Noch ne Portion Auschwitz gefällig?

Gedanken ohne Epilog…

Prolog: Ein junger Mann geht in den Geschichtsladen. In den Regalen liegen die russische Revolution, die Aufklärung, der dreißigjährige Krieg und als Sonderangebot der Holocaust. Die dicke Verkäuferin fragt: „Was darfs denn sein, junger Mann?“ „Eine Portion Auschwitz bitte“ antwortet dieser. Die Verkäuferin schneidet ein Stück ab und wickelt es in Papier: „Wofür brauchens das denn? Abtreibungsrelativierung? Oder für die notleidenden Paästinenser oder die bedrohten Israelis? Oder wollens das als Schmankerl für die Massentierhaltung? Oder als Vergleichspunkt für die neuverfolgte FPÖ?“ will die Frau wissen. „Ich weiss noch nicht.“ sagt der Kunde, „aber man kann es auf jeden Fall benutzen. Für irgendwas kann man es ja immer gebrauchen“

von Ramona Ambs

Wem gehört Auschwitz? Diese Frage wurde schon oft gestellt? Und sie wurde ebenso oft beantwortet. Am deutlichsten und eindrücklichsten wohl von Imre Kertész. Er schrieb 1998 in der Zeit:
„Der Überlebende wird belehrt, wie er über das denken muß, was er erlebt hat, völlig unabhängig davon, ob und wie sehr dieses Denken mit seinen wirklichen Erfahrungen übereinstimmt; der authentische Zeuge ist schon bald nur im Weg, man muß ihn beiseite schieben wie ein Hindernis, und am Ende bestätigen sich die Worte Amérys: „Als die wirklich Unbelehrbaren, Unversöhnlichen, als die geschichtsfeindlichen Reaktionäre im genauen Wortverstande werden wir dastehen, die Opfer, und als Betriebspanne wird schließlich erscheinen, daß immerhin manche von uns überlebten.““

Beinah so kann man auch die Reaktionen auf die Sendung von Günther Jauch vom Sonntag Abend beschreiben. „Die letzten Zeitzeugen – Gerät Auschwitz in Vergessenheit?“ lautete der Titel der Sendung, in der  vor allem die persönlichen Geschichten der Gäste den Abend dominierten. Anita Lasker-Walfisch sprach von ihren Erfahrungen in Auschwitz, der bekannte Sportmoderator Marcel Reif erzählte von seinem Vater, der dem KZ nur knapp entging, Christian Berkel berichtete über die Flucht seiner jüdischen Mutter und Marina Weisband war als Vertreterin der jungen jüdischen Generation in die Runde eingeladen. Keine streitlustige Talkrunde im üblichen Sinne, aber eine gute Runde, um über Auschwitz, das Grauen der Schoah, und den Umgang damit heutzutage zu sprechen. Und eigentlich hätte man mit dem Ergebnis – in Anbetracht der knappen Zeit und des Sendeformats- sehr zufrieden sein können. Denn jede, der vorgetragenen Geschichten, hat überdeutlich gemacht, wie schrecklich und in seiner Wirkung nachhaltig traumatisierend die Schoah war. Aber offenbar genügt es nicht, sich einfach zu erinnern und davon zu erzählen.

Jedenfalls beschweren sich in verschiedenen Ecken des Internets diverse Blogger, Journalisten und das Forenvolk über die Sendung. Seit Sonntagabend  empört sich die eine Seite, dass die Juden Auschwitz schon wieder benutzen, um die Kritik an Israel abzuwürgen und die andere Seite wiederum bemängelt, wie es sein könne, dass man beim Thema Auschwitz nicht auf das Thema Iran zu sprechen kommt, wo doch der Iran heute die größte Bedrohung für die Juden darstellt. Darüber müsse man doch eigentlich sprechen, so der Tenor. Und in rechten Internetforen amüsierte man sich derweil, dass bei Jauch die Juden freiwillig ins „Gasometer“ kommen.

Jeder instrumentalisiert so gut er kann.

Und nichts scheint sich besser dafür zu eignen als der Holocaust mit seinem Synonym Auschwitz. Man kann nur hoffen, dass es Zuschauer gab, die verstanden haben, dass es wichtig ist, an die Schoah zu erinnern. Und zwar ohne dabei einen Zweck zu verfolgen. Denn nur so ist es möglich, dass die Überlebenden ihre Geschichten frei erzählen können, dass ihr Leid eben nicht Mittel zum Zweck wird, sondern zum Mittelpunkt des Gesprächs.
Auschwitz ist nur als Summe vieler Geschichten zu begreifen. Und wer bereit ist, diesen Geschichten zuzuhören, der wird es auch nicht vergessen.

Die Sendung zum nachschauen gibts hier: http://mediathek.daserste.de/die-letzten-zeitzeugen

8 Kommentare zu “Noch ne Portion Auschwitz gefällig?

  1. Besser als das abstrakt anmutende Gewaber über den „Mythos“ Auschwitz ist zum Beispiel die Sammlung Antisemitica (Katalog) des Berliners Wolfgang Haney aus den 30er/40er Jahren. Vermeintlich fröhliche Postkarten waren im Umlauf mit überall verstandenem Aufdruck.
    Kostprobe: „Angenehme Heimfahrt und günstiges Billet für unsere lieben Juden. Über den Nordpol direkt in die Wüste Gobi. Rückfahrt ausgeschlossen.“
    Das ganze natürlich VOR der Kenntnis des Wortes „Auschwitz“.  Deja-vu, wenn man sich also heute auf right-wing-pages über Jauchs „Gasometer“ amüsiert ?
    H.P.G.   

  2. Auschwitz ist nicht das einzige Synonym für den Holocaust, zumal die Mehrzahl der ca. 6 Millionen jüdischen Gemordeten nicht dort den Tod fand, was leider viel zu oft nicht thematisiert wird. Das Warschauer Ghetto steht genauso dafür wie z.B. der SD („Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS“), die Wehrmacht – mittelbar durch ihren Vormarsch, der die meisten Morde erst möglich machte, aber z.T. auch direkt -, die Gestapo, die Reichsbahn, Peenemünde und Mittelbau Dora u.ä., die allermeisten KZs samt „Außenlagern“, und so vieles andere. Letztlich das ganze damalige Deutschland und keinesfalls zu vergessen seine willfährigen Verbündeten. Spätestens vom 20.01.1942 bis zum 08.05.1945.

  3.  
    Ein eindringlicher und, wie ich finde, sehr guter Artikel zu dieser eindringlichen und, wie ich finde, sehr guten Sendung. Was die Mahnung betrifft, über Auschwitz zu reden „ohne dabei einen Zweck zu verfolgen“: wenn es darum geht, den Überlebenden zuzuhören, gewiss.

    Nur: hatte bspw. Reich-Ranicki, als er im Bundestag über das Warschauer Getto redete, keinen Zweck verfolgt? Spricht Anita Lasker-Walfisch – in den Schulen oder am Sonntag bei Jauch – über Auschwitz, „ohne dabei einen Zweck zu verfolgen“. Und was ist, wenn die letzten Überlebenden nicht mehr da sein werden?

    Wir werden weiter über den Holocaust zu reden haben. Nicht um jungen Deutschen Schuldgefühle zu bereiten, und schon gar nicht – da hat Ramona Ambs allerdings Recht! -, um politische Süppchen auf diesem Grauen zu kochen. Sondern nur zu diesem einen Zweck, dass sich Ähnliches niemals wiederholen möge!

    Ein eindringlicher und, wie ich finde, sehr guter Artikel zu dieser eindringlichen und, wie ich finde, sehr guten Sendung. Was die Mahnung betrifft, über Auschwitz zu reden „ohne dabei einen Zweck zu verfolgen“: wenn es darum geht, den Überlebenden zuzuhören, gewiss.

    Nur: hatte bspw. Reich-Ranicki, als er im Bundestag über das Warschauer Getto redete, keinen Zweck verfolgt? Spricht Anita Lasker-Walfisch – in den Schulen oder am Sonntag bei Jauch – über Auschwitz, „ohne dabei einen Zweck zu verfolgen“. Und was ist, wenn die letzten Überlebenden nicht mehr da sein werden?

    Wir werden weiter über den Holocaust zu reden haben. Nicht um jungen Deutschen Schuldgefühle zu bereiten, und schon gar nicht – da hat Ramona Ambs allerdings Recht! -, um politische Süppchen auf diesem Grauen zu kochen. Sondern nur zu diesem einen Zweck, dass sich Ähnliches niemals wiederholen möge!
     

    • Herr Jurga,

      ich habe Frau Ambs so verstanden, dass der Zwecks des Redens über und Erinnerns an Auschwitz, den Sie als sinnvoll und notwendig andeuten und den ich auch bei Reich-Ranicki wahrgenommen zu haben meine, ist, nie wieder (organisierten) Völkermord, für keinen politischen Zweck und keine idiologische Idee.

      Was Frau Ambs mit Ihrem Prolog, den ich übrigens wirklich umwerfend find (Gratulation!), darlegt,Auschwitz ist kein Joker, den irgendeine Seite im politisch-argumentativen Kartenspiel für sich ziehen darf.

      Erinnert mich irgendwie an die eine kleine Geschichte von Kishon, wo mensch beim Zahlenraten immer gewinnt, wenn mensch „Ben Gurion“ als Joker nennt. 

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