hg. 2001): Deutsch-israelische Begegnungen, psychosozial Heft 1/2001.

Kaufhold, R. (2002): Edith Buxbaum (1902 – 1982), eine Pionierin der Psychoanalytischen Pädagogik und antifaschistische Aktivistin: Von Wien über New York nach Seattle/Washington http://www.edithbuxbaum.com/ROLAND.html

Kaufhold, R. (2003): Mitarbeit an: Fisher, D. J. (Hg.) (2003): Psychoanalytische Kulturkritik und die Seele des Menschen. Essays über Bruno Bettelheim. Gießen (Psychosozial-Verlag).

Kaufhold, R. (Mthg.) (2003): “So können sie nicht leben” – Bruno Bettelheim (1903 – 1990). Zeitschrift für Politische Psychologie 1-3/2003.

Kaufhold, R. (2005): „… denn es ist ja die Beziehung, die heilt.“ Erinnerungen an den psychoanalytischen Pädagogen Rudolf Ekstein (9.2.1912 – 18.3.2005), Kinderanalyse, 13. Jg., Heft 3/2005, S. 341-347.

Kaufhold, R. (2008): Documents Pertinent to the History of Psychoanalysis and Psychoanalytic Pedagogy: The Correspondence Between Bruno Bettelheim and Ernst Federn. In: The Psychoanalytic Review , (New York), Vol. 95, No. 6/2008, S. 887-928.

Kaufhold, R. (2009): Erinnerung an den Psychoanalytiker, Schriftsteller, Ethnopsychoanalytiker und skeptischen Weltbürger Paul Parin (20.9.1916-18.5.2009), in: Kinderanalyse 3/2009, 17. Jg., S. 297-303.

Kaufhold, R. (2010): ‚Ein Überzeugungstäter. Ein Kölner Dauerdemonstrant „entdeckt“ den Antisemitismus, in: Tribüne H. 194, 2/2010, S. 40-42.

Kaufhold, R. (2011): „Hitler war für mich – eine Schicksalsfigur. Ich dachte, er müsste ein sehr gestörter Mann sein. Jemand, der nicht lieb haben konnte.“ Zum Tode von Hans Keilson (12.12.1909 – 31.5.2011), in: Kinderanalyse 19 (4), 2011, S. 354-365.

Kaufhold, R. & B. Nitzschke (Hg.) (2012): Jüdische Identitäten. Nach dem Holocaust in Deutschland. Schwerpunktband der Zeitschrift Psychoanalyse – Texte zur Sozialforschung Heft 1/2012

Koelbl, H. (1989): Rudolf Ekstein. In: Koelbl, H. (1989): Jüdische Porträts. Frankfurt/M., S. 57-60.

Oberläuter, D. (1985): Rudolf Ekstein – Leben und Werk. Kontinuität und Wandel in der Lebensgeschichte eines Psychoanalytikers. Wien-Salzburg.

Wiesse, J. (Hg.) (1994): Rudolf Ekstein und die Psychoanalyse. Göttingen.